Ursula ist in ihren 60ern und hat im 2021 ihre Tochter verloren. Sie wohnt im Raum Zürich.

«Wenn zarte Seelen weinen, sieht man keine Tränen.»

Mit solchen tiefsinnigen Sprüchen hat meine Tochter Tanja immer ihre Briefe begonnen. Nie mehr werde ich einen erhalten.

Es war der 26. März 2021, als mein Leben total auf den Kopf gestellt wurde. Meine Tochter hatte sich in der vorherigen Nacht das Leben genommen. Die Welt, so wie sie war, hatte sich von einer Sekunde zur nächsten grausam und unwiderruflich verändert. Nicht nur für mich als Mutter, auch für die beiden Geschwister von Tanja

war alles so unwirklich geworden. Eine riesige Leere, eine unendliche Traurigkeit machte sich breit. Sprachlosigkeit, Hilflosigkeit, Ohnmacht. Nichts war mehr so wie noch vor ein paar Minuten. Wie in einem dichten Nebel. Für uns alle.

Meine Tochter war immer ein sehr feinfühliger Mensch gewesen. Schon als kleines Kind war sie ein sehr eigenständiges und energisches Persönchen. Bei allem, was sie gemacht hat, hat sie ihre ganze Kraft eingesetzt. Wenn es mehrere Wege zum Ziel gab, hat sie sich immer für den schwierigen entschieden. Für sie gab es keine Kompromisse. Entweder alles oder nichts. Ihr Schwarz-Weiss-Denken stand ihr auf ihrem Lebensweg wohl oft etwas im Weg. Am Schluss litt sie unter einer schweren Depression und fand trotz medizinischer und therapeutischer Unterstützung ihren Lebenswillen nicht mehr.

Und wir mussten nun mit ihrer Entscheidung fertig werden und damit weiterleben. Am Anfang erschien mir das fast unmöglich. Zum Glück waren viele liebe Menschen da, die mich und meine Familie mit kleinen Aufmerksamkeiten und guten Gedanken begleitet haben. Es hat mir immer wieder sehr geholfen, wenn ich mit anderen über meine Tochter sprechen konnte. Aber es gab auch ganz schwierige Momente. Da war alles nur schwarz und immens traurig. Immer wieder fragte ich mich auch, wo ich als Mutter versagt habe, was ich hätte anders machen sollen.

Auf Anraten meiner Psychotherapeutin bin ich dann einer Selbsthilfegruppe beigetreten. Da habe ich mich sehr gut aufgehoben gefühlt. Alle hatten etwas gemeinsam, wussten, wovon sie sprachen, zeigten Verständnis. Das Gefühl, mit meinen Gedanken nicht allein zu sein, war eine grosse Hilfe. Suizid ist in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabuthema, viele mögen gar nicht darüber sprechen. Das hat mich oft sehr verletzt.

Auch mein Beruf hat mir oft über schwierige Momente hinweggeholfen. Die Arbeit im Kindergarten brauchte meine ganze Aufmerksamkeit. «Ein trauerfreier Raum», so hat es mal jemand in der Selbsthilfegruppe genannt, kann sehr guttun.

Nun lebe ich bereits viereinhalb Jahre ohne meine Tochter. Der Todestag, ihr Geburtstag oder Familienfeste sind für mich noch oft schwierig. Es gibt immer wieder Momente, wo das ganze Geschehen sehr nahe ist. Aber ich kann damit umgehen, es gehört ganz einfach zu meinem Leben und soll dort auch seinen Platz haben.

Ich bin sehr gerne in der Natur unterwegs, da fühle ich mich meiner Tochter sehr nahe. Und ich kann mich auch wieder ohne schlechtes Gewissen an den vielen kleinen und schönen Dingen freuen.

Mittlerweile kann ich den Entscheid meiner Tochter respektieren, auch wenn es mich immer noch unendlich traurig macht, dass sie diesen endgültigen Weg gewählt hat.

«Zeit vermag eine schmerzende Wahrheit zu mildern, schmerzen wird sie immer»

(H. Siebold)