Andrea ist in ihren 40ern und hat mit 25 Jahren ihren Vater verloren. Sie wohnt im Raum Aargau.

Mein Vater war für mich eine der wichtigsten Personen in meinem Leben. Unsere Bindung war extrem eng, und ich würde fast sagen, dass ich als Kind ein «Papi-Titti» war. Er hatte keine einfache Kindheit und zeigte schon früh Mut und Abenteuerlust: Mit 18 Jahren fuhr er mit dem Mofa für drei Jahre nach England und verbrachte dann weitere Jahre auf Hochsee. Seine Geschichten von diesen Reisen haben meinen Bruder und mich immer fasziniert.

Zwei Jahre vor seiner Pensionierung begann er sich zu verändern. Es schien, als hätte er das Gefühl, nicht mehr zu genügen oder nicht zu wissen, was er mit seinem Leben nach der Pensionierung anfangen sollte. Mein Auszug von zu Hause belastete ihn zusätzlich. Schliesslich kamen Depressionen hinzu, und er suchte Hilfe in Form von Therapien – sowohl ambulant als auch stationär. Sehr eng begleitete ich ihn in dieser schwierigen Zeit.

Mit 25 Jahren fühlte ich mich jung, unbeschwert und unerschütterlich – bis zu jenem Tag, an dem ich im Büro «dieses» lebensverändernde Telefonat von meiner Mutter erhielt. Sie hatte mich zuvor schon versucht zu erreichen, und als ich zurückrief, war die Leitung besetzt. Ein unbehagliches Gefühl beschlich mich. Als ich sie endlich erreichte, war meine erste Reaktion: «Er muss noch am Leben sein.»

Weinend rannte ich aus dem Büro. Zum Glück waren meine lieben Arbeitskollegen so geistesgegenwärtig, mich nicht selbst fahren zu lassen, und begleiteten mich in meinem Auto nach Hause. Unterwegs rief ich meinen Bruder an, der sich gerade auf einem Sessellift in den Skiferien befand. Voller Angst ging ich in mein Zuhause, wo ich aufgewachsen bin, und wusste nicht was alles auf mich und uns zukam.

Schon bald wusste ich, dass ich Hilfe annehmen musste, um meinen Lebensweg wieder mit einem Lächeln bestreiten zu können. So stiess ich auf die Selbsthilfegruppe für Jugendliche «Nebelmeer». Dort fand ich Gleichgesinnte, die mich verstanden, wie es sonst niemand konnte. Mein Umfeld war grösstenteils empathisch und unterstützend, doch die Trauer endete nicht nach sechs oder zwölf Monaten. Es war eine lange, lehrreiche und bewegende Reise, bis ich den Suizid meines Vaters annehmen und Frieden in mir selbst wieder finden konnte.

Die stärkste Emotion, die ich in dieser Zeit empfand, war der abrupte Liebesentzug. Ich fragte mich: «Wie kannst du mich allein lassen? Warum wolltest du nicht mehr mit mir, meinem Bruder und unserer Mutter weiter durchs Leben ziehen?»

Meine Gefühle wechselten zwischen Wut, Traurigkeit, Hilflosigkeit und – am längsten – Schuldgefühlen. Ich fühlte mich als Tochter, die versagt hatte. Ich hatte ihn begleitet und wusste doch tief in meinem Inneren, dass er fähig war, sich selbst Gewalt anzutun.

Diese Schuldgefühle verfolgten mich lange in meinen Träumen, in denen ich immer wieder zu spät kam, um ihn zu retten.

Der Verlust meines Vaters brachte viele Veränderungen mit sich. Meine Mutter und mein Bruder zogen um, und ich entschied mich bewusst, mich für eine Weile von meinen Freunden zurückzuziehen. Ich brauchte Zeit für mich, um alles auf meine Weise zu verarbeiten, ohne dass sich jemand einmischte.

Die Reaktionen aus meinem Umfeld waren unterschiedlich. Leider war auch vieles wenig hilfreich oder empathisch, was ich jedoch auf ihre Überforderung zurückführte.

Rituale, die Selbsthilfegruppe und die Natur halfen mir, mich zu erden. Ein weiterer bedeutender Wendepunkt in meinem Leben war, als ich selbst Mutter wurde. Die Beziehung zu meinem Vater hat mir auch geholfen, die Erinnerungen an ihn auf eine noch tiefere Weise zu schätzen. Im Herzen bin ich immer mit meinem Vater verbunden und dankbar für die 25 Jahre, die ich mit ihm erleben durfte. Ich spürte, wie die Traurigkeit irgendwann einem warmen Gefühl um das Herz wich, wenn ich über ihn sprach.

Heute mehr als 20 Jahre später, verspüre ich nur wärmende und wertschätzende Erinnerungen an meinen geliebten Vater. Auch heute noch kommen mir manchmal Tränen, wenn ich an ihn denke oder von ihm spreche; ich lasse sie bewusst zu.

Durch meine Lern- und Bewältigungsstrategien während der Trauerzeit habe ich nicht nur Kraft und Mut geschöpft, sondern es auch geschafft, gestärkt und mit neuer Zuversicht aus dieser schweren Phase hervorzugehen. Diese Erfahrungen zeigen, dass es möglich ist, selbst in den dunkelsten Momenten Wege zu finden, die einen wieder aufrichten.