
Tobias ist in seinen 40ern und hat mit 27 seine Mutter verloren. Er wohnt im Raum Zürich.
Es war Anfang September, einer dieser letzten schönen, warmen Sommertage. Ich war damals 27 Jahre alt. Ich schaute auf mein Handy. Eine SMS meiner Mutter, geschrieben nach Mitternacht. Darin stand: „Ich springe jetzt, es tut mir leid». Diese Worte markierten den Beginn eines der einschneidendsten und schmerzhaftesten Ereignisse meines Lebens: den Suizid meiner Mutter.
Ich bin als Einzelkind aufgewachsen. Meine Mutter war alleinerziehend, nachdem mein Vater uns verlassen hatte, als ich vier Jahre alt war. Unsere Verwandten leben in Finnland, dem Geburtsland meiner Mutter.
Die Tage nach dem Tod meiner Mutter waren geprägt von Schock, innerer Leere und emotionaler Überforderung. Obwohl draussen die Sonne schien, fühlte ich mich wie in dichtem Nebel. Auch mein Freundeskreis war überfordert. Manche boten Hilfe an, andere zogen sich zurück. Für mich wurde deutlich, wer wirklich an meiner Seite stand. Aufmunternde Worte halfen mir in dem Moment nicht. Ich wollte einfach nur traurig sein. Das war für viele schwer nachvollziehbar.
Familiäre Unterstützung hatte ich nur von fern. In dieser schwierigen Zeit fand ich besonders Halt bei meiner damaligen Ex-Freundin, die ein gutes Verhältnis zu meiner Mutter hatte. Gemeinsam verfassten wir die Einladungen zur Abdankung. Zwischendurch durfte ich mich einfach bei ihr anlehnen und trauern. Abgesehen davon war ich mit allem allein.
Zwar konnte ich sämtliche Entscheidungen, von der Gestaltung des Grabes bis zum Ablauf der Zeremonie selbst treffen. Doch das bedeutete für mich auch eine enorme Belastung. Statt zu trauern, musste ich mich um Formalitäten kümmern, wie Telefonate mit Behörden führen, Kündigung der Wohnung. Selbst das Steueramt wollte bereits wissen, wer nun die offenen Beträge begleichen würde. Die Welt um mich herum drehte sich weiter, während meine eigene vollständig stillstand.
Ein besonders intensiver Moment, an den ich mich noch erinnern kann, war das Hören von Ballade pour Adeline auf dem Schallplattenspieler, den ich meiner Mutter wenige Monate zuvor zum 60. Geburtstag geschenkt hatte. Innerhalb einer Nacht war er zu einem Erbstück geworden. Ich konnte es kaum fassen. Auch 15 Jahre später begleiten mich Erinnerungen in meinen Träumen. Die schönste davon ist die Umarmung meiner Mutter. Für mich ein Symbol für Nähe, Wärme und Verbundenheit.
Der Verlust hat meine Sicht auf das Leben grundlegend verändert. Lebenszeit hat an Bedeutung gewonnen, materielle Werte wie Besitz und Geld haben an Relevanz verloren. Was für mich im Leben zählt, sind Begegnungen, Erlebnisse und die kleinen Geschenke des Lebens wie Natur, Musik, Berührungen und ehrliche Gespräche. Diese Erfahrung hat mir auf schmerzhafte Weise gezeigt, wie kostbar das Leben ist – und wie wichtig es ist, es bewusst zu gestalten.
