
Martin, Vater von zwei Töchtern, hat vor acht Jahren mit 63 seine Frau und im Jahr 1991 seinen Bruder verloren, er wohnt im Raum Zürich.
Meine Frau und ich waren über 30 Jahre ein Paar. Mit unseren beiden Töchtern, die damals 16 und 20 Jahre alt waren, lebten wir als Familie zusammen. In den ersten Jahren unserer Beziehung gab es Phasen, in denen meine Frau verunsichert war und wenig Lebensfreude verspürte. Doch diese Stimmungen verschwanden jeweils wieder.
Es folgten viele Jahre eines stabilen Familienlebens ohne diese Belastungen. Erst in den letzten Jahren ihres Lebens kehrten diese Tiefs zurück. Das Älterwerden, Schlafstörungen, Zukunftsängste und ein schwerer Reitunfall etwa eineinhalb Jahre vor ihrem Tod führten zu einer schweren Depression und schliesslich zu einem Klinikaufenthalt.
Am Samstag, dem 17. Februar 2018 nahm während einem Klinikurlaub nahm das Unvorstellbare seinen Lauf. Obwohl es bedrohliche Warnzeichen gab, war der Suizid in seiner Endgültigkeit dennoch unfassbar. Die Bilder und Emotionen bleiben unvergessen: Der Schrei meiner Tochter, die Hoffnung während unserer Reanimationsversuche, die Dankbarkeit über das schnelle Eintreffen der Sanitäter – und dann der Blick des Sanitäters, der jede Hoffnung nahm.
In diesem Moment stand die Welt still.
Die ersten Tage und Wochen danach waren geprägt von Gefühlen, die ich vorher nicht kannte: Schock, tiefe Leere, unendliche Trauer, Angst, Scham, Verunsicherung, Hilflosigkeit. Der körperliche Schmerz der Trauer lässt sich kaum beschreiben. Gedanken rasten, Fragen blieben ohne Antworten:
Warum? Wie konnte das geschehen? Hätte ich etwas anders machen können? Wie schütze ich meine Töchter?
Als Vater hatte ich keine Wahl: Ich musste funktionieren. Die Töchter brauchten mich. In Momenten, in denen ich mich selbst verloren fühlte, musste ich stark sein – nicht für mich, sondern für sie. Der Alltag ging weiter, aber er fühlte sich an, als würde ich durch einen Schleier aus Schmerz und Stille gehen.
In dieser Zeit erlebte ich unterschiedliche Reaktionen aus meinem Umfeld. Einige Menschen standen uns bei, zeigten Mitgefühl und waren für unsere Familie da. Andere schwiegen aus Unsicherheit, wussten nicht, wie sie reagieren sollten, und zogen sich zurück. Das war für mich besonders schwer, weil ich gerade dann Worte gebraucht hätte.
Was mir in dieser Phase am meisten geholfen hat, war der Austausch mit anderen Menschen, die ebenfalls jemanden durch Suizid verloren hatten. Den Schmerz zu teilen, ohne ihn erklären zu müssen, war befreiend.
Ich habe gelernt, dass man trotz Trauer wieder lachen darf und dass Trauer kein Zustand ist, der „schnell“ vorbei sein muss. In Selbsthilfegruppen habe ich verstanden, dass mein Erleben – so individuell es ist – in vielem von anderen geteilt wird. Das gab mir Mut.
Heute weiss ich: Meine Frau wollte nicht sterben – sie konnte nicht mehr leben.
Der „Seelenkrebs“ war zu weit fortgeschritten. Dieser Gedanke hat mir geholfen, die Fragen nach meiner Mitverantwortung ein Stück weit loszulassen. Depression ist eine Krankheit, die so tief greifen kann, dass der Weg zurück ins Leben unfassbar schwer wird. Das zu verstehen macht den Verlust nicht leichter. Aber es ermöglicht, ehrlich über Krankheit und Tod zu sprechen – ohne zu verurteilen.
Ganz anders war es beim Suizid meines Bruders im Jahr 1991. Sein Tod geschah in einer akuten Krise. Damals hatte ich keine Möglichkeit, den Verlust in einer Gruppe aufzuarbeiten. Über viele Jahre hinweg habe ich verurteilt – und mir damit eine heilsame Trauer verunmöglicht.
Ich wünsche mir, dass mehr Menschen über Suizid, psychische Erkrankungen und Trauer sprechen. Nicht als Tabu, sondern als Teil des Lebens. Es hilft, wenn Trauernde auf Menschen treffen, die zuhören, ohne zu urteilen. Und ich glaube, dass Verständnis und Mitgefühl denen helfen können, die in einer ähnlichen Situation stehen wie ich damals.
Etwa drei Jahre nach dem Suizid meiner Frau dachte ich, ich hätte diesen Verlust verarbeitet. Heute weiss ich, dass auch nach acht Jahren immer wieder Themen auftauchen, die zeigen, dass Trauer kein abgeschlossener Prozess ist.
Deshalb bin ich dankbar für alles, was ich in der Selbsthilfegruppe gelernt habe: Wie ich mit Schuldfragen, und Trauer um den Verlust eines geliebten Menschen umgehen kann – und dass ich auch heute noch jederzeit die Möglichkeit habe, spontan und niederschwellig an einer Monatsrunde teilzunehmen.
