Elia ist in seinen 20ern und hat im 2020 seine Schwester verloren. Er wohnt im Raum Zürich und studiert in Winterthur.

Es war meine geliebte grosse Schwester, die sich dazu entschlossen hat, im Jahr 2020 von uns zu gehen. Sie kämpfte lange und hart mit verschiedenen psychischen Erkrankungen, die im Laufe der Zeit zu mehreren Klinikaufenthalten geführt hatten. Als ich sie das letzte Mal sah, war ich 15 Jahre alt und stand am Anfang meiner Ausbildung. Sie war 17 und befand sich zu dieser Zeit in einer Klinik.

Ich war auf dem Weg nach Hause von der Schule, als ich erfuhr, dass sie nicht mehr lebte. Ich stieg aus dem Zug und sah meine Mutter mit einer Freundin und ihrem Sohn am Bahnhof stehen. In diesem Moment wusste ich sofort, dass irgendetwas mit meiner Schwester passiert war, wollte es aber nicht wahrhaben. Die Tage danach liegen wie unter einem dunklen Schleier. Es folgte eine schwere Zeit.
Das Leben danach war nicht mehr dasselbe. Ihr noch so lebendiges Zimmer blieb plötzlich leer, eine schmerzhafte Erkenntnis, an die ich mich bis heute erinnere. Ich war tieftraurig und konnte kaum begreifen, dass sie nie wieder mit uns lachen, lieben und leben würde.
Diese Erfahrung hat vieles verändert. Wenn mich jemand fragt, ob ich Geschwister habe, bringt mich das oft in eine schwierige Situation. Soll ich erzählen, dass meine Schwester nicht mehr lebt und jedes Mal die ganze Geschichte von Neuem aufrollen? Oder soll ich mir eine harmlose Antwort ausdenken, um mich selbst zu schützen?

Mein Umfeld hat gut reagiert – und gleichzeitig auch nicht ganz. Anfangs fragten viele, wie es mir geht, und ich antwortete meist: „Den Umständen entsprechend.“ Danach blieb es oft bei diesem kurzen Austausch. Damals war das für mich in Ordnung, weil ich selbst kaum Worte für das fand, was in mir vorging. Heute wünschte ich, ich wäre offener gewesen – vielleicht hätte mir das geholfen, meine Gefühle besser zu verstehen und die Trauer nicht so sehr in mir einzuschliessen.

Einige Monate nach ihrem Tod besuchten mein Bruder und ich eine Selbsthilfegruppe. Diese Erfahrung hat mir sehr geholfen. Es tat gut zu wissen, dass auch andere ähnliche Verluste erlebt haben, und zu hören, wie sie mit schwierigen Situationen im Alltag umgehen, zum Beispiel damit, in der Schule oder im Freundeskreis so zu tun, als wäre alles normal, obwohl innerlich gerade nichts mehr normal ist.

Mein Trauerprozess ist sicher noch nicht abgeschlossen, und ich denke, er wird auch nie ganz enden. Ich glaube, man lernt mit der Trauer zu leben, statt sie zu überwinden. Besonders stark spüre ich sie, wenn mich im Alltag etwas an meine Schwester erinnert, eine vertraute Stimme, ein altes Foto, ein Moment, der sie plötzlich wieder nah erscheinen lässt. Solche Augenblicke sind schmerzhaft, aber auch tröstlich, weil sie mir zeigen, dass sie nie ganz vergessen gehen wird.

Fünf Jahre sind vergangen, und mein Leben sieht heute ganz anders aus als damals. Ich habe gelernt, mit der Trauer zu leben, statt gegen sie anzukämpfen. Sie begleitet mich, aber sie hält mich nicht mehr fest.

Ich stehe an einem neuen Punkt in meinem Leben, studiere heute Energie- und Umwelttechnik und gehe meinen Weg Schritt für Schritt weiter. Oft denke ich daran, wie stolz meine Schwester auf mich gewesen wäre und manchmal fühlt es sich so an, als würde sie mich auf diesem Weg immer noch ein Stück weit mittragen. Ich bin ich dankbar, wenn ich etwas von dem, was ich in dieser Zeit gelernt habe, weitergeben kann.