
Sina ist in ihren 40ern und hat mit 25 ihre Mutter verloren. Sie wohnt im Raum Luzern.
Meine Mutter ist gestorben, als ich 25jährig wurde. Ich hatte mit ihr eine sehr gute, enge Beziehung, sie war fast wie eine Freundin für mich. Wir waren in meinen ersten Lebensjahren ein paar Jahre alleine, da meine Mutter sich von meinem leiblichen Vater getrennt hatte, als ich noch sehr klein war. Er ist kurz darauf verstorben. Meine Mutter hat, als ich fünfjährig war, ihren neuen Partner geheiratet, kurz darauf kam mein Bruder zur Welt.
Etwa fünf Jahre vor ihrem Tod bin ich aus dem Elternhaus ausgezogen und in die Region, in der mein damaliger Freund lebte, gezogen. Dies war in einem anderen Kanton. Zu meiner Mutter pflegte ich weiterhin regelmässigen Kontakt. Rund eine Woche vor ihrem Tod zog ich mit meinem Freund zusammen. Meine Eltern zogen etwa zwei Wochen früher mit meinem Bruder in ein Haus, welches sie neu gebaut hatten. Ich sah meine Mutter das letzte Mal, als sie mir bei der Reinigung meiner alten Wohnung geholfen hat. Rückblickend denke ich, sie wusste damals schon, dass wir uns nicht mehr sehen werden.
Als ich die Nachricht über ihren Tod erhielt, hatte ich meine Kisten in der Wohnung meines Freundes gerade alle ausgepackt und es mir auf dem Sofa vor dem Fernseher bequem gemacht. Da klingelte das Telefon, mein Onkel war dran. Dies fand ich bereits irritierend. Als er mir sagte, dass meine Mutter gestorben ist, fragte ich nach dem Wie und brach danach nervlich zusammen. Ich rief meinen Freund an, der unterwegs war, und seine Mutter brachte mir ein Temesta mit, damit ich schlafen konnte. Während dem ich allein auf sie wartete, schrie und weinte ich, ich verstand die Welt nicht mehr.
Am Tag darauf gingen wir zum Haus, wo auch mein Bruder, dessen Freundin, der Onkel und seine Frau sowie mein Stiefvater waren. Es war eine unglaublich schwere Stimmung. Wir schliefen drei Nächte da, ein Massenlager in der Stube. In der Zeit ging ich meine Mutter auch in der Aufbahrungshalle verabschieden, erst da realisierte ich richtig, dass sie wirklich tot war. Der Name auf der Tür zum Aufbahrungsraum liess mich wieder erschaudern. Es war für mich wichtig, meine Mutter nochmals zu sehen, um zu begreifen, dass sie wirklich weg ist. Bereits an diesem ersten Wochenende entschieden wir, das Haus zu verkaufen, da es darin passiert ist. Mein Stiefvater konnte nicht in dem Haus weiterleben, in dem seine Frau sich suizidiert hatte – schöne Erinnerungen konnten in den drei Wochen noch nicht gesammelt werden.
Meine Mutter hat einen Abschiedsbrief hinterlassen. Dieser hat aber keine Fragen geklärt, eher noch mehr aufgeworfen als eh schon da waren. Ich habe viel mit meinem Stiefvater gesprochen und selbst darüber nachgedacht, wie es dazu gekommen war. Bis heute sind viele Fragen offen. Natürlich machte ich mir Vorwürfe, fragte mich, was ich übersehen und überhört hatte und wieso wir ihr nicht haben helfen können.
Die ersten drei Monate erinnere ich mich nur noch an sehr wenige Dinge. Ich bin nach etwa zwei Monaten in die Selbsthilfegruppe Nebelmeer eingetreten und habe eine ambulante Therapie begonnen. Darin habe ich das Gefühlsknäuel aufgedröselt und konnte schliesslich, nach langer Verarbeitungsdauer endlich die Wut auf meine Mutter zulassen. Erst als ich nicht mehr nur traurig war und mich verlassen fühlte, konnte ich mein Leben wieder anpacken. Ich habe mich sehr damit befasst, was ich brauche im Leben.
Ein paar Jahre später habe ich mich dann von meinem Freund getrennt, bin heute mit jemand anderem verheiratet und habe zwei Kinder. Mein Ex-Freund ist ein guter Freund geworden. Auch mein Stiefvater war wieder in einer Beziehung und es hat mich gefreut, dass er sich wieder verlieben konnte. Er hatte sehr heftige Depressionen, hat sich die Schuld am Tod seiner Frau gegeben – ich und mein Bruder haben ihm nie die Schuld darangegeben. Als Familie sind wir drei, die noch da sind, eng zusammengewachsen und wissen, dass wir uns auf jeden Fall immer auf die anderen zwei verlassen können. An ihrem Todes- und Geburtstag schreiben wir uns immer kurz oder telefonieren, um zu fragen, wie es den anderen geht. Wenn irgend möglich, mache ich dann frei, damit ich etwas Gutes für mich tun kann. Die Narbe bleibt, aber es ist nicht mehr so schmerzhaft wie am Anfang. Sie fehlt mir, gerade bei den Geburten meiner Kinder oder meiner Hochzeit wäre es schön gewesen, meine Mutter dabei zu haben. Aber ich führe jetzt trotzdem ein glückliches Leben.
Die Aufklärung über das Thema Suizid ist mir sehr wichtig. Ich habe bei einem Buchprojekt Texte beigesteuert und rede heute offen darüber. Ich konnte damit schon als positives Beispiel für andere da sein, die an mir sahen, dass das Leben trotz eines Suizides einer nahestehenden Person weitergehen und glücklich sein kann.
