Thomas ist in seinen 60ern und hat im 2019 seinen Sohn verloren. Er wohnt im Raum Zofingen.

Gerne beschreibe ich nachfolgend meine Geschichte mit meinem geliebten Sohn Sascha, der im Jahr 2019 mit 25 Jahren sein Leben beendete. Es gab einzelne wenige Anzeichen, dass es ihm nicht so gut ging, aber nach aussen hin wirkte er sehr selbstsicher und erfolgreich. Bei Fragen oder Schwierigkeiten war ich seine erste Anlaufperson, da wir eine sehr enge Bindung hatten. Dies war der Zeit geschuldet, in der ich alleinerziehend war und wir auf uns allein gestellt waren. Sascha hat noch einen älteren Bruder und zwei jüngere Halbschwestern.

An einem Sonntagabend rief mich seine Freundin an, dass sie von der Polizei abgeholt wurde und auf dem Polizeiposten sei. Da wusste ich leider bereits Bescheid, denn wir konnten Sascha an diesem Tag auf keinem Kanal erreichen. Als ich auf dem Polizeiposten angekommen war, wurde mit das unfassbare mitgeteilt, dass Sascha sein Leben mit einer Schusswaffe beendet hatte. Leere, Fassungslosigkeit, Unverständnis und eine riesige nicht fassbare Traurigkeit überkamen mich. Der Boden wurde mir unter den Füssen weggezogen und es war wirklich nichts mehr, wie es vorher war. Die grosse Frage, die im Raum stand, war, was ihn zu diesem Schritt bewegt hatte. Ich führte viele Gespräche mit den verschiedensten Personen aus seinem Umfeld. Der Psychologin, den Arbeitskollegen, seinen Freunden aus der Band und der Metal-Szene, dem Metalpfarrer, dem Arzt, der Personalchefin seines Arbeitgebers……aus allen diesen Bruchstücken habe ich mir ein Bild machen können, wie es ihm mutmasslich wirklich ging. Mit diesem Bild kann ich heute Leben, weiss aber, dass es auch anders sein könnte.

Nach der Beerdigung fand in mir eine grosse emotionale Reise statt. Traurigkeit, Unverständnis, eine grosse Wut auf Sascha, Vergebung, eine nie gekannte Leere, die Frage wie mein Leben weitergehen soll und ganz wenig Verständnis für andere Menschen mit ihren banalen Problemen. Es herrschte in mir ein grosses Durcheinander, das alles Bisherige auf den Kopf stellte. Mein christlicher Glaube gab und gibt mir Halt, Kraft und auch Zuversicht, um diese Situation überhaupt ertragen zu können.

In diesem ganzen Gefühlschaos habe ich eine Entscheidung für mich gefällt, und zwar, dass ich alles für Sascha gemacht hatte, was in meiner Macht stand und dass ich mir daher kein schlechtes Gewissen machen muss, was ich falsch gemacht habe und dass ich keine Schuld an diesem tragischen Ereignis habe. Natürlich kamen diese Gedanken immer wieder, aber ich nahm diese nicht entgegen. Ich wollte Sascha in guter und ehrender Erinnerung behalten, was mir bis heute sehr wichtig ist. Er ist und bleibt mein geliebter Sohn, trotz allem!

Mein Alltag und auch der meiner Frau hat sich seit diesem Ereignis ziemlich stark verändert. Wir haben uns am Anfang zurückgezogen und konnten praktisch keine sozialen Kontakte pflegen.

Die Ressourcen reichten gerade knapp für unsere beiden Töchter, meinen Sohn und zum Arbeiten, mehr Kraft hatten wir nicht. Dies hielt fast drei Jahre an und unser soziales Umfeld hat sich dadurch sehr verändert. Es war uns nicht mehr möglich, oberflächliche und nichtssagende Gespräche zu führen. Viele Leute in unserem Umfeld wissen bis heute nicht, wie sie diesbezüglich mit uns umgehen sollen. Wenn wir etwas von Sascha erzählen, so entsteht oft ein betretenes Schweigen. Wir können nur bei wenigen Freunden über Sascha sprechen, ohne dass wir uns Gedanken machen müssen, was wir sagen.

Nach ungefähr einem Jahr teilte ich meiner Frau mit, dass für alle anderen das Leben normal weitergeht und für alle anderen Sascha kein Thema mehr ist. Dies belastete mich sehr und ich musste feststellen, dass ich der Trauer in dem ersten Jahr keinen Raum gegeben hatte und sehr viel mit meiner Arbeit kompensiert und zugedeckt hatte. Wie ich feststellen musste, trauert jeder Mensch auf seine eigene Art. Auch in unserer Familie ist dem so und jedes Familienmitglied ging seinen eigenen Trauerweg, sei es mit Schweigen, mit Reden, mit einer Therapie oder sozialen Kontakten. Ich meldete mich beim Verein trauernetz und nahm ein Jahr ohne Unterbruch in einer Selbsthilfegruppe teil. Dies war für mich das Beste, was ich machen konnte! Endlich hatte ich Menschen um mich, die verstanden, wie ich fühle, was ich denke, was für ein Gefühlschaos in mir war und ich durfte über Sascha reden, ohne dass ich zuerst überlegen musste, was ich sage. Dies war mir eine unglaublich grosse Stütze und half mir, im Leben wieder Fuss zu fassen.

Ich weiss, dass es verschiedene theoretische Ansätze gibt, die den Trauerprozess beschreiben. Ich für mich musste feststellen, dass der Trauerprozess individuell ist, dass es kein festes Schema gibt, sondern dass ich mich mit mir und dem Tod von Sascha selber auseinandersetzen muss. Ich durfte lernen, dass alle Gefühle, die ich hatte, in Ordnung sind, sei es Wut, Traurigkeit oder eine nie gekannte Leere. Sascha ist und bleibt ein Teil von mir und meiner Geschichte und er wird immer in meinem Herzen bleiben. Die Lücke die Sascha hinterliess bleibt unausgefüllt, denn niemand kann seinen Platz einnehmen und das ist auch gut so, denn so bleibt in meinem Herzen immer ein Platz für ihn.