
Laurin ist in seinen 20ern und hat seinen Vater verloren. Er wohnt im Raum Zürich/Winterthur.
Meine Beziehung zu meinem Vater war sehr eng und von einem gegenseitigen Verständnis ohne grosse Worte geprägt. Er war ein präsenter Vater, seine Liebe hat er nicht in Worten, aber in gemeinsamen Unternehmungen und «sich Zeit nehmen» ausgedruckt. Oft sind wir stundenlang bis zur Erschöpfung in einen sportlichen Flow eingetaucht. So waren wir uns nahe, Mein Vater hat sich nach der Trennung mit meiner Mutter immer mehr zurückgezogen. Da dies sehr schleichend war und er immer schon, wie ich auch, sehr introvertiert war, ist dies zwar aufgefallen, aber nicht so, dass es alarmierend gewesen wäre. Mein Bruder und ich sind nach der Trennung bei unserem Vater wohnen geblieben. Über seine Gefühle hat er mit uns nicht gesprochen, generell mit niemandem.
Der Moment der Mitteilung durch die Polizei bei uns zuhause war sehr schlimm. Sie haben es sehr behutsam und professionell mitgeteilt. Ich bin sofort aus dem Wohnzimmer gerannt, habe vor Verzweiflung geschrien, mein Bruder vor Schreck war versteinert. Die Situation war nicht
fassbar, surreal, was bedeutet das nun für uns? Die Polizei verständigte unsere Mutter, die kurz darauf zu uns kam.
Die Aufbahrung und das Abschiednehmen von meinem Vater habe ich, gerade auch aufgrund des Schocks, als wichtig empfunden. Wir haben die Aufbahrung so lange wie möglich wahrgenommen und ich bin sechsmal vorbei gegangen. Dies half mir vor allem, das Unfassbare fassbar zu machen.
Danach begann ein Jahr in dem einfach alles zu viel war. Ich war im Abschlussjahr meiner Höheren Fachschule, musste Diplomarbeit schreiben, 100% arbeiten. Platz für Trauer und Verarbeitung gab‘s nicht wirklich. Der Abschluss war ein «mit dem Chopf durd Wand». Ich wollte mehrmals abbrechen, sah keinen Sinn, hatte keinen Antrieb, keine Freude. Ich habe einfach alles durchgewürgt. Ich war schwer depressiv. Auch der erfolgreiche Abschluss brachte keine Freude auf, mein Erfolg verlor durch die Abwesenheit meines Vaters all seinen Glanz.
Ein Gedanke, der mir schwer zusetzte, war: Mein Vater war mit Abstand der Mensch, der mich am besten gekannt hat. Und nun ist der einzige Mensch, der mein Innenleben etwas
nachvollziehen konnte, nicht nur weg, sondern auch noch der Grund, weshalb es mir so schlecht ging. Dieser Gedanke hat mich lange begleitet und innerlich zerrissen. Heute kann ich sagen,
dass ich mich wohl aufgrund dieses Gedankens zu sehr im Selbstmitleid verloren habe.
In meinen dunkelsten Momenten, völlig abgekapselt von jeglichen Gefühlen, wenn in mir einfach nur Leere war, habe ich ein paar Mal gedacht, dass daraus der Wunsch nach Suizid entstehen könnte. Dies erschreckte mich jeweils, dass ich dies im Ansatz etwas nachvollziehen konnte.
Konkrete Pläne schmiedete ich aber nie.
Unmittelbar nach dem Tod meines Vaters entschied ich mich in die Selbsthilfegruppe
Nebelmeer zu gehen. Ich wusste, dass ich zur Verdrängung tendiere, und wollte mich deshalb bewusst der Trauer und dem Austausch widmen. Der Austausch und das gegenseitige Verständnis in der Gruppe waren für mich ungemein hilfreich. Nach jedem Treffen bin ich mit einem sehr erfüllten und guten Gefühl nach Hause gegangen.
Eine grosse Schwierigkeit für mich beim Trauern war, dass ich die Gefühle nicht richtig zulassen konnte. Ich habe jeweils gespürt, dass wieder eine Welle der Trauer oder andere Gefühle kamen, konnte diese aber nicht «rauslassen».
So fühlte es sich an, als ob eine Emotion sich in mir breit macht und ich mich ihr etwas ergeben muss. Dies war schlimm für mich, da sich so ein Gefühl der Ohnmacht und des Kontrollverlustes einstellte. Damit ich weinen konnte musste ich allein sein, Musik hören und Bilder von meinem Vater anschauen. Und die Emotionen mussten so stark sein, dass ich fast keine andere Möglichkeit mehr sah als es durch das Weinen «rauszulassen». So war es für mich meist Schwerstarbeit weinen zu können, hat dafür aber ich Nachhinein immer sehr gutgetan!
Ein Wendepunkt in meiner Verarbeitung war, als ich nach einer Sitzung beim Psychiater gedacht habe: Diese Sitzung geht eine Stunde, eine Stunde pro Woche. Die ganze restliche Zeit bist du auf dich gestellt. Du hast viele Menschen, die dich unterstützen, die da sind. Aber am Ende ist die Person, auf die es nun am stärksten ankommt, ob du gesund wirst; Du selbst! Diese Wahrheit hat zuerst weh getan, aber als ich sie akzeptiert habe, hat sie auch Türen geöffnet. Denn zu sagen «ich bin verantwortlich für mein Wohlbefinden» gibt einem wieder das Zepter über das eigene Leben in die Hand. Es ermöglicht Selbstwirksamkeit, Handlungsspielraum und man gibt die Opferrolle ab.
Die zweite wichtige Erkenntnis kam deutlich später: liebevoll sein mit sich selbst, eine fünfe auch mal gerade sein lassen. Ich habe oft mit wiederkehrender Traue und negativen Gefühlen gehadert. Ich wollte dies hinter mir lassen. Heute weiss ich, die Geschichte mit meinem Vater ist ein Teil von mir und die dazugehörenden wiederkehrenden Gefühle auch.
