Andreas ist Anfang 50, er hat mit Ende 30 seine Lebenspartnerin verloren. Er lebt in Winterthur und arbeitet in Zürich.

Der Verlust von meiner Partnerin vor über 10 Jahren hat mich in tiefste Trauer gestürzt – ein Verlust, der mein Leben und meine Sicht auf Schmerz und Abschied grundlegend verändert hat.

Mit etwa 19 Jahren lernte ich meine damalige Freundin kennen – eine Beziehung, die uns über viele Jahre getragen hat. Von Anfang an begleitete sie chronischer Schmerz, ausgelöst durch einen schweren Sportunfall in ihrer Schulzeit. Trotz dieser Belastung führten wir viele Jahre lang ein aktives, gemeinsames Leben und hielten an der Hoffnung fest, dass es Wege zur Linderung geben würde.

Im Laufe der Zeit jedoch verschlechterte sich ihr Zustand zunehmend. Die Schmerzen wurden heftiger und führten zu weiteren körperlichen Einschränkungen, bis sie teilweise auf einen Rollstuhl angewiesen war. Zahlreiche Therapien und Behandlungsversuche waren von Hoffnung geprägt – und wiederholter Enttäuschung.

In diesen Jahren unternahm sie auch einige Suizidversuche. Mehrmals war professionelle Hilfe involviert, insbesondere wenn es zu kritischen Situationen kam, die auch polizeiliche und medizinische Interventionen nötig machten. Diese Erlebnisse hinterliessen bei mir bleibende Eindrücke von Schock und Ohnmacht. Jedes Mal, wenn ich weg war, hatte ich enorme Angst, sie tut sich wieder was an, jedes Mal, als ich von der Tramhaltestelle um die Ecke kam, schaute ich, ob ein Polizei- oder Krankenwagen vor der Türe stand. Wenn die Luft rein war, kam sofort der nächste Schockgedanke; «ob sie wohl noch lebt?» Ich lebte permanent im Spagat zwischen Angst und Erleichterung und ich fragte mich oft, wie lange ich das noch durchhalte. Die Gedanken sie zu verlassen, um mich zu schützen waren allgegenwärtig und wurden mir von aussen auch mehrmals empfohlen. Dies habe ich nicht getan, weil ich sie nicht verlieren wollte – sie war meine Freundin.

Gegen Ende war ihr Alltag von enormem Leid geprägt: starke Schmerzen, Unbeweglichkeit, Lichtempfindlichkeit und eine stetige Verschlechterung ihres körperlichen und seelischen Zustands. Nach vielen Gesprächen und durchdachten Schritten trafen wir gemeinsam die Entscheidung für einen assistierten Suizid mit EXIT. Dies als eine Art Deal, sie versprach mir auf weitere Suizidversuche zu verzichten, dafür sagte ich ihr zu, sie auf dem Weg mit EXIT zu begleiten. Dieser Prozess dauerte Jahre und wurde von EXIT begleitet, wobei stets der Blick auf mögliche Lebensperspektiven zentral war. Erst als wirklich keine andere Lösung mehr möglich schien, kam der finale Schritt. Meine Spannung löste sich durch den gemachten Deal deutlich, ich konnte wieder etwas beruhigter zur Arbeit gehen und die innere Spannung, welche mich fast auffrass, lockerte sich.

Nur wenige Menschen wussten davon, denn wir spürten, wie gross das mögliche Unverständnis von aussen sein könnte. Ich verstand ihren Wunsch zu sterben – ein Leben in diesem Zustand hatte kaum noch Lebensqualität.

Der Abschied begann lange vor ihrem Tod, in vielen offenen Gesprächen über Leben, Schmerz und Sterben. Am Tag ihres Todes war neben tiefer Traurigkeit auch eine Form der Erleichterung spürbar – so schwer das klingen mag. Sie starb in meinen Armen.

Nach ihrem Tod durchlebte ich eine sehr intensive Trauerzeit. Ich weinte tage- und nächtelang, ass kaum und fühlte mich zutiefst verloren. Damit hatte ich nicht gerechnet, ich dachte ich wäre gefasster, da wir doch eine gemeinsame Verabschiedungszeit hatten, doch da irrte ich mich gewaltig. Gleichzeitig war es ihr Wunsch, dass mein Leben weitergeht. Gute Freunde begleiteten mich, zeigten Aufmerksamkeit und luden mich immer wieder zu Aktivitäten ein. Stück für Stück spürte ich, dass mein Leben weitergehen durfte.

Auch äusserlich begann ich einen Neuanfang: ich stellte meine Wohnung um, entrümpelte Erinnerungen und schuf Raum, um mein Leben jenseits des Verlustes zu gestalten. Einige wenige Dinge behielt ich über Jahre auf, bevor ich auch sie gehen lassen konnte. Aus ihrer Asche liess ich einen Diamanten herstellen – ein Wunsch von ihr, den ich bis heute in Ehren halte.

Sie bleibt immer ein Teil meines Herzens. Und doch durfte mein Leben auf dieser Erde weitergehen. Durch eine überraschende Fügung lernte ich meine heutige Frau kennen; sie kennt meine Geschichte und begleitet mich mit viel Liebe und Verständnis. Vor zehn Jahren haben wir geheiratet, und wir leben heute eine liebevolle, stabile Partnerschaft. Die Trauer ist nicht verschwunden, sie ist ein Teil von mir, der mich geformt hat.

Ich kenne widersprüchliche Gefühle von Nähe und Schmerz, von Erleichterung und Verlust. Ich weiss, wie schwer Worte manchmal sind, wie gleichzeitig genau diese Worte Verbindung schaffen können. Mein Weg durch die Trauer hat mir gezeigt, dass es kein richtiges Trauern gibt, sondern individuelle Wege, die Raum, Verständnis und Begleitung brauchen.