
Thaddaeus ist Ende 30 und hat im 2020 seine Partnerin verloren. Er lebt im Raum Luzern.
An einem Mittwochnachmittag Anfang November schaue ich nach dem Mittagessen kurz auf mein privates Telefon, bevor ich meine Arbeit beginne.
Ich habe zwei verpasste Anrufe einer lokalen Nummer. Das ist äusserst ungewöhnlich, da ich kaum private Anrufe während der Arbeitszeit erhalte. Ich rufe zurück. Am Telefon ist die Leitung der Schule, bei der meine Frau arbeitet. Sie ist nicht zum Unterricht erschienen und hat sich auch nicht abgemeldet; die Klasse steht allein da. Mir wird flau im Magen. Jolanda fehlt nicht krankheitshalber und sie würde ihre Klasse niemals ohne Grund im Stich lassen. Ich verlasse sofort die Arbeit, eile zum Auto und fahre den kurzen Arbeitsweg nach Hause.
Niemand ist da.
Auf meinem Schreibtisch entdecke ich einen Brief mit meinem Namen.
Es ist nun fast sechs Jahre her seit meine wunderbare Beziehung, ja eigentlich mein ganzes Leben, von einem Moment auf den anderen endete. Ich war damals Anfang dreissig und meine Frau zwei Jahre jünger als ich. Wir waren sieben Jahre lang ein Paar, zwei davon verheiratet. Wir wollten eine Familie gründen und hatten die besten Voraussetzungen dazu. Jolanda war eine unglaublich fröhliche Person. Manchmal konnte sie nicht einschlafen, weil sie sich so sehr auf den nächsten Tag freute. Wir beide standen mitten im Leben mit einem tollen Freundeskreis, gemeinsamen Hobbies, lieben Familien und jeweils einer Arbeit, der wir gerne nachgingen. Mit dem Suizid ist vieles davon kaputt gegangen. Besonders die Freundschaften gingen verloren. Von ihrem Freundeskreis hat kaum ein Kontakt dieses Ereignis überstanden. Auch ich habe mit einigen meiner Freunde heute keinen Kontakt mehr. Für alle war es unglaublich schwierig, einen Umgang mit diesem Erlebnis zu finden – und noch belastender wurde es, mitzuerleben, wie sehr es auch die anderen traurig machte.
Die ersten Tage und Wochen waren schlimm. Besonders die Nächte in denen ich keinen Schlaf fand und die Person fehlte, mit der ich am liebsten gesprochen hätte. Wenn ich dann doch schlief, so träumte ich davon, dass meine Frau zurückgekehrt ist, was das Aufwachen umso schlimmer machte. Am Anfang war fast nichts möglich ausser einen Tag nach dem anderen zu überstehen. Glücklicherweise ergab es sich aber später, dass eine Kollegin anbot, gemeinsam ein paar Schritte am nahegelegenen See zu gehen. Sich zu bewegen und nicht nur allein zu sein, war der erste Schritt auf einem langen Weg. Nachdem einige Monate vergangen waren, blieb etwas Kraft, um sich neben der Trauer auch wieder mit dem neuen Leben zu befassen und dieses zu gestalten. So gab es nicht nur die Trauer, sondern auch etwas, auf das ich wieder hinarbeiten konnte.
Heute lebe ich ein gutes Leben. Ich habe eine Partnerin und einen Sohn und kann meinem Beruf nachgehen. Gleichzeitig ist nichts von dem, was passiert ist, vergessen oder weniger schlimm. Aber neben der schweren Vergangenheit ergeben sich nun täglich wieder viele schöne Momente, die mir Perspektive geben.
