
Regina ist Ende 30, Mutter von 3 Töchtern und hat ihren Vater verloren.
Ich bin Regina, Ende 30, verheiratet und Mutter von drei Töchtern. Ich komme ursprünglich aus Ungarn lebe und arbeite jetzt in Zürich und studiere Soziale Arbeit in Luzern.
Im Jahr 2022 habe ich meinen Vater durch Suizid verloren. Ich lebte zu dieser Zeit bereits viele Jahre in der Schweiz und habe daher vieles aus der Distanz erlebt und war gleichzeitig stark in die Sorgen und Belastungen meiner Familie eingebunden. Mein Vater und ich hatten ein kompliziertes, aber liebevolles Verhältnis. Er hatte über Jahrzehnte mit Alkoholabhängigkeit und Depressionen zu kämpfen. Die letzten Jahre vor seinem Tod waren sehr belastend und danach kam neben der Trauer eine grosse praktische Verantwortung auf mich zu. Ich musste mich um seine geschäftlichen Angelegenheiten kümmern und vieles organisieren, was es nach einem Tod zu erledigen gibt. Für meine eigene Trauer blieb dabei zunächst kaum Raum. Ich musste funktionieren, während gleichzeitig etwas passiert war, das mein Leben tief erschüttert hatte.
Zehn Monate später merkte ich, dass sich mein Blick auf diese Zeit langsam veränderte. Der Schmerz ist nicht einfach verschwunden, aber ich kann heute besser wahrnehmen, was damals eigentlich mit mir passiert ist und welche Gefühle zwischen all den notwendigen Aufgaben kaum Platz hatten. Da war Enttäuschung darüber, dass er keinen Abschiedsbrief hinterlassen hatte, und der quälende Zweifel, ob sich alles tatsächlich so ereignet hatte, wie es im Protokoll festgehalten wurde. Ich spürte auch Wut darüber, dass er seine Familie, Freunde und Arbeitskolleginnen und -kollegen zurückgelassen hatte. Besonders schwer wog die Traurigkeit darüber, dass er mit seiner Tat meinem Zuhause einen schmerzhaften Stempel aufgedrückt hatte. Jenem Haus, in dem meine Grosseltern gelebt hatten und in das ich später selbst als junge Mutter eingezogen war. Ein wichtiger Teil meiner Lebensgeschichte war dadurch unwiderruflich mit diesem Verlust und seiner Schwere verbunden.
Nur ein Jahr später verlor ich auch meine Stiefschwester durch Suizid. Auch sie litt unter Depressionen und einer Abhängigkeit. Sie hinterliess ein siebenjähriges Kind. Obwohl wir nicht gemeinsam aufgewachsen sind, hatten wir uns als Kinder immer wieder gesehen, und auch dieser Verlust hat mich tief getroffen.
Durch diese Erfahrungen habe ich Suizid aus einer sehr persönlichen Perspektive kennengelernt. Ich kenne die Sorgen und die Hilflosigkeit vor einem solchen Verlust, aber auch die Zeit danach. Ich kenne die vielen Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt: Warum hat er keine Hilfe gesucht oder sie nicht annehmen können? Warum hat er sich nicht verabschiedet? Waren wir, seine Kinder und Enkelkinder, ihm nicht wichtig genug, um gegen seine inneren Dämonen anzukämpfen? Und ich kenne die unterschiedlichen Gefühle, die nebeneinander bestehen können.
Das Thema Tod und Verlust begleitet mich schon seit meiner Kindheit. In meiner Familie gab es bereits früh Todesfälle, unter anderem den Tod meines ungeborenen Bruders und später den meiner Grosseltern. Als ich zwölf Jahre alt war, erlebte ich die letzten Monate meiner Grossmutter sehr unmittelbar. Mit 19 Jahren engagierte ich mich freiwillig in einem Hospiz. Schon damals hat mich beschäftigt, was Menschen brauchen, wenn sie mit Krankheit, Sterben und Abschied konfrontiert sind.
Ich habe durch meine Erfahrung verstanden, dass Trauer nicht bedeutet, irgendwann wieder genau an den Punkt zurückzukehren, an dem man vor dem Verlust war. Man verändert sich durch das, was passiert ist. Mit der Zeit geht es darum, einen eigenen Umgang zu finden und den Verlust in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren. Vielleicht gehört auch irgendwann Vergebung dazu – gegenüber dem Menschen, den man verloren hat, aber auch gegenüber sich selbst.
In einem Peer Gespräch ist es mir wichtig, Menschen nicht auf ihren Verlust zu reduzieren. Ein Suizid ist ein Teil ihrer Geschichte, aber er ist nicht die ganze Geschichte. Ich möchte für ratsuchende Peers einen Raum schaffen, in dem sie erzählen können, was passiert ist, Fragen stellen und widersprüchliche Gefühle zulassen können. Schlussendlich, glaube ich nicht, dass es darum geht, einen Verlust einfach zu „überwinden“. Sondern zu lernen mit dem Geschehenen weiterzuleben, ohne sich selbst dabei zu verlieren.
