Dorothea ist in ihren 60ern und hat im 2023 ihren Partner verloren. Sie wohnt im Raum Zürich, Oberland.

Im Dezember 2022 feierten mein Mann und ich unseren 35. Hochzeitstag. In all den vergangenen Jahren lernten wir uns schätzen und gingen „Hand in Hand“ zusammen durch viele Hochs und Tiefs. Wir waren dankbar und zuversichtlich verheiratet.
Die Jahre 2021 bis 2023 konfrontierten uns dann intensiv mit der Endlichkeit des Lebens. Im Februar 2023 kündigte mein Mann noch – zu allem Erlebten bis dahin – nach einer langen, schwierigen Phase im Beruf und fand eine neue Arbeitsstelle. All dies hat dazu beigetragen, dass wir überfordert waren und einander (ein paar Wochen zuvor) „irgendwie verloren“ hatten. Der Zugang zueinander wurde schwierig. Es scheint, dass im Innern meines Mannes eine Lawine aus vergangenen Traumata ins Rollen kam.
Am Valentinstag 2023 schrieb er mir noch in einer liebevollen Karte: „Ich freue mich auf die kommende Zeit im gemeinsamen Unterwegs sein mit dir.“ Drei Wochen später sah er keinen anderen Ausweg mehr, als durch Suizid von uns zu gehen.

Ich habe meinen Ehemann gleichentags in unserem Wohnhaus tot aufgefunden. Mein Herz zerbrach, stand still, in mir schrie es nur noch NEIN, das kann und darf nicht sein. Danach habe ich angefangen zu funktionieren. Die ganze Geschichte mit Rettungsdienst, Polizei, Staatsanwaltschaft und Notfallseelsorger und dem Benachrichtigen unserer Familie begann zu rollen. Mindestens das erste Jahr danach quälten mich Fragen „warum ist er gegangen“ mit erfolgloser Suche nach Antworten.

Ich habe unsagbar tiefe Trauer durchlebt. Mein Lebensgefühl würde ich so beschreiben: „mich zerbrochen fühlen“ und „mich in einem auf den Kopf gestellten Leben erstarrt fühlen“. Zu Wut habe ich keinen guten Zugang – aber ich habe Wut gespürt, spüre sie immer wieder, und suche für mich noch weitere Ausdrucksformen.

Ich bin hier, im Haus des Geschehens, wohnen geblieben. Ich spürte, wenn ich jetzt von hier wegziehe, dann säge ich mir meinen letzten vertrauten Ast im Leben ab. Dazu war ich nicht bereit. Seither ist aus dem Haus eine Art Wohngemeinschaft geworden. Beruflich habe ich – nach etwa 33 Jahren Pause – wieder auf der Pflege begonnen zu arbeiten; im Nachtdienst auf der Geriatrie in einem Alterszentrum im Dorf.
Ganz zu Beginn habe ich gespürt, dass ich offen und transparent dazu stehen werde, was geschehen ist und wie es ist, denn ich hatte keine Kraft, das Geschehene zu verstecken oder zu unterdrücken. Andere mussten mir dadurch nicht mit Samthandschuhen begegnen, was sie geschätzt haben. Ich habe andere auch konfrontiert mit Tatsachen – dadurch wurden Beziehungen gefiltert – manche vertieft, andere abgebrochen. Parallel dazu spürte ich, dass ich statt vielen Beziehungen zukünftig viel weniger, dafür tragende und tiefere Beziehungen benötigte. Nach zwei Jahren, in denen ich vorwiegend und in Höchstleistung funktioniert habe, spürte ich, dass ich so nicht weiterleben will, kann und darf. Das braucht(e) klare Weichenstellungen meinerseits in mehreren Lebensbereichen.
Dadurch hat nun aber mein Trauerprozess mehr Raum erhalten.

Da ich selber in der Lebensberatung tätig bin, habe ich mir Menschen aus meinem Berater – Bekanntenkreis gesucht und mit ihnen in Gesprächen Manches angefangen aufzuarbeiten. Ich versuchte dies mit einer Psychotherapie weiterzuführen, wurde aber einfach nicht warm mit der Therapeutin. Danach hielt ich Ausschau nach einer Trauerbegleitungsweiterbildung (da ich mich in meiner Trauer ja ständig selber begleite) und stiess auf das Angebot von lebensgrund.ch
Diese „Wegstrecke“ von 13 Monaten (einer sehr persönlichen und individuellen Auseinandersetzung mit meiner grossen Verlusterfahrung in einer kleinen, geführten Gruppe) tat mir unbeschreiblich gut. Punktuell, aber stetig, halfen mir auch Begegnungen und Austausch mit eigenen Familienangehörigen und nahen Freunden. Zu Ritualen habe ich noch wenig Zugang. Täglich werde ich mit Erinnerungen an meinen Mann konfrontiert. Viele gemeinsame schöne und schwierige Erlebnisse gehe ich alleine nochmals ganz bewusst durch (z.B. konkrete Handlungen, Wanderungen, Besuch von Orten usw.) Das hilft mir beim fortwährenden und noch langandauernden Abschiednehmen.

An Jahrestagen, egal welcher Art, ist meine Trauer stärker. Ich suche einen Weg, mit meinem Schmerz in eine Versöhnung zu kommen und bin unterwegs zu einem „Ja“ für mein „Nein“. Ich erleb(t)e den Suizid meines Mannes als Vertrauens – und Beziehungsbruch, der mich zum Hinterfragen von Vielem führte. Wo ich anfangs v.a. dunkel, schwarz und negativ „gelesen“ habe, sehe ich heute auch Gründe, ihm gegenüber für manches dankbar zu sein und ihn auch zu ehren.

Was ich gelernt habe:
Depression bei Männern braucht ein besonderes Augenmerk, da sie sich versteckt zeigt.
Trauer, Verlust und Schmerz sind natürliche Anteile unseres Lebens, nicht erst dann, wenn jemand stirbt.
Alles, was in mir ist, darf sein. Und alles was sein darf, kann sich verändern.
Der Film „dein Schmerz ist auch mein Schmerz“ erscheint mir sehenswert.