
Samira ist in ihren 30ern und hat ihre Schwester verloren. Sie wohnt im Raum Zürich Unterland.
Als meine Schwester im August 2023 durch Suizid gestorben ist, hat sich mein Leben von einem Moment auf den anderen auf den Kopf gestellt. Zwischen uns lagen nur 13 Monate Altersunterschied – nicht viel, und vielleicht waren wir uns auch deshalb immer sehr nah. Ihre Art und ihr Denken haben mich immer sehr inspiriert, und ich fühlte mich wohl in ihrer Gegenwart.
Natürlich war nicht immer alles rosig: Als Kinder haben wir uns gestritten, und auch in der Jugend gab es Reibereien. Doch im Erwachsenenalter hat sich unsere Beziehung verändert und vertieft.
Der Moment, in dem ich den Anruf erhielt, ist in mir abgespeichert, als wäre es gestern gewesen. Dieser eine Anruf hat mein Leben in ein Davor und ein Danach geteilt. Die erste Phase danach war sehr schwierig und belastend. Doch was heisst eigentlich „die erste Phase“? Für mich umfasste sie die ersten acht Monate – eine Zeit, in der es wirklich um das nackte Überleben ging.
In dieser Zeit waren die körperlichen Beschwerden sehr stark. Ich konnte nicht allein essen, weil mir oft gar nicht in den Sinn kam, etwas zu mir zu nehmen. Häufig war mir übel, ein Zustand, der mich noch lange begleitet hat. Mein ganzer Körper schmerzte, und ein Stechen in der Brust erinnerte mich jeden Tag daran, wie zerbrochen mein Herz war. Meine Gedanken kreisten sich ausschliesslich um meine Schwester. Kein anderes Thema hatte Platz, und für alles andere hätte ich ohnehin nicht die nötige Konzentration aufbringen können. Ich war wie erstarrt, während sich die Welt um mich herum viel zu schnell weiterdrehte.
Sehr schnell – ich würde sagen innerhalb der ersten drei Wochen – wusste ich, dass ich es ohne professionelle Hilfe nicht schaffen würde. Ich begann im Internet zu recherchieren, was man als Suizidhinterbliebene tun kann, und stiess dabei auf die Selbsthilfegruppen vom Verein trauernetz. Zusätzlich nahm ich therapeutische Unterstützung in Anspruch.
Die Selbsthilfegruppe war der erste Ort, an dem ich Worte für meine Gefühle finden konnte. Ich wurde verstanden, ohne mich erklären zu müssen. Das tat gut und war sehr unterstützend.
Auf der Suche nach Antworten auf das Warum bin ich immer wieder in eine tiefe Trauer gefallen, die mich manchmal – auch heute noch – fast wahnsinnig macht. Rational weiss ich inzwischen, dass es auf diese Frage keine Antwort geben wird. Deshalb musste ich lernen, andere Wege zu finden, um mit dieser Hilflosigkeit umzugehen. Mir halfen Spaziergänge oder das Sitzen auf einer Bank und den Wolken zuzusehen, Blumen beim Wachsen zu beobachten und ihre Farben zu bestaunen. Die kleinen Dinge wahrzunehmen.
Besonders wertvoll waren für mich auch tiefe, ehrliche Gespräche mit Menschen, mit denen ich Geschichten über meine Schwester teilen konnte oder die sich für ihr Wesen interessiert haben.
Ich denke, es ist wichtig, über Suizid zu sprechen. Er kommt häufiger vor, als man denkt, und die Zahl der Menschen, die jemanden durch Suizid verlieren, ist gross. Oft wissen wir gar nicht, dass Menschen in unserem Umfeld diese Erfahrung gemacht haben – weil zu wenig darüber gesprochen wird und das Thema leider immer noch mit Scham behaftet ist.
Genau deshalb möchte ich meine Erfahrungen mit anderen Menschen teilen. Manchmal ist es einfacher, sich jemandem anzuvertrauen, wenn man weiss, dass es keine grossen Erklärungen braucht und das Gegenüber auch ohne viele Worte verstehen kann, was in einem vorgeht.
Der Verlust meiner Schwester und die Trauer um sie sind nicht abgeschlossen – und werden es auch nie sein. Aber ich darf sie in mein neues Leben integrieren und dankbar dafür sein, dass genau sie meine Schwester war.
