
Rebecca ist in ihren 30ern und hat ihre Mutter und ihren Bruder verloren. Sie wohnt im Raum St. Gallen.
Mit 14 Jahren habe ich meine Mutter durch Suizid verloren. Sie litt unter psychischen Erkrankungen, wie einer Depression und Angststörung und war einige Male in einer psychiatrischen Klinik. Während dieser Zeit lebte ich bei einer Pflegefamilie oder meinem Opa. Meine Mutter lebte sehr zurückgezogen, dadurch war ich viel allein und wusste nicht immer, wo sie war. Das sie einen Suizid durchführen könnte, war mir zu dieser Zeit nicht bewusst gewesen.
Sieben Jahre später starb mein Bruder mit 18 Jahren leider auf dieselbe Art und Weise. Er lebte als Kind in einem Kinderheim und später bei einer Pflegefamilie. Auch wenn wir viel getrennt waren, habe ich eine sehr nahe Verbindung zu ihm und wollte immer alles für ihn machen. Es tut mir unendlich leid, dass ich ihm nicht helfen konnte.
Bei meiner Mutter hatte ich an dem Tag ein ungutes Gefühl. Es war nicht ungewöhnlich, dass sie nicht zuhause war, aber ich konnte sie telefonisch nicht erreichen. Als die Polizei an der Tür klingelte, wurde es mir klar und es brach eine Welt zusammen. Doch der Alltag kehrte rasch wieder ein, ich ging zur Schule und musste mich in dieser Zeit auf die Suche nach einer Lehrstelle machen. Über den Suizid wurde eigentlich nie gesprochen.
An dem Tag als mein Bruder starb, war ich auf der Arbeit, ich fühlte mich psychisch nicht gut und ging frühzeitig nach Hause. Ich hatte einen Traum von ihm und als das Handy klingelte, habe ich gewusst, was geschah. Auch nach seinem Tod wurde in der Familie kaum über den Suizid gesprochen.
Beide Suizide lösten in mir eine grosse Trauer aus, welche ich mich aber nicht getraute auszusprechen oder «auszuleben». Ich fühlte mich sehr alleine gelassen und fragte mich oder versuchte mir vorzustellen, welches Leid meine Mutter und mein Bruder ertragen mussten ohne dass es jemanden gab, der ihnen helfen konnte.
Als meine Mutter gestorben ist, bin ich zu meinem Vater gezogen, ich besuchte damals die 3. Oberstufe und wir mussten nochmals umziehen, damit ich die Schule am selben Ort abschliessen konnte. Eigentlich versuchte ich das Leben weiterhin so zu leben wie bis anhin und habe in den ersten Jahren viel verdrängt. Etwa zwei Jahre nach dem Tod meines Bruders, absolvierte ich eine zweite Ausbildung in der Pflege. Ich denke mein Leben hat sich trotz dieser Verluste zum Positiven verändert und ich habe eine grosse Lebensfreude.
2021 besuchte ich die Selbsthilfegruppe in St. Gallen bei Jörg Weisshaupt. Der Austausch mit anderen Betroffenen war für mich sehr emotional, aber heilsam. Nach so vielen Jahren getraute ich mich über meine Geschichte zu sprechen. Ich konnte lange keine Fotos von meiner Mutter oder meinem Bruder anschauen, da es sehr weh tat. Nun habe ich stets ein Foto von ihnen mit mir im Portemonnaie dabei. Ich denke sie begleiten mich überall als Schutzengel, wenn ich z.B. auf Reisen bin oder vor einer Entscheidung stehe.
Mithilfe der Zeit und vor allem durch Gespräche kann ich nun offen mit den Suiziden umgehen und möchte mich aktiv engagieren. Nun erfüllt mich der Gedanke an meine Mutter und meinen Bruder mit Stolz und Dankbarkeit für mein Leben.
Ich wünsche mir, dass Betroffene in ihrem Trauerprozess einen Raum erhalten und offen darüber sprechen können. Auch in der Familie, mit Freunden, in der Schule oder auf der Arbeitsstelle. Suizid ist ein grosses Tabuthema in der Gesellschaft und war bei mir mit viel Scham verbunden, was mich lange Zeit daran hinderte, darüber zu sprechen. Der Austausch mit anderen Betroffenen, bestärkte mich und ich fühlte mich in meiner Trauer weniger einsam und verloren. Auch heute, viele Jahre später, ist der Schmerz noch sehr präsent, doch dies darf auch sein.
