Handbuch

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Editorial

Rund um das Thema Suizid herrscht Sprachlosigkeit, sowohl bei Aussenstehenden wie auch bei Angehörigen. Sprachlosigkeit bei den Hinterbliebenen, weil sie nicht wissen, wie sie darüber sprechen sollen. Suizidbetroffene (Survivors) sehen sich oft mit Schuld- und Schamgefühlen konfrontiert, die Reaktionen aus dem Umfeld sind ungewiss, und die Trauer lässt sich nicht einfach in Worte fassen. Im Umfeld herrscht Sprachlosigkeit, weil Aussenstehende oft überfordert sind und nicht wissen, wie sie sich gegenüber den Betroffenen verhalten sollen.

Suizid ist ein plötzlicher, gewaltsamer Tod, der nach wie vor mit einem grossen Tabu behaftet ist. Obwohl er zu allen Zeiten die Menschheit begleitet und bewegt hat, ist er bis heute eine umstrittene Handlung, etwas, worüber man nicht gerne spricht, obwohl mehr Menschen davon betroffen sind, als man denkt.

Dieses Handbuch soll dazu beitragen, dass Betroffene im Rahmen von Selbsthilfegruppen über ihren traumatisierenden Verlust sprechen können, und es dient Fachpersonen in ihrer therapeutischen Beratungstätigkeit mit Hinterbliebenen.

Es ist in sechs Kapitel gegliedert:

1. Kapitel Krise und Suizid

2. Kapitel Suizidbetroffene verstehen

3. Kapitel geführte Selbsthilfe für Survivors

4. Kapitel Beschreibung der einzelnen Gruppentreffen

5. Kapitel Themen für Gruppentreffen (teilweise für Gruppenabende komplett vorbereitet)

6. Kapitel Ergänzende Materialien zu den Themen (ab 11.2020)

Das Handbuch beruht auf dem stetigen Engagement von Ebo Aebischer, der sich im Auftrag der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn jahrelang für Survivors eingesetzt hat. Er begleitete zuerst SHG von Eltern, die ein Kind durch Suizid verloren hatten. Dann gründete er SHG für Hinterbliebene, deren Partner bzw. Partnerin sich das Leben genommen hatten. Für seine Initiative sei an dieser Stelle sehr herzlich gedankt. Ins Handbuch eingeflossen sind die langjährigen Erfahrungen von Anita Bättig, Carola Häussler und Silvia Skerlak, die alle mit ihren wertvollen Anregungen, Hinweisen und Vorschlägen zu dieser praxisnahen Handreichung beigetragen haben. Auch ihnen gebührt ein herzliches Dankeschön für ihren unermüdlichen Einsatz für Survivors.

Das Handbuch zeigt bewährte Strukturen, Konzepte und Vorgehensweisen auf. Inwieweit sie in die Praxis umgesetzt werden können, ist von vielen verschiedenen Faktoren abhängig. Es ist äusserst wichtig, dass SHG mit Survivors durch kompetente Personen geleitet werden, die Erfahrung mitbringen in der Begleitung von traumatisierten Menschen in einem schwierigen, prolongierten Trauerprozess. Betroffenheit allein genügt nicht, um SHG mit Hinterbliebenen nach Suizid zu leiten.

Auf Quellenangaben wird in der Regel verzichtet, weil viele Texte zu den Themen von den Moderator*innen über die Jahre gekürzt oder umgeschrieben worden sind. Wir bitten, allfällige Rechtsansprüche beim Verein trauernetz geltend zu machen.

  • Wenn Sie selbst betroffen sind, lade ich Sie ein, mit uns Kontakt aufzunehmen, damit wir Ihnen aufzeigen können, wo Sie sich mit anderen Survivors über die Themen austauschen können, die im Handbuch aufbereitet sind.
  • Wenn Sie mit Survivors therapeutisch gegen Bezahlung arbeiten und von diesem Handbuch Gebrauch machen, bitten wir Sie, unsere Arbeit finanziell zu unterstützen.
  • Für Berufsgruppen, die regelmässig von Suizid betroffen sind, bieten wir individualisierte Schulungen zum Thema Nachsorge nach Suizid an.

Mit einem finanziellen Beitrag ermöglichen Sie dem Verein, sein Engagement rund ums Thema Suizid weiterzuführen:

Bankverbindung:
Kontoinhaber Verein trauernetz, Höhestrasse 80, 8702 Zollikon
Finanzinstitut Zürcher Kantonalbank Postfach, 8010 Zürich
Bankclearing-Nr. 700
IBAN CH81 0070 0110 0058 3360 6
SWIFT-Adr. (BIC) ZKBKCHZZ80A

 

zum Weltsuizidpräventionstag, 10. September 2020 Jörg Weisshaupt

 

Inhaltsverzeichnis:

Editorial

Kapitel 1
Krise und Suizid

1.1 Weshalb reden wir von Suizid und nicht von Freitod oder Selbstmord?

1.2 Fakten

1.3 Kulturgeschichtlicher Abriss des Suizids

1.4 Definitionen der Begriffe

1.5 Statistiken für die Schweiz

1.6 Erklärungstheorien

1.7 Begleitumstände zum Suizid

1.8 Der Prozess der Krise und der suizidale Prozess

Kapitel 2
Suizidbetroffene verstehen

2.1 Was ist Trauer? Einführung ins Thema

2.2 Prolongierte Trauer nach einem Verlust durch Suizid

2.3 Was hilft Trauernden – was schadet ihnen?

2.4 Netzwerke für Angehörige (Survivors)

2.5 Literaturempfehlung

2.6 Wanderausstellung «Suizid – und dann …?»

2.7 Weitere Hilfs- und Beratungsangebote

2.8 Sie können mittragen

Kapitel 3
Geführte Selbsthilfe für Survivors

3.1 Verschiedene Arten von Selbsthilfegruppen

3.2 Gruppenleitung

3.3 Die Bedeutung von Selbsthilfegruppen für Trauernde

3.4 Erste Schritte in ein Gruppenjahr

3.5 Gruppentreffen

Kapitel 4
Beschreibung der einzelnen Gruppentreffen

4.1 Erstes offenes Treffen

4.2 Zweites offenes Treffen

4.3 Erstes geschlossenes Treffen

4.4 Treffen mit persönlichen Geschichten der Teilnehmenden

4.5 Ende des Gruppenjahres/letztes Gruppentreffen/Abschied

Kapitel 5
Themen für Gruppentreffen

5.1 Die Frage nach dem «Warum?» 92

5.2 Schuld 96

5.3 Scham 105

5.4 Gefühle (z.B. Scham, Wut, Verzweiflung) 108

5.5 Regression 117

5.6 Tabu 119

5.7 Familiengeheimnisse 121

5.8 Trauer 123

5.9 Kindertrauer 128

5.10 Kontakte mit Verstorbenen/Medium 138

5.11 Bilder in meinem Kopf/Suizidmethode 139

5.12 Loslassen – Was gibt mir Hoffnung? 144

5.13 Loslassen, Sinn finden, Resilienz 149

5.14 Thema «Ist der Trauerprozess jemals zu Ende?» 153

5.15 Vergeben 158

5.16 Abschiedsbriefe 162

5.17 Eigene Suizidalität 163

5.18 Beziehungen/Partnerschaft/Sexualität 169

5.19 Spiritualität 174

Kapitel 6
Ergänzende Materialien zu den Themen für Gruppentreffen

Kapitel 1

Krise und Suizid

1.1 Weshalb reden wir von Suizid und nicht von Freitod oder Selbstmord?

Suizid: neulateinisch suicidium (sui = sich, caedere = töten)

Freitod: Hinweis auf eine freie Willensentscheidung zum Tod, meist in Verbindung mit edlen Motiven. Das beschreibt nicht die Situation von Menschen, deren Entscheidung von Ausweglosigkeit geprägt ist.

Selbstmord: Mord ist der schwerste Straftatbestand in unserem Strafgesetzbuch und bezeichnet die Tötung eines anderen aus niedrigen Beweggründen. Das hat nichts zu tun mit der Situation eines verzweifelten Menschen, der sich das Leben nimmt. Das Unwort «Selbstmord» schädigt das Gedenken an den Toten und verletzt die Trauernden. Angehörige einer Person, die sich das Leben genommen hat, sind nicht Hinterbliebene eines «Mörders».

1.2 Fakten

  • In der Schweiz gibt es zwei bis drei Suizide pro Tag (Mit Sterbehilfe sind es doppelt so viele).
  • Jede Selbsttötung macht etwa 10 Menschen zu direkt Betroffenen. Dazu kommen die Personen der Blaulicht-, Gesundheits- und Beratungsorganisationen, welche von Berufs wegen wiederholt mit Suizid konfrontiert werden.
  • Jeder dritte Todesfall bei jungen Männern ist ein Suizid. Bei jungen Frauen jeder fünfte.
  • Alle drei Tage nimmt sich ein Jugendlicher das Leben.
  • Im Lauf ihres Lebens setzt sich rund ein Drittel der Bevölkerung mit Suizidgedanken auseinander.
  • Täglich werden 20 bis 30 Menschen nach Suizidversuchen medizinisch betreut – mehrheitlich Frauen. Das ergibt jährlich mehr als 10‘000 medizinisch dokumentierte Suizidversuche.
  • Die höchste Suizidrate haben Männer über 75 Jahre.

1.3 Kulturgeschichtlicher Abriss des Suizids

Die aktuelle Wichtigkeit des Suizids in der Schweiz bildet ein vordringliches Problem im Gesundheitswesen. Diese Situation könnte glauben machen, sie sei typisch für unsere moderne Zivilisation. Ein kurzer Rückblick auf die Geschichte jedoch zeigt uns, dass der Suizid in den meisten Gesellschaften durch alle Zeiten, Räume und Kulturen hindurch existiert hat. Viele gesellschaftliche und individuelle Faktoren sind damit verknüpft, wie auch die persönliche und kollektive Wahrnehmung und Haltung dem Problem gegenüber. Sie variieren von einer Gesellschaft zur andern, von einer Epoche zur andern.

Aus diesem Grund kann hier nur ein grober Überblick dieses Phänomens wiedergegeben werden. Das Ziel ist es, zu vermeiden, dass ein punktueller und allzu enger Blickpunkt die Komplexität und Vielfältigkeit des Problems ausser Acht lässt.

1.3.1 Das römische Reich

Im römischen Reich hatte ein menschliches Leben nicht den Wert, den wir ihm heute zuordnen. Der Respekt gegenüber dem Leben gehörte damals nicht zu den römischen Werten. (Grisé, 1985). Die Allgegenwärtigkeit des Krieges, die hochgeachtete Rolle der Gladiatoren, die Existenz sich widerstreitender und willkürlich herrschenden Regierungen liessen mehr Raum für eine Geringachtung des Lebens und des Todes eines Andern als für eine Achtung des menschlichen Lebens. In einer Gesellschaft, wo ein würdiger Akt des Todes im Gefecht oft ein letztes Mittel war zur Bewahrung der Ehre, hatte die suizidale Handlung eine andere Bedeutung als bei uns.

Im Allgemeinen galt der Suizid im römischen Reich als Akt der Vernunft und der persönlichen Freiheit, beides fundamentale Werte in einer Kultur, wo der Tod alltäglich war. Der Suizid wurde zwar nicht verherrlicht, wurde aber als Haltung gegenüber dem Leben und dem Tod respektiert. So gerechtfertigt durch den Akt des Weisen war es durchaus schicklich, seinem Leben ein Ende zu setzen. So war der Suizid einer Elite vorbehalten und wurde als Akt der Erkenntnis oder gar der Tugend angesehen.

1.3.2 Die jüdisch-christliche Tradition

In der jüdisch-christlichen Tradition finden wir eine völlig andere Sicht. Im Alten wie im Neuen Testament existieren Beispiele von direktem und indirektem Suizid. Einige sind wiedergegeben als heldenhafte Opfer, andere als Menschen mit wenig löblichem Lebenswandel, die ein trauriges Ende nehmen. Erst seit dem heiligen Augustin und danach seit Thomas von Aquin bildete sich die Auffassung, welche den Suizid verdammte.

Als Beispiel: Thomas von Aquin (1225-1274) präzisiert, dass es dem Menschen nicht erlaubt ist, den eigenen Tod zu wählen, da das Leben eine Gabe Gottes sei. Hingegen habe jedes menschliche Wesen eine absolute Verantwortung gegenüber sich selber, der Gesellschaft und dem Allgemeingut. Der Suizid ist ein Akt «gegen die Natur», welche der Rolle jedes Einzelnen widerspricht, welcher der Lebensaufgabe des Individuums widerspricht. Der einzelne Mensch hat seine Rolle bis zu seinem Lebensende zu spielen. Während Jahrhunderten (genauer vom 4. bis zum 19. Jahrhundert) vertritt das Christentum diese Haltung gegenüber dem Suizid.

In der vorchristlichen Zeit war der Suizid moralisch unbelastet. In der Bibel wird weder die suizidale Handlung noch die Person beurteilt, geschweige denn verurteilt. Weil aber im frühen Christentum eine Verherrlichung des Märtyrertodes drohte, wendete der Kirchenvater Augustin im 4. Jh. das Gebot «Du sollst nicht töten» auch auf den Suizid an. Aquin verstärkte diese Tendenz im 13. Jh. mit der Aussage: «Selbsttötung ist Mord!». Diese massive Verurteilung des Suizids als «Selbstmord» wirkt bis heute nach. Über viele Jahrhunderte hinweg verweigerten die Kirchen den «Selbstmördern» ein kirchliches Begräbnis. Erst seit 1983 ist in der katholischen Kirche laut dem Codex Juris Canonici eine christliche Bestattung nach einem Suizid wieder offiziell möglich. Die Verweigerung einer christlichen Trauerfeier nach einem Suizid gehört inzwischen zur Ausnahme. Trotzdem haben Angehörige nach einem Suizid Gefühle der Scham und Schuld. Das sind auch Spätfolgen dieser schroffen Verurteilung in den letzten Jahrhunderten. Auch wenn Selbsttötung kein Strafbestand ist, so empfinden sie noch viele Menschen als eine moralische Verfehlung.

Im Judentum bezieht sich das traditionelle Verbot des Suizids vor allem auf das Gebot zur Erhaltung des eigenen Lebens in Deuteronomium 4,15. Konsequenterweise wird Suizid im Talmud als Auflehnung gegen Gott abgelehnt, und Menschen, welche aus freiem Entschluss durch Suizid sterben, werden die Totenrituale verweigert. Andererseits zeigt die jüdische Überlieferung auch viel Verständnis für Suizid in Notlagen. In diesen Fällen werden die traditionellen Rituale gewährt, was im modernen liberalen Judentum für jeden Suizid gilt.

1.3.3 Suizid und Islam

Suizid wird im Koran nicht erwähnt, aber in der Sunna, der Überlieferung der Worte und Taten Muhammads. Nach dieser soll Muhammad gesagt haben: «Wer sich selbst tötet, wird das Feuer der Hölle erleiden», und: «Wer sich selbst tötet, wird für immer vom Paradies ausgeschlossen sein.» Suizid wird von den verschiedenen Richtungen des Islam auch heute noch kritisch gesehen. Menschen, die durch Suizid sterben, werden aber wie alle anderen Toten beigesetzt.

1.3.4 Suizid und Buddhismus

Im traditionellen Buddhismus wird Suizid aus zwei Gründen abgelehnt: Zum einen steht jeder starke Wunsch der Erlösung entgegen, auch der Wunsch, seinem Leben ein Ende zu setzen. Zum zweiten ist Befreiung aus dem Rad der Wiedergeburt nur in einer der seltenen Inkarnationen als Mensch möglich, so dass Suizid als Vergeudung dieser Chance erscheint. Legitim kann Suizid bei einer Person sein, welche bereits zur Erleuchtung gefunden hat, so dass ihr keine weitere Inkarnation mehr droht. Moderne buddhistische Gemeinschaften vertreten zum Teil differenziertere Haltungen zur Frage des Suizids.

1.3.5 Suizid und Hinduismus

Grundsätzlich wird Suizid im Hinduismus abgelehnt. Er gilt als Versuch, Karma abzuwerfen, statt es zu tragen, was zu einer Verschlimmerung der Situation im nächsten Leben führt. Suizid kann aber in unhaltbaren Situationen das geringere Übel und dann legitim oder sogar löblich sein. In diesem Zusammenhang ist die in manchen hinduistischen Kasten früher geübte Praxis der Sati, der Witwenverbrennung, zu sehen.

1.3.6 Suizid und Theosophie/Esoterik

In Theosophie und Esoterik wurde bis vor Kurzem vor Suizid gewarnt, weil er zu negativen Konsequenzen in folgenden Inkarnationen führen würde. Seit einigen Jahren ist hier aber ein Umdenken zu beobachten. Moderne esoterische Lehrerinnen und Lehrer urteilen in Fragen des Suizids differenzierter.

1.3.7 Die gesellschaftliche Haltung und die Kultur

Das Verbot und die religiöse Verurteilung wurden im kanonischen Recht seit dem 5. Jahrhundert festgeschrieben. Den Suizidenten wurde ein christliches Begräbnis verweigert, mehr noch: man konfiszierte ihre Güter. Erst gegen 1880 wurde es den Nächsten erlaubt, den Leichnam des Suizidenten auf würdige Weise zu beerdigen.

Ein Blick auf die kulturellen Bedingungen erlaubt es uns zu beobachten, dass die Tragweite der suizidalen Handlungen nur mit viel Vorsicht mit den Sitten oder der Lebensweise in Verbindung gebracht werden darf. Selbst in denjenigen Ländern, in welchen die soziale Toleranz gegenüber dem Suizid auf den ersten Blick auffällig ist, stellt man fest, dass der Suizid eine Störung darstellt und nicht als einfach zum Leben gehörend angesehen werden kann.

1.4 Definitionen der Begriffe

Das Suizidverhalten

Der vollendete Suizid ist ein unfreiwilliger, lebensbedrohlicher Akt, der zum Tod führt. Die getötete Person übt den Akt gegen sich selbst aus.

Der Suizidversuch: Mit der realen oder vorgetäuschten Absicht, ihren eigenen Tod herbeizuführen, zeigt eine Person ein Verhalten, welches ihr Leben in Gefahr bringt. Dieser Akt endet aber nicht mit dem Tod.

Suizidale Gedanken: Menschen mit suizidalen Gedanken zeigen oft bereits ein Verhalten, aus dem man auf suizidale Absichten schliessen kann. Sie führen aber noch keine lebensbedrohliche Handlung aus. Für Personen, welche solche Verhaltensweisen zeigen, werden folgende Bezeichnungen verwendet:

  • die suizidierte Person: jede Person, welche in Folge eines Suizids verstorben ist.
  • die sich suizidierende Person: jede Person, welche einen Suizidversuch unternimmt.
  • suizidgefährdete Person: jede Person, welche Suizidgedanken hat.

Suizidäres Verhalten betrifft nicht nur die Person, welche es zeigt. Die Umgebung solcher Personen ist ebenfalls zutiefst betroffen. Man unterscheidet zwei Kategorien von solchermassen betroffenen Personen:

  • Drittpersonen: Jede Person, die zur direkten Umgebung einer Person gehört, welche Suizid begeht (Familie, Freunde, Berufskollegen und im weiteren Sinn die Helfenden aus Therapie, Intervention, Pflege etc.)
  • Trauernde Personen: Jede Person, welche durch den Suizid eines nahen Menschen betroffen ist.

Nach dieser Darstellung der Definitionen konzentrieren wir uns kurz auf Bezeichnungen, welche bei Suizid nicht verwendet werden sollten. Wir stellen fest, dass einige Ausdrücke immer noch häufig verwendet werden, obwohl sie nicht wirklich zutreffend sind.

Darunter findet sich der Ausdruck geglückter (vollendeter) oder verfehlter Suizid oder Suizidversuch. Diese Ausdrücke sollten nie in Verbindung mit Suizid oder Suizidversuch verwendet werden. In Wirklichkeit ist der Suizid definiert als vollzogener Akt, welcher zum Tod führt. Andernfalls muss von Suizidversuch gesprochen werden.

Des Weiteren täuscht die Verwendung von Ausdrücken wie geglückt, missglückt oder verfehlt eine Wertvorstellung vor, welche dem Akt zugeordnet wird und welche Vorurteilen Vorschub leistet, die sich auf betroffene Personen beziehen.

1.5 Statistiken für die Schweiz

1.5.1 Suizidrate pro 100’000 Einwohner/innen schweizweit 2017 (ohne und mit Suizidhilfe)

Männer 2016: 19.0 n = 773
Frauen 2016: 6.2 n = 270
Total 2016: 12.6 n = 1043

 

1.5.2 Standardisierte Suizidrate nach Altersgruppen 2017

Grafik 4

0-14 = 0.3
15-34 = 8.1
35-49 = 12.4
50-64 = 18.8
65-79 = 19.5
80+ = 28.3

1.5.3 Suizidraten kantonal 2017, exkl. Sterbehilfe (5 – Jahresmittelwert)

Anzahl Fälle pro 100’000 Einwohner*innen, standartisierte Rate; ZH 2017: 13.0, n = 179

 

1.5.4 Suizidrate nach Geschlecht (2018)

Todesfälle durch Suizid pro 100’000 Einwohner*innen

1.5.5 Suizid nach Alter und Geschlecht, ohne assistierten Suizid (2018)

1.5.6 Assistierter Suizid nach Wohnkanton (2010 – 2014)

1.5.7 Assistierter Suizid und Suizid nach Alter (2010 – 2014)

1.5.8 Suizidmethoden in der ganzen Schweiz, exkl. Sterbehilfe (2016)

1.6 Erklärungstheorien

Verschiedene Theorien haben über verschiedene Zeitepochen versucht, den Suizid zu erklären, und jeder dieser Beiträge geht von einer unterschiedlichen Perspektive aus. Forscher und Kliniker, die sich mit der Frage des Suizids beschäftigen, sind sich darin einig, dass man das suizidale Verhalten nicht mit einem einzigen theoretischen Modell erklären kann. Im Gegenteil: jedes Modell wird durch die Ergänzung anderer bereichert. Das Konzept des angewandten theoretischen Modells ist wichtig, weil es die Interventionen bei der betroffenen Bevölkerung regelt. Zum Beispiel werden die Anwender des sozialen Modells vor allem soziale Interventionen anstreben, während dem die Anwender des medizinischen oder psychiatrischen Modells vor allem an biomedizinischen Aspekten arbeiten. Allerdings sind Personen selten, welche von nur einem Erklärungsmodell ausgehen, und im Allgemeinen wird die Wichtigkeit anerkannt, das Problem globaler und interdisziplinär anzugehen.

1.6.1 Die soziologischen Theorien

Die soziologischen Theorien gehen davon aus, die Anzahl der Suizide spiegelten die soziale Integration einer Person, einer Personengruppe in einer bestimmten Gesellschaft wider. Solche Theorien nähren sich vor allem aus den Arbeiten von Durkheim (1897). Durkheim stellt fest, dass jede Gesellschaft und jede soziale Gruppe sich durch eine bestimmte Zahl von Suiziden charakterisiert.

Wenn die Autoren versuchen, dieses Modell auf unsere heutige Gesellschaft anzuwenden, sprechen sie von einer egoistischen oder gesetzlosen Gesellschaft. Die Charakteristiken einer solchen Gesellschaft sind die soziale Mobilität, der Zerfall der familiären und religiösen Werte, die sozialen Ungerechtigkeiten, das Erscheinen neuer Volksgruppen, das Rennen nach Selbstverwirklichung etc. Dieser gesellschaftliche Typ bringt ein Gefühl der sozialen Verfremdung und des Verlusts von Orientierungspunkten mit sich.

1.6.2 Die medizinisch-psychiatrischen Theorien

Die psychologischen und psychodynamischen Theorien beziehen sich vor allem auf die innerpsychische Dynamik des Individuums. Freud spricht 1910 vom Suizid als einem Prozess, welcher mit der Trauer und der Melancholie verbunden ist. Der erlebte Verlust verkehrt sich in eine Aggression, welche sich gegen die Person selbst wendet. Später, gegen 1920, führt Freud die Begriffe Lebenstrieb und Todestrieb ein.

Dieser theoretische Zugang ist in Bezug auf die psychische Dynamik des Individuums interessant, kann aber das Feld des Begreifens, was Suizid ist, einengen, indem er die Vielfalt der Mitfaktoren ausser acht lässt.

1.6.3 Die psychosozialen Theorien

Die psychosozialen Theorien integrieren die sozialen Aspekte beim Versuch, Suizid zu begreifen. So schlägt Baechler 1975 eine Theorie vor, nach welcher eine Person sich umbringt, um ein existentielles Problem zu lösen, ein Problem, welches die Ganzheit der Situation umfasst. Für diese Person bildet der Suizid die einzige Lösung. Andere, welche sie schon versucht hat, sind gescheitert. Der Suizid wird zur Antwort auf eine Situation, welche ausweglos erscheint, sowohl in der speziellen Umgebung als auch in der gegebenen Zeit. Hier begegnen wir den Situationen der Krise und – präziser – der suizidalen Krise.

1.6.4 Ein ökologisches Modell

Das ökologische Modell ist ein analytischer Rahmen, der berücksichtigt, was mit einer Person (oder einer Gruppe von Personen) sowie in ihrer Umgebung geschieht.

Nach Bronfenbrenner (1987) beinhaltet die Ökologie der menschlichen Entwicklung das wissenschaftliche Studium der progressiven und gegenseitigen Anpassung eines menschlichen Wesens an die Veränderungen des Ortes, das es bewohnt, bei gleichzeitiger Beachtung, dass auch dieser Prozess wieder beeinflusst wird durch die Interaktionen zwischen den verschiedenen Orten und durch das weitere Umfeld, in welchem er stattfindet.

Diese Definition beinhaltet drei wichtige Teile, welche für das Verständnis des ökologischen Modells wichtig sind:

  • Personen agieren in ihrem jeweiligen Umfeld.
  • Die Interaktionen zwischen den Lebensmilieus sind für die Entwicklung einer Person entscheidend.
  • Die weiteren Lebensbedingungen der sozialen und kulturellen Umgebung beeinflussen die Entwicklung der Personen.

Wenn man dieses ökologische Modell annimmt, muss man sich für die Charaktereigenschaften der Person interessieren, um den Suizid zu begreifen. Ebenso auch dafür, was sich im Milieu, in welchem sie täglich lebt, abspielt: in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Familie, im Quartier. Dies bedingt auch, dass man den weiteren Kontext der Kultur und der gesellschaftlichen Werte berücksichtigt, in welchem sich das Leben abspielt. Zum Beispiel: Um zu begreifen, weshalb sich mehrere Jugendliche einer abgelegenen Gegend innert weniger Wochen umbringen, muss man die persönlichen Eigenschaften dieser Jugendlichen untersuchen (ihre Lebensgeschichte, ihre individuelle Vulnerabilität) sowie auch die weiteren Umstände ihrer Lebensgemeinschaft (Was spielt sich in dieser Bevölkerungsgruppe ab? Unter welchen Problemen leidet diese Region? etc). Man muss auch den Zusammenhang mit der Entwicklung der gesellschaftlichen Werte studieren, die Stellung der Jungen, der Familie, den Suizid als mögliche Lösung, die Berichterstattung in den Medien. Folglich verlangt ein Verständnis des Phänomens Suizid die Betrachtung eines weiten Feldes von Variablen. Um nach dem ökologischen Modell dem Suizid vorzubeugen und zu intervenieren, muss man Faktoren berücksichtigen, welche auf verschiedenen Ebenen in der Umgebung des Individuums eine Rolle spielen können.

Was das ökologische Modell kennzeichnet, ist die Überzeugung, dass man ein Phänomen nur begreifen kann, wenn man den weiten Bezugsrahmen studiert, in welchem es erscheint.

1.6.5 Das psychologische Modell von Shneidman

Shneidmann ist der Vater der zeitgenössischen Suizidforschung. Die Interventionen der Telefonberatungsstellen orientieren sich an seinen Schriften. Das psychologische Modell bildet das Herzstück des Werkes von Shneidman. Es unterscheidet sich von anderen theoretischen Erklärungen, indem es einige psychologische Eigenarten einführt, welche zum Zustandekommen eines suizidalen, tödlich ausgehenden Prozesses notwendig erscheinen. Shneidman knüpft diese Eigenarten an genau definierte suizidale Verhaltensweisen, welche mit den folgenden Charakteristiken verbunden sind:

  • Die Person glaubt, dass ihre Handlung (Sprung, Erhängen, Verbrennen etc.) schicksalhaft sei.
  • Der Entschluss, zur Handlung zu schreiten, erfolgt rasch: einige Tage oder einige Minuten vor dem Ereignis.
  • Die Person teilt ihre Absicht nicht direkt mit. Die indirekten Äusserungen werden nicht verstanden oder nicht ernst genommen durch mögliche Retter.

Shneidman unterscheidet vier Eigenarten dieses Typs von suizidalem Verhalten: Eine erhöhte Feindseligkeit (Unfähigkeit zu Freundschaft), eine sich steigende Verwirrung, eine Verengung des Denkens, ein Wunsch, sich abzusondern (oder nach einer Beendigung des Leidens).

Die Feindseligkeit, von der Shneidman spricht, ist die, welche die Person auf ihr Ich projiziert, welches sie als ihren schlimmsten Feind betrachtet. Sie wird von Scham, Schuldgefühlen, Eigenhass begleitet. Der suizidale Prozess beinhaltet eine Steigerung dieser Feindseligkeit bis die Person gegen ihre eigenen Interessen handelt. Die Feindseligkeit drückt sich schliesslich durch einen Wunsch nach Selbstzerstörung aus.

Die Verwirrung geschieht auf dem mentalen Niveau der Person. Sie kann sich unter verschiedenen Formen zeigen: Totaler Rückzug, Schweigen, heftige Aggression etc.. Shneidman räumt ein, dass es schwierig sei, diesen Begriff zu definieren. Es handelt sich wirklich um einen weitgefassten Begriff, welcher einen weiten Teil der psychiatrischen Nomenklatur umfassen kann. Jedoch besteht die Gefahr, allzu spezifisch vorzugehen, in dem man z. B. den Suizid ausschliesslich mit der Depression in Verbindung bringt. Die Depression ist nur eine Form der Verwirrung. Die Verwirrung kann auch beschrieben werden als Schmerz und als unerträglicher psychischer Stress. Später bezeichnet Shneidman diesen Schmerz als Psychache. Es ist für Shneidman offensichtlich, dass eine Erhöhung der Verwirrung oder des Schmerzes, obwohl sie allein nicht zum Suizid führen, doch immer den suizidalen Akt begleiten.

1.6.6 Die Einengung oder die Tunnelsicht

Die Einengung oder die Tunnelsicht verursacht bei der suizidalen Person eine Einengung der positiven Gedanken, der schönen Erinnerungen etc. Sie schneidet sich vom Lebenssinn ab, den sie sich selbst gegeben hat. Sie fixiert ihre Aufmerksamkeit auf die unerträglichen Gefühle, die sie besetzen und auf die Art und Weise, ihnen zu entfliehen.

Eine Erhöhung der Feindseligkeit und der Verwirrung, verbunden mit einer zunehmend auf Angst und Leiden eingeschränkten Realitätssicht zeigen die Dringlichkeit dieser suizidalen Krise auf. Ein Funke genügt, um den Übergang zur Durchführung auszulösen.

Der Funke ist die Entwicklung der Vorstellung der Beendigung (diesen Zustand zu stoppen, der ewige Schlaf oder der Tod). Diese Idee erlaubt es, den Zustand der Verwirrung und der Isolation zu beruhigen, in welchem sich die Person eingeklemmt fühlt. Diese Vorstellung des Endes – Ich nehme mein Schicksal in die eigenen Hände, ich löse mein Problem, ich räche mich, ich stoppe meinen Krebs – bildet den Drehpunkt im suizidalen Prozess. Leider wird diese Vorstellung der Beendigung selten durch die suizidale Person kommuniziert. In Wirklichkeit erscheint diese todbringende Idee derart dramatisch, erschreckend und gefährlich, dass die Person es nicht wagt, darüber zu sprechen. Intervenierende Helfer, welche die drei ersten Symptome bei einer Person entdecken, sollten sehr aufmerksam auf jeder Äusserung betreffend den Tod, das Ende, Aufbrüche etc. achten und nicht zögern, direkt nach suizidalen Absichten zu fragen. Klinisch gesehen scheint diese Verwirrung am ehesten behandelbar zu sein. Es handelt sich darum, der Person zu helfen, gesündere Kontakte mit andern Personen zu pflegen, konkrete Unterstützung zu geben und /oder ihr eine geeignete Medikation zu verschreiben. Die Möglichkeiten zur Kommunikation müssen offen bleiben und die Person muss fühlen, dass ihr Leiden verstanden und ernst genommen wird.

Obwohl diese Modelle die Intervention leiten können, geben sie wenig Anhaltspunkt für eine Prävention. Der nächste Abschnitt über die Begleitumstände zum Suizid wird dem Modell von White entnommen, welcher sich für eine globale Sicht der Suizidprophylaxe einsetzt. Diesen Abschnitt beschliesst ein Teil über den Prozess der Krise und den Suizidprozess, was dann erlaubt, das Voranschreiten der Desorganisation zu erkennen.

1.7 Begleitumstände zum Suizid

Der Suizid ist ein komplexes und vielschichtiges Phänomen. Eine Vielfalt von Ursachen und ein spezieller Umgang mit diesen Ursachen in einem ganz speziellen Lebensabschnitt eines Individuums können zu einer suizidalen Krise führen. Die Laufbahn zum Suizid eines jeden Individuums ist einmalig.

Um die Begleitumstände eines Suizids zu verstehen, stellen wir Ihnen das ökologische Modell von Jennifer White vor, welches den verschiedenen Risikofaktoren und den unterschiedlichen Aktionsniveaus Rechnung trägt.

1.7.1 Die Begleitumstände zum Suizid und zu suizidalem Verhalten

Der Suizid und das suizidale Verhalten geschehen in einem sozialen, ökonomischen und politischen Milieu. Solche Verhaltensweisen sind das Resultat verschiedener Faktoren, welche unter sich in gegenseitiger Interaktion und im Einfluss einer grossen Anzahl von Faktoren stehen. Eine Möglichkeit, diese Vielfalt der Faktoren, welche suizidales Verhalten auslösen können, sichtbar zu machen, besteht darin, sie grafisch darzustellen mit ihren verschiedenen möglichen Einflüssen und Ebenen.

Das Individuum befindet sich im Zentrum des Schemas. Ringsum, angeordnet in verschiedenen Kreisen, findet man die Familie, Kollegen, die Schule, die Gemeinde, die Kultur, die Gesellschaft und die Umwelt. Jeder dieser Kreise stellt eine wichtige Ebene der Ursachen beim Zustandekommen von suizidalem Verhalten dar. (Wie von jedem menschlichen Verhalten.) Dieses Modell ist geeignet, uns die Komplexität des Phänomens des Suizids und seiner vielfältigen Faktoren vor Augen zu führen. Wenn wir versuchen, diese Problematik zu verstehen, müssen wir uns der vielfältigen Faktoren bewusst sein.

1.7.2 Tafel der Ebenen

1.7.3 Vier verursachende Faktoren

Wir müssen uns mit vier Arten von verursachenden Faktoren vertraut machen, wenn wir die Problematik des Suizids und des suizidalen Verhaltens verstehen wollen. Zudem sollen wir dem Individuum, seiner Familie, seinen Kollegen und seiner Gemeinde Rechnung tragen.

Dazu ist zu bemerken, dass der Suizid und das suizidale Verhalten nicht unbedingt einem linearen Verlauf oder einer voraussehbaren Entwicklung folgen. In Wirklichkeit sind verschiedene Wege möglich, welche zu einem solchen selbstdestruktiven Verhalten führen.

Die angelegten Faktoren machen das Individuum besonders verletzlich im Blick auf den Suizid. Solche angelegten Faktoren stammen aus der Lebensgeschichte einer Person oder können vererbt sein. Sie bilden die Plattform, auf welcher sich die Person entwickelt sowohl bezüglich ihres familiären Netzes (familiäre Geschichte des Suizids, der Gewalt, des Missbrauchs, früher Verlusterlebnisse etc.) wie auch ihrer Umgebung (Isolation, Mangel an signifikanten Bindungen, Banalisierung des Suizids etc.). Dazu kommen individuelle Faktoren (Störungen psychiatrischer Natur, Depressionen, frühere Suizidversuche, unverarbeitete Trauer etc.).

So gesehen besteht eine grosse Zerbrechlichkeit, noch bevor ein äusseres Ereignis den Zustand des Gleichgewichts destabilisiert.

Sekundäre Faktoren sind die Verhaltensweisen oder die Ereignisse, welche das bestehende Risiko vergrössern. Dazu zählt der Missbrauch von Substanzen aller Art, der Mangel an Anpassungsfähigkeit, die familiär unstabile Situation, der Mangel an Ressourcen im näheren und weiteren Milieu.

Vorausgehende Faktoren wirken als Auslöser bei einer prädisponierten, zuvor schon verletzlichen Person. Dazu zählen Misserfolge, Beleidigungen oder Kränkungen, Rückweisungen, Liebeskummer, Schwierigkeiten mit der Disziplin etc. Zu gegebenem Zeitpunkt können die erwähnten Faktoren unter Berücksichtigung der Lebensgeschichte eine Person in ihrem Leben, ihren Ansichten und ihrem Verständnis der Dinge destabilisieren und zu einer desorganisierten Situation führen.

Die Schutzfaktoren bestehen in den Bedingungen, welche den Zwang der Risikofaktoren reduzieren. Dies können gesunde Modelle sein, das zur Verfügung stehen von Ressourcen in der Umgebung, wertvolle soziale Fähigkeiten, die Anpassungsfähigkeit, welche einer Person eventuell Alternativen ermöglichen im Angesicht schwieriger Lebenssituationen.

1.8 Der Prozess der Krise und der suizidale Prozess

Wie wird ein Individuum suizidal?

Diese Frage beschäftigt häufig Menschen, welche in der Suizidprävention arbeiten oder welche mit Suizidgedanken eines ihnen nahe stehenden Menschen konfrontiert sind.

In der Mehrzahl der Fälle unternimmt ein Mensch einen Angriff auf sein Leben in einem Moment der Krise. Eine Krise ist eine Phase der Destabilisierung. Jedes Lebewesen lernt im Lauf seines Lebens, sich den Lebenssituationen anzupassen. Dies geschieht in einem bestimmten Kontext – dem seiner persönlichen Geschichte und der ihm eigenen Lebensbedingungen. Man muss hier auch an die Vorbedingungen denken, welche einem Akt vorausgehen, dazu beitragen, ihn beschleunigen oder schützen können, immer in Bezug auf die vorangegangenen Lebensabschnitte. Solche Faktoren bilden gewissermassen die Brutschale, in welcher ein mehr oder weniger ausgeglichenes Gleichgewicht herrscht, dem Glauben mehr oder weniger angemessen, auch einem gesunden Gleichgewicht des Individuums. Die Krise kann unterschiedlicher Natur sein und kann jeden ereilen zu verschiedenen Momenten in seinem Leben. Die suizidale Krise gehört zu einem Typ von Krisen, wie sie im Allgemeinen ablaufen, wie sie weiter unten beschrieben werden.

Das Konzept der Krise

Die Krise beinhaltet verschiedene Stufen: Der Versuch, im Gleichgewicht zu bleiben, der Zustand der Verletzlichkeit, die Desorganisation, mögliche Ausgänge und schliesslich die Überwindung.

Der Versuch, im Gleichgewicht zu bleiben

Jede Person versucht in ihrem Leben einen Zustand des Gleichgewichts zu halten. Wenn nun ein Ereignis ihr System im Gleichgewicht zerstört, versucht sie, den vorausgegangenen Zustand wieder zu finden, der angenehmer war und wendet dabei verschiedene Anpassungsstrategien an. Im Lauf der Zeit hat jede Person beim Durchlaufen verschiedener schwieriger Situationen ihre persönlichen Strategien entwickelt. Besondere Stressfaktoren, positive, wie sich verlieben oder negative, wie der Verlust einer nahe stehenden Person, können aber diesen Gleichgewichtszustand brechen.

Der Zustand der Verletzlichkeit

Wenn nun dieser Zustand des Gleichgewichts gebrochen ist, kann es geschehen, dass die Mittel, welche zur Wiedererlangung dieses Gleichgewichts eingesetzt werden, nicht funktionieren oder nicht mehr genügen. Die Person verliert darauf ihre Fähigkeit, sich den Stressauslösern entgegenzustellen. Sie hat ihr Repertoire an gewohnten Antworten erschöpft, vergisst sie, bedingt durch wiederholte Misserfolge beim Versuch, das Problem zu lösen. Nun schon in einer unbequemen Situation, verliert die Person zunehmend die Kontrolle und sieht ihre Situation nur noch negativ. So befindet sie sich in einem Zustand der Verletzlichkeit und der inneren Spannung. Sie verspürt Traurigkeit, Angst und Panik, was die innere Spannung, in welcher sie lebt, noch erhöht.

Eine verletzliche Person befindet sich nicht gezwungenermassen in einer Krise. In dieser Etappe jedoch genügt ein Auslöser, ein hereinbrechendes Ereignis, um ein erneutes Ungleichgewicht herbeizuführen, welches dann die Person in eine Krise bringen kann. Diese Situation kann auf zwei Weisen aufgelöst werden. Auf der einen Seite könnte die Person versuchen, neue Optionen und Anpassungsstrategien zu entwickeln, welche ihr das Wiedererlangen eines gewissen Gleichgewichts erlauben. Solche Optionen können sich als wahrhaft glücklich erweisen und der Person ermöglichen, neue Mechanismen zu erwerben. Andernfalls kann die Person aber auch beim Versuch scheitern, ihre Schwierigkeiten zu lösen. Das kann dazu führen, dass sich der Zustand der Verletzlichkeit in Richtung Krise entwickelt.

1.8.1 Die Krise

Nach Caplan, 1964 (zitiert bei Aguilera und Messik 1976) wird die Krise definiert als Periode der Desorganisation und der Verwirrung, ausgelöst durch ein Hindernis in den wichtigen Lebensfragen einer Person. Für eine bestimmte Zeit scheint dieses Hindernis unüberwindbar mittels der üblichen Problemlösungsstrategien. Die Spannung wird unerträglich. Die Krise zeigt sich in zwei grossen Etappen: die Desorganisation und die Überwindung. Während der Periode der Desorganisation steigt das Leiden je länger der Zustand andauert und je weniger die Person Möglichkeiten zur Lösung des Problems findet. Sie versucht wiederholt zu einer Lösung zu kommen, jedoch ohne Erfolg. Der Zustand der Krise wird zum Zustand des extremen Ungleichgewichts.

Die Desorganisation

In dieser Phase bemerkt man Veränderungen in verschiedenen Bereichen:

  • Im affektiven Bereich verstärken sich alle je erlebten Gefühle der Ängstlichkeit, der Angst, der Depression, des Unvermögens und der Schuld, welche aus dem Zustand der Verletzlichkeit stammen.
  • Im kognitiven Bereich wird das Individuum durch sein Problem komplett überschwemmt und wird unfähig, den gesunden Menschenverstand, seine Fähigkeiten und seine Urteilskraft zu gebrauchen, um seine Situation klar zu sehen. Sein Problem erscheint ihm unlösbar.
  • Im Bereich des Verhaltens kann man Veränderungen oder das Verschwinden gewisser gewohnter, alltäglicher Aktivitäten beobachten (Arbeit, Vergnügen, Schlaf), das Erscheinen eines ungewöhnlichen Benehmens (Aggressivität, Wutausbrüche, Weinkrämpfe) oder auch die Verstärkung einiger schon früher beobachteter Verhaltensweisen (Einzelgängertum, welches sich noch verstärkt).
  • Im physiologischen Bereich führen Ermüdung und Agitation, vermehrte Muskelspannungen oder Bluthochdruck zu einem zunehmenden Rückgang der Kräfte.

Man kann nicht lange im Zustand der Krise verweilen. Es muss etwas geschehen, damit sich die erlebte Spannung reduziert.

Wir können drei Typen des Ausgangs einer Desorganisation feststellen: positiv, neutral oder negativ.

Der positive Ausgang

Die Arbeit geschieht über die auslösenden Elemente und Symptome und führt vor allem zu einer Reduktion des Einflusses der Risikofaktoren und zu einer Erhöhung der Schutzfaktoren. Die positiven Lösungen arbeiten darauf hin, das aktuelle Problem zu lösen, mit dem Ziel, die Person zu einem Gleichgewichtszustand zu bringen oder sie hier zu halten.

Sehr häufig führt dies auch zu mittel- oder langfristigen Veränderungen, wie z.B. einen Freund um Hilfe zu fragen, um ein Problem zu lösen.

Der neutrale Ausgang

Die Arbeit geschieht auf dem Niveau der auslösenden oder beschleunigenden Elemente. Solche Lösungen erlauben es, die aktuelle Verletzlichkeit der Person zu begrenzen. Sie führen zu spontanen Veränderungen, welche meist nur kurze Zeit andauern (z.B. sich für einige Stunden zurückziehen, um sich zu beruhigen und wieder zu fassen, bevor man das Problem direkt angeht). Solche Lösungen bewähren sich jedoch kaum auf lange Sicht, denn die Probleme können schon wenig später wieder kommen.

Der negative Ausgang

Die negativen Lösungen tragen dazu bei, dass die Person in einer Krise verharrt oder durch übertriebenen Einsatz bemuttert wird. Oft ist diese Art Lösung wenig oder gar nicht geeignet, das erlebte Problem zu lösen, trotz anfänglich scheinbar kurzer Erleichterung (z.B. sich Betrinken). Sehr oft vergrössert dieser Typ des Lösungsversuchs nur das Problem, welches zur Desorganisation geführt hat, worauf die Person in einen suizidalen Prozess gerät. Es kann auch geschehen, dass eine Person, nachdem sie eine negative Problemlösungsstrategie versucht hat, sich eine neutrale oder eine positive Strategie aneignet.

Die Überwindung

In dieser Phase angekommen, gewinnt das Individuum nach und nach seine Möglichkeiten zurück, wird aufnahmefähig und ist im Allgemeinen bereit, auch Hilfe von aussen anzunehmen. Es kann geschehen, dass diese Haltung erreicht wird, nachdem jemand die vorangegangenen Phasen durchlaufen hat.

Die Wahrnehmung ist verändert, die Person wird sich ihrer Situation realistisch bewusst, sieht ihre Probleme in akzeptierbaren Dimensionen und versucht sie nach und nach anzugehen. Sie ist bereit, sich anzustrengen, um die Situation zu verstehen und Aktionen zu unternehmen, um sie zu verbessern. Sie will in Zukunft nicht mehr eine solch intensive Verzweiflung durchleben.

1.8.2 Die suizidale Krise

Was wir im Abschnitt über die Krise gesehen haben, kann auch durchaus auf die suizidale Krise angewandt werden. Die Faktoren der Prädisposition, Begleitfaktoren und Schutzfaktoren im Angesicht dieser speziellen Problematik sind zutiefst in unserem Wesen eingeschrieben. Wir versuchen einen Zustand des Gleichgewichts zu halten, welcher immer wieder mehr oder weniger stark gestört wird durch die Lebensereignisse.

Die suizidale Krise ist charakterisiert durch den suizidalen Prozess, welcher aus verschiedenen Etappen besteht: Die Suche nach einer Lösung, der Flash, die Entwicklung suizidaler Gedanken, die innere Aufruhr, die Verhärtung, den auslösenden Anlass und den Schritt zur Tat.

1. Suche nach einer Lösung (Anfang der Krise)

Im Lauf dieser ersten Phase des Prozesses macht die Person ein Inventar der verschiedenen möglichen Mittel, um ihr Leiden zu verringern. In einigen Fällen ist das Angebot solcher Strategien beschränkt oder es verringert sich nach und nach in dem Mass, wie die Lösungsversuche keine erwünschte Änderung herbeiführen.

2. Der Flash (oder der Gedankenblitz)

Auf der Suche nach Lösungsmöglichkeiten kann es geschehen, dass die Person zur Einsicht kommt, der Suizid könnte eine taugliche Lösung sein, um das Leiden auszuschalten. Eine solche Idee kann wieder verschwinden und nie mehr erscheinen oder aber später wieder auftauchen. In dieser Phase hört man Aussagen dieser Art: Es lohnt sich nicht zu kämpfen.

3. Die Entwicklung suizidaler Gedanken.

Der Prozess schreitet voran. Suizidgedanken werden zunehmend häufig. Die Person verwirft Lösungen, welche ihrem Leiden keinerlei Erleichterung oder Besserung bringen. Je mehr die Zahl der Lösungen abnimmt, desto mehr steigt die Angst. Mit der Zeit wird die Situation unhaltbar. Der Suizid erscheint wie eine Lösung. Die Person verweilt bei diesem Gedanken immer länger.

4. Der innere Aufruhr

Diese Phase des Prozesses wird durch grosse Angst charakterisiert. Die Person fühlt sich unfähig, einen Ausweg zu finden und glaubt, es gäbe keine Alternativen. Die Misserfolge, die sich beim Versuch das Problem zu lösen, häufen, scheinen zu überzeugen, dass es keine andern Lösungen gibt.

Diese Einschätzung ist subjektiv. Bedingt durch die Krise, welche die Person durchleidet, sieht sie mögliche Alternativen nicht. Die Person denkt unablässig an den Suizid und arbeitet mögliche Szenarien immer weiter aus. Diese konstante und regelmässige Wiederkehr der Suizidgedanken mildert das Leiden. Die Person kann Botschaften aussenden wie diese: Wenn ich tot wäre, wäre mein Problem gelöst.

5. Verhärtung und Ausarbeitung eines Plans zum Suizid.

In der Etappe der Verhärtung betrachtet die Person den Suizid als letzte Lösung ihres Leidens und sieht dabei keine andere Lösung mehr als den Suizid. Das Leiden ist unerträglich, es muss aufhören! Der Suizid wird als letzte Lösung gehandelt. Jede andere Form einer Lösung erscheint ungenügend.

Aus dem Problem wir der suizidale Akt und seine Umsetzung in die Tat. Es ist die Etappe, in welcher die Person ihren Suizid plant (wo, wie, wann) und ihre Angelegenheiten regelt.

Es geschieht häufig, dass die Person, wissend, dass ihr Leiden einem Ende entgegen geht, sich erleichtert fühlt und ihrer Umgebung ein Bild der Ruhe und Heiterkeit zeigt. Nicht dass sie sich über den bevorstehenden Tod freut, vielmehr spürt sie eine Erleichterung. Die Botschaften werden indirekt, etwa in der Art: Schau, ich gebe Dir meine Kassette, ich brauch sie nicht mehr…. (Es kann auch geschehen, dass die Person den Übergang zum Akt aus verschiedenen Gründen hinauszögert, zum Beispiel, um genügend Tabletten zu sammeln oder einen Geburtstag abzuwarten).

6. Übergang zur Tat

Der suizidale Prozess ist weit fortgeschritten und die Idee des Suizids hat sich erhärtet. Der Übergang zur Tat ist nahe liegend. Manchmal kann er in der Folge eines weiteren auslösenden Ereignisses geschehen, oft ist dies der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Es kommt zu einer langen Reihe von Verlusten und Misserfolgen hinzu. Um gut zu verstehen was geschehen ist, muss man nicht nur dieses eine Ereignis in Betracht ziehen, sondern den suizidalen Prozess als Ganzes. In dieser Etappe setzt die Person ihren suizidalen Plan in die Tat um.

1.8.3 Grafische Darstellung des suizidalen Prozesses

In dieser Grafik sehen wir den Tunnel, in welchem die suizidale Person sich vermeintlich befindet. In ihren Augen gibt es je länger je weniger Alternativen, um das Leiden zu beenden.

Der Prozess kann kurz sein oder lang, die Person kann in einer Etappe recht lange verharren oder sich während einer gewissen Zeit zwischen zwei Etappen hin und her bewegen. Es ist wichtig, immer vor Augen zu halten, dass es uns möglich ist, in jeder Etappe des Prozesses zu intervenieren.

Kapitel 2

Suizidbetroffene verstehen

2.1 Was ist Trauer? Einführung ins Thema

Trauer ist die natürliche Reaktion auf einen bedeutenden Verlust. Eine Trauerreaktion zeigt sich nicht nur nach Todesfällen, sondern kann auch nach anderen bedeutenden Verlusten ausgelöst werden (Trennung, Scheidung, Verlust von Jugend, Gesundheit, Arbeitsplatz, Heimat usw.).

Gleichzeitig muss nicht jeder Todesfall zwingend einen Trauerprozess auslösen. Eine Phase der Trauer wird dann erlebt, wenn der Tod als bedeutender Verlust empfunden wird.

Diese Trauerdefinition hebt hervor, dass Trauer etwas Normales ist. Trauer ist keine Krankheit, keine Katastrophe, keine Fehlfunktion und kein Zeichen von psychischer oder charakterlicher Schwäche, sondern ein normaler, gesunder und psychohygienisch zentraler Prozess der Verarbeitung von einschneidenden Verlusten und Veränderungen.

Die Trauer kann sich in verschiedenen Formen äussern:

  • Veränderungen des psychischen Wohlbefindens (z.B. Empfindungen von Schmerz und Angst, depressive Verstimmung)
  • mentale Veränderungen (z.B. Wahrnehmungsstörungen, verlangsamtes oder vereinfachtes bzw. magisches Denken)
  • Veränderungen des körperlichen Wohlbefindens (z.B. Schlafstörungen, Herz-, Magen-Darm- oder Atemwegsbeschwerden etc.)
  • Verhaltensänderungen (z.B. Erstarrung oder Ruhelosigkeit, Verwahrlosung, Alkohol-
    oder Tablettenkonsum)
  • Verändertes Sozialverhalten (z.B. zeitweiliger Rückzug von der Erwerbstätigkeit, Rückzug aus dem sozialen Leben oder besondere Anhänglichkeit, Aggressivität, Teilnahmslosigkeit u.a.)

2.1.1 Merkmale von Trauerprozessen nach einem Suizid

Als traumatische Trauerreaktionen gelten Trauerprozesse nach unerwarteten und plötzlichen Todesfällen (z.B. Verkehrsunfälle, Mord, plötzlicher Kindstod, Arbeitsunfälle, Naturkatastrophen). Wie andere Verluste durch einen Todesfall ist auch ein Verlust durch einen Suizid häufig überraschend und heftig, und er kann bei der trauernden Person (Survivor) ein Trauma hervorrufen. Trauerreaktionen nach einem Tod durch Suizid haben viel mit denjenigen nach anderen unerwarteten und plötzlichen Todesfällen gemeinsam. Sie weisen jedoch auch spezifische Merkmale auf:

  • Die Frage nach dem «Warum?»: Hinterbliebene suchen zwangsläufig nach einem Grund für das Geschehene. Vielleicht erhoffen sie sich, dadurch in einer Welt, die plötzlich unberechenbar geworden ist, ein Gefühl der Kontrolle wiederherstellen zu können.
  • Erleichterung: Bei der Familie oder bei Freunden, welche vor dem Suizid über Jahre hinweg mit der psychischen Erkrankung einer geliebten Person gelebt haben, kann ein Gefühl der Erleichterung eintreten, da sie sich von der konstanten Sorge befreit fühlen.
  • Die Suche nach Schuldigen: Schuldzuweisungen können für manche Betroffene als erste Reaktion ein Weg sein, um zu verstehen, was geschehen ist.
  • Stigma und Isolation: Es ist nicht einfach, Witwe oder Witwer, Mutter oder Vater, Sohn oder Tochter einer Person zu sein, die sich das Leben genommen hat. Daher kann es zu einem schleichenden sozialen Ausschlussprozess der Survivors kommen. Das Leiden wird häufig geleugnet oder verdeckt, ist jedoch im Alltag der Betroffenen immer präsent.
  • Wut: Survivors fühlen sich von ihren Geliebten allein gelassen und empfinden häufig auch Wut gegenüber der Person, die sie verlassen hat. Wut ist eine natürliche Reaktion auf eine Verletzung. Es ist hilfreich, über diese Wut zu sprechen und einen Weg zu finden, um damit umzugehen.
  • Dadurch, dass Hinterbliebene einen Suizid in der Regel zu verheimlichen und zu vertuschen versuchen, ist oft auch kein Gespräch mit anderen über die Warum-Fragen möglich. Die Scham und eigene defizitäre Gefühle, versagt und nicht geholfen zu haben, nichts gemerkt zu haben, Suizidankündigungen nicht ernst genommen zu haben oder Depressionen bagatellisiert zu haben, treiben Hinterbliebene oft in die Isolation.
  • Viele Hinterbliebene empfinden den Suizid einer nahestehenden Person als Stigma. Dies führt oft sowohl bei den Personen selber, als auch in ihrem Umfeld zu einer Tabuisierung des Themas, was zur Folge hat, dass oft nicht über den Suizid gesprochen wird. Dies kann zu neuen Verletzungen bei den Betroffenen führen.
  • Nach einem Suizid müssen Hinterbliebene hart daran arbeiten, ihr Leben neu zu organisieren. Sie sind gezwungen, ihren Lebensstil, ihre Gewohnheiten und auch ihre Prioritäten zu ändern. Aus diesem Prozess kann auch ein persönliches Wachstum resultieren. Hinterbliebene lassen sich mehr auf ihre Gefühle ein, sind dankbarer für ihr Leben und aufmerksamer für kleine Dinge. Manche Betroffene werden verständnisvoller, indem sie andere besser akzeptieren und ihnen gegenüber mehr Mitgefühl zeigen können.

2.1.2 Trauerreaktionen von Kindern und Jugendlichen

Der Verlust eines Elternteils kann die Welt eines Kindes zerstören. Nach einem unerwarteten Todesfall werden bei jungen Betroffenen häufig Energiemangel, Schlaf- oder Essstörungen, Ruhelosigkeit, Reizbarkeit, Schuldgefühle, sozialer Rückzug, Konzentrations- oder schulische Probleme beobachtet. Diese Belastungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit für eine körperliche Erkrankung. Manche Kinder wirken wütend oder frustriert, andere haben suizidale Gedanken oder sind depressiv und ängstlich. Manchmal führt der Verlust zu einer Identitätskrise, insbesondere, wenn es sich um einen Suizid handelt. Ähnlich wie Erwachsene kämpfen viele junge Menschen mit Trauerreaktionen wie eindringlichen Bildern oder Ängsten, die in Verbindung mit dem Todesfall stehen. Andere fühlen sich dazu gezwungen, unverhältnismässig viel Energie aufzuwenden, um zu vermeiden, dass sie an den Todesfall denken oder daran erinnert werden. Dies kann auch dazu führen, dass die Person sich nicht mehr in der Lage fühlt, Freunde zu treffen und/oder sozialen Verpflichtungen nachzukommen. Das Verlustgefühl ist oft schwer zu ertragen und für manche Betroffene ist dies so schwierig, dass sie nach dem Todesfall nicht zu ihren Alltags-Aktivitäten oder in die Schule zurückkehren können.

Frustration, Wut und Labilität sind verbreitete Reaktionen bei jungen Menschen. Jedes Detail kann eine spezielle Bedeutung erhalten und Wut oder Frustration hervorrufen. Sogar Bemerkungen von Freunden können zu einer Leidensquelle werden – insbesondere Freunde, die der betroffenen Person nicht so nahe stehen, können Bemerkungen machen, die potenziell schädlich sind, ohne sich dessen bewusst zu sein. Vor allem kleine Kinder zeigen sich manchmal wenig sensibel gegenüber dem kürzlich erfolgten tragischen Ereignis.

Nicht alle Hinterbliebenen erhalten von ihren Freunden die Unterstützung, die sie brauchen würden. Manchmal liegt es daran, dass sie sich freiwillig von ihrem bisherigen sozialen Netzwerk abgewandt haben. Es kann aber auch daran liegen, dass junge Hinterbliebene sich reifer fühlen als ihre gleichaltrigen Freunde. Nach dem schweren Verlust können sie das Zusammensein mit ihren Freunden nicht mehr so sorglos geniessen wie zuvor. Sie müssen damit zurechtkommen, dass sie nun denken wie Erwachsene und sich gleichzeitig noch wie ein Kind oder ein Jugendlicher fühlen. Zudem erhalten sie mit ihren «erwachsenen» Gedanken keine Anerkennung und kein Verständnis von ihren Freunden. Da sie nicht mehr denken wie vorher, haben sie das Gefühl, Monate oder sogar Jahre ihres Lebens und sogar einen Teil ihrer Jugend verloren zu haben.

Bei Trauerreaktionen von Kindern zeigen sich Geschlechtsunterschiede. Trauernde Jungen tendieren dazu, ihre Probleme zu externalisieren (d.h. sie haben ein nach aussen gerichtetes Bewältigungsverhalten). Die Trauer äussert sich häufiger in aggressiven Verhaltensweisen als bei trauernden Mädchen. Diese verarbeiten den Verlust häufiger internalisierend (grübelnder Bewältigungsstil, bei dem die Aufmerksamkeit stark nach innen gerichtet ist; damit verbunden sind häufig Symptome wie sozialer Rückzug und Ängste).

Nach einem Suizid haben junge Betroffene oft Mühe, über längere Zeit aufmerksam zu sein. Damit sind oft schulische Schwierigkeiten verbunden, da sie länger brauchen, um etwas zu lernen und dabei auch grössere Schwierigkeiten haben. Sie fallen manchmal durch Prüfungen oder schreiben schlechtere Noten, was den Leidensdruck vergrössert. Dazu kommt der starke innere Druck, der durch die Trauer entsteht. Die Betroffenen haben allmählich das Gefühl, Versager zu sein und sind nicht mehr fähig, dasselbe Leistungsniveau wie vor dem Todesfall zu erreichen. Lehrpersonen, die dieses Verhalten beobachten, sich aber nicht bewusst sind, dass nach einem traumatisierenden Verlust Konzentrations- und Gedächtnisprobleme auftreten, werden dem trauernden Schüler nicht gerecht.

Allerdings können Kinder häufig bedrohliche Gedanken und schmerzhafte Erinnerungen von sich fernhalten, wenn sie etwas tun, was ihnen Freude macht.

Ein Suizid in der Familie hat auch einen starken Einfluss auf die Eltern-Kind-Beziehung. Verfügen Eltern und Kinder über unterschiedliche Informationen über den Tod und dessen Umstände, kann dies zu schwerwiegenden Beziehungsproblemen führen. Wenn der Todesfall im Laufe der Zeit zum wichtigsten Thema der Familie wird, ist es schwierig, Gedanken und Gefühle zusammen zu teilen. Nach und nach kann dadurch die ganze Kommunikation der Familie kompliziert werden. Dadurch wird nicht nur der Austausch von Sichtweisen und Informationen erschwert, sondern es werden auch die Möglichkeiten für die gegenseitige Unterstützung reduziert.

Wenn Eltern ein Kind verlieren oder wenn ein Elternteil plötzlich und unerwartet stirbt, werden die Eltern-Kind-Rollen häufig radikal verändert. Manchmal geraten Eltern so stark unter Druck, dass sie sich für eine gewisse Zeit nicht einmal mehr um sich selbst kümmern können. So werden die Kinder zu Betreuungspersonen, da sonst niemand diese Rolle übernehmen kann. Es kommt vor, dass ältere Geschwister für jüngere Verantwortung übernehmen, für sie kochen oder andere Pflichten übernehmen, denen die erwachsene Betreuungsperson nicht mehr nachkommen kann. Manchmal kehren auch junge Menschen, die bereits ausgezogen sind, ins Elternhaus zurück, um sich um ihre Eltern und die jüngeren Geschwister zu kümmern.

Manche junge Menschen befürchten auch, dass ihren Eltern etwas zustossen könnte. Viele sprechen nicht mit ihren Eltern über diese Angst, da sie der Meinung sind, diese hätten schon genug zu tragen. Gewöhnlich erhalten diese jungen Menschen auch keine Unterstützung von ihren Eltern. Sie fühlen sich in ihrem Trauerprozess allein gelassen und entsprechend wichtig ist es, dass eine Person, die der Familie nahe steht, sich um junge Menschen kümmert, die eine Betreuungsperson oder ein Geschwister verloren haben. Sie kann diese unterstützen, indem sie einfach bei ihnen ist, ihnen Zeit widmet, ohne eine Gegenleistung zu erwarten und bei der jungen Person ist, um mit ihr den Schmerz auszuhalten, den diese erleidet.

2.1.3 Wichtige Erkenntnisse der Suizidforschung in Bezug auf die Trauernden

Lange wurde über das Phänomen Suizid und insbesondere über dessen Auswirkungen und die Trauer der Hinterbliebenen hinweggesehen. Das Interesse der Öffentlichkeit wie auch der Wissenschaft an den Auswirkungen eines Suizides ist erst seit ein paar Jahrzehnten vorhanden. Für diese erstaunliche Erkenntnis gibt es einige mögliche Gründe:

  • In den meisten Kulturen gab (oder gibt es) zu viel Stigmatisierung, Verneinung und Mangel an Verständnis für den Tod durch Suizid.
  • Die Survivors erkannten nicht, dass sie Hilfe brauchen, gaben es nicht zu oder akzeptierten diese nicht, wenn sie ihnen angeboten wurde.
  • Wird ein Problem in der Öffentlichkeit nicht thematisiert, ist es, als wenn es nicht existieren würde.
  • Postventions-Programme waren schlichtweg nicht vorhanden: Vor 10 Jahren gab es in Europa nur 17 Länder, in welchen Programme für Survivors existierten. Auch hier wird deutlich, wie sich die Stigmatisierung, Tabuisierung und die Verneinung auf allen Ebenen auswirkt, insbesondere auf derjenigen der Entscheidungsträger (Politiker, Personen, die den Lehrplan für die Schulen festlegen etc.).
  • Die Angst vor dem Suizid und vor dem Schmerz, der damit verbunden ist: So schien es in der Vergangenheit eine geeignete Prävention zu sein, die Survivors zu ignorieren oder sogar zu strafen.

Die Forschung zeigt, dass Hinterbliebene nach einem Suizid grossen Belastungen ausgesetzt sind, und dass sich dadurch das Risiko für eine Imitationstat erhöht.

2.2 Prolongierte Trauer nach einem Verlust durch Suizid

Der Verlust eines geliebten Menschen ist ein einschneidendes Lebensereignis, das zur Bewältigung viel Kraft erfordert. Wenn sich eine nahestehende Person das Leben genommen hat, löst dies einen komplizierten und prolongierten Trauerprozess aus. Trauer ist keine Krankheit, aber sie kann krank machen, wenn man sie nicht zulässt. Es ist notwendig, durch sie hindurchzugehen, um wieder aufzuleben. Dabei kann es hilfreich sein, Gleichbetroffenen zu begegnen und in einem geschützten Raum seiner Trauer Ausdruck zu verleihen.

Die Veränderung des Terminus im wissenschaftlichen Kontext zeigt die Erkenntnis auf, dass eine traumatisierende Verlusterfahrung einen Trauerprozess einleitet, der in der Regel nicht krankhaft oder kompliziert ist. Entsprechend werden heute Survivors weniger als krank oder kompliziert eingestuft:

  • Pathologische Trauer (Horowitz 1993)
  • Komplizierte Trauer (Horowitz et al. 1997; Prigerson et al. 1995)
  • Traumatische Trauer (Prigerson et al. 1997)
  • Prolongierte Trauer (Prigerson et al. 2007)

Jeder Mensch geht nach seinem eigenen Rhythmus durch die verschiedenen Trauerphasen hindurch. Zwar treten beim Verlust eines Angehörigen durch Suizid Trauerreaktionen auf, die für diese Art von Tod als typisch erachtet werden, ihre Reihenfolge und Intensität sind jedoch bei jedem Hinterbliebenen anders. Der Weg durch die Trauer wird von der emotionalen Beziehung zwischen dem Hinterbliebenen und dem Verstorbenen, den Umständen des Todes und den persönlichen Voraussetzungen des Angehörigen beeinflusst.

Die verschiedenen Gefühle sind womöglich zu gewissen Tageszeiten, Wochen- oder Jahrestagen besonders stark. Zum Beispiel zur Tageszeit, bei der man glaubt, dass der Tod erfolgte oder an speziellen Tagen wie Geburts- oder anderen Feiertagen. Zudem können verschiedene Gefühlszustände durch die Wahrnehmung bestimmter Gerüche, Geräusche oder Bilder plötzlich und unerwartet ausgelöst werden.

2.2.1 Gefühlschaos

Schock

Der unerwartete, gewaltsame Tod eines nahestehenden Angehörigen ist ein grosser Schock. Er kann Tage, Wochen oder auch Monate dauern. Nicht alle erleben diesen Schockzustand gleich stark.

Die Psyche erlaubt einem, den Verlust nur langsam zu realisieren. Sich nach dem Tod eines geliebten Menschen benommen zu fühlen ist deshalb nichts Ungewöhnliches. Was geschehen ist, erscheint unreal, wie ein Traum. Dieser Zustand verzögert emotionale Reaktionen und ermöglicht es, dringende Angelegenheiten zu regeln, wie zum Beispiel die Organisation der Beerdigung. Dieser Schutz nimmt allmählich ab und der emotionale Schmerz beginnt.

Wenn der Tod plötzlich eintrifft, ist es schwierig zu begreifen, dass der Verlust endgültig und real ist. Den Verlust zu akzeptieren, erscheint einem unmöglich. Verwirrung, Panik und Angst sind übliche Zustände in diesem Kampf zwischen Wissen um und Zweifel am Tod der geliebten Person.

Schnee im August

Ich war ein Kind, das am Bahnsteig im Schnee stehen gelassen wurde. Der Zug fuhr so schnell weg, dass ich nicht einmal mehr winken oder ihm hinterherrennen konnte. Er war einfach plötzlich weg. Mit meiner Mutter drin. Sie sass in der Lokomotive.

Ich stand da in meinem Sommerkleid, luftig und bunt. Und es schneite, dichter als jeder Nebel. Ich sah keine Rücklichter, hörte kein Pfeifen, kein Zischen. Kein Zeichen, dass es vorbei war. Es war einfach vorbei.

Dieses Kind stand lange dort, es stand jahrelang wie angewurzelt an diesem kalten Bahnsteig und schaute dem Zug hinterher, mit dem seine Mutter weggefahren war. Jahrelang unter denselben dichten Schneeflocken, die augenblicklich schmolzen, sobald sie auf den heissen Augustboden trafen.

Silvia Blaser in «Darüber reden», Johannes Petri Verlag

Schuldgefühle

Schuldgefühle gehören zum Trauerprozess und sind beim Verlust eines geliebten Menschen durch Suizid besonders stark. Familienangehörige und Freunde fühlen sich oft schuldig dafür, dass sie den Suizid nicht vorhergesehen und verhindert haben. Sie spielen das Ereignis immer wieder in ihrem Kopf durch. Es ist wichtig zu erkennen, dass man nur beschränkt die Verantwortung für andere Menschen trägt. Schlussendlich ist niemand für die Entscheidung eines anderen verantwortlich.

Vorwürfe

Nach einem Schuldigen zu suchen ist eine menschliche Reaktion auf den plötzlichen Tod. Trauernde Familien, insbesondere trauernde Eltern, werden häufig für den Tod mitverantwortlich gemacht. Möglicherweise schreiben sich Familienangehörige auch gegenseitig die Verantwortung zu. Anfangs können Schuldzuweisungen für gewisse Menschen ein Weg sein, dem Ereignis einen Sinn zu geben. An diesen Schuldzuweisungen festzuhalten, kann jedoch zu zusätzlichen Schwierigkeiten im Trauerprozess führen.

Wut

Oft fühlen sich Suizidhinterbliebene von der verstorbenen Person abgelehnt und im Stich gelassen. Sie sind wütend darüber, dass diese geliebte Person sie verlassen hat. Wut ist eine natürliche Reaktion auf eine seelische Verletzung. In der Regel nehmen diese Gefühle mit der Zeit ab.

Erleichterung

Für jene Familien, in denen die verstorbene Person über Jahre hinweg unter einer chronischen psychischen Krankheit litt, ist deren Tod eventuell auch eine Erleichterung. Es ist in Ordnung, so zu fühlen. Das bedeutet nicht, dass man sich den Tod der geliebten Person gewünscht hat.

Körperliche und psychische Reaktionen

Der komplexe Trauerprozess um einen Angehörigen kann körperliche und psychische Reaktionen auslösen: Ruhelosigkeit, Schlaflosigkeit, Müdigkeit und Alpträume kommen häufig vor. Zudem kann es zu Gedächtnis- und Konzentrationsverlust kommen. Vergesslichkeit ist ein üblicher aber vorübergehender Nebeneffekt davon. Trauern braucht so viel Energie, dass andere Dinge an Wichtigkeit verlieren. Schwindel, Herzklopfen, Atemschwierigkeiten, Würgegefühle in Hals und Brust können auftreten. Intensiver emotionaler Schmerz kann von körperlichen Schmerzen begleitet sein. Muskelanspannung kann zu Kopf-, Nacken- und Rückenschmerzen führen. Appetitverlust, Übelkeit, Durchfall und Unregelmässigkeiten in der Monatsblutung bei Frauen sind normale körperliche Reaktionen. Auch das sexuelle Bedürfnis kann beeinträchtigt sein. Die körperlichen Reaktionen vergehen mit der Zeit.

Hoffnungslosigkeit

Gefühle der Hoffnungslosigkeit treten im Trauerprozess häufig dann auf, wenn man endgültig realisiert hat, dass die geliebte Person nicht mehr zurückkommt. Die Hinterbliebenen fühlen sich dann oft verzweifelt und energielos. Das Leben erscheint ihnen sinnlos. Gefühle der Gleichgültigkeit allem und allen sowie sich selber gegenüber sind normal. In der Folgezeit des Todes sind Suizidgedanken nichts Aussergewöhnliches. Sie entstehen aus Sehnsucht nach dem Verstorbenen oder aus der Überforderung durch die momentane Lebenssituation.

Angst

Angst tritt im Trauerprozess häufig auf. Heftige und verwirrende Emotionen, Panik und Alpträume können Trauer zu einer beängstigenden Erfahrung machen. Manche Menschen fürchten sich davor, ihnen könnte noch einmal etwas Ähnliches widerfahren. Sie haben Angst um sich selber oder um diejenigen, die ihnen nahe stehen. Gewisse Menschen haben das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren oder zusammenzubrechen.

2.2.2 Oft gestellte Fragen

Weshalb nehmen sich Menschen das Leben?

90% aller Menschen, die sich das Leben nehmen, litten an einer psychischen Krankheit. Rund 70% litten an einer Depression. Suizide sind nicht vergleichbar. Gemeinsam ist dieser Handlung aber, dass Menschen, die durch Suizid sterben, nicht sterben wollen, sondern einfach nicht auf diese Art und Weise weiterleben können. Dabei sind sie nicht mehr im Stande, rational verschiedene Handlungsalternativen sowie ihre jeweiligen Konsequenzen zu betrachten und zwischen ihnen zu wählen. Menschen mit Depressionen können nicht so denken wie eine gesunde Person. Aufgrund der Krankheit sind sie nicht fähig, sich ihre eigene Zukunft vorzustellen und sich auf etwas zu freuen. Sie verlieren jegliche Hoffnung. Schwere Depressionen führen zur Unfähigkeit, an die Personen im eigenen Umfeld zu denken.

Gibt es gewisse Zeiten, die schwieriger sind, als andere?

Für die meisten Angehörigen sind Zeiten, in der die Familie zusammen ist, wie Sonn- und Feiertage, Geburtstage oder sonstige Familienereignisse besonders schwierig. Denn dann werden viele Erinnerungen an die verstorbene Person geweckt. Manchmal sind es vor allem die Tage davor, die am schlimmsten sind.

Vorauszuplanen kann helfen. Zum Beispiel, indem man sich vorher überlegt, was man an diesem Tag alles tun könnte. Im Voraus nach verschiedenen Alternativen zu suchen, bietet einem die Möglichkeit, in letzter Sekunde die Pläne zu ändern.

Viele Menschen empfinden es als hilfreich, etwas anderes zu tun, um an Feiertagen mit Traditionen zu brechen. Man könnte sich beispielsweise mit anderen Leuten treffen als gewöhnlich oder an einen anderen Ort gehen.

Trauern Frauen und Männer unterschiedlich?

Das Geschlecht ist einer von vielen Faktoren, die Einfluss auf die Art und Weise haben, wie man trauert. In der Regel tendieren Männer dazu, in ihrer Trauer physisch aktiv zu sein. Zum Beispiel indem sie praktische Familienprobleme zu lösen versuchen oder sich in Projekte im Gedenken an die verstorbene Person engagieren. Frauen gehen tendenziell offener mit ihren Gefühlen um und finden Trost, indem sie ihre Trauer mit anderen Personen teilen.

Dies sind Generalisierungen. Sie zeigen jedoch, dass es verschiedene Wege gibt, zu trauern. Diese Unterschiede können Beziehungen belasten. Es ist wichtig zu erkennen, dass diese verschiedenen Formen der Trauer nichts darüber aussagen, wie sehr man die verstorbene Person geliebt hat.

Soll ich den Leuten sagen, dass es Suizid war?

Es hilft, aufrichtig zu sein. Die Geschichte immer wieder zu erzählen, kann sogar heilend wirken. Die Wahrheit zu meiden, braucht zusätzliche Energie und wird den Trauerprozess verkomplizieren.

Was sage ich, wenn mich Leute auf den Suizid ansprechen?

Es kann helfen, sich im Voraus darüber Gedanken zu machen, was man sagen will. Möglich ist, dass man bei den einen mehr sagen möchte als bei anderen. Will man in einem bestimmten Moment nicht darüber sprechen, sollte man es sein Gegenüber wissen lassen. Es empfehlen sich Ausdrücke wie zum Beispiel: «Er hat sich das Leben genommen, das ist alles, was ich im Moment sagen will» oder «Er hat Suizid begangen, ich mag jetzt nicht darüber sprechen».

Wie lange dauert die Trauer?

Die Trauer dauert unterschiedlich lang. Der Verlust wird immer ein Teil im Lebens von trauernden Personen bleiben, aber der intensive Schmerz wird allmählich weniger. Trauer tritt schubweise auf, kann unerwartet sein und durch Kleinigkeiten ausgelöst werden. Trotzdem gibt es oft ein individuelles Muster oder einen Zyklus. Wenn Trauernde auf die letzten Wochen oder Monate zurückschauen, beobachten sie bei sich vielleicht ein Trauermuster. Die Abstände zwischen diesen Trauerschüben werden allmählich grösser. Hinterbliebene werden fähig sein, wieder zu lachen und sich an die schönen Zeiten zu erinnern, die sie mit der geliebten Person verbracht haben.

Die Frage nach dem «Warum?»

Auch wenn die Frage teilweise beantwortet werden kann, zum Beispiel in einem Abschiedsbrief, ist die Antwort selten befriedigend. Hilfreich ist eine Person, der man seine Fragen und Gefühle anvertrauen kann. Jemand der zuhören kann.

Manchmal ist es möglich, verschiedene Informationsstücke zu einem Erklärungsversuch zusammenzufügen. Trauernde finden es vielleicht hilfreich, Freunde, Familienangehörige oder Kollegen danach zu fragen, was sie beobachtet haben. Oder vielleicht hilft es, sich einer Person anzuvertrauen, deren psychologische Kenntnisse helfen, dem Tod einen Sinn zu geben. Aber oft reichen rationale Erklärungen nicht, die Frage nach dem «Warum?» zu befriedigen.

Die Frage nach dem «Warum?» wird wahrscheinlich immer wieder auftauchen. Mit der Zeit jedoch in grösseren Abständen und weniger intensiv. Trauernde werden allmählich lernen, mit unbeantworteten Fragen zu leben. Manchmal hilft es, sich eine Zeitlimite zu setzen, in der man sich selber erlaubt, über diese Frage nachzudenken, bevor man wieder nach Ablenkung sucht.

2.2.3 Wie kann ich mir selbst helfen?

Ich kann mir selber helfen indem ich …
  • mir die Zeit gebe, die ich brauche, um zu trauern.
  • mir Zeit nehme für mich selber, um nachzudenken, mich zu erinnern, zu beten, zu meditieren oder zu trauern.
  • realisiere, dass der Verlust von geliebten Bezugspersonen zum Leben gehört und es notwendig ist, durch die Trauer hindurchzugehen um wieder aufzuleben.
  • mir bewusst bin, dass Trauer keine Krankheit ist, aber krank machen kann, wenn ich sie nicht zulasse.
  • daran glaube, dass auch ich die nötigen Ressourcen besitze, um die Trauerarbeit zu bewältigen.
  • Personen wähle, denen ich vertraue und die gut zuhören können, um über meine Gedanken und Gefühle zu sprechen.
  • mir eine Liste mit Telefonnummern von Personen und Institutionen zusammenstelle, die ich kontaktieren kann, wenn es mir schlecht geht.
  • Dinge tue, die mir Freude bereiten.
  • Informationen für Suizidhinterbliebene sammle sowie Bücher und Berichte von Betroffenen lese.
  • etwas für meine Gesundheit und mein Wohlbefinden tue, zum Beispiel Spaziergänge an der frischen Luft.
  • Sport treibe, um den Adrenalinausstoss zu fördern.
  • mir erlaube, psychologische oder seelsorgerische Hilfe in Anspruch zu nehmen.
  • Prioritäten setze und nur das tue, was unbedingt notwendig ist.
  • den Anrufbeantworter einschalte, damit ich selber wählen kann, mit wem ich sprechen will.
  • die öffentlichen Verkehrsmittel benutze oder mich fahren lasse, im Falle, dass ich Konzentrationsschwierigkeiten habe oder mich unsicher fühle.
  • meinen Freunden oder Verwandten eine Mitteilung schreibe, wenn ich das Bedürfnis habe, Aspekte aus meiner Geschichte zu erzählen oder Gefühle auszudrücken.
  • ein Tagebuch führe, in dem ich meine Gedanken, Erinnerungen und Gefühle festhalte.
  • jeden einzelnen Fortschritt im Trauerprozess zu erkennen und zu würdigen versuche, und mich für diesen Fortschritt auch belohne.
  • wichtige Entscheidungen womöglich auf später verschiebe oder sie zusammen mit Vertrauenspersonen treffe.
  • eine Selbsthilfegruppe für Suizidhinterbliebene aufsuche.
  • Verständnis für Personen habe, die mich meiden, weil sie nicht wissen, was sie sagen sollen, oder die Angst davor haben, sich falsch zu verhalten.

Wenn ich Mühe habe, «loszulassen», kann es mir helfen, der verstorbenen Person die Rolle des «inneren Begleiters» zukommen zu lassen und mir folgende Fragen zu stellen:

    • Was hat der/die Verstorbene in meinem Leben übernommen, was ich selbst übernehmen kann?
      ➞ Rücknahme der Delegation
    • Habe ich Eigenschaften, welche ich an der verstorbenen Person geliebt/gehasst habe?
      ➞ Rücknahme der Projektion
    • Was hat der/die Verstorbene in mir geweckt, belebt, aus mir «herausgeliebt»? Was bleibt davon zurück, was nicht mit dem Tod weggeht?
      ➞ Lebensmöglichkeiten, die in und durch Beziehung gelebt wurden, werden zu eigenen.

2.2.4 Rituale

Alle Kulturen und Religionen haben Rituale entwickelt, um mit existenziellen Krisen umzugehen und deren Bewältigung zu erleichtern.

Rituale wirken als angstreduzierendes Mittel und geben Handlungsmöglichkeiten zurück.

Hier eine Auswahl an konkreten Ritualen:

  • Abschied nehmen von dem Verstorbenen (Totenwache)
  • ein Geschenk in den Sarg oder ins Grab legen
  • eine besondere Grabpflege gestalten/in Auftrag geben
  • einen Gedenkgottesdienst gestalten
  • Kollekte/Geld spenden für einen bedeutsamen Zweck
  • eine Gedenkveranstaltung organisieren
  • eine Karte oder einen Brief an alle Freunde schreiben
  • einen Baum pflanzen
  • ein Fotoalbum anlegen
  • eine Musikkassette mit der Lieblingsmusik des/der Toten zusammenstellen
  • ein Gedicht schreiben
  • die Lebensgeschichte des/der Toten aufschreiben
  • einen Abschiedsbrief an die geliebte Person verfassen
  • ein bedeutungsvolles Lied von einem Radiosender spielen lassen
  • Abends der verstorbenen Person (ihrem Foto) vom Tag erzählen
  • eine Kerze anzünden
  • ein Bild malen (von ihr/ihm, von einer Landschaft, einer Stimmung etc.)
  • eine Collage aus Fotos oder aus gemalten Bildern erstellen
  • ein Trauergewand entwerfen und tragen
  • eine Decke aus Stoffresten nähen oder besticken
  • Erinnerungen und Eindrücke von Familienangehörigen, Bekannten und Freunden sammeln
  • einen Ballon fliegen lassen
  • ein Papierschiffchen auf Reisen schicken

2.3 Was hilft Trauernden – was schadet ihnen?

Was man tun kann …
  • Zeigen Sie Ihre aufrichtige Betroffenheit und Anteilnahme.
  • Lassen Sie die Trauernden Ihnen gegenüber so viel Trauer ausdrücken, wie diese gerade empfinden und im Moment bereit sind, mit Ihnen zu teilen.
  • Seien Sie bereit, zuzuhören, Besorgungen zu machen, nach den Kindern zu schauen. Fragen Sie, wie Sie konkret behilflich sein könnten.
  • Sagen Sie den Hinterbliebenen, dass Ihnen das, was ihnen zugestossen ist, leid tut.
  • Ermuntern Sie die Trauernden, Geduld mit sich selber zu haben, nicht zu viel von sich zu erwarten und sich nicht zu viele «Du solltest eigentlich…» aufzuerlegen.
  • Lassen Sie die Trauernden so oft sie wollen und so viel sie wollen von dem /der Verstorbenen erzählen.
  • Schenken Sie den Kindern des verstorbenen Elternteils Ihre volle Aufmerksamkeit – bei der Beerdigung und auch in den Monaten danach. Auch sie sind verletzt worden, sie sind verwirrt und brauchen die Aufmerksamkeit, die ihnen ihr verbleibender Elternteil in der eigenen Betroffenheit vielleicht nicht geben kann.
  • Versichern Sie den Hinterbliebenen, dass sie alles getan haben, was sie tun konnten und dass die medizinische Behandlung, welche die verstorbene Person bekam, die beste war.
… und was man lassen soll:
  • Lassen Sie sich durch die eigene Hilflosigkeit nicht davon abhalten, die Hinterbliebenen zu besuchen, mit ihnen in Verbindung zu treten.
  • Meiden Sie sie nicht, weil ein Zusammensein mit ihnen peinlich ist. Von Freunden gemieden zu werden, fügt einer unerträglichen schmerzlichen Erfahrung noch weiteren Schmerz hinzu.
  • Sagen Sie nie, Sie wüssten, wie sie sich fühlten. Wenn Sie nicht selbst eine nahe stehende Bezugsperson (Elternteil, Partner, Kind) verloren haben, wissen Sie sehr wahrscheinlich nicht, wie Hinterbliebene sich fühlen.
  • Sagen Sie nicht: «Jetzt müsste es dir doch besser gehen!» oder etwas Ähnliches. Das käme einem Urteil über ihre Gefühle gleich.
  • Wechseln Sie nicht das Thema, wenn die Hinterbliebenen die oder den Verstorbenen erwähnen.
  • Vermeiden Sie nicht, den Namen des Verstorbenen zu erwähnen aus Furcht, an den Schmerz zu erinnern (sie haben ihn nicht vergessen).
  • Versuchen Sie nicht, falschen Trost zu spenden in Form von «Positivem», das durch den Tod des Verstorbenen entstanden sei (z.B. «Man weiss nie, was ihm erspart geblieben ist» oder «jetzt haben Sie bestimmt eine engere Beziehung in der Familie»).
  • Betonen Sie nicht, es seien ja noch andere wesentliche Bezugspersonen (z.B. Kinder) da. Menschen sind nicht austauschbar, sie können einander nicht ersetzen.
  • Sagen Sie Eltern, die ein Kind verloren haben nicht, sie könnten ja nochmals ein Kind bekommen. Selbst wenn sie dies wollten oder könnten, würde ein weiteres Kind das verstorbene nicht ersetzen.
  • Sagen Sie nicht, die Eltern sollten für die andern Kinder dankbar sein. Die Trauer über den Verlust eines Kindes mindert die Liebe und Anerkennung für die überlebenden Kinder nicht.
  • Geben Sie keine Kommentare ab, die in irgend einer Weise den Schluss zulassen, dass die Behandlung des Verstorbenen zu Hause, in der Nothilfe, im Krankenhaus oder wo auch immer nicht richtig war. Auch ohne Zutun von anderen werden die Hinter- bliebenen von fürchterlichen Zweifeln und Schuldgefühlen heimgesucht.
  • Sagen Sie nie: «Das Leben geht weiter!». Gerade dies scheint so sinnlos und ist schwer zu akzeptieren.
Zusammenfassung:

Trauernde nach einem Suizid sind in tiefer Not und auf grosses Verständnis angewiesen. Sie brauchen über lange Zeit ehrliche, geduldige, verständnis- und liebevolle Unterstützung und Begleitung. Dabei sind kleine, aber stetige Zeichen der Verbundenheit oft am hilfreichsten.

2.4 Netzwerke für Angehörige (Survivors)

Den Verlust eines geliebten Menschen zu akzeptieren und damit leben zu lernen, erfordert viel Kraft und Energie. Es ist normal, dass man dafür Unterstützung braucht. Hilfe holt man sich am besten bei einem Psychologen, Psychotherapeuten und/oder Seelsorger. Der Hausarzt ist eine weitere gute Ansprechperson. Zudem kann das Gespräch mit Freunden und Verwandten sowie mit Gleichbetroffenen im Rahmen einer Selbsthilfegruppe helfen, den Verlust zu verarbeiten.

Selbsthilfegruppen ergänzen Angebote der psychiatrischen oder psychologischen Begleitung und stehen in keiner Weise in Konkurrenz zu diesen.

Betroffene haben ein tieferes Verständnis für das Leiden Gleichbetroffener als Aussenstehende. Das Gefühl, wirklich verstanden zu werden, stellt für die Besserung der eigenen Situation ein zentrales Element dar.

Selbsthilfegruppen fördern die Solidarität unter den Betroffenen, regen Selbstheilungskräfte an, reaktivieren persönliche Ressourcen und ermuntern zur Eigeninitiative. Persönliche schmerzliche Erfahrungen werden in der Gruppe zur Erfahrungskompetenz, die für andere tröstlich und hilfreich ist. Eine positive Veränderung von Survivors in Selbsthilfegruppen kann in der Regel dann festgestellt werden, wenn die Betroffenen aktiv am Gruppenprozess teilhaben.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass Selbsthilfegruppen ohne Leitung insbesondere für Survivors kein geeignetes Hilfsangebot darstellen. In der Trauer «erfahrene» Personen, die ihre eigene komplizierte Trauer erfolgreich bewältigen konnten, verkörpern hingegen für neu Trauernde die Hoffnung auf Besserung ihres Zustandes.

2.4.1 Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid

Suizid eines Elternteils

Der Verlust von Vater oder Mutter durch Suizid führt zu starken Gefühlen des Verlassenseins, des Versagens und Zweifeln am Selbstwert, ganz unabhängig davon, wie alt man als Kind oder Jugendlicher ist. Auch als Erwachsener wünscht man sich die Begleitung durch die Eltern. Häufig ist der überlebende Elternteil mit der Situation überfordert, was zu zusätzlichen Verlustängsten führen kann.

Zudem übernehmen Kinder oft viel zu früh Verantwortung für das Familienwohl, um den überlebenden Elternteil zu entlasten. Sie werden so ihrer Kindheit beraubt.

Kinder erleben den frühen Tod von Vater oder Mutter als eines der tiefgreifendsten Trauergefühle. Manchen fällt es schwer, eine positive Erinnerung an den toten Vater oder die tote Mutter zu bewahren und sich nicht für ihn oder sie und den Suizid zu schämen. Sich dem Verlust durch Suizid in der Kindheit zu stellen, ist meist erst im Erwachsenenalter möglich.

nebelmeer — Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils

geführte Selbsthilfegruppen für Jugendliche und junge Erwachsene

www.nebelmeer.net

Suizid eines Geschwisters

Geschwister leben meist viele Jahre in derselben Familie, oft bis zum Suizid, und haben eng verknüpfte Kindheits- und Jugenderlebnisse, vergleichen Erfahrungen und Entwicklungen. Durch den Suizid verändert sich das bisherige Familiengefüge grundlegend. Die Sehnsucht nach Bruder oder Schwester ist oft sehr gross. Hinterbliebene Geschwister möchten mit ihrer Trauer die Eltern nicht noch zusätzlich belasten. Die Gefühle der Eltern für den verstorbenen Bruder oder die Schwester nehmen sehr viel Raum ein, darunter können Geschwister leiden. In der Trauersituation eines Suizids werden Geschwister am wenigsten beachtet, das Mitgefühl konzentriert sich vorrangig auf die Eltern.

Life with — wenn ein Geschwister stirbt
www.lifewith.ch

Suizid in der Familie

Der Verlust des Partners oder der Partnerin, eines Kindes, Elternteils oder Freundes durch einen Suizid ist eine extreme Form der Trennung. Manchmal kommt dieser radikale Abschied wie aus heiterem Himmel, manchmal gibt es eine lange Vorgeschichte mit Trennungsabsichten oder -drohungen von beiden Seiten. Die Hinterbliebenen fühlen sich oft um alle ihre Hoffnungen betrogen und zutiefst verletzt. Es können starke Zweifel an den eigenen Gefühlen, Wahrnehmungen und Fähigkeiten entstehen. Tiefe Selbstzweifel und Misstrauen gegen andere Menschen wechseln mit Sehnsucht nach dem Toten und der Sehnsucht nach neuen, lebendigen Begegnungen und Gefühlen.

Refugium
Verein für Hinterbliebene nach Suizid
www.verein-refugium.ch

Suizid des Kindes

Der Tod eines Kindes gehört zu den schmerzhaftesten Verlusterlebnissen, die Menschen widerfahren können. Wenn der Tod durch Suizid geschah, kommen starke Versagensgefühle, Schuldbewusstsein und Verunsicherung dazu. Der Wunsch, dem Kind nahe zu sein und nachzusterben, kann sehr stark werden. Es fällt schwer, eine lebenswerte Zukunft zu sehen und sich, gerade als Eltern, nicht für die Todesart Suizid zu schämen. Der Wunsch, von anderen Familienangehörigen Trost und Verständnis zu bekommen, bleibt oft unerfüllt und kann Ehekrisen und Distanzierung von den Familienmitgliedern nach sich ziehen. Hinzu kommen die Angst um die lebenden Kinder und die quälenden Fragen nach eigenen Versäumnissen.

Regenbogen
Verein für Eltern, die um ein verstorbenes Kind trauern
www.verein-regenbogen.ch

Der Verein AURORA ist Informations- und Kontaktstelle für Verwitwete (nicht nur Suizidbetroffene) mit minderjährigen Kindern. AURORA vertritt die Interessen jung Verwitweter und ihrer Kinder in Gesellschaft und Politik und will mit seinem Engagement den Tod – vor allem junger Menschen – enttabuisieren. Der Verein ist parteipolitisch und konfessionell neutral und unabhängig sowie ausschliesslich gemeinnützig tätig. Der Verein AURORA ist Mitglied des Schweizerischen Verbandes alleinerziehender Mütter und Väter mit Sitz in Bern.

Verein AURORA
Kontaktstelle für Verwitwete mit minderjährigen Kindern
www.verein-aurora.ch

2.5 Literaturempfehlung

Weisshaupt, Jörg (Hrsg.)

«Darüber reden»

Perspektiven nach Suizid: Lyrik und Prosa von Hinterbliebenen

2013. 173 Seiten, Mit zahlreichen Fotografien.

sFr. 24.–

ISBN 978-3-03784-036-8

Das Buch kann direkt beim Verein trauernetz oder in jeder Buchhandlung bestellt werden.

«Nach dem Tod kommt die Ohnmacht, weil ich dir nicht helfen konnte.»

Einen geliebten Menschen durch Suizid zu verlieren, ist eine schreckliche Erfahrung, die Angehörige nach dem Schock in tiefste Verzweiflung stürzt und zu Schuldgefühlen und Isolation führt. Nicht selten steigt auch bei den Hinterbliebenen das Suizidrisiko erheblich.

Selbsttötung löst einen langen und komplizierten Trauerprozess voller Zweifel und Fragen aus, auf die es keine Antwort gibt. Die Beiträge in diesem Buch – verfasst von Betroffenen, um das Unfassbare in Worte zu fassen – geben dem tabuisierten Thema eine konkrete, lebensnahe Sprache.

«Weshalb hat er nicht mit mir über seine Probleme gesprochen? Hat er mir nicht vertraut? Bin ich mitschuldig…?» Die sehr persönlichen Texte wollen Menschen in gleicher Situation in ihrer Trauerarbeit unterstützen, aber auch Nichtbetroffene für das Thema sensibilisieren, um sie aus einer blockierenden Sprachlosigkeit im Umgang mit Hinterbliebenen zu führen.

Mit Kindern über Suizid sprechen

Die Broschüre «Den Kindern helfen. Wie Sie Kinder nach einem Suizid unterstützen können. Informationen für Eltern und andere Betreuungspersonen» kann Ihnen helfen, Ihre Kinder in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen.

Sie kann beim Trauernetz bestellt werden:
info@trauernetz.ch

Einzelexemplare für Betroffenen sind kostenfrei, bei Mehrfachbestellungen von Fachpersonen und Institutionen sind wir auf eine Kostenbeteiligung angewiesen.

Als pdf ist sie unter folgendem Link verfügbar:https://trauernetz.ch/wp-content/uploads/2016/04/broschuere_den_kindern_helfen.pdf

2.6 Wanderausstellung «Suizid – und dann …?»

Was ein Suizid bei Hinterbliebenen, ihrem Umfeld und Helfenden auslösen kann

Die Wanderausstellung «Suizid – und dann?» dient dem Zweck, die Bevölkerung über Suizidalität und die möglichen Folgen für Hinterbliebene, ihr Umfeld und für Helfende zu informieren. Sowohl Fehlannahmen als auch Stigmatisierung erschweren Betroffenen und ihrem Umfeld das frühzeitige Aufsuchen und Annehmen von Hilfe. Die Wanderausstellung kann von Gemeinden, Vereinen, Schulen, Firmen, etc. ausgeliehen werden. Die Wanderausstellung «Suizid – und dann?» beinhaltet folgende Module mit je vier bis sechs Rollups:

  • Suizid – Zahlen, Fakten
  • Hinterbliebene
  • Helfende
  • Spiritualität
Angaben zur Ausstellung

Die 19 Rollups sind 85 x 211 cm gross und können als Gesamtpaket oder modular geliehen werden. Für Ausstellungen, die länger als eine Woche dauern, stehen die Panels auch mit einem Alu-Profilsystem zur Verfügung. Damit kann ein Raum unterteilt und gestaltet werden.

Der Verein trauernetz unterstützt die lokalen Veranstalter bei der Planung eines Rahmenprogramms (z.B. Vortrag, Workshop, Filmvorführung mit Podium, firmeninterne Schulung etc.) rund um die Ausstellung. Wir sind darauf angewiesen, dass Transport, Auf- und Abbau der Rollups oder Panels kostenneutral sind.

Kontakt: Verein trauernetz
info@trauernetz.ch
www.trauernetz.ch

2.7 Weitere Hilfs- und Beratungsangebote

  • Die Dargebotene Hand
    www.143.ch
    Tel. 143 (gratis)
  • Kostenlose Vermittlung von Therapieplätzen
    Schweizerischer Psychotherapeuten-Verband/SPV
    www.psychotherapie.ch
    Tel. 043 268 93 75 (zu üblichen Bürozeiten)
  • Suche nach Psychologen
    Beratungsschwerpunkte, Ort, Sprache usw.
    www.psychologie.ch
  • In einer Krise ist Ihr Hausarzt eine weitere gute Ansprechperson.
  • Hilfe finden Sie auch bei Ihrem Seelsorger oder dem Kriseninterventionszentrum Ihrer Region.
Links zum Thema

2.8 Sie können mittragen

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  • Erbschaft/Legat
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BIC(SWIFT): ZKBKCHZZ80A
Postkonto der Bank: 80-151-4

Der Verein ist im Kanton Zürich steuerbefreit.

Kapitel 3

Geführte Selbsthilfe für Survivors

3.1 Verschiedene Arten von Selbsthilfegruppen

Selbsthilfegruppen (SHG) können homogen sein, wenn sie sich aus Menschen zusammensetzen, die Ähnliches erlebt haben (z.B. Eltern, die ein Kind verloren oder sich getrennt haben). Es gibt aber auch Gruppen, deren Zusammensetzung heterogen ist, wenn sie aus Menschen bestehen, die mit verschiedenen Problemen konfrontiert sind (z.B. Angehörige von Patienten mit verschiedenen Krankheiten oder Familien, die eine geliebte Person unter unterschiedlichen Umständen verloren haben).

Selbsthilfegruppen können strukturiert und in ihrer Dauer beschränkt sein: Die Gruppe trifft sich für eine festgelegte Anzahl von Zusammenkünften (8 bis 12), befasst sich mit verschiedenen Themen und bietet den Teilnehmenden die Möglichkeit, gemeinsam zu lernen, zu reflektieren und zu teilen. Gruppen, die sich so gestalten, liegt ein aufklärerischer und informativer Ansatz zugrunde (sie können auch von Experten unterstützt werden). Sie beinhalten neben dem üblichen Ablauf aber auch Momente, in welchen die Teilnehmenden ihre Erfahrungen austauschen können.

Andere Selbsthilfegruppen sind offen und kontinuierlich: Diese Gruppen treffen sich regelmässig (einmal in der Woche oder zweimal im Monat). Die einzelnen Treffen dauern gewöhnlich 1.5 bis 2 Stunden und finden am späten Nachmittag oder abends statt. Für die Mitglieder ist der Ein- und Austritt offen, um damit die Kontinuität des Kontakts und der Unterstützung zu gewährleisten. Das Thema ist jeweils offen, d.h. an den einzelnen Treffen wird über das Diskussionsthema entsprechend den Bedürfnissen oder den aktuellen Fragen der Teilnehmenden entschieden.

Die Abbruchquote bei reinen Selbsthilfegruppen beträgt rund 40%. Eine Selbsthilfegruppe bewirkt keineswegs automatisch eine positive Veränderung der Situation Trauernder. Doch in der Trauer «erfahrene» Personen, die ihre eigene Trauer erfolgreich bewältigen konnten, verkörpern für neu trauernde Menschen die Hoffnung auf Besserung ihres Zustandes. Über das Aussprechen der eigenen Leiden, Ängste und Unsicherheiten hinaus, besteht ein «erfolgreicher» Trauerprozess im Wesentlichen aus einer aktiven psychischen Handlung.

Eine positive Veränderung von Teilnehmenden an Trauer-Selbsthilfegruppen kann in der Regel nur dann festgestellt werden, wenn die Betreffenden sehr aktiv am gruppendynamischen Prozess teilhaben und eine tendenzielle (informelle) Leitungsfunktion ausüben. Die Erfahrung hat gezeigt, dass reine Selbsthilfeansätze für Survivors kein geeignetes Hilfsangebot darstellen. Die Selbsthilfegruppe sollte nicht die einzige Form der Unterstützung sein. Ergänzend kann von einem individuellen Therapie- oder Beratungskonzept Gebrauch gemacht werden.

3.2 Gruppenleitung

Eine Fachperson, welche eine moderierende (und keine therapeutische) Rolle hat, leitet die Gruppe. Erfahrungsgemäss haben die Teilnehmenden oft eine grosse Angst davor, «pathologisiert» zu werden. Zudem besteht das Risiko, dass die Gruppenmitglieder eine übermässige Abhängigkeit vom Moderator entwickeln. Nicht nur das sorgfältige Vorbereiten eines Gruppentreffens ist essenziell, sondern auch die Haltung der Gruppenleitenden den Gruppenteilnehmenden und dem Thema Suizid gegenüber. Es ist wichtig, allen Teilnehmenden vorurteilsfrei zu begegnen und ihnen aufrichtige Empathie und Verständnis entgegenzubringen. Jeder Teilnehmende hat seine individuelle Geschichte und seine eigene Art, mit dem Erlebten umzugehen. Es geht darum, jedem die Möglichkeit zu geben, in einer geschützten Atmosphäre Antworten und Wege zu finden, die ihm helfen, das Erlebte in das eigene Leben zu integrieren und damit weiterzuleben. Die Gruppe soll Nährboden für den offenen Austausch unter Gleichbetroffenen sein. Dabei ist wichtig zu berücksichtigen, dass jeder Teilnehmende seine eigene Zeit und seinen eigenen Weg hat.

Wünschenswerte Qualitäten von Personen, die eine Selbsthilfegruppe leiten, sind:

  • ein grosses Interesse am Thema und Bereitschaft, die Initiative zu ergreifen
  • die Fähigkeit, die Teilnehmenden willkommen zu heissen und ihnen zuzuhören
  • ausreichende Kenntnis der Beschaffenheit und der Dynamik von Gruppen
  • eine Vertrautheit mit den Themen, die angesprochen werden
  • die Kompetenz, positive Interaktionen zwischen den Gruppenmitgliedern zu fördern
  • Bescheidenheit und Ausdauer: Beides ist wichtig, um mit schwierigen Momenten in der Gruppe zurechtzukommen.

Es ist darauf zu achten, dass nicht die Gruppenleitenden, sondern die Gruppenteilnehmenden «Kern» der Gruppe sind. Wichtig ist, dass die Gruppenabende von den Gruppenleitenden vorbereitet und strukturiert werden, aber die Teilnehmenden mit all ihren Wünschen und Bedürfnissen darin ihren Platz erhalten. Zu jedem Thema wird von den Gruppenleitenden ein Einführungstext vorbereitet, der von den Leitenden oder auch Gruppenteilnehmenden abwechselnd zum Einstieg ins Thema gelesen wird. Danach lebt die Gruppe hauptsächlich vom gegenseitigen Austausch untereinander. Die Gruppenleitenden tragen die Verantwortung, dass alle Teilnehmenden zu Wort kommen und können die Diskussionen mit gezielten Fragestellungen und vorsichtigen Hinweisen steuern.

3.3 Die Bedeutung von Selbsthilfegruppen für Trauernde

Selbsthilfegruppen für Menschen, die einen Trauerprozess nach einem traumatischen Verlust erleben, können eine starke Ressource sein. Sie können einen Raum bieten, in dem die Teilnehmenden Kraft für diesen besonderen Lebensabschnitt schöpfen.

Dabei handelt es sich nicht um therapeutische Gruppen im engeren Sinne. Vielmehr können sie eine therapeutische Wirkung entfalten, indem sich die Hinterbliebenen in einem Umfeld aufhalten, das sie akzeptiert und nicht verurteilt. Dadurch machen sie die Erfahrung, dass sie fähig sind, mit anderen Menschen zu kommunizieren, ohne sich dabei «anders» oder stigmatisiert zu fühlen.

«Selbsthilfegruppen fördern die Solidarität unter Betroffenen, regen Selbstheilungskräfte an, reaktivieren persönliche Ressourcen und ermuntern zur Eigeninitiative. Persönliche schmerzliche Erfahrungen werden in der Gruppe zur Erfahrungskompetenz, die für andere tröstlich und hilfreich ist.» (Ebo Aebischer «Die Bedeutung von Selbsthilfegruppen», S. 47)

«Die Selbsthilfegruppe sollte nicht die einzige Form der Unterstützung sein. Es sollte nach Möglichkeit von einem individuellen Therapie- oder Beratungskonzept Gebrauch gemacht werden.»

Wenn sich Hinterbliebene einer Selbsthilfegruppe anschliessen, erlaubt ihnen dies, sich nicht mehr einsam zu fühlen und in ihrer Trauer von anderen verstanden zu werden, da diese einen ähnlichen Verlust erlebt haben. Die Selbsthilfegruppe ermöglicht es den Teilnehmenden zudem, am Beispiel anderer verschiedene Verhaltensstrategien zu erlernen. Dadurch können sie aktiv der Tendenz entgegenwirken, sich in ihrer Trauer ungünstige Verhaltensweisen anzueignen (bspw. sich überarbeiten, Alkohol- oder Drogenmissbrauch, Spielsucht).

In der SHG kann durch das Erzählen der eigenen Geschichte ein Gruppengefühl entstehen. Die Teilnehmenden spüren, dass sie mit ihrem Schicksal nicht alleine sind, werden durch das Teilen ihrer Geschichte vom eigenen Leidensdruck und von der Scham entlastet. Das Erzählen bzw. Zuhören führt weg von der Einsamkeit und hin zu einem starken Gefühl der Verbundenheit. Diese Berichte ermöglichen es den Betroffenen auch, ihre seelischen Verletzungen und die Wut, die dadurch entstanden ist, loszuwerden. Selbsthilfegruppen fördern die Solidarität unter den Betroffenen, reaktivieren persönliche Ressourcen und ermuntern zur Eigeninitiative. Persönliche schmerzliche Erfahrungen werden in der Gruppe zur Erfahrungskompetenz, die für andere tröstlich und hilfreich ist.

Sich einer Selbsthilfegruppe anzuschliessen, erlaubt es Hinterbliebenen, in schweren Zeiten verstanden und unterstützt zu werden, auch wenn der Tod der geliebten Person schon weit zurückliegt. An speziellen Tagen (Jahrestage, Geburtstage, Ferien) kann die Sehnsucht nach der verstorbenen Person oder die Trauer wieder aktiviert werden. In solchen Momenten kann die Gruppe unterstützend wirken und Trost spenden, ohne die hinterbliebene Person allein zu lassen in ihrer schwierigen Aufgabe im Umgang mit dem Schmerz.

Zusammenfassend eine Liste der Gründe, warum es Selbsthilfegruppen nach traumatisierenden Verlusten gibt:

  • um Unterstützung anzubieten und um zu erreichen, dass die Hinterbliebenen sich wieder als Teil einer Gemeinschaft fühlen können
  • um einen Raum zu bieten, in welchem Hinterbliebene sich frei äussern können, ohne verurteilt zu werden
  • um Menschen willkommen zu heissen, die sich sonst von der Gesellschaft zurückgewiesen und ausgeschlossen fühlen
  • um einen Raum zu schaffen, in dem Menschen frei über ihre Sorgen, Ängste und Unsicherheiten sprechen können
  • um die Hoffnung zu stärken, dass das Leben wieder zur «Normalität» zurückkehren kann
  • um neue Verhaltensstrategien zu erlernen
  • um gemeinsam mit anderen, Jahrestage und Feiertage zu erleben

3.4 Erste Schritte in ein Gruppenjahr

3.4.1 Raum

Reservation eines Raumes für die ersten offenen Treffen und das erste geschlossene Treffen. Die nötige Infrastruktur für eine Gruppe von ca. 6-12 Teilnehmenden muss vorhanden sein. Zudem ist es wichtig, dass sich die Gruppe regelmässig während eines Jahres in diesem Raum treffen kann.

Für die Gruppentreffen eignen sich Räume, die hell und «luftig» und nicht zu gross oder zu klein sind. Die Räume sollten eine familiäre und gleichzeitig neutrale Atmosphäre ermöglichen. Daher eignen sich Räume eher schlecht, die auch von psychiatrischen Einrichtungen benutzt werden. Zudem ist es von Vorteil, wenn ein benachbarter, kleinerer Raum für den «privaten Rückzug» verfügbar ist. Das Lokal sollte zentral gelegen sein (in der Nähe öffentlicher Verkehrsmittel) und sollte für die Dauer des Gruppenjahres, wenn möglich gratis, von einer gemeinnützigen Organisation angeboten werden. Hinterbliebene Partner/-innen geraten oft in finanzielle Schwierigkeiten. Daher ist die Teilnahme an den Gruppentreffen kostenlos.

3.4.2 Einladung schreiben

Der Leiter/die Leiterin einer neuen Gruppe muss im Vorfeld aktiv auf Betroffene zugehen. Sobald sechs bis zehn Interessierte für eine neue Gruppe gefunden werden konnten, werden diese zu einem ersten Treffen eingeladen:

An alle Interessierten eine Einladung zu den ersten zwei (oder drei) offenen Treffen schreiben mit Ort, Datum und Zeit (von … bis …), Name/Funktion der Gruppenleitenden

In der Einladung darauf hinweisen, dass diese ersten Treffen zum gegenseitigen Kennenlernen dienen und zum «Hineinschnuppern», wie ein solcher Gruppenabend abläuft

Pro Gruppe sollte nicht mehr als eine Person aus derselben Familie teilnehmen. In Ausnahmefällen ist es möglich, dass zwei Personen aus derselben Familie an einem Gruppentreffen teilnehmen. Dies muss jedoch erst mit der ganzen Gruppe verhandelt und von allen akzeptiert werden.

3.4.3 Vorbereiten der ersten offenen Abende

Falls eine Co-Leitung vorgesehen ist, ist eine gründliche Absprache, wer welchen Teil vorbereitet und am Abend gestaltet, die beste Voraussetzung für einen gelingenden Abend.

3.4.4 Nachbereiten

Es empfiehlt sich, jedes Treffen kurz nachzubereiten und sich darüber auszutauschen, wie jeder Leitende den Abend erlebt hat, wo vielleicht Schwierigkeiten bestehen und was noch verbessert werden kann.

3.5 Gruppentreffen

Die Gruppe trifft sich während einem Jahr regelmässig, um zu gewährleisten, dass alle Geburtstage (sowohl der Teilnehmenden als auch der Verstorbenen) wie auch Festtage des Jahreskreises und die Todestage gemeinsam erlebt werden. Wesentlich ist auch, dass Jahrestagen (v.a. Geburts- und Todestagen) an den Treffen der notwendige Raum gewährt wird.

Die Gruppentreffen finden alle zwei Wochen statt, dauern zwei Stunden und sind verbindlich. Das heisst, dass die Teilnehmenden sich nach zwei oder drei offenen Treffen entscheiden, ein ganzes Gruppenjahr zu besuchen. Die Treffen werden ritualisiert gestaltet, um den Teilnehmenden dadurch Orientierung und Halt zu geben.

3.5.1 Erste offene Treffen zum Kennenlernen

Die ersten offenen Treffen dienen dem gegenseitigen Kennenlernen und dem Einblick in den Ablauf eines Gruppenjahres. Erst am letzten offenen Treffen müssen sich die Teilnehmenden entscheiden, ob sie verbindlich an einem ganzen Gruppenjahr teilnehmen wollen.

3.5.2 Das Erzählen der persönlichen Geschichte

Das Gruppenjahr läuft nach einem bestimmten Programm ab: Zu Beginn geht es darum, dass jeder Teilnehmende der Gruppe erzählt, was er erlebt hat. Für dieses Erzählen der eigenen Geschichte wird pro Teilnehmer je ein Gruppentreffen reserviert, an dem er genug Zeit hat, zu erzählen, was er erlebt hat und wie es ihm mit dem Zurückbleiben nach dem Suizid seines Angehörigen geht. Die Mitglieder sind eingeladen, Dokumente mitzubringen, die für sie wesentlich sind als Erinnerung an die verstorbene Person (bspw. Fotos, Todesanzeige, Abschiedsbrief).

Es wird allen empfohlen, vorgängig die ganze Geschichte niederzuschreiben. Das Niederschreiben und Erzählen bedeutet für Hinterbliebene tiefste Seelenarbeit und wird anfangs von vielen gescheut. Die meisten Teilnehmer erleben es im Nachhinein jedoch als erlösend, sich einmal alles von der Seele geschrieben und gesprochen zu haben. Zusätzlich entsteht durch das Erzählen des eigenen Erlebten in der Gruppe eine tiefe Vertrautheit und Verbundenheit, was für die Bearbeitung der weiteren Themen wichtig ist.

Weiter dient das Offenlegen der eigenen Geschichte auch dazu, dass während den einzelnen thematischen Gruppenabenden nicht immer das eigene Erlebte von neuem erzählt werden muss. Dadurch kann an den Gruppenabenden konzentriert an den verschiedenen Themen gearbeitet werden. Es empfiehlt sich, keine teilnehmende Person zu dieser Aufgabe zu zwingen, aber immer wieder zu motivieren, ihre Geschichte aufzuschreiben.

Das Verbalisieren des traumatischen Erlebnisses trägt auch dazu bei, ein gewisses Gefühl von Kontrolle wiederherzustellen. Wenn Hinterbliebene ihren Kummer in einer Gruppe ausdrücken und Erinnerungen aus dem Leben der verstorbenen Person teilen, kann damit eine Geschichte entworfen werden, die hilft, den Sinnverlust im Leben der Trauernden zu kompensieren. Frauen tun dies öfter als Männer; man vermutet, dass Männer nach einem Verlust länger leiden, weil sie ihre Trauer weniger ausdrücken und damit dem Geschehenen keinen Sinn geben können.

3.5.3 Die Themen

Nachdem alle Geschichten erzählt sind, wird jeder Gruppenabend einem speziellen Thema gewidmet. Eine Liste dieser Themen (z. B. «Frage nach dem Warum?», «Schuldfrage», «Trauer/Traueraufgaben», «Was gibt mir Hoffnung?», siehe 4.3.9 «Themenvorschläge») wird bereits zu Beginn des Gruppenjahres jedem Teilnehmenden abgegeben, damit jeder angeben kann, welche Themen ihm persönlich wichtig sind. Die meistgenannten Themen bereiten die Gruppenleitenden dann vor und bringen sie nach Dringlichkeitswunsch der Teilnehmenden in das Gruppenjahr ein.

3.5.4 Abschluss des Gruppenjahres

Das vorletzte Treffen dient dazu, vom Raum, in dem so viel besprochen wurde, Abschied zu nehmen. Das letzte Treffen findet dann entweder draussen, auf dem Schiff, in einem Restaurant oder bei der Gruppenleitung zu Hause statt. An diesem Abend sollen bewusst der Abschluss des gemeinsamen Lebensabschnitts und die Zuversicht für ein gelingendes Weiterleben gefeiert werden.

3.5.5 Gedenkkerze

Ein zentrales Symbol für alle Gruppenabende ist eine grosse Kerze, die in der Mitte des Tisches für alle Teilnehmenden und die durch Suizid verstorbenen Angehörigen brennt. Bei Beginn des verbindlichen Gruppenjahres werden alle Teilnehmenden gebeten, zusätzlich noch eine eigene Kerze an jeden Abend mitzunehmen, die symbolisch für ihre Beziehung zu dem verstorbenen Menschen brennt. Es kann vereinbart werden, dass jeder Teilnehmende diese Kerze bereits am ersten Abend, oder erst mit «Einzug seiner persönlichen Geschichte», also beim Erzählen seiner persönlichen Geschichte mitbringt. In diesem Zusammenhang ist auf die örtlichen Brandschutzvorschriften zu achten!

3.5.6 Einstieg an den Gruppentreffen

Jedes Gruppentreffen sollte mit einem speziellen Ein- und Ausstiegsritual begonnen und beendet werden. Dieser Einstieg und Ausstieg (Ausklang) kann individuell gestaltet werden mit Prosatext, Gedichten, Musik etc.

Zum Einstieg hat sich nach einem einstimmenden Gedicht oder Text das folgende Ritual bewährt: Ein Teilnehmer (oder Gruppenleiter) nimmt sich Licht von der grossen Kerze in der Mitte, zündet seine eigene Kerze damit an und sagt – bevor er von seinem Licht an den nächsten Teilnehmer weitergibt – etwas zu seiner momentanen Befindlichkeit. Besonders zu Beginn des Gruppenjahres, wenn sich die Teilnehmer noch nicht so gut kennen, kann die Gruppenleitung für diese Befindlichkeitsrunde Impulse und Gedanken geben, die es den Teilnehmenden einfacher machen, etwas zu sich selber zu sagen: z.B. «Was hat mir in der Zeit seit dem letzten Zusammentreffen gutgetan? Was war schwierig? Was klingt noch nach von der letzten Zusammenkunft, und mit welcher Grundstimmung bin ich hierher gekommen? Wie geht es mir? Welche Wetterlage (bewölkt, sonnig, regnerisch, gewitterhaft) bringe ich in Verbindung mit meinem jetzigen Befinden?»

Im Kerzenritual können alle auch Fragen oder Themen äussern, welche sie gerne besprechen möchten, falls im Anschluss noch Zeit vorhanden ist (ansonsten am nächsten Gruppentreffen).

3.5.7 Ausstieg

Zum Ausstieg eignen sich Gedichte, Texte, Musikstücke oder Rituale, die ermutigen und Hoffnung machen. Um den Teilnehmenden bis zur nächsten Zusammenkunft einen guten Gedanken mitzugeben, eignen sich zum Beispiel die sogenannten «Engelskarten», die in Buchhandlungen erhältlich sind. Auf jeder Karte (die durch ihr kleines Format gut im Portemonnaie aufbewahrt werden kann) steht ein Begriff, der den Teilnehmern Anregungen für die Zeit zwischen den Treffen geben kann. Die gezogene Engelskarte kann am Ende jedes Treffens abgegeben und aus den verdeckten Karten eine neue für die Zeit bis zum nächsten Treffen gezogen werden.

Kapitel 4

Beschreibung der einzelnen Gruppentreffen

Im Nachfolgenden werden die einzelnen Gruppentreffen beschrieben, angefangen bei den ersten offenen Kennenlerntreffen bis hin zu den geschlossenen Selbsthilfegruppentreffen mit den persönlichen Geschichten und den von den Gruppenteilnehmenden ausgewählten Themenblöcken. Die «Gruppenlektionen» sollen als Werkzeug verstanden werden, die helfen, die Treffen zu strukturieren. Die verwendeten Texte, Gedichte und Rituale können selbstverständlich mit anderen Texten, mit Musikstücken, anderen Ritualen etc. ausgetauscht werden.

Als theoretische Grundlage für einzelne Themen dienen Auszüge aus dem Buch «Warum hast du uns das angetan?» von Chris Paul (2006). Das Buch beschreibt auf sehr differenzierte Weise, mit welchen Fragen, Problemen und Aufgaben Trauernde nach Suizid konfrontiert sind.

4.1 Erstes offenes Treffen

4.1.1 Ankunft der Teilnehmenden/Begrüssung

  • Teilnehmende herzlich willkommen heissen
  • alle bitten, Platz zu nehmen
  • den Sinn dieser ersten zwei oder drei offenen Treffen erklären (Möglichkeit zur Entscheidung, an einem ganzen Gruppenjahr teilzunehmen)
  • Entscheidung für das ganze Gruppenjahr am Ende des zweiten oder dritten offenen Abends
  • fragen, ob sich jemand beeilen muss auf Bus etc., Ende (Uhrzeit) des Abends bekannt geben
  • Informationen über Parkiermöglichkeiten, Eingänge, Toiletten, Telefonnummer der Gruppenleitung
  • Vorstellung der Leitung; Empfehlung, sich zu duzen

4.1.2 Einstieg in den Abend mit einem Gedicht

Aufhebung

Sein Unglück
ausatmen können
tief ausatmen
so dass man wieder
einatmen kann
Und vielleicht auch sein Unglück
sagen können
in Worten
in wirklichen Worten
die zusammenhängen
und Sinn haben
und die man selbst noch
verstehen kann
und die vielleicht sogar
irgendwer sonst versteht
oder verstehen könnte
Und weinen können
Das wäre schon fast wieder Glück

Erich Fried

4.1.3 Erklären des Abendprogramms (anhand Flipchart)

  • Vorstellungsrunde mit folgenden Inhalten: Name, Wohnort. Wen habe ich verloren?
  • Blatt austeilen: Wünsche, Erwartungen, Ängste
  • SHG vorstellen, Gründung, Sinn und Zweck
  • Pause 20 Min.
  • erklären der Möglichkeiten und Grenzen einer Selbsthilfegruppe
  • Austeilen der Gruppenregeln
  • Fragen, Unklarheiten?
  • Gedicht zum Ausklang

4.1.4 Jeder Teilnehmende darf sich eine Rechaudkerze nehmen

  • Darauf hinweisen, dass es heute nur um eine kurze Vorstellung geht mit folgenden Inhalten: Name, Wohnort. Wen habe ich verloren?
  • Gruppenleitung fängt an, zündet die Rechaudkerze an der grossen Kerze an, gibt im Anschluss an die Vorstellung mit einer schmalen langen Kerze das Licht ihrer Kerze an nächsten Teilnehmer weiter (so gibt jeder, der sich vorgestellt hat, dem nächsten Teilnehmer immer von seinem Licht weiter, bis der Kreis geschlossen ist)

4.1.5 Blatt mit Wünschen, Erwartungen, Ängsten

  • Austeilen eines A-4 Blattes
  • Teilnehmende auffordern, die Stichworte: Wünsche/Erwartungen/Ängste darauf zu notieren
  • Blatt auszufüllen (kann auch «anonym» geschehen).
  • Anschliessend Blätter einsammeln

4.1.6 Gruppenjahr vorstellen

Das Selbsthilfegruppenjahr ermöglicht eine vertiefte Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte unter Gleichbetroffenen. Diese Auseinandersetzung kann sehr schmerzhaft sein, jedoch berichten praktisch alle Teilnehmenden, die ein Selbsthilfegruppenjahr besucht haben, dass sie gerade durch diese tiefe Auseinandersetzung mit allen Fragen und Gefühlen nach dem Gruppenjahr gestärkt ihren Lebensweg weitergehen konnten. Oft entstehen in diesen Gruppen Freundschaften fürs Leben. Auch besteht für SHG-Teilnehmende die Möglichkeit, sich nach dem Gruppenjahr noch regelmässig in der Monatsrunde zu treffen.

4.1.7 Pause

max. 20 Minuten

4.1.8 Möglichkeiten und Grenzen der Selbsthilfegruppe

Was IST die Selbsthilfegruppe?
  • Die Hilfestellung basiert auf dem «Austausch» persönlicher Erfahrungen.
  • Die Hilfestellung basiert auf gegenseitigem Verständnis, da alle Ähnliches erlebt haben und damit nicht alleine sind.
  • Sie ist eine gute Möglichkeit, sich mit der eigenen Trauer auseinanderzusetzen, auch wenn dies manchmal sehr schmerzhaft ist.
  • Das Selbsthilfegruppen-Jahr bietet die Möglichkeit, seine eigene Geschichte an einem dafür bestimmten Abend der Gruppe zu erzählen.
  • Es besteht die Möglichkeit, sich während der Selbsthilfegruppe Notizen zu machen.
  • Es besteht die Möglichkeit, den Teilnehmenden zwischen den Treffen zu mailen und damit auch zwischen den Treffen Kontakt mit anderen Betroffenen zu pflegen.
Was ist die Selbsthilfegruppe NICHT?
  • Wie andere Selbsthilfegruppen ist sie keine therapeutisch geführte Gruppe, sondern eine Gruppe, in der vor allem Hinterbliebene nach Suizid, die selbst schon ein Gruppenjahr gemacht haben, die Verantwortung der Leitung übernehmen.
  • Sie ist kein Ersatz für eine Psychotherapie aber eine wertvolle Ergänzung.
Möglichkeiten und Grenzen der Gruppenleitenden
  • Vorbereitung und Strukturierung der Abende und Themen
  • Leitung ist mit dem Suizidthema (evtl. durch eigene Erfahrung) vertraut
  • spezifische Ausbildung (evtl. Trauerbegleitung, Seelsorge etc.)
  • Regelmässige Teilnahme an Supervisionen mit anderen Gruppenleitenden
  • Mehrjährige Erfahrung (evtl.) als Gruppenleitende, Seelsorger oder Berater
  • Die Gruppenleitenden haben keine psychotherapeutische Ausbildung. Deshalb besteht kein Anspruch auf therapeutische Begleitung durch Gruppenleitende.
Genug Zeit für Rückfragen einplanen!

4.1.9 Austeilen der Gruppenregeln

Austeilen von Gruppenregeln mit der Bitte, diese zuhause zu lesen

Gruppenregeln

Verschwiegenheit

Alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind verpflichtet, absolutes Stillschweigen über alles zu bewahren, was hier gesagt wird.

Selbsthilfe

Obwohl diese Selbsthilfegruppe geleitet wird, ist es eine Selbsthilfegruppe. Es kann kein Anspruch auf «Therapie» oder gar «Heilung» erhoben werden.

Pünktlichkeit

Es ist wertvoll, immer rechtzeitig in die Gruppe zu kommen; zu spätes Erscheinen stört die Zusammenkunft.

Regelmässigkeit

In der geschlossenen Gruppe wird regelmässige Teilnahme erwartet. Wer einmal nicht dabei sein kann, informiert die Gruppe rechtzeitig.

Freiheit

Die Teilnehmenden entscheiden selber, worüber und wie oft sie sprechen möchten. Niemand kann gezwungen werden, sich mitzuteilen.

Urteilsfreiheit

Es gibt keine guten oder schlechten Emotionen, Gefühle oder Antworten. Alles was erlebt wurde, muss ohne Beurteilung oder Verurteilung zur Kenntnis genommen werden. Voraussetzung ist, dass man von sich und nicht von den anderen spricht. Es gibt keinen Wettbewerb darüber, wem es schlechter geht, und wen das Schicksal noch schwerer getroffen hat.

Beteiligung

Die jeder und jedem zur Verfügung gestellte Zeit ist so bemessen, dass es nicht zu einer Monopolisierung der Gesprächsrunde durch eine Teilnehmerin oder einen Teilnehmer kommt. Zwiegespräche sind zu vermeiden.

Restauration

Während der Gesprächsrunden sollte weder geraucht, noch gegessen oder getrunken werden. Eine Pause ist dafür vorgesehen.

Respekt

Wenn sich jemand entschliesst, inskünftig nicht mehr teilzunehmen, sollte er das der Gruppe persönlich mitteilen. Fernbleiben ohne sich zu verabschieden, kann von den Verbleibenden als erneutes Verlusterlebnis empfunden werden.

4.1.10 Fragen/Unklarheiten?

Eingehen auf Fragen oder Unklarheiten

4.1.11 Ausstieg mit dem gleichen Gedicht wie zum Einstieg:

Aufhebung

Sein Unglück
ausatmen können
tief ausatmen
so dass man wieder
einatmen kann
Und vielleicht auch sein Unglück
sagen können
in Worten
in wirklichen Worten
die zusammenhängen
und Sinn haben
und die man selbst noch
verstehen kann
und die vielleicht sogar
irgendwer sonst versteht
oder verstehen könnte
Und weinen können
Das wäre schon fast wieder Glück

Erich Fried

4.1.12. Abschied mit guten Wünschen für den Heimweg und die Zeit bis zum nächsten Treffen.

4.2 Zweites offenes Treffen

4.2.1 Begrüssung

  • herzlich willkommen heissen, vor allem auch Neuankömmlinge, wenn welche dabei sind
  • Vorstellung der Leitung; Empfehlung, sich zu duzen
  • erklären, dass heute der Abend der Entscheidung für die Teilnahme am ganzen Gruppenjahr ist

4.2.2 Einstieg in den Abend mit einem Gedicht

Du hast ein Recht auf deine Trauer

Du hast ein Recht auf deine Trauer
Du darfst dich deinem Verlust widmen,
musst nicht verdrängen, was dich beschwert.
Du hast ein Recht, das abzutrauern,
was dich so tief enttäuscht hat
und was du nicht ändern kannst.
Du hast ein Recht auf deine Tränen,
auf dein Schweigen, auf deine Ratlosigkeit,
auf deine innere und äussere Abwesenheit.
Du musst nicht die Glückliche spielen,
nicht über den Dingen stehen.
Du hast ein Recht, die wegzuschicken,
die dich mit Gewalt aus deiner Trauer
herausholen wollen, weil deine Trauer sie selbst bedroht.
Du hast ein Recht auf deine Trauerzeit.
Du hast ein Recht, mit denen nicht reden zu wollen,
die dir ein schlechtes Gewissen machen
für deine Dunkelheit und Trauer.
Die dich mit ihren Sprüchen unter Druck setzen wollen.
Du hast ein Recht auf deine Trauerstille.
Du hast ein Recht, dich zu wehren gegen die,
die dir sagen, was du fühlen darfst und was nicht,
die dich nicht als Einzelne, sondern als Fall behandeln
und sich innerlich nicht wirklich mit dir einlassen.
Nichts ist so menschlich wie deine Trauer.
Über sie kann ein Trauernder sich dir nähern
und auf Verständnis hoffen.
Trauern zu können ist eine Gabe.

Lass dir das Recht auf deine Trauer nicht nehmen.

Ulrich Schaffer

4.2.3 Erklären des Abendprogramms (anhand Flipchart)

  • Kerzenritual/Vorstellungsrunde
  • Blatt mit «Ergebnissen» von Fragebogen «Wünsche, Erwartungen und Ängste» (s. Anhang)
  • Erklären des Ablaufs des kommenden Gruppenjahres bzw. der einzelnen Gruppenabende
  • Charta verteilen und gemeinsam lesen/besprechen
  • Beantwortung von evtl. noch vorhandenen Fragen
  • Pause
  • Definitive Anmeldung mit Name, Adresse etc.
  • Infos zum ersten geschlossenen Gruppentreffen
  • Gedicht zum Ausklang

4.2.4 Vorstellungsrunde/Kerzenritual

  • Jeder Teilnehmende darf sich eine Rechaudkerze nehmen
  • Falls neue Teilnehmende anwesend sind, nochmals kurze Vorstellung mit Name, Wohnort. Wen habe ich verloren?
  • Falls keine neuen Teilnehmenden, kann das Licht schweigend weitergegeben werden, oder jeder kann kurz sagen, wie er sich gerade fühlt (müde, erwartungsvoll, traurig etc.)

4.2.5 Fragebogen zu Wünschen, Erwartungen, Ängsten

Die gesammelten Angaben der Teilnehmenden, die von den Gruppenleitenden zuhause (ohne Namensangabe) auf je eine Karte geschrieben wurden, auf Tisch für alle gut sichtbar auslegen. Jeder kann auch noch auf den bereitliegenden leeren weissen Karten Ergänzungen anbringen.

Anschliessend eventuell noch kleiner Austausch in der Gruppe darüber und erklären, dass diese Wünsche, Erwartungen und Ängste während des ganzen Gruppenjahres mitberücksichtigt werden.

4.2.6 Erklärungen zum Ablauf des Gruppenjahres bzw. der einzelnen Abende

  • Hinweis, dass jeder seine eigene Kerze mitbringt als Symbol für den Verstorbenen und/oder als Symbol für das eigene Leben. Zusammen vereinbaren, ob die Teilnehmer bereits zu Beginn des SHG-Jahres ihre eigene Kerze mitnehmen möchten, oder ob diese erst mit «Einzug» der persönlichen Geschichte mitgebracht werden soll
  • Ein- und Ausstieg der Abende immer mit Gedicht, Musikstück etc., das auch gerne von den Gruppenteilnehmenden (nach Absprache) mitgenommen werden darf
  • Befindlichkeitsrunde mit dem schon bekannten Kerzenritual und anschliessendem Anzünden der eigenen mitgebrachten Kerze
  • Erste Gruppentreffen sind reserviert für die persönlichen Geschichten. Jedes dieser ersten Gruppentreffen ist für einen bestimmten Teilnehmer reserviert, der uns nach vorgängigem Aufschreiben zuhause «seine Geschichte» erzählen/vortragen wird.
Erläuterung: Traumabewältigung durch Schreiben
  • Schreiben ist eine mögliche Form, das Unfassbare fassbarer zu machen.
  • Durch das Schreiben dezentrieren wir die zerstörerischen Gedanken und Gefühle in uns. Dadurch können sie sich nicht in unseren Herzen festsetzen. Wir geben unserer Seele eine Sprache, eine Möglichkeit, sich zu Wort zu melden. Wir räumen der Seele einen Platz in unserer Trauerbewältigung ein. Auf diese Weise wird eine Heilung erst möglich.
  • Zahlreiche Hinterbliebene haben im Verlaufe des Schreibprozesses erfahren, dass die verstorbene Person nach und nach den Raum in ihren Herzen bekommt, der es ihnen ermöglicht, selbst weiterzuleben.
  • Durch das genaue Hinschauen und das «beim Namen nennen» des Geschehenen, verliert das Trauma etwas von seiner zerstörerischen Dynamik in uns.
  • Hinterbliebene haben die Texte zum Buch «Darüber Reden» verfasst. Sie versuchen mit diesen Texten, der Sprachlosigkeit – die ein Suizid bei allen auslöst – Ausdruck zu verleihen.
  • Nach den Gruppenabenden mit den Geschichten werden die Treffen zu verschiedenen Themen gestaltet, wie zum Beispiel «Die Frage nach dem Warum?», «Die Frage nach Schuld», «Bilder in meinem Kopf» etc.
  • Dazu wird am ersten geschlossenen Treffen ein Blatt mit Themen ausgeteilt, auf dem die Teilnehmenden ankreuzen können, welche Themen sie behandelt haben möchten und wie dringlich diese für sie sind.

4.2.7 Charta

Unsere Zusammenkünfte haben zum Ziel, einander auf dem Weg durch die Trauer zu unterstützen und uns gegenseitig Verständnis, Stärkung und Liebe entgegenzubringen.

Wir stehen alle an einem anderen Punkt:

  • Die einen stehen noch unter dem Schock des Todes, für andere ist es schon Jahre her, dass sie den geliebten Menschen verloren haben.
  • Für die einen ist der Glaube ein fester Anker, andere sind von Zweifeln geplagt, von Ängsten verfolgt, voller Auflehnung gegen Gott oder einen für den Tod Verantwortlichen.
  • Die einen kommen mit ihrer Wut, ihren Schuldgefühlen, ihren quälenden Warum-Fragen, ihrem schwer zu kontrollierenden Stress, währenddem andere bereit sind, mit den Gestressten etwas von ihrer inneren Ruhe zu teilen.
  • Die einen sind in tiefster Verzweiflung, die anderen kämpfen mit ihrer Depression und wieder andere strahlen Zuversicht und Hoffnung aus.

Egal, wo wir stehen, wir wollen die Gefühle der anderen teilen und mit ihnen auch unsere Liebe zu unseren Verstorbenen.

Wir alle versuchen unser Leben wieder aufzubauen, ihm einen Sinn zu geben. Wir möchten dies, wenn immer möglich, zusammen tun. Wir möchten einander helfen, durch die Trauer hindurch zu gehen, um dann wieder einen Weg ins Leben zu finden.

Unsere Mittel dazu sind:

  • Vertrauen
  • Respekt
  • Teilen
  • Hören mit dem Herzen
  • Engagement
  • Unterstützung

Jede und jeder von uns kommt mit bestimmten Erwartungen:

  • eine Zeit des Redens, um einmal zu sagen, was einen umtreibt,
  • einen geschützten Raum, um seine Gefühle zu ergründen,
  • offene Herzen, wo der eigene Schmerz Einlass findet,
  • eine Schulter, an der man sich ausweinen kann.

Gestehen wir uns die Zeit und den Ort zu, wo wir wieder auferstehen können! Respektieren wir aber auch die Stille. Vermeiden wir es, jemandem ins Wort zu fallen, etwas auf sich zu beziehen, zu vergleichen und das Leid der anderen herabzumindern. Hüten wir uns vor dem Verteilen von Ratschlägen und vor Vorurteilen. Bemühen wir uns vielmehr zuzuhören, ganz Ohr zu sein, um die Nöte des oder der anderen wahrzunehmen. Bemühen wir uns, jedes Gruppenmitglied in seiner Freiheit des So-Seins anzunehmen.

Behalten wir schliesslich für uns, was wir unter uns sagen: Die Zusicherung unserer Verschwiegenheit ist die Garantin des Vertrauens in die Gruppe.

4.2.8 Beantwortung von noch vorhandenen Fragen

Welche Fragen sind noch vorhanden, um sich definitiv für das Gruppenjahr anzumelden?

4.2.9 Pause

4.2.10 Definitive Anmeldung mit Name, Adresse, Telefonnummer, E-mail-Adresse

Anmeldeformulare mit folgendem Inhalt austeilen:

Name, Vorname, Adresse, Geburtsdatum, Telefonnummer, E-Mail-Adresse, Datum Gruppeneintritt, Wen habe ich verloren? Name, Vorname, Geburtsdatum und Todesdatum des Verstorbenen

Die Gruppenleitung gestaltet aus den Anmeldungen eine Liste mit all diesen Daten (mit Einverständnis der Gruppenteilnehmenden) und verteilt diese Liste am ersten geschlossenen Treffen. Somit können die Gruppenteilnehmer sich untereinander schreiben, telefonieren, einander zu Geburts- oder Todestagen eine Karte schicken usw. Der gegenseitige Austausch zwischen den Treffen kann so zu einem weiteren tragenden Netz werden.

Allen Neuankömmlingen Fragebogen zu Wünschen, Erwartungen, Ängsten und Blatt zu Gruppenregeln mitgeben (s. Anhang).

4.2.11 Infos zum ersten geschlossenen Gruppentreffen (falls genügend Anmeldungen vorhanden)

  • nochmaliger Hinweis, eigene Kerze mitzunehmen
  • Hinweis, Agenda für Vereinbarung der nächsten Daten mitzunehmen
  • sich überlegen, wer mit dem Erzählen der Geschichte beginnen möchte

4.2.12 Ausstieg

Geschichte:

Brücken bauen

«Du hast einen schönen Beruf», sagte das Kind zum alten Brückenbauer, «es muss sehr schwer sein, Brücken zu bauen.»

«Wenn man es gelernt hat, ist es leicht», sagte der alte Brückenbauer, «es ist leicht, Brücken aus Beton und Stahl zu bauen. Die anderen Brücken sind viel schwieriger», sagte er, «die baue ich in meinen Träumen.»

«Welche anderen Brücken?» fragte das Kind. Der alte Brückenbauer sah das Kind nachdenklich an. Er wusste nicht, ob das Kind es verstehen würde. Dann sagte er: «Ich möchte eine Brücke bauen – von der Gegenwart in die Zukunft. Ich möchte eine Brücke bauen vom einen zum anderen Menschen, von der Dunkelheit in das Licht, von der Traurigkeit zur Freude. Ich möchte eine Brücke bauen von der Zeit in die Ewigkeit, über alles Vergängliche hinweg.»

Das Kind hatte aufmerksam zugehört. Es hatte nicht alles verstanden, spürte aber, dass der alte Brückenbauer traurig war. Weil es ihn wieder froh machen wollte, sagte das Kind: «Ich schenke dir meine Brücke.»

Und das Kind malte für den Brückenbauer einen bunten Regenbogen.

Autor unbekannt

4.2.13 Abschied mit guten Wünschen

4.3 Erstes geschlossenes Treffen

4.3.1 Einstieg in den Abend

Primi Passi

Die Stunde null – die Zeit bleibt stehen!
Ich bleibe stehen.
Starr, bewegungslos, gelähmt.
Und doch – es muss gegangen werden.
Schritte – erste Schritte
In ein ungesichertes
Für mich unbekanntes Land.
Orientierungslos, haltlos, hilflos.
Da ist ein Mensch, der da ist.
Er nimmt mich an die Hand,
Behutsam führt er mich,
Begleitet mich bei meinen ersten Schritten.
Zaghaft, ängstlich, unsicher,
Aber ich spüre. Es geht – ich gehe.
Ich wage Schritte – Schritte
In ein mir unbekanntes Land.

Von Stülpnagel, Freya (2009)

4.3.2 Begrüssung

Herzlich willkommen heissen zum ersten Treffen des geschlossenen Selbsthilfegruppenjahres. Alle bitten, ihre Kerze vor sich auf den Tisch zu stellen, falls sie dies noch nicht getan haben.

4.3.3 Erklären des Abendprogramms (anhand Flipchart)

  • Kerzenritual
  • Befindlichkeitsrunde mit Karten
  • Ablegen von Schwierigem während den Gruppentreffen: Infos zu weissen Zetteln und Büchse
  • Verschiedene Vereinbarungen/Termine: Nächste Selbsthilfegruppen-Termine, Handhabung mit Pausensnacks, Daten für die persönliche Geschichte
  • Pause
  • Themenliste
  • Namenskarte
  • Ausklang

4.3.4 Vorstellungsrunde/Kerzenritual

Ein Teilnehmer nimmt Licht von der grossen Kerze und zündet damit seine Kerze an. Bevor er das Licht weitergibt, kann er etwas zu seiner mitgebrachten Kerze sagen (z. B. für wen er die Kerze heute anzündet, für wen sie symbolhaft steht etc.)

  • Vorstellungsrunde der Teilnehmenden: Kurz und bündig: Name, Wohnort, Arbeit
  • Wie vernahm ich von der Gruppe?
  • Um wen trauere ich? Seit wann? Was tat ich bisher, um mir zu helfen?
  • Was erwarte ich von diesen Zusammenkünften? Wie möchte ich nach Abschluss der Zusammenkünfte sein?

4.3.5 Befindlichkeitsrunde mit ausgelegten Karten (Ansichtskarten mit Naturbildern, Menschen etc.)

Jeder Teilnehmende wählt sich eine Fotokarte von der ausgelegten Auswahl und sagt etwas dazu. (Er kann vorgängig auch eine kurze Notiz auf die Rückseite der Karte schreiben).

  • Ich habe dieses Bild gewählt weil …
  • Wenn ich dieses Bild sehe …
  • Bei diesem Bild kommt mir folgendes in den Sinn …

4.3.6 Ablegen von Schwierigem während den Gruppentreffen

Mitteilung der Gruppenleitung an die Teilnehmer: Alles, was zu schwierig ist, um es nach einem Treffen mit nach Hause nehmen zu wollen, kann symbolisch auf eine kleine weisse Karte geschrieben und in den Spalt des Büchsendeckels geworfen werden. (Ovomaltinebüchse oder ähnlich, die vom Gruppenleitenden «umgestaltet» wurde. Am Ende des Gruppenjahres wird der ganze Inhalt dieser Büchse in einem Ritual dem Feuer übergeben.

4.3.7 Verschiedene Vereinbarungen/Termine

  • Nächste Selbsthilfegruppen-Termine zusammen planen anhand der Vorschläge der Gruppenleitenden und der mitgebrachten Agenden
  • Adressliste für das nächste Mal in Aussicht stellen
  • Notizbuch empfehlen
  • Handhabung mit Pausensnack: jeder für sich selbst? oder einer für alle?
  • Terminplanung für persönliche Geschichten: wer erzählt wann?

4.3.8 Pause

4.3.9 Themenvorschläge

Bitte ankreuzen, was dich am meisten interessiert:

  • Die Warum-Fragen: Warum ist das gerade mir passiert? Warum habe ich nichts gemerkt? Wie kommt jemand dazu, sich das Leben zu nehmen? Warum fühle ich mich so elend?
  • Die Schuldfrage: Was hätte ich tun können, damit es nicht passiert wäre? Wer ist schuld daran, dass es passierte? Wie kann ich mit meinen Schuldgefühlen umgehen?
  • Depressionen, psychische Krankheiten, Alkohol/Drogen und Suizid
  • Bilder in meinem Kopf: Was habe ich wirklich gesehen? Was stelle ich mir in meinen Gedanken vor, wie es gewesen sein könnte? Wie gehe ich mit diesen Bildern um?
  • Suizidmethode: Wie gehe ich damit um?
  • Beziehungen zu anderen Leuten: Gibt es Beziehungen, die sich verändert haben (in der eigenen Familie, im Freundeskreis, im weiteren Umfeld)?
  • Erste Schritte wieder ins «Leben»: Wann sind sie geschehen? An welchen Symptomen habe ich sie erkannt?
  • Was hat mir bisher am meisten geholfen?
  • Spirituelle Erfahrungen (Medium, Meditation, Erscheinungen der Verstorbenen, Träume usw.)
  • Suizid-Tabu: Wie gehe ich damit um, und was kann ich dagegen tun?
  • Bücher, Texte: Was hat mir etwas gebracht? Was hat mir Mühe gemacht?
  • Trauer: Wann überfällt sie uns? Welche Gefühle herrschen vor?
  • Hoffnung: Was gibt mir Hoffnung? Wie gestalte ich mein Leben? Wie könnte mein «Morgen» aussehen?
  • Kinder: Wie können sie damit umgehen, was ihnen sagen?
  • Müssen wir uns immer wieder mit dem Thema konfrontieren? Wie lange?
  • Wie kann ich versuchen, eine neue Beziehung einzugehen?
  • Erfahrungsbericht: Eine Person erzählt, wie es zum Suizidversuch gekommen ist und wie sie seither damit umgeht (evtl. Video)
  • Gemeinsames Ansehen von Videofilmen über das Thema Suizid
  • Wie soll ich mit meinen Gefühlen (Wut, Verzweiflung, Hilflosigkeit, Süchten und Sehnsüchten usw.) umgehen?
  • Inzest, sexuelle Gewalt während der Kindheit, der Jugendzeit oder im Erwachsenenalter
  • Wie gehe ich mit meiner eigenen Suizidalität um? Habe ich schon einmal einen Suizidversuch gemacht oder geplant?
  • Was ich sonst noch gerne besprochen haben möchte:
  • _______________________________________________________________________________________________________________________________
  • _______________________________________________________________________________________________________________________________
  • _______________________________________________________________________________________________________________________________

Vorgehen: Erst alles durchlesen. Dann nochmals durchlesen und ankreuzen, was dich interessiert. Dann die angekreuzten Themen nochmals lesen und die Reihenfolge angeben, in der ich die Themen besprochen haben möchte.

Themenliste verteilen mit der Bitte, Punktzahlen bei den einzelnen Themen anzugeben (0-3)

  • 0 = nicht wichtig
  • 1 = nicht so dringend
  • 2 = mässig dringend
  • 3 = möglichst bald

Wenn zeitlich möglich:

  • Einsammeln und gemeinsames Durchgehen der Bewertungen
  • Unerwünschte Themen streichen
  • Aufnahme von allfälligen weiteren gewünschten Themen

4.3.10 Namenskarte gestalten

Karte mit dem Namen der/des Verstorbenen individuell gestalten, kann zuhause noch fertiggestellt werden (zum Beispiel mit einem Foto)

Diese Karte soll wie die Kerze selber an jedem Gruppenabend mitgenommen und aufgestellt werden, damit wir die verstorbene Person mit Namen und evtl. Bild in unserer Mitte haben

4.3.11 Ausklang

Die Brücke

Die Brücke – Sinnbild der Verbindung
Verbindung von Ost und West
Verbindung von Leben und Tod
Verbindung von Licht und Schatten.
Der Weg über die Brücke
Gesäumt, gehalten von Brückenpfeilern.
Halt auf dem Weg durch die Trauer,
Sie lassen Licht einfallen – das Trauerlicht.
Damit der Gehende mit Hoffnung
Schritte gehen kann.
Dort, wo gegangen wird,
Fällt Licht auf den Weg.
Das Licht weist mir den Weg,
Gibt mir Mut und Hoffnung,
Dass der Weg ins Leben führt.

Freya v. Stülpnagel

Aus: Von Stülpnagel, Freya (2013), S. 152

Vor dem Heimgehen nochmaliger Hinweis, Schwieriges auf kleine Zettel schreiben und in die Büchse stecken zu können, um es symbolisch «hier» zu lassen.

4.3.12 Abschied mit guten Wünschen

4.4 Treffen mit persönlichen Geschichten der Teilnehmenden

4.4.1 Einstieg in den Abend mit A4-Blatt « CREDO»

Alle erhalten eine Kopie. Die zehn Punkte werden reihum laut gelesen.

CREDO

  1. Ich realisiere, dass der Verlust von geliebten Bezugspersonen zum Leben gehört.
    Es ist notwendig, durch die Trauer hindurchzugehen, um zu genesen und wieder aufzuleben.
  2. Ich bin mir bewusst, dass Trauer keine Krankheit ist, aber krank machen kann,
    wenn ich sie nicht zulasse. Wenn ich genese, ist das ein Erholen von der Trauerarbeit und nicht von einer Krankheit.
  3. Das Hindurchgehen durch die Trauer erfordert viel Energie und Willenskraft.
  4. Es ist heilsam, Gleichbetroffenen zu begegnen und einen geschützten Raum,
    ein Refugium zu haben, wo ich meiner Trauer Ausdruck verleihen kann ohne beurteilt zu werden.
  5. Es ist nötig, durch aufmerksames und anteilnehmendes Zuhören die anderen in ihrer Betroffenheit wahrzunehmen; es ist gut, wenn ich von den anderen ermutigt werde, meinen Gefühlen Ausdruck zu geben.
  6. Ich bin sicher, dass echte Emotionen heilsam sind, und dass sie zur persönlichen Weiterentwicklung führen, wenn sie zugelassen werden.
  7. Ich anerkenne, dass jede trauernde Person innerhalb der Gruppe nach ihrem eigenen Rhythmus durch die verschiedenen Trauerphasen gehen wird.
  8. Ich glaube, dass auch ich die nötigen Ressourcen besitze, um die Trauerzeit gut zu durchleben, zu überstehen und aus ihr gereift hervorzugehen.
  9. Ich glaube, dass geistige oder religiöse Ressourcen beim Heilungsprozess hilfreich sind.
  10. Ich bin überzeugt, dass ich nach der durchstandenen Trauer eine vertiefte Gefühlsebene erreicht haben werde und zu neuem, erfüllten Leben fähig bin.

Gedicht, Text oder Musik (kann vom Teilnehmer, der seine Geschichte erzählt, mitgebracht und gestaltet werden)

4.4.2 Erklären des Abendprogramms (anhand Flipchart)

  • Kerzenritual: Hinweis, dass dieses Anfangsritual immer auch dazu dient, die aktuelle Befindlichkeit oder Fragen/Probleme äussern zu können, welche die Teilnehmer gerne besprechen würden
  • Geschichte des ersten Teilnehmers
  • Fragen an den Erzählenden, falls dieser damit einverstanden ist
  • gute Wünsche an Erzählenden mittels schöner Postkarten
  • Pause/Fragen und Wünsche der Teilnehmenden
  • Ausklang

4.4.3 Kerzenritual

Siehe 4.3.4

4.4.4 Geschichte eines Teilnehmers

aufmerksam und mit Anteilnahme zuhören, nicht unterbrechen

4.4.5 Verständnisfragen

Vorsichtige Fragen der Teilnehmer oder Leitenden an den Erzählenden, falls dieser damit einverstanden ist (vor allem Fragen zum besseren Verständnis)

4.4.6 Gute Wünsche an Erzählenden mit Postkarten

Der erzählende Teilnehmer darf sich von den ausgelegten Postkarten so viele ziehen, wie Zuhörende da sind. Die Zuhörenden schreiben ihm individuell gute Wünsche und Gedanken auf die Karte und schenken ihm diese als Dank und Wertschätzung für das Erzählen seiner Geschichte.

4.4.7 Pause (Es ist auch möglich, noch auf eventuell beim Kerzenritual gestellte Fragen oder Themen einzugehen.)

4.4.8 Ausklang

4.4.9 Hinweis auf «Zettelbüchse»

4.4.10 Abschied mit guten Wünschen

4.5 Ende des Gruppenjahres/letztes Gruppentreffen/Abschied

4.5.1 Hausaufgabe vom vorhergehenden Gruppentreffen für den heutigen Abschluss:

  • Etwas vorbereiten, dass wir dem Wasser mitgeben möchten. Dies kann ein Abschiedsbrief, ein Dank, eine Rose oder irgendein Symbol für etwas sein, das wir dem Wasser zum Weitertragen übergeben oder darin versenken möchten.
  • An diesem letzten Abend werden auch die weissen Karten, die zum Schluss jedes Gruppentreffens mit Belastendem und Schwierigem beschriftet wurden, als Asche dem Wasser übergeben.
  • Für die zweite Hälfte des letzten Gruppentreffens Essen und Getränke für eine «Teilete» und gemeinsames gemütliches Beisammensein mitnehmen. Die Gruppe kann auch vereinbaren, nach Reservation in einem Restaurant ein feines Essen zu geniessen.

Wenn alle Teilnehmenden sich im Gruppenraum/draussen versammelt haben, gehen wir gemeinsam an einen von der Gruppenleitung vorher gut ausgewählten Platz, um unsere mitgebrachten Symbole dem Wasser zu übergeben.

Die Gruppenleitung erklärt, dass jedes Mitglied sein Symbol dem Wasser entweder still oder mit einem kurzen Kommentar übergeben kann. Jedes Mitglied hat genug Zeit, sein Symbol in Ruhe dem Wasser zu übergeben, bevor die nächste Person an der Reihe ist.Wenn es das Wasser (Wellengang!) zulässt, kann die Gruppenleitung jedem Symbol eine angezündete Schwimmkerze hinterherschicken.

Gedanken dazu:

«Der Tod kann uns von dem Menschen trennen, der zu uns gehörte, aber er kann uns nicht das nehmen, was uns mit ihm verbunden hat.»

1. Steine als Symbol des Schweren, der Gedanken, der Ängste, der Last, die uns ungewollt aufgelegt wurde

  • kurze Besinnung: Was ist es mit meinen Worten? (Alle überlegen sich, was sie den andern mitteilen wollen, wenn sie den Stein ins Wasser werfen.)
  • Stein dem Wasser übergeben, versinkt auf dem Grund, dem Wasser überlassen, nicht wieder heraufholen → dazu Gedanken jedes Teilnehmenden

2. Blume als schöne Erinnerungen, was ich behalten möchte. Was ich im Herzen einschliessen möchte!

  • kurze Besinnung: Was ist es mit meinen Worten? (Alle überlegen sich, was sie den andern mitteilen wollen, wenn sie die Blume(n) ins Wasser legen.)
  • Blume(n) dem Wasser übergeben, dem Wasser überlassen, nicht wieder herausholen → dazu Gedanken jedes Teilnehmenden
  • Blätter ausfüllen für jedes ins Couvert legen, zuerst Blatt und Couvert mit Namen anschreiben und weitergeben

Wenn alle Teilnehmer ihr Symbol dem Wasser anvertraut haben, wird die Büchse, in der die Kärtchen mit allem Schwierigen während des Gruppenjahres aufgehoben wurden, geöffnet und die Kärtchen in einer speziellen Schale verbrannt. Die Asche wird zuletzt von einem der Teilnehmenden ebenfalls dem Wasser übergeben.

Möglicher Text zum Ausklang des Rituals

Wir sind in diesem Jahr
nicht mehr dieselben,
die wir im letzten Jahr waren
und die wir lieben,
sind es ebenfalls nicht.
Es ist ein grosses Glück,
wenn wir auch den
veränderten Menschen
weiter lieben.

Wilhelm S. Moore

oder

Mein Dank an dich

Ich danke dir für die Zeit,
die du mir geschenkt hast,
die Gelegenheiten zu lieben
und was ich durch dich geworden bin.
Und für die unausgesprochenen Worte,
die immer noch zwischen uns liegen.

Charlotte Knöpfli-Widmer

Aus: Schmeisser, Martin (2004)

Rückkehr in den Gruppenraum

«Teilete» zusammen geniessen, lachen, weinen, sprechen, schweigen, …

Ausklang mit folgender Geschichte

Eine Handvoll Glück

Ein Kapuziner wurde einmal von einem Mitbruder gefragt, wieso er immer so zufrieden und glücklich wirke. Dieser antwortete ihm, dass er jeden Morgen einige Kaffeebohnen in seine linke Tasche stecke und dass er jedes Mal, wenn ihm untertags eine kleine Freude widerfährt, eine Kaffeebohne in die rechte Tasche legt. Am Abend nimmt er die Kaffeebohnen aus der rechten Tasche und hält Rückblick auf die kleinen Freuden des vergangenen Tages. Das mache ihn glücklich und froh.

Diese kleine Geschichte habe ich letztes Jahr im Radio – ein Wort zum neuen Tag – gehört und sie ist mir im Gedächtnis geblieben. «Jeder ist seines Glückes Schmied» – so sagt uns ein Sprichwort. Wir sind also für unser Glück selber verantwortlich und zuständig? Wenn das so einfach wäre! Sind es nicht manchmal auch die Lebensumstände, die unserem Glücklich-Sein entgegentreten – die Krankheit eines nahestehenden Menschen, der Stress am Arbeitsplatz, Einsamkeit, eine unglückliche Partnerschaft, finanzielle Sorgen, berufliche Probleme?

Aber vielleicht haben wir auch zu grosse Ansprüche an das Glück. In anderen Regionen unserer Welt und manchmal gar nicht so weit weg, sind Menschen glücklich, wenn sie wieder einmal satt werden können, wenn sie medizinische Versorgung erhalten, wenn sie frisches Wasser trinken können, wenn sie etwas Zuwendung erfahren. Hat dann das Sprichwort noch seine Gültigkeit? Zum Jahresbeginn oder zum Geburtstag wünschen wir unseren Nächsten oft viel Glück – nur eine Floskel im Glückwunschtext? Vielleicht sollten wir unseren Nächsten zum Geburtstag oder zum Jahresbeginn das nächste Mal einen Sack voll Kaffeebohnen schenken.

Erika Bucheli

Danke für das gemeinsame Gruppenjahr und Abschied mit guten Wünschen.

Infos

  • Neue SHG Einladungen, weitersagen
  • Mitarbeit z.B. Monatsrunde. Wer mag sich dort als Moderator*in engagieren?
  • Mitarbeit im Verein, Vorstand
  • 10. September (Weltsuizidpräventionstag) Einladung, Infos
  • Eigene Organisation, wer verantwortlich?

Kapitel 5

Themen für Gruppentreffen

5.1 Die Frage nach dem «Warum?»

«Erklärungsmodelle für suizidales Geschehen»

5.1.1 Warum-Fragen

Warum-Fragen wollen ernst genommen werden. Die Warum-Fragen wird von vielen Suizid-Hinterbliebenen als «eine Frage ohne Ende» erlebt und gestellt. Sie können sich dieser Frage nicht entziehen, sie bleiben ihr ausgeliefert. Und sie stellen sie lange Zeit immer neu. Die bohrende Frage: Warum musste sie, warum wollte er so sterben? findet manche Antworten, aber nie eine ganze Antwort. Ein Geheimnis wurde mitgenommen ins Grab.

Möglich sind Teilantworten. Es gibt zweierlei Warum-Fragenn in der Trauer: die eigentlich fragende und dadurch «fruchtbare» Warum-Fragen und die «klagende» Warum-Fragen.

Fruchtbares Warum: beharrlich weiterfragen!

Die fruchtbare Warum-Fragen sucht beharrlich und ernsthaft nach verständlicher Antwort. Auch wenn die Verzweiflung, die Wut, die Hoffnungslosigkeit immer mitschwingt: eine leise Hoffnung ist geblieben, der Schleier über dem Geheimnis möge sich ein wenig lüften.

Diese Warum-Fragenn brauchen eine lang anhaltende Ausdauer, bis sich vielleicht ein Verstehen erschliesst. Immer neu werden sie gestellt, immer genauer nehmen sie Erinnerungsbilder und erste Einsichten auf. Im Gespräch mit erfahrenen Frauen und Männern lässt sich ausloten, wohin die Fragen zielen und was dabei zu bedenken ist. Manche hinterlassene Dokumente gewähren ein wenig Einblick, geben ein wenig Antwort auf das «Warum?». So können im Suchen und im Fragen Einsichten und Erkenntnisse über das Verlorene reifen: Auch so war sie, auch so fühlte er.

Vielleicht willigt das Herz einmal ein in eine neue Sicht von Leben und Tod.Ein bisschen Frieden kehrt zurück. Die verlorene Zukunft beginnt wieder, sich zu erschliessen.

Klagendes Warum: fragen, solange der Schmerz keine Ruhe lässt!

Die aufbegehrende und Einspruch erhebende Art, nach dem Warum zu fragen, wird von Nichtbetroffenen oder auch von anderen Trauernden leicht als sinnlos empfunden. Sie fühlen sich genervt. Die Frage ist aber keineswegs sinnlos! Fragen, die ohne Antwort bleiben, sind Klage, Ausdruck des Schmerzes, der tiefen Verletzung. Sie sind möglicherweise der Versuch, der hilflosen Wut eine Sprache zu geben. Sie erwarten keine Erklärungen, keine Beschwichtigung, vielleicht nicht einmal ein gutes Zureden. Sie erwarten Verständnis dafür, dass jetzt Zeit der Klage ist. Sie richten sich ja auch nicht eigentlich an Menschen, die sie vielleicht hören, sondern an die aus dem Leben Geschiedenen, an das Schicksal, an Gott. Solange der Schmerz keine Ruhe lässt, ist es berechtigt, nach dem «Warum?» zu fragen.

5.1.2 Erklärungsmodelle, präsuizidale Entwicklungen, psychische Erkrankungen

Von Prof. Dr. Dr. Manfred Wolfersdorf, Psychiater und Psychotherapeut, Deutschland

Suizidalität – Was meint man zu glauben, was das ist?
Definition von Suizid (Wolfersdorf):

«Suizidalität meint die Summe aller Denk- und Verhaltensweisen von Menschen, die in Gedanken, durch aktives Handeln oder passives Unterlassen oder durch Handelnlassen den eigenen Tod anstreben bzw. als mögliches Ergebnis einer Handlung in Kauf nehmen.»

Suizidalität ist grundsätzlich allen Menschen möglich, tritt jedoch häufig in psychosozialen Krisen und bei psychischer Erkrankung auf (medizinisch-psychosoziales Paradigma). Suizidalität ist bewusstes Denken und Handeln und zielt auf ein äusseres oder inneres Objekt, eine Person, ein Lebenskonzept. Suizidales Verhalten will etwas verändern, den Anderen, die Umwelt, sich selbst in der Beziehung zur Umwelt.

Psychodynamisch ist Suizidalität ein komplexes Geschehen aus Bewertung der eigenen Person, der Wertigkeit in und von Beziehungen, aus Einschätzung von eigener und anderer Zukunft, der Veränderbarkeit eines unerträglich erscheinenden Zustandes, aus durch psychische und/oder körperliche Befindlichkeit verändertem Erleben.

Motivational spielen appellative, manipulativ-instrumentelle, altruistische sowie auto- und fremdaggressive Elemente eine Rolle.

Suizidalität ist meist kein Ausdruck von Freiheit und Wahlmöglichkeit, sondern von Einengung durch objektive und/oder subjektiv erlebte Not, durch psychische und/oder körperliche Befindlichkeit bzw. deren Folgen, durch gesellschaftlich-kulturelle bzw. ideologische Rahmenbedingung. Die Benennung «Freitod» ist für den Grossteil der suizidalen Menschen und der Suizide falsch.

Wir müssen heute auch zur Kenntnis nehmen, dass es eine Suizidalität auch ausserhalb von Medizin/eines Störungskonzeptes gibt, denken Sie an den Opfertod der Märtyrer, an Amok oder an Terroristensuizide als Methode der Kriegsführung.

Beschreibung von Suizidalität

Nur etwa 50-60% aller Menschen, die Suizid begehen, sprechen vorher davon. Das begrenzt unsere Hilfsmöglichkeiten. Der Zeitraum der Einengung ist nicht definiert. So ist z.B. bei Menschen mit Migrationshintergrund das 5. bis 7. Jahr der gefährlichste Zeitraum, eine Entwicklung über einen langen Zeitraum.

Was empfindet ein Mensch in dieser präsuizidalen Zeit?

  • nicht (-mehr) Aushalten-Können einer subjektiv «unerträglichen» Belastung und/oder Kränkung
  • subjektiv unerträglicher psychischer Schmerz
  • Glaube oder Überzeugung, keine andere Möglichkeit mehr zu haben, diesem Schmerz ein Ende zu setzen
  • schwer kontrollierbar erscheinende, aggressive (selbst- und fremdaggressive) Impulse
  • Gefühle von Hoffnungs- und Perspektivelosigkeit
  • Gefühle von Zorn, Wut, «Rache»
  • starres, rigides Denken

Wesentlich ist der Glaube der Person, keine Möglichkeit zur Veränderung, zur Neuentscheidung mehr zu haben – das Gefühl der Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Hinzu kommen häufig autoaggressive Impulse.

Bis zur Suizidhandlung gibt es eine Entwicklung. Menschen, die sich mit dem Gedanken an Suizid beschäftigen, setzen häufig Appelle, Hinweise oder Hilferufe. Sie befinden sich in einem inneren Zustand der Ambivalenz: Ich werde mir das Leben nehmen, weil ich so nicht mehr leben kann. Der andere Pol ist: Ich möchte eigentlich leben und niemand kann mir helfen.

Leider senden nur knapp über die Hälfte der Betroffenen Appelle. Ca. 40% der indirekten Appelle oder Zeichen sind nicht verstehbar für die Umwelt. Oft kann man die Zeichen erst im Nachhinein deuten. Das ist bei vielen Verhaltensweisen der Fall, die wir in der Entwicklung der Menschen zum Suizid hin erleben. Hier stossen wir an die Grenzen unserer Deutungsfähigkeit.

Welche Menschen scheinen besonders gefährdet?

Menschen mit bereits vorliegender Suizidalität: Suizidankündigungen (Appell in der Ambivalenz); suizidale Krise; nach einem Suizidversuch (10% Rezidiv mit Suizid)

Alte Menschen: mit Vereinsamung, mit schmerzhaften, chronischen, einschränkenden Krankheiten, nach Verwitwung, mit psychischen und körperlichen Erkrankungen (Komorbidität)

Junge Menschen: in Entwicklungskrisen, bei Beziehungskrisen (innere Vereinsamung), Drogen-, Ausbildungsprobleme, familiäre Konflikte

Menschen mit psychischen Erkrankungen: Depressive (primäre Depression, depressive Zustände, reaktive Depression), Suchtkranke (Alkoholkrankheit, illegale Drogen), Schizophrenie, Angststörungen

Menschen in traumatischen Situationen und Veränderungskrisen: Beziehungskrisen, Partnerverlust, Kränkungen; Verlust des sozialen, kulturellen Lebensraumes; Identitätskrisen; chronische Arbeitslosigkeit; Kriminalität; nach Verkehrsdelikten (z.B. mit Verletzung, Tötung eines anderen)

Menschen mit schmerzhaften, chronischen, lebenseinschränkenden, verstümmelnden körperlichen Erkrankungen (insbesondere des Bewegungs- und zentralnervösen Systems), terminale Erkrankungen mit Siechtum und extremer Pflegebedürftigkeit

Krisenmodell

Wenn sich Suizidalität in einer belastenden Lebenssituation entwickelt, so kann man das mit dem Krisenmodell erklären.

Definition von Krise (nach Sonneck 1997): «Verlust des seelischen Gleichgewichtes bei Konfrontation mit Ereignissen und Lebensumständen, die nicht bewältigt werden können, weil diese von Art und Ausmass, die Fähigkeiten und Hilfsmittel zum Erreichen von Lebenszielen oder Bewältigung einer Lebenssituation überfordern.»

Wie bewältigen wir Krisen: z.B. durch Schlafen oder mit einem anderen reden. Krisen gibt es aus vielerlei Gründen. Typisch für Krisen, die suizidal sind, ist, dass sie bewältigt werden müssen, da sonst die Welt untergeht.

Ausserdem ist typisch, dass Hilfe nicht mehr funktioniert. Sie wird oft nicht in Anspruch genommen, weil man überhaupt nicht auf die Idee kommt. Diese Hemmung oder Unfähigkeit, Hilfe in Anspruch zu nehmen, trifft insbesondere Männer. Die Situation ist von Unruhe und Verzweiflung geprägt, und es fallen Entscheidungen. Es wird Suizid, Selbstverletzung, Trinken usw. gewählt. Ein weiteres Merkmal suizidaler Krisen ist die grosse Not, die psychisch Erkrankte empfinden, wie z.B. in einer Depression.

Krankheitsmodell

Das Krankheitsmodell besagt: Menschen, die an Suizid versterben, gehen mit einer biologischen Anlage durchs Leben (Biologische Disposition). Das ist noch keine Krankheit! Wenn aber ein auslösendes inneres oder äusseres Lebensereignis hinzukommt, kann sich eine Krankheit entwickeln und in der Folge Suizidalität mit sich bringen.

Bekannt ist die biologische Disposition für Impulskontrollstörungen, bzw. Störung des serotonergen Systems.

Gefährdet sind vor allem Menschen, die im Gehirn zu wenig Serotonin haben. Serotonin ist eine chemische Substanz, die für Wohlbefinden sorgt und manchmal auch als «Glückshormon» bezeichnet wird. Vor allem bei Männern haben wir damit eine biologische Grundlage, wie wir sie auch bei der Depression und der Impulskontrollstörung haben.

Grundgedanken aus der Suizidprävention

In der Regel heisst Suizidprävention, versuchen zu verstehen: Was führt mich in diese Situation, sodass ich keinen Weg mehr sehe?

5.1.3 Weiterführende Informationen

www.reden-kann-retten.ch

5.2 Schuld

Begrüssen, Teilnehmende bitten, ihre Kerzen und Karten mit Namen (und evtl. Foto) der verstorbenen Person aufzustellen

Einstieg in den Abend mit Gedicht, Text oder Musik

Die ewige Schuld

Die Schuld ist zuverlässiger
als die Trauer.
Eine ewig unbeglichene Rechnung.
Sie demütigt und quält.
Sie schiebt sich wie ein eisernes Tor
vor jeden Lichtblick.
Sie lässt das Gute nicht gelten
und verhindert das Böse.
Sie ist der Wachhund,
vielleicht wie der Tod,
der ständig lauert,
damit Leben möglich wird.

Charlotte Knöpfli-Widmer

Aus: Schmeisser, Martin (2004)

Erklären des Abendprogramms (anhand Flipchart)

5.2.1 Kerzenritual

5.2.2 Thema Schuld

Einleiten mit Text

Schuldig

… Ich dachte, wir schaffen es gemeinsam, als Du Monate zuvor einen Zusammenbruch hattest. Es passierte für mich wie aus heiterem Himmel. Aber ich habe tatsächlich geglaubt, wir schaffen es zusammen, und es wird alles wieder gut.

Ich habe dich zum Gespräch zu Deinem Chef begleitet, zum Arzt. Ich habe der Einweisung in die psychiatrische Klinik zugestimmt. Ich habe daran geglaubt, dass Du dort am richtigen Ort bist, wo Dir geholfen wird. Ich habe Dich dort jeden Tag besucht und gesehen, wie traurig Du bist. Du hast die Welt nicht mehr verstanden. Ich habe nicht gewusst, wie ich Dir helfen sollte. Und ich weiss es noch immer nicht. Auch ich habe die Welt nicht mehr verstanden.

Ich habe daran geglaubt, dass Dir die psychiatrischen Sprechstunden helfen. Ich wollte Dich einmal begleiten, aber das hast du abgelehnt. Ich habe es akzeptiert.

Wir haben uns nach ärztlicher Rücksprache für die lange geplante Australienreise entschieden. Ich hatte den Eindruck, dass es auch für Dich stimmt, vor allem, als Du ein paar Tage zuvor neue Koffer für die Reise gekauft hast. Ich möchte unsere gemeinsame letzte Reise nicht missen. Aber war es richtig? Ich weiss es nicht.

Waren alle meine Annahmen, dass Dir geholfen wird, dass alles wieder gut wird, falsch?

Ich fühle in meinem Herzen ein tiefes Versagen meinerseits. Und plötzlich stehen so viele Vorwürfe im Raum. So viele Fragen.

Ich weiss nicht mehr, was richtig oder falsch ist. Ich suche nach Antworten, Gründen. Alles dreht sich im Kreis.

Meine Schuldgefühle zermalmten mich. Das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben, wo ich doch versuchte, Dir zu helfen. Schuldig, schuldig, schuldig, das haftete so fest in meinem Kopf.

Ich kann mich erinnern, als ich einmal gegenüber einer Freundin meine Schuldgefühle ansprach.

«Du fühlst dich schuldig?», fragte meine Freundin verständnislos. Ich war verblüfft. Ja, war ich das denn nicht? Sahen sie nicht automatisch in mir die Schuldige, die nicht in der Lage war, Dir ein lebenswertes Leben zu schenken?

Ich weiss nur, dass ich Dich sehr vermisse und mein Leben ohne Dich leer ist.

Margarete Reisinger

Aus:

Weisshaupt, Jörg (Hrsg.), «Darüber reden» (2013), S. 58-60

Gruppenleitende hängen Blätter mit folgenden Fragen an die Wand

  • Habe ich etwas versäumt?
  • Hätte ich anders auf ihn/sie eingehen müssen?
  • Habe ich etwas falsch gemacht?
  • Gebe ich anderen die Schuld? Wem?
  • Fühle ich mich schuldig? Warum?
  • Was wäre, wenn niemand schuld ist? Wie würde ich mich dann fühlen?
  • Verzeihen/Vergeben

Den Teilnehmenden 5-10 Minuten Zeit geben, für sich allein spontan aufzuschreiben, was sie ganz persönlich beim Thema Schuld beschäftigt.

Teilnehmende bitten, Blätter an der Wand mit eigenen Fragen oder Stichworten für alle sichtbar zu ergänzen.

Diskussion mit Einbezug der Stichworte an der Wand und mit Bezug zum Text von Margarete Reisinger

Zum Schluss (wenn genug Zeit) miteinander diesen Text von Chris Paul lesen:

Vergebung

„Vergebung oder Verzeihen, das sind grosse Worte. Trotzdem tun manche Menschen so, als sei es ganz leicht, zu vergeben. Andere sagen, es sei gar nicht an uns, das zu tun, das sei allein Gottes Aufgabe.

Da, wo ich Vergebung erlebt habe, hatte sie einen langen Weg hinter sich. Dieser Weg war nicht still und rührselig, sondern eher laut und voll von Wut und Verwünschungen. Vergeben ist ein tiefer innerer Prozess, der sich nicht zwingen lässt und der viel Zeit braucht. Vergebung kann in viele Richtungen geschehen. Ein Mensch kann einem anderen vergeben, sogar einem Verstorbenen. Ein Mensch kann sich selbst verzeihen – das ist meiner Ansicht nach der schwerste aber auch der wichtigste Weg. Ein Mensch kann einen anderen um Verzeihung bitten und die Vergebung eines anderen annehmen – sogar die eines Verstorbenen. Und letztendlich spielt es für viele Menschen eine grosse Rolle, ob Gott einer ist, der verzeihen kann, oder einer, der auf Rache aus ist.

Gleichgültig, in welche Richtung das «Verzeihen» geht, es bedeutet nicht «Vergessen». Es bedeutet, das Schuldprinzip aufzugeben und Schuld nicht mehr als Erklärung oder als Machtfaktor zu benutzen. Vor allem bedeutet es, dass zwischen zwei Menschen das, was an Schuld da war, nicht mehr die Hauptrolle spielt. Die enge Verbindung, die durch Schuld zwischen ihnen entstanden ist, lösen sie von beiden Seiten auf. Damit ist Platz für andere Verbindungen z.B. durch Wertschätzung oder durch Liebe. Wenn zwischen zwei Menschen nur Verbindungen durch Schuld bestanden haben, löst die Vergebung die Verbindung zwischen ihnen auf und befreit sie voneinander. Für Angehörige nach einem Suizid bedeutet Vergebung – egal in welche Richtung –, dass sie eine andere Form von Verbindung zu den Verstorbenen, zu anderen Menschen und sogar zu sich selbst herstellen können, eine Verbindung, die wertschätzend, liebevoll und wohltuend ist. Doch wie gesagt – Vergebung ist ein Geschenk, das sich vorbereiten, aber nicht erzwingen lässt. Und Vergebung ist auch nicht zwingend nötig, wer nicht oder noch nicht vergeben möchte, hat ein Recht darauf!“

Den theoretischen Teil zum Thema den Teilnehmenden mit nach Hause geben oder miteinander lesen, wenn genügend Zeit vorhanden ist. Gewisse Schwerpunkte daraus sollten von der Gruppenleitung in die Diskussion einbezogen werden.

Schuld und Schuldgefühle

Festzuhalten ist: die wenigsten Hinterbliebenen tragen am Suizid objektiv eine gewisse Mitschuld. Trotzdem werden viele von schweren Schuldgefühlen geplagt. Besonders wenn dem Suizid unmittelbar vorher eine Auseinandersetzung mit einem Hinterbliebenen vorausging.

Schuldgefühle und Schuldgedanken

Das Nachdenken über Schuld und Verantwortung beansprucht viel Platz in vielen Trauerprozessen. Für Angehörige nach einem Suizid ist es oft eine Überraschung, dass das nicht nur ihnen so geht, sondern auch Menschen, die Angehörige z.B. durch einen Unfall oder eine Krebserkrankung verloren haben. Nach einer körperlichen Erkrankung haben Angehörige dieselben Fragen und Vorwürfe wie nach einer psychischen Krankheit: Warum habe ich nicht früher was gemerkt, warum habe ich nicht bessere Spezialisten ausfindig gemacht, warum haben wir diesen Ärzten vertraut, warum haben die Ärzte nicht besser helfen können, da hätte doch jemand was machen müssen, ich hätte was machen müssen, ich hätte aufmerksamer und unterstützender sein müssen, aber ich habe nicht verstanden, was passiert, ich habe das nicht als Krankheit begreifen können, das hat doch nicht mal der Arzt erkannt, aber ich hätte es merken müssen, ich hätte was tun müssen, ich hätte es verhindern müssen. … Diese Gedankenspiralen kennen Angehörige nach einem Suizid ebenso wie Angehörige nach einer Krebserkrankung oder einem anderen langen Leiden.

Wenn der Suizid überraschend, ohne vorangehende Erkrankung passiert, fragen sich Angehörige: Warum war ich in diesem einen Moment nicht da, warum habe ich nicht geahnt, dass ein Unglück bevorsteht, warum habe ich es nicht gespürt, wieso habe ich nicht besser aufgepasst, warum gerade an diesem Tag, was hat das zu bedeuten, was habe ich falsch gemacht, was hätte ich tun können, um das zu verhindern, es muss doch irgendwas geben, was ich hätte tun können … wie Angehörige nach einem Unfall oder einem Herzinfarkt es sich häufig auch fragen.

Das Nachdenken über Schuld gehört zu den meisten Trauerprozessen, nicht nur zu denen nach einem Suizid. Nach einer Selbsttötung nimmt das Thema «Schuld» aber häufig mehr Raum ein als in anderer Trauer. Das liegt auch an den äusseren Umständen – die erste Begegnung mit einem Tod durch Suizid ist die Begegnung mit Polizeibeamten, die ermitteln, ob möglicherweise ein Mord vorliegt. Angehörige werden in den ersten Minuten ihres Trauerprozesses als Zeugen und sogar als Verdächtige behandelt. Da ist das Thema «Schuld» sofort im Raum.

Aussenstehende fragen stets nach dem WARUM desjenigen Menschen, der sich das Leben genommen hat; das Interesse gilt viel häufiger dem Verstorbenen und seinen Motiven als den Hinterbliebenen. Die sind für Aussenstehende oft nur interessant als mögliche Verursacher des Suizids nach dem Motto: «Da muss doch was gewesen sein». Das Thema «Schuld» ist darin sehr präsent.

Schuld und Ausgleich

Sobald wir von «Schuld» sprechen, sie fühlen und an sie denken, sind wir mit tiefen und existenziellen Fragen beschäftigt. Wir haben es mit der Frage nach Recht und Unrecht zu tun, mit der Definition – bin ich, ist jemand anderer gut oder böse – bin ich ein normaler Mensch? Tiefe eigene Schuldgefühle oder Schuldzuweisungen an andere sind keine Kleinigkeit. Sie verändern das ganze Leben. Wer einmal anfängt, in den Kategorien von «schuldig» und «unschuldig», von «Täter» und «Opfer» zu denken, hört manchmal nie wieder damit auf. Und immerzu muss dann etwas bestraft oder abgebüsst werden, die Welt wird ein grosses Gefängnis. Werte wie Toleranz, Grosszügigkeit und Vertrauen sind nicht gut vereinbar mit dem Schuld-Prinzip.

Viele Menschen wachsen mit dem Schuldprinzip auf; wir lernen das Denken in Schuld-Kategorien, wie wir Lesen und Schreiben lernen. Eigentlich sollten wir damit eine Sicherheit erlangen, die uns sagt, was richtig und was falsch ist im Leben, was wir tun dürfen und was nicht, und was zum Ausgleich geschehen kann, wenn wir etwas Falsches getan haben. Doch was ursprünglich helfen sollte, uns zurechtzufinden, wird für viele Menschen zur Qual.

Angehörige nach Suizid denken und fühlen Schuld in alle Richtungen, aber es hilft ihnen auf Dauer nicht, ihrem Leben eine neue und glückliche Richtung zu geben.

Schuldgefühle als Platzhalter

Trauernde versuchen möglichst «vernünftig» mit ihren Schuldgefühlen und den Schuldzuweisungen an andere oder sogar durch andere umzugehen. Darin werden sie von Aussenstehenden meist gern unterstützt. Sie untersuchen ganz genau, was sie getan und was sie unterlassen haben. Sie untersuchen das auch für andere, die an der Situation vor einem Suizid beteiligt waren, seien das Familienmitglieder, Freunde oder Psychologen. Aber für manche Trauernde ändert alles Untersuchen, Zurechtrücken, Begreifen oder sogar Entschuldigen nichts, sie fühlen sich weiter schuldig (oder halten andere für schuldig). Das macht Aussenstehende meist ungeduldig, und die Betroffenen fühlen sich noch einmal schuldig, weil es ihnen nicht gelingt, einen klaren Kopf zu bewahren und einen «vernünftigen Blick» auf die Sache zu werfen.

Auch der Versuch, sich oder anderen zu vergeben, was geschehen ist, gelingt nicht so einfach, wie es klingt. Manche Trauernde fühlen sich immer schuldiger und schlechter, je mehr sie sich bemühen, ihre Schuldgefühle zu überwinden. Deshalb kann es helfen zu verstehen, dass sich hinter Schuldgefühlen manchmal andere Gefühle und Gedanken verstecken, die – ohne dass der oder die Betreffende es selbst weiss – noch schwerer auszuhalten wären als das Denken im Schuldprinzip.

Schuld und Erklärung

Die grosse Frage des WARUM?, welche die meisten Suizide umgibt, ist ein Ringen um Verständnis und Zusammenhang. Wo kommt das her, wo ist da ein Zusammenhang mit dem Rest unseres gemeinsamen Lebens? Wie baue ich das ein in meine Zukunft, was sagt mir das über mich, meine Fähigkeit zu lieben, meine Fähigkeit andere wahrzunehmen? Was sagt mir das Geschehene über meine Entscheidungen, über meine Gefühle? Wie lebe ich damit weiter, welche Konsequenzen ziehe ich daraus?

Das Unerklärliche ist es, was Angehörige nach einem Suizid besonders zermürbt. Je stärker die Selbsttötung dem sonstigen Leben und der bisherigen Persönlichkeit eines Menschen, der sich getötet hat, widerspricht, umso stärker ist die Fassungslosigkeit der zurückbleibenden Angehörigen. Es entsteht ein «Erklärungsnotstand», der als unerträglich erlebt wird.

Schuldgefühle und Schuldzuweisungen geben eine Erklärung für das Geschehene und damit eine Form von Sicherheit. Für Trauernde, die ihre Schuldgefühle brauchen, um das Chaos der Fassungslosigkeit und den «Erklärungsnotstand» auszuhalten, ist ein Ausweg aus den Schuldgefühlen nur möglich, wenn sie sich mit dem Thema «Erklärung» auseinandersetzen. Für sie geht es häufig darum, den Tod an sich zu begreifen. Viele Angehörige nach Suizid haben unzureichende Informationen über die Art des Suizids und das Aussehen des Menschen, der sich getötet hat. Ihr Nicht-Verstehen beginnt schon bei der Tatsache, dass sie den Tod selbst nicht verstehen. Wer keine Gelegenheit hatte, Abschied von einem Menschen zu nehmen und dabei mit allen Sinnen zu begreifen, dass dieser Mensch nicht mehr lebt, hat meist Zweifel daran, dass der Mensch wirklich tot ist. Die Auseinandersetzung mit dem Wie, Wo, Wann des Suizids, das Befragen von Sanitätern, Polizeibeamten, Notfallseelsorgern und anderen Beteiligten kann das Gefühl von Unwirklichkeit lindern. Manche Angehörige wollen sich Gewissheit verschaffen, indem sie die Akten über die polizeilichen Ermittlungen einsehen.

Wenn der Tod eines Menschen als wirklich begriffen wird, verringert sich die Qual der Schuldgefühle manchmal schon ein wenig. Dann beginnt die erneute Auseinandersetzung mit den vermuteten Gründen für die Selbsttötung. Schuld bei sich, bei dem Verstorbenen, bei anderen zu suchen, ist eine Möglichkeit, den Suizid herzuleiten. Es macht durchaus Sinn, sich selbst und andere kritisch zu hinterfragen. Es macht aber genauso viel Sinn, sich damit auseinanderzusetzen, ob es Zufälle gibt, ob Krankheiten Menschen so stark verändern, dass niemand mehr darauf Einfluss nehmen kann, oder ob auch Menschen, die wir lieben, uns nicht immer die Wahrheit sagen. Oder damit, dass wir niemandem in den Kopf sehen können und dass vieles im Leben ein Geheimnis bleibt.

Dann entsteht ein Geflecht aus Erklärungsmöglichkeiten, die nicht nur mit Schuld zu tun haben, aber das Bedürfnis nach Erklärung und nach einem Zusammenhang des eigenen Lebens vor und nach dem Suizid erfüllt. Damit können Schuldgefühle ein Stück kleiner werden.

Schuldgefühle und Macht

Es klingt provozierend, aber wer sich (oder anderen) die «Schuld an allem» gibt, spricht sich (oder anderen) damit grosse Kräfte zu. Interessanterweise sind bei Menschen, die ein Unrecht erlitten haben, Schuldgefühle beinahe etwas Normales. Schuldgefühle bilden sich stark und lang anhaltend bei Menschen, die sich als ganz und gar ausgeliefert und ohnmächtig erlebt haben. Menschen brauchen offensichtlich ein Bewusstsein von Handlungsfähigkeit und Entscheidungsmöglichkeiten. Das Bewusstsein, völlig ausgeliefert zu sein und keinerlei Einfluss auf eine Situation zu haben, lässt uns den Verstand verlieren. Die Zuschreibung von «Schuld» also von Einfluss, sogar Macht hilft so, Situationen des Ausgeliefertseins erträglicher zu machen. Menschen können offenbar besser mit dem Bewusstsein «selbst schuld» zu sein leben, als mit dem Gefühl völliger Ohnmacht.

Das kann auch für die Schuldgefühle von Angehörigen nach einem Suizid gelten. Die Ohnmacht angesichts des Verlassenwerdens durch eine Selbsttötung mischt sich bei ihnen oft mit der Ohnmacht angesichts vorangegangener psychischer Erkrankung oder Krise. Das Gefühl, hilflos zu sein, nichts tun zu können, «nutzlos» zu sein, kann uns lähmen und jeden Lebenswillen nehmen. Sich schuldig fühlen heisst, sich Einfluss zuzuschreiben, auch wenn es ein unheilvoller ist. Anderen die Schuld geben kann dann auch heissen, denen alle Macht und allen Einfluss zuzuschreiben und sich aus der eigenen Verantwortung zu stehlen. Schuldgefühle nach einem Suizid können ein Versuch sein, das Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins zu verdrängen. Sie richten sich dann meistens gegen sich selbst in quälenden Schuldvorwürfen gegen das eigene Handeln und Fühlen. Hier kann es helfen, das Leben so weit als möglich wieder selbst in die Hand zu nehmen. Dem Erlebnis der Ohnmacht angesichts eines Suizids sollten viele kleine Erlebnisse gegenübergestellt werden, in denen ein Trauernder sich aktiv erlebt: was ich tue, hat Sinn, was ich fühle, entspricht den Tatsachen, ich kann für mich (und andere) sorgen, ich kann manche Dinge verändern.

Schuldgefühle als Bindungsfaktor

Schuldgefühle schaffen eine starke gefühlsmässige Verbindung. Menschen, denen gegenüber wir uns schuldig fühlen, oder von denen wir meinen, dass sie uns etwas angetan haben, nehmen viel Platz in unserem Innern ein. Selbst wenn wir jahrelang nicht mit ihnen gesprochen haben, lösen sie starke Gefühle in uns aus und sind viel in unseren Gedanken. Im Trauerprozess geht es nicht nur um das viel genannte «Loslassen», sondern auch um das Gegenteil, das Behalten von Erinnerungen und Gefühlen.

Viele Hinterbliebene möchten die Verstorbenen in ihren Gedanken und ihrem Herzen bewahren. Nach einem Suizid ist das manchmal schwierig, denn die Erinnerungen konzentrieren sich auf den Suizid selbst und auf die Zeit kurz davor und damit sind bestimmte Gefühle verbunden wie Fassungslosigkeit, Angst, Wut und Schuld. Die letzten beiden, Wut und Schuld sind Bindungsgefühle, die immer auf eine andere Person (oder auf sich selbst) gerichtet sind. Von diesen beiden ist Schuld dasjenige Gefühl, das sich länger aufrechterhalten lässt. Die Sehnsucht von Trauernden, ihre Toten in Erinnerung und im Herzen zu bewahren, lässt sich mit Schuldgefühlen erfüllen. Manche Menschen halten deshalb so lange an ihren Schuldgefühlen oder Schuldzuweisungen fest, weil sie keinen anderen Weg kennen, den Verstorbenen einen Platz in ihrem Denken und Fühlen zu geben. Dann hilft es, die Erinnerung an den lebendigen Menschen wachzurufen, sich an gute Zeiten und gemeinsames Glück zu erinnern. Die dazugehörenden Gefühle sind Dankbarkeit, Liebe und auch Sehnsucht, aber nicht Schuld.

Jedes Erinnern an Gelungenes ermöglicht ein positives Verbundensein mit dem verstorbenen Menschen. Da wo positive Gefühle und Verbindungen den Toten gegenüber möglich werden, nehmen meist auch die Schuldgefühle wieder ein Stück ab.

Versäumnisse

«Wer könnte schon von sich behaupten, eine Beziehung ohne jedes Versäumnis gelebt zu haben?» (Verena Kast). Es ist nicht möglich, perfekt zu lieben. Eltern machen ihren Kindern gegenüber Fehler, Kinder verletzen ihre Eltern, Partnerschaften und Freundschaften gehen immer wieder durch Zeiten voller Misstrauen und Unverständnis. Liebe ist nicht das Allheilmittel für Probleme und Krankheiten, sie ist auch niemals vollkommen geduldig und selbstlos. Der Anspruch, einander in jeder noch so schwierigen Situation helfen zu können, lässt sich nicht verwirklichen.

Die Einsicht in eigene Mängel und in die Begrenztheit einer Beziehung ist theoretisch leicht nachzuvollziehen. Sobald sie auf aktuelle Konflikte mit vertrauten Menschen angewandt werden soll, sind die Gefühle von Verletztheit und Zurücksetzung stärker als Gleichmut und Gelassenheit. Wenn es um den Rückblick auf eine Beziehung geht, die durch eine Selbsttötung beendet wurde, verliert die Wahrheit von den unvermeidbaren Versäumnissen in jeder Beziehung ihre Bedeutung. Hinterbliebene suchen weniger nach realen, wirklichen Fehlern und Schwächen in der zurückliegenden Beziehung als nach Gründen für die Selbsttötung. Sie sind davon überzeugt, dass es diese Gründe in ihrem Verhalten gegeben haben muss – mit dieser Voraussetzung interpretieren sie ihr Verhalten rückblickend neu. Dabei ist es gleichgültig, was sie tatsächlich getan haben – jedes Verhalten wird bei der Suche nach Gründen für die Selbsttötung zum Fehlverhalten.

Die Definition darüber, was falsch und was richtig oder angemessen ist, richtet sich hierbei nach den inneren Wertvorstellungen der oder des Trauernden. Manche Menschen empfinden das «Urteil» einer Respektperson oder eines Geistlichen als wegweisend für sich, aber letztendlich sprechen wir das Urteil über unser eigenes Handeln selbst. Das Erkennen und Definieren von einzelnen Versäumnissen und Fehlern hat dann einen Sinn, wenn es eine Verhaltensänderung in der Gegenwart auslöst. Trauernde können im Rückblick lernen, stärker ihrem eigenen Begriff von richtigem Verhalten zu entsprechen. Sie können nicht «wiedergutmachen», was in der Vergangenheit passiert ist, aber sie können es in der Gegenwart besser machen, und sich vielleicht selbst verzeihen, dass sie Fehler gemacht haben und wieder machen werden.

Besonders schwer wiegen im Bewusstsein Hinterbliebener die Fehler, die sie unmittelbar im Zusammenhang mit der Selbsttötung gemacht haben. Also Streitgespräche oder Zurückweisungen, die dem Suizid vorangegangen sind oder bei der letzten Begegnung vor der Selbsttötung ausgesprochen wurden. Die Realitätsprüfung hilft, sich der Wirklichkeit des eigenen Verhaltens zu nähern. Was ist wirklich geschehen, wer hat was wirklich gesagt und getan, und hätte es in der realen Situation tatsächlich andere Möglichkeiten gegeben?

Die Fehler und das eigene Versagen, die nach der Realitätsprüfung übrig bleiben, können nicht ausgelöscht werden. Sie sind geschehen, sind Teil des Lebens und der Erinnerungen von Hinterbliebenen. Es ist nötig, sie anzunehmen und zu akzeptieren und sich selbst zu verzeihen. Es kann auch eine grosse Erleichterung bedeuten, in Betracht zu ziehen, dass die oder der Tote den Trauernden ihre Fehler und Schwächen verzeihen könnte, statt sie bestrafen zu wollen.

Strafe und Busse

Sowohl im juristischen wie auch im religiösen Bereich hat Schuld immer dieselbe Konsequenz – Strafe. Die Strafe, oder im religiösen Bereich die Busse, ist die Möglichkeit, sich von Schuld zu befreien, etwas «abzubüssen», bis diese Schuld getilgt ist. Das Abbüssen der angenommenen Schuld an einer Selbsttötung geschieht meist unbewusst. Es kann sich in Selbstbeschränkungen und Verzicht auf Glück oder Erfolg äussern, auch im Aufgeben von Beschäftigungen und Lebenszusammenhängen, die vor der Selbsttötung eines vertrauten Menschen glücklich gemacht haben. Die «Bussfertigkeit» und «Opferbereitschaft» mancher Trauernder vertieft die Schuldgefühle aber noch, da sie das Selbstwertgefühl zusätzlich mindert. Trauernde, die das Bedürfnis haben, sich selbst oder andere für die Selbsttötung eines vertrauten Menschen büssen zu lassen, sollten bedenken, wie viel Leid bereits vorhanden ist. Busse und Selbstbestrafung erfüllen nicht ihren Zweck, Trauernde von ihrer angenommenen oder wirklichen Schuld zu befreien, sondern bürden ihnen zusätzliches Leid auf. Das Begreifen der eigenen «Bussfertigkeit» kann oft helfen, selbstzerstörerisches Verhalten beim Aufbau eines neuen Lebens aufzugeben.

Vergebung

Siehe Text oben

5.2.3 Pause

5.2.4 Bearbeitung von Themen, die zu Anfang beim Kerzenritual angesprochen worden sind.

Besprechen wichtiger Anliegen und Fragen der Teilnehmenden (eventuell mit Punkt 5.2.2 tauschen)

5.2.5 Ausklang

Trotz Fehlern angenommen

Was wir ihnen schuldig blieben,

fülle der Himmel ihnen auf.

Was sie versäumten, sei ihnen verziehen.

Nutzen wir die Zeit für die Lebenden.

Traugott Giesen

Aus: Thomas, Johannes (2004), S. 46

5.2.6 Abschied mit guten Wünschen

5.3 Scham

Was ist Scham?

Scham ist meist mit dem Erleben verbunden, «anders zu sein», von der Norm abzuweichen. Deswegen möchte der/die Betroffene sich am liebsten verbergen. Verbunden damit ist oft das Erröten. Aus Angst (erneut) abgelehnt zu werden, gehen die Schambetroffenen auf Distanz.

Scham macht uns deutlich, dass unsere Konzepte der Welt nicht zwingend mit denen der anderen übereinstimmen (z.B. ich lache über eine komische Situation, während andere schweigen – das wird mit grosser Sicherheit Scham auslösen).

Gegenteil von Scham: Stolz. Scham und Stolz dienen dazu, den Kontakt/die Nähe zu anderen zu regulieren. Darum wird Scham auch als Schnittstelle zwischen uns selbst und den anderen bezeichnet, als «Hüterin an der Grenze zwischen innen und aussen».

Scham ist nichts Krankhaftes!

Im Gegenteil: sie gehört ein Stück weit zu uns Menschen; sie fördert in massvollem Umfang die Fähigkeit, sich in andere zu versetzen und zu fühlen, was diese vermutlich empfinden. Zu einem Problem bzw. einem Auslöser von «Krankheit» wird Scham erst dann, wenn es an ihr mangelt oder sie im Übermass vorhanden ist. Wie bei den meisten Phänomenen kommt es auf ein «Optimum» und nicht auf ein Maximum oder Minimum an. Wer sich zu sehr schämt, ist offenbar ausserstande, wahrgenommene Unterschiede zu ertragen. Den Betroffenen mangelt es an «Stolz» auf ihre «Eigenarten». Scham kann Ausdruck der Schwierigkeit sein, sich als «selbstbewusst» und damit als getrennt von der übrigen Welt zu erleben.

Scham und Identität

Scham hat viel mit Selbsterkenntnis, Selbstbeobachtung, Selbstbewusstsein zu tun. Mit Scham verbundene Prozesse erzeugen Individualität. Sie machen Unterschiede von Mensch zu Mensch deutlich und fördern so das Gefühl der Individualität und Identität. Die biblische Geschichte der Vertreibung aus dem Paradies beschreibt diese Erfahrung symbolisch: Adam und Eva fühlten sich im Paradies eins mit der Welt, schämten sich ihrer Nacktheit nicht. Erst als ihnen durch das Essen des Apfels vom Baum der Erkenntnis die Augen aufgingen, erkannten sie den Unterschied von Gut und Böse. Zugleich wurden sie sich ihrer Nacktheit bewusst. Sie bastelten sich einen Lendenschurz, versteckten sich vor Gott. Und Gott vertreibt sie aus dem Paradies.

Diese Geschichte verdeutlicht, dass Scham mit einer Erfahrung von Schwäche beginnt. Sie verhilft dazu, Unterschiede wahrzunehmen, sich der eigenen Person bewusst zu werden. Das kann zu kreativen Leistungen motivieren (Basteln des Lendenschurzes), auch dazu sich zu verstecken. Scham hat nicht zuletzt mit Bestrafung und Unterwerfung zu tun (Vertreibung aus dem Paradies). Das zeigt sich auch in unserer Gesellschaft:

Scham und Gesellschaft

Die Gesellschaft benutzt die Scham als Mittel, um Menschen zu bestimmten Verhaltensweisen zu veranlassen (angefangen von der Aufforderung «schäm Dich» über die Strafandrohung «Dann musst Du in der Ecke stehen» etc.). Der Inhalt von Scham ist kulturell abhängig und verändert sich im Lauf der Geschichte: Während man sich früher mehr für Sexualität und Nacktheit schämte, stehen heute andere Auslöser von Scham im Vordergrund, wie «Arbeitslosigkeit», Alterserscheinungen bzw. Schönheitsideale (Modellfigur, Waschbrettbauch) oder Mangel an Statussymbolen (wie etwa Markenbekleidung) und Leistungsfähigkeit (am Arbeitsplatz wie auch im Bett).

Scham und Schuld

Scham ist ein Gefühl, das sich auf die ganze Person bezieht. Die Betroffenen haben den Eindruck, «als die, die sie sind, oder so, wie sie sind, nicht in Ordnung zu sein». Insofern unterscheidet sich Scham von der «Schuld», gegen die man etwas tun kann («Busse») und bei der man das Gefühl hat, zumindest teilweise Herr oder Frau der Situation zu sein. Schuld entsteht durch eigenes Verhalten, das meist von einem selbst kontrolliert werden kann und deshalb veränderbar erscheint. Dagegen scheinen bei der Scham andere Personen wesentlich beteiligt zu sein. Man schämt sich immer vor einem anderen – auch wenn man sich vor sich selbst schämt: Im letzteren Fall schämt man sich, weil man Idealen nicht gerecht wird, die man von wichtigen anderen Personen (Eltern, Lehrpersonen) übernommen und verinnerlicht hat. Man schämt sich dann vor den verinnerlichten Bildern oder Stimmen der erwähnten Personen, also dem «inneren Beobachter». Während Schuld sich meist nur auf das «Tun» bezieht, wird Scham auf die ganze Person bezogen. Es ist deshalb vergleichsweise schwieriger, sie loszuwerden. Scham kann so unerträglich werden, dass Menschen an Suizid denken oder sich sogar das Leben nehmen. Manche Scham-Betroffene «hassen» sich regelrecht.

Scham und Suizid

Suizid stellt eine Tabuverletzung dar. Die eigene Unzugänglichkeit rückt ins Blickfeld. Das war früher noch stärker der Fall als heute. Die Kirche, v.a. die katholische Kirche, trug dazu bei, indem sie Menschen, die Suizid begangen hatten, ein Grab auf dem «normalen, dorfinternen Friedhof» und eine Beerdigung verweigerte. Der Tote wurde dadurch zur unerwünschten Person, deren verwerfliche Tat auf die ganze Familie einen Makel warf, ihr Ansehen in der Öffentlichkeit herabsetzte und damit die Familienehre besudelte. Deshalb wurde der Suizid eines Angehörigen häufig verschwiegen, sozusagen tot-geschwiegen. Die Ursache dieser Verdrängung und Verleugnung hängt mit der Scham zusammen.

Scham beim Suizidenten …

kann vorliegen, wenn sich ein Mensch durch sein Anderssein/durch seine Biografie als nicht gesellschaftskonform erlebt.

Ein Beispiel: Sohn Raffael war in Untersuchungshaft. Er wurde nach der U-Haft von seinen Eltern, Annelise und Christian, und seinem weiteren Umfeld nicht beschämt, sondern gut aufgenommen. Trotzdem erzählen seine Eltern, dass er sich selber dafür geschämt hat, und dies seine Depressionen verstärkte.

Scham bei den Angehörigen

Ein junges Mädchen sagt: «Ich kenne das, ich habe regelrecht Angst vor diesem Gefühl. Nach dem Tod meiner grossen Schwester habe ich mich ganz zurückgezogen, niemanden mehr nach Hause eingeladen. Ich bin auf keine Party mehr gegangen, habe mich eingebunkert, und in der Schule habe ich nur das Nötigste gesprochen. Bevor meine Schwester sich vergiftet hat, war ich immer gut drauf. Aber jetzt denke ich oft, ich hätte es doch verhindern müssen, und dann geht es mir ganz schlecht.

Sehr häufig tritt Scham in Situationen auf, in denen man anderen unterlegen ist, bzw. sich ohnmächtig fühlt («Unterlegenheitsscham»). Dieser Umstand dürfte erklären, warum sich manche Vergewaltigungsopfer scheuen («schämen»), den Täter oder zumindest das Verbrechen anzuzeigen. Sehr häufig findet man in solchen Situationen auch «stellvertretende Scham», nämlich dann, wenn der Täter ein naher Angehöriger oder eine wichtige Bezugsperson ist. Für diese Person schämt man sich, weil man sich mit ihr identifiziert, oder weil man sich für die Beziehung zu ihr schämt. Scham empfinden auch viele Patienten, wenn sie erstmals einen Psychotherapeuten aufsuchen (oder Hilfe in Anspruch nehmen). In ihrem Erleben zeigen sie dadurch ihre Hilflosigkeit und Ohnmacht, weil sie unfähig sind, ihren Alltag erfolgreich zu bewältigen.

5.4 Gefühle (z.B. Scham, Wut, Verzweiflung)

5.4.1 Begrüssung, Teilnehmende bitten, ihre Kerzen und Karten mit Namen (und evtl. Foto) der verstorbenen Person aufzustellen

5.4.2 Einstieg in den Abend mit Gedicht, Text oder Musik

Wenn etwas uns fortgenommen wird,

womit wir tief und wunderbar zusammenhängen,

so ist viel von uns selber fortgenommen.

Rainer Maria Rilke

5.4.3 Erklären des Abendprogramms (anhand Flipchart)

  1. Kerzenritual
  2. Thema «Gefühle»

5.4.4 Einleiten mit einem Ritual

Um jedem Teilnehmer Zeit zu geben, sich mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen, die der Suizid hinterlassen hat, eignet sich ein Ritual, das jedem Raum für seine eigenen Gefühle gibt, bevor man sich in der Gruppe darüber austauscht.

Erklärung des Rituals «Der zerbrochene Spiegel» durch die Gruppenleitung

Der zerbrochene Spiegel drückt aus, was Trauernde erleben: Etwas ist zerbrochen, und nichts ist mehr so, wie es war.

Wirft ein Spiegel unser ganzes Abbild zurück, so sind im zerbrochenen Spiegel nur noch Teile von uns erkennbar. Mit dem Tod eines geliebten Menschen erleben wir Ähnliches.

Selbst unser Bemühen, die Scherben eines zerbrochenen Spiegels wieder kunstvoll zusammenzufügen, hinterlässt Risse, die einen zerrissenen Menschen zurückwerfen.

Der Fortgang des Verstorbenen schafft Wunden in unserer Seele, die vielleicht «heilen», aber Narben bleiben allemal zurück.

Der zerbrochene Spiegel kann in der Trauerbegleitung helfen, das, was der Trauernde in seinem Inneren fühlt und erlebt, zu «verbildlichen».

In einem Ritual können einzelne Scherben mit Symbolen oder Wörtern bemalt oder beschriftet werden, die Gedanken, Gefühle oder Empfindungen ausdrücken.

Möglich ist auch ein umfangreicher Gestaltungsprozess, in dem ein ganzes Bild der Trauer mit verschiedenen Scherben, die je für einen besonderen Aspekt der Trauer stehen, geschaffen wird.

Die Scherben können wie bei einem Mosaik zusammengefügt oder durch Zwischenräume, die gemalt oder gezeichnet sind, verbunden werden.

(Anmerkung: Anstelle eines Spiegels kann auch ein zerbrochener Tontopf verwendet werden. Dieser hat den Vorteil, dass der Tontopf nach dem Zusammensetzen mit Erde gefüllt und eine Pflanze hinein gesät werden kann).

Aufgabe für die Gruppe:

Jeder Teilnehmer soll sich 20-30 Minuten Zeit nehmen, die Scherben des mitgebrachten Spiegels mit den Gefühlen, die ihn seit dem Suizid begleiten oder begleitet haben, zu beschriften oder mit einem Symbol, das für dieses Gefühl spricht, zu bemalen. Danach soll er – wenn er dazu bereit ist – versuchen, die Scherben zu einem Mosaik zusammenzufügen.

Aufgabe für die Gruppenleitung

In der Zeit, in der am Ritual gearbeitet wird, folgende Fragen für alle sichtbar an die Wand heften:

  • Wie ist es mir mit diesem Ritual ergangen?
  • Welche Gefühle begleiten mich seit dem Verlust? (Schock, Wut, Verzweiflung, Schmerz, Dumpfheit, Leere, Erleichterung, Müdigkeit, Erschöpfung, Hoffnung, andere Gefühle?)
  • Welche Gefühle sind eher im Hintergrund, welche stark im Vordergrund?
  • Hat sich an meinen Gefühlen seit dem Verlust etwas verändert? (Welche sind in den Hintergrund getreten, welche in den Vordergrund?)
  • Gibt es körperliche Symptome, die ich seit dem Verlust habe?
  • Welche Gefühle belasten mich zurzeit am meisten?
  • Wie gehe ich mit meinen Gefühlen um? (Nehme ich sie wahr? Lasse ich sie zu? Verdränge ich sie? Finden sie einen Platz in meinem Alltag, meiner Umgebung?)
  • Kann ich meinen Gefühlen Ausdruck verschaffen? Wie? (Schreiben, Malen, mit Freunden/Familie darüber sprechen, Sport machen etc.?)
  • Und wie geht es meinem Selbstwertgefühl?

5.4.5 Diskussion

Anhand der aufgehängten Fragen kann die Gruppenleitung gezielt Fragen stellen und die Diskussion strukturieren. Wichtig ist, «herauszuhören», ob ein oder mehrere Gefühle (wie zum Beispiel «Wut») beim einen oder anderen Teilnehmer so stark vorhanden sind, dass es sich lohnt, dieses noch vertieft mit der Gruppe zu besprechen (kann auch in einem nächsten Gruppentreffen stattfinden, falls zu wenig Zeit).

Den theoretischen Teil zum Thema den Teilnehmenden mit nach Hause geben oder miteinander lesen, wenn genügend Zeit vorhanden ist. Gewisse Schwerpunkte daraus sollten von der Gruppenleitung in die Diskussion einbezogen werden.

Die Vielfalt der Gefühle durchleben

Das erste Trauerjahr ist geprägt von extremen Empfindungen. Der Verlustschmerz, Wut und Verzweiflung dringen wie scharfe Messer in das Bewusstsein, dann wieder ist das gesamte Erleben geprägt von Dumpfheit und abgestumpfter Müdigkeit. Die körperlichen Reaktionen umfassen unter anderem: Schlafschwierigkeiten, Appetitlosigkeit mit Gewichtsverlust, häufiges Weinen, starkes Frieren, Schmerzen ohne erkennbare organische Ursache, Schwächegefühle und Angstzustände. Akute und chronische Krankheiten können auftreten oder sich verschlimmern.

Gesellschaftliche Normen schreiben Selbstbeherrschung und Optimismus für alle Trauernden vor. Wer nach den ersten Wochen noch erkennbar unglücklich und körperlich geschwächt ist, wird schnell für schwach, labil und depressiv erklärt. Die Unmöglichkeit, ihre Gefühle in der empfundenen Heftigkeit zu zeigen, verstärkt bei Hinterbliebenen nach einer Selbsttötung die Zweifel an der Angemessenheit und Richtigkeit der eigenen Reaktionen auch vor dem Suizid. Selbstzweifel, Schuldbewusstsein und ein ständig sinkendes Selbstwertgefühl können die Folgen sein.

Da in den ersten Stunden und Wochen die sinnliche Begegnung mit der oder dem Toten so gut wie unmöglich ist, bleibt der Tod nach einer Selbsttötung oft dauerhaft unwirklich. Die Hinterbliebenen leiden an etwas, das nicht als wirklich begriffen werden konnte, und schnell glauben sie selbst, unangemessen heftig zu reagieren und sich in etwas hineinzusteigern, das ja gar nicht so schlimm war. Die meisten Trauernden teilen die abwertenden Urteile anderer Menschen über Gefühle und Veränderungen des Trauerns; die wenigsten haben eine positive Einstellung zu dem Trauerprozess, den sie durchlaufen. Trauern ist aber keine Krankheit, und die Schmerzen des Trauerns sind weder beginnender Wahnsinn noch eine Charakterschwäche. Trauern ist ein sinnvoller und zielgerichteter Vorgang, und alle damit verbundenen heftigen Gefühle haben einen Sinn. Sie machen die Entfernungen zwischen dem Vergangenen und dem Gegenwärtigen klar. Die Gesamtheit der Gefühle von Schmerz über Wut, Sehnsucht und Schuld bis zu Gelassenheit und Dankbarkeit für die Vergangenheit dient dazu, den Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen spürbar zu machen und die Schritte in ein neues Leben voranzutreiben.

Den Gefühlen einen Ausdruck geben

In einer Gesellschaft, die grossen Wert auf Selbstbeherrschung, Kontrolle und Sicherheit legt, kostet es die Einzelnen viel Überwindung, die empfundene Unbeherrschtheit, Verunsicherung und Unkontrolliertheit nach aussen zu bringen. Gerade Trauernde, die sich bereits wegen der Todesursache Suizid gegen Vorurteile wehren müssen, versuchen ihre Trauer möglichst «perfekt» zu gestalten. Sie empfinden schon so viel Scham und Schuld durch die Art des Todes, dass sie in ihrer Reaktion darauf nicht noch zusätzlich beschämende und abwertende Urteile provozieren wollen. Eine Selbsttötung im engeren Umfeld ist jedoch eine der verstörendsten und aufrüttelndsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann. Hinterbliebene brauchen viel Spielraum, um diese Erfahrung in ihrer Lebenswirklichkeit auszudrücken. Darüber sprechen und darüber weinen sind nur ein kleiner Teil der Gestaltungs- und Ausdrucksmöglichkeiten. Alle Trauernden haben ihre eigenen kleinen Rituale, mit denen sie ihre Sehnsucht, ihre Wut und andere Gefühle im Trauerprozess zum Ausdruck bringen. Der Umgang mit der Hinterlassenschaft, die Gestaltung des Grabes, die Aufbewahrung von Erinnerungsstücken und die Art, wie Jahrestage begangen werden, sind der sichtbarste Teil dieser Rituale. Im Grunde drückt alles, was geschieht und getan wird, das Verhältnis zu dem Verlust aus.

Wer malt, schreibt, tanzt oder Musik macht, wird auf diesen Gebieten eine entlastende Möglichkeit finden, sich auszudrücken.

Es kann darüber hinaus helfen, sich über die Bedeutung von scheinbar unwichtigen Alltäglichkeiten Gedanken zu machen: Was bedeutet die Farbe eines bestimmten Kleidungstücks, schützt sie, tröstet sie, ist sie ein Teil der Fassade oder drückt sie das innere Gefühl von Hässlichkeit und Wertlosigkeit aus?

Auch die Aktivitäten eines Tages haben verschiedene Bedeutungen – sind sie willkommene Ablenkung, entsprechen sie einem Wunsch nach Bestrafung und Busse oder sind sie Teil der nötigen Anpassung an ein neues Leben ohne den Menschen, der nicht mehr lebt?

Der Streit mit der Kollegin kann ein Ausdruck der Wut sein auf alle, die noch leben. Das Weinen am Abend kann Erschöpfung signalisieren, Hilflosigkeit, Regression oder andere Gefühle, die während des Tages keinen Platz hatten.

Wer sich bewusst macht, welchen Ausdruck die eigenen Gefühle sich suchen, kann entscheiden, ob diese Wege zufriedenstellend sind oder ob es bessere Alternativen gäbe.

Körperlichkeit

Der Körper ist das, was sichtbar stirbt – die Lebendigkeit des eigenen Körpers ist das, was vom Totsein des anderen Menschen trennt. So wie der Tod eines anderen Menschen am besten sinnlich zu erfahren und begreifen ist, so ist auch das eigene Leben am deutlichsten über die körperlichen Empfindungen wahrzunehmen. Jedes Spüren der eigenen Lebendigkeit ist gleichzeitig ein Bewusstwerden des Totseins der anderen Person. Empfindungslosigkeit und Stumpfheit sind ein Weg, dieser Bewusstwerdung zu entgehen. Wie alle Reaktionen innerhalb des Trauerns sind auch Stumpfheit und der Wunsch, nicht berührt zu werden, Wege, mit einer lebensbedrohlichen Krise umzugehen und müssen von Aussenstehenden akzeptiert werden.

Für viele Menschen ist Trost aber eine körperliche Erfahrung. Umarmungen, Zärtlichkeit und Wärme, die einfache körperliche Nähe eines anderen Menschen sind für viele der beste Trost. Sexualität kann zu einem starken Lebensanker werden.

Andere Menschen weichen jeder Berührung aus, sexuelle Bedürfnisse existieren nicht mehr. Die Abwehr von Körperkontakt beeinflusst die Beziehungen zu anderen Menschen genauso wie die Sehnsucht nach Berührung und Lust. Beides wird von den Trauernden sehr tief empfunden und als existenziell wahrgenommen. Wenn es in einer Partnerschaft oder Freundschaft unterschiedliche Bedürfnisse und Ängste in Bezug auf körperlichen Kontakt gibt, kann das zu schweren Spannungen führen. Die einen brauchen ihre körperliche Unberührbarkeit ebenso wie die anderen die Berührung. Die Form der Reaktion ist nicht voraussehbar; hier setzt sich das Gefühl «Ich kenne mich selbst nicht wieder» und die Ohnmacht angesichts der eigenen Reaktionen fort. Geduld und Respekt sind nötig, um die Verschiedenheit der Bedürfnisse aushalten zu können.

Wut

Genau wie Schuldgefühle und Schuldzuweisungen gehören auch Wutgefühle zu jedem Trauerprozess. Während Schuld jedoch von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verstärkt und gefördert wird, gehört Wut zu den Gefühlen, die als unangemessen gelten. Über die «lieben Verstorbenen» soll «nur Gutes» gesprochen werden.

Wut nach einem Suizid ist ein besonders schwieriges Gefühl. Wie ist Wut zu rechtfertigen, wenn sie sich gegen einen Menschen richtet, der sich das Leben genommen hat? Ein Mensch, der sich das Leben genommen hat, soll nach allgemeiner Meinung bedauert werden, nicht verflucht und beschimpft.

Ausserdem ist Wut ein gewalttätiges Gefühl, das der Person, gegen die die Wut gerichtet ist, Schaden wünscht. Im Extremfall ist die Wut so gross, dass sie den Menschen, der schon tot ist, am liebsten umbringen würde – und dieses Gefühl löst eine neue Welle von Schuldgefühlen oder eine Bestätigung des tiefen Schuldbewusstseins aus.

Wut, Zorn, sogar Hass sind jedoch wichtige Empfindungen, die Distanz zu der oder dem Toten schaffen. Für Frauen ist es in unserer Gesellschaft nach wie vor nicht angebracht, wütend, aggressiv und laut aufzutreten. Das Ideal weiblichen Verhaltens ist immer noch vermittelnd, freundlich und selbstlos. Für trauernde Frauen ist es daher gesellschaftlich akzeptabel, mit Verzweiflung, Stummheit und Schuldbewusstsein zu reagieren. Alle lauteren Formen des Trauerns und Klagens wirken peinlich, wütendes und aggressives Benehmen gilt als «hysterisch». Es erfordert einigen Mut und Erfindungsreichtum, sich über diese Benimm-Regeln hinwegzusetzen, aber es ist lohnend für das gesamte Leben.

Trauernden Männern wird eher zugestanden, dass sie mit Wut und mit Gewalt auf einen Verlust reagieren. Das Zerschlagen von Mobiliar, sinnloses Betrinken und Angriffe auf lebende Menschen werden bei einem trauernden Mann in gewissem Umfang toleriert. Trauernde Männer müssen lernen, dass Wut sich nicht in Gewalt äussern muss. Angeblich «männliche Tugenden» wie Selbstbeherrschung und Gefühllosigkeit erfüllen ansonsten bei Männern dieselbe Funktion im Eindämmen wütender Trauergefühle wie bei Frauen das weibliche Ideal des Sanftmuts.

Menschen, die Wut grundsätzlich für unzivilisiert und unschicklich halten, werden ihren Zorn mit anderen Gefühlen wie Schuld, Traurigkeit und Ohnmacht zudecken. Die darunterliegende Wut wird durch dieses Zudecken eher noch verstärkt. Verdeckte Wut kann zu einer grundsätzlichen Aggressivität führen, zu einer verbitterten Unleidlichkeit, die sich gegen die gesamte Umwelt richtet. Es ist ein Tabu-Bruch, sich der geballten Wut auf einen Menschen, der sich das Leben genommen hat, bewusst zu werden.

Wer diese Gefühle (noch) nicht empfindet, sollte sie sich nicht einreden lassen. Wenn der Zorn aber auftaucht – und das kann in den ersten Wochen sein oder erst nach Jahren –, wirkt der Ausdruck dieser Wut eher befreiend. Lautes Schreien, das Einschlagen auf Gegenstände und das Zerschlagen oder Zerreissen von Erinnerungsstücken sind dafür gute Möglichkeiten. In langen Phasen der Wut können die meisten Sportarten helfen, die geballte Energie herauszulassen. Wut ist eine Empfindung, die gesellschaftlich sehr negativ bewertet wird, die aber im Trauerprozess viel Lebenskraft freisetzt und somit sehr positiv und heilsam wirken kann.

Wenn jedoch Wut über lange Zeit das einzige Gefühl bleibt, das im Trauerprozess spürbar wird, lohnte es sich, nach den anderen Gefühlen zu suchen. In einer nicht endenden Wut steckt eine tiefe Verletztheit und noch tiefere Sehnsucht nach dem oder der Verstorbenen. Diese Sehnsucht enthält ganz zarte und zärtliche Anteile, die für manche Menschen schwerer auszuhalten sind als Zorn und Aggression.

Traurigkeit

Trauern und Traurigsein werden meist gleichgesetzt, dabei ist Traurigkeit nur eines von vielen Gefühlen innerhalb des Trauerprozesses. Wehmut, Sehnsucht, Verzweiflung und Mutlosigkeit sind traurige Gefühle. Der Ausdruck für Traurigkeit ist für die meisten das Weinen. Tränen spielen eine wichtige Rolle im Trauerprozess. Viele Trauernde gewöhnen sich daran, täglich eine bestimmte Zeit lang zu weinen, und das nicht nur im ersten Jahr.

Die Verständnislosigkeit der Umwelt zwingt Trauernde, ihre Traurigkeit und ihr Weinen einsam auszuleben, und das Alleingelassensein mit diesen Gefühlen verstärkt wieder die Traurigkeit. Alleinsein und Traurigkeit werden schnell zu ein und derselben Sache, während Fröhlichkeit oder sogar Glück nur noch im Zusammensein mit anderen empfunden werden können. Diese Fröhlichkeit hat aber immer etwas Gezwungenes, solange sie der einzige Weg ist, anderen Menschen zu begegnen. Die unerbittliche Forderung vieler Mitmenschen, Trauernde dürften nur ausgeglichen und optimistisch in die Gesellschaft derer, die nicht trauern, zurückkehren, verstärkt die Isolation und Einsamkeit von Trauernden. Gleichzeitig wird mit dem Abschieben des Traurigseins auf Zeiten des Alleinseins die Entwicklung von Zufriedenheit mit diesem Alleinsein verhindert. Trauernde leiden bereits unter dem Abbruch einer Beziehung, in die sie viel Zeit und Kraft gegeben haben, die oft ihr Lebensinhalt war. Das abrupte Ende dieser Beziehung ist der Anlass für den Trauerprozess. Das Alleingelassensein wird als Makel und Strafe empfunden – die Unduldsamkeit anderer Menschen setzt diese «Strafe» fort. Es ist wichtig, diesem Leiden am Alleinsein eine Wertschätzung des Alleinseins entgegenzusetzen. Traurigkeit sollte nicht abgeschoben werden in Nischen, wo niemand davon gestört wird. Sich bei jemandem auszuweinen, tut gut, aber oft reicht es schon, wenn Trauernde einfach mit ihrer Traurigkeit dabei sein können. Diese «Erlaubnis» zum Traurigsein erleichtert auch den Umgang mit der allein erlebten Traurigkeit. Wer sich gestattet, eine Stunde zu weinen oder wehmütig aus dem Fenster zu starren, wenn die Traurigkeit kommt, kann danach wesentlich unbeschwerter weitermachen, als jemand, der sich aus Prinzip zusammenreisst und «sentimentalen Quatsch» für sich ablehnt. Traurigkeit und Wehmut können auch andere Ausdrucksformen als Tränen finden. Musikhören oder Musikmachen auch auf einfachen Instrumenten, kann sehr hilfreich sein. Singen, malen oder tanzen sind Formen, Traurigkeit auszudrücken, die gleichzeitig hoch entspannen und das Selbstbewusstsein stärken.

Angst

Angstzustände gehören oft zu den lang andauernden Begleiterscheinungen des Trauerns nach einer Selbsttötung. Angst ist bereits ein Bestandteil des Zusammenlebens mit Menschen, die starke Todeswünsche haben. Wenn die Selbsttötungsabsichten nicht offen ausgesprochen und/oder nicht wahrgenommen wurden, haben ungewohnte Verhaltensweisen, starke Rückzugstendenzen oder übersteigerte Aggressivität des betreffenden Menschen oft Verunsicherung und ein vages Gefühl von Bedrohung bei anderen ausgelöst. Wenn die Selbsttötung in einer offensichtlichen Krise geschieht, haben die Ängste vor Veränderung und Trennung die Situation begleitet. Menschen, die ihre Selbsttötung ankündigen oder damit drohen, versetzen ihre Partnerin bzw. ihren Partner und enge Angehörige in Dauerangst. Diese Angst wird entweder verdrängt zu Gunsten eines betont «normalen», fast gleichgültigen Verhaltens, das umschlagen kann in offene Aggression, oder sie führt dazu, dass Angehörige mit allen Mitteln und bis zur Selbstaufgabe versuchen, die Selbsttötung zu verhindern.

Wenn der Mensch, um dessen Leben gebangt und gekämpft wurde, sich getötet hat, lässt die Angst aber nicht nach. An die Stelle der Angst vor dem konkreten Ereignis Selbsttötung treten allgemeine Angstzustände: Angst vor der Dunkelheit, Angst vor dem Alleinsein, Angst vorm Schlafen, Angst vor anderen Menschen, Angst vor neuen Unglücksfällen, Angst vor dem Geist der oder des Toten, Angst vor sich selbst.

Ein Mensch, der Angst hat, fühlt sich bedroht. Dieses Gefühl von Bedrohung und Lebensgefahr muss nicht objektiv beweisbar sein, um heftige Angst auszulösen. Das zu jedem Trauerprozess nach einer Selbsttötung gehörende Bewusstsein von Machtlosigkeit und Ausgeliefertsein erklärt die Häufigkeit von Angstzuständen in einem Trauerprozess.

Bei Tieren gibt es drei Grundreaktionen auf Angst. Die einen rennen weg und versuchen sich in Sicherheit zu bringen. Die zweiten stellen sich vorsorglich tot in der Hoffnung, die Gefahr werde vorüberziehen und sie übersehen. Die dritten bleiben stehen, stellen sich der Gefahr und kämpfen. Der menschliche Umgang mit Angst lässt sich ebenfalls in diese drei Kategorien einordnen. Die Reaktion des Sich-tot-Stellens wird von Trauernden am häufigsten gewählt. Diese Angst ist ein lähmender Zustand und äussert sich oft in Gefühlen von Enge, z.B. Beklemmungen in der Brust, Atemnot, dem Gefühl, eingesperrt zu sein, und einer zunehmenden Einengung der Welt und der eigenen Gedanken auf Bedrohungen und Gefahr. In einem Trauerprozess ist dieses Reaktionsmuster aber gefährlich, da es das Gleichgewicht zwischen Leben und Tod, um das Trauernde ringen, weiter in Richtung Tod verschiebt. Sich tot zu stellen bedeutet Starre, Leblosigkeit, eingeschränkten Atem, kein Lachen, keine Bewegung, keinen Ausweg aus dem Leiden.

Die Reaktion des Weglaufens beinhaltet Bewegung und ist damit eine viel lebendigere Variante der Angst-Bewältigung. Viele Trauernde bewegen sich buchstäblich weg von dem Ort, an dem ein vertrauter Mensch sich das Leben genommen hat. Weite Reisen oder Umzüge in eine neue Umgebung haben oft den Charakter einer Flucht vor der Vergangenheit. Angst hat allerdings die unangenehme Eigenschaft, immer hinterherzulaufen – je schneller jemand rennt, desto schneller und bedrohlicher kommt auch die Angst hinterher. Umgebungswechsel, die hauptsächlich von dem Wunsch motiviert sind, das Alte hinter sich zu lassen, können die Angst nicht dauerhaft überwinden. Sie sind aber ein gutes Übungsfeld für Trauernde, um die eigene Lebendigkeit zu spüren, neue Erfahrungen zu machen und der Vergangenheit eine lebenswerte Gegenwart gegenüberzustellen.

Die vielen einzelnen Ängste vor Dunkelheit, Alleinsein und der Alltagsbewältigung sind am besten zu bewältigen, wenn sie akzeptiert und in kleinen Schritten bekämpft werden. «Dem Schicksal» kann niemand entgegentreten, aber dem morgendlichen Aufstehen, dem Einkaufen, dem Arbeiten und dem Zusammensein mit anderen Menschen kann Schritt für Schritt begegnet werden. Im ersten Trauerjahr ist es oft schon ein Erfolg, wenn es gelingt, einen Alltag zu bewältigen und die normale Berufstätigkeit aufrechtzuerhalten. Trauernde sollten sich angewöhnen, auf jeden noch so kleinen Schritt, den sie gegen ihre Angst unternehmen, stolz zu sein. Durch eine Selbsttötung im engsten Umfeld gerät das Leben von Hinterbliebenen aus dem Gleichgewicht und in grosse Gefahr, Angstzustände sind eine natürliche Reaktion darauf, für die sich kein Mensch schämen muss. Hinterbliebene müssen sich den eigenen Lebensraum und das Bewusstsein von Handlungsfähigkeit in vielen kleinen Schritten gegen diese Angstreaktionen wieder erarbeiten, ja gar erkämpfen. Wenn Ängste noch nach Monaten das Schlafen unmöglich machen, wenn es unmöglich wird, sich auf grossen Plätzen oder in vollen Räumen zu bewegen, kann eine Trauma-Therapie hilfreich sein.

Selbstwertgefühl

«Trauernde müssen nicht nur den Verlust bestimmter Rollen, welche die verstorbene Person übernommen hatte, ausgleichen; der Tod konfrontiert sie zusätzlich mit der Herausforderung, sich an ein neues Selbstgefühl zu gewöhnen. Neuere Studien zeigen, dass ein Trauerfall für Frauen, die ihre Identität über Beziehungen und ihre Fürsorge für andere definieren, nicht nur den Verlust eines wichtigen anderen Menschen bedeutet, sondern ein Gefühl von Selbstverlust.» (Worden)

In der Rolle als Mutter ebenso wie in Partnerschaften sehen sich die meisten Frauen als gebend, versorgend, unterstützend, helfend. Wichtiger Teil ihres Selbst-Wertes ist es, für andere da zu sein, anderen das Leben lebenswert zu machen. Wenn ein Kind oder eine Partnerin bzw. ein Partner das Leben nicht mehr lebenswert findet und sich tötet, ist das für die zurückbleibenden Frauen ein Erlebnis elementaren Versagens. Sie empfinden, dass sie ihre Aufgabe nicht erfüllen konnten und damit ihren Wert als Frau und als Mensch verloren haben.

Der Verlust oder zumindest die Schwächung des Selbstwertgefühls ist häufig die schwierigste und dauerhafteste Auswirkung einer Selbsttötung auf Hinterbliebene.

Die erzwungene Unterdrückung von Gefühlsäusserungen in der ersten Trauerzeit verstärkt den Selbstverlust; die Trauernden verlieren den Kontakt zu ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen. Die Scham angesichts des Kontrollverlusts, der mit starken Gefühlen einhergeht, verstärkt das Bewusstsein, un–wert zu sein. Die stetige Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld an der Selbsttötung des nahestehenden Menschen führt zu einer einseitigen Wahrnehmung der eigenen Fehler und Schwächen.

Das nicht endende Leiden an einer Selbsttötung wird von den Trauernden als Versagen empfunden.Sie begreifen nicht, warum sie so lange und so stark in ihrem eigenen Leben beeinträchtigt sind und suchen die Fehler erneut bei sich selbst.

Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl können nach aussen durchsetzungsfähig und erfolgreich wirken und trotzdem grundsätzlich am eigenen Wert zweifeln. Erfolge im Beruf und Liebesbeweise in zwischenmenschlichen Beziehungen können zum Mittel werden, sich den nicht selbst empfundenen Wert von anderen immer wieder neu bestätigen zu lassen. Misserfolge und menschliche Zurückweisungen werden dann zu neuen Katastrophen mit überdimensionaler Bedeutung, weil die eigenen Selbstzweifel keinen Ausgleich mehr in der Anerkennung und Liebe durch andere finden.

Der Aufbau eines neuen und stabilen Selbstwertgefühls wird insbesondere durch starke Schuldgefühle behindert. Solange Angehörige überzeugt davon sind, dass die Selbsttötung passiert ist, weil sie zu viel auf sich selbst und zu wenig auf andere geachtet haben, werden sie sich nicht gestatten können, ein neues und glückliches Leben aufzubauen.

Die Entwertung der eigenen Gefühle und Bemühungen durch einen Suizid wirkt wie ein langsam lähmendes Gift, solange sich die trauernde Person an der Vergangenheit und an dem Menschen, der nicht mehr lebt, orientiert. Es ist notwendig, die eigene Lebenskraft und Konzentration wieder auf sich selbst zu richten und den toten Menschen gehen zu lassen.

Zu jeder Trennung gehört die Erkenntnis, einander nicht mehr zu verstehen. Das, was als Einheit und ungeteilte Gemeinsamkeit empfunden wurde, hat sich aufgelöst in zwei weit voneinander getrennte Standpunkte. Die Meinung der toten Person über die Situation und über die Angehörigen muss für diese nicht das letztgültige Urteil sein. Wenn jemand, der sich tötet, anderen die Verantwortung dafür gibt und z.B. in einem Abschiedsbrief seinen Angehörigen Vorwürfe macht, Hass und Enttäuschung vermittelt, ist das eine subjektive Einschätzung. Diese Meinung wird durch den Tod nicht wahrer – und nicht unwahrer – als jede andere. Die Klärung der persönlich empfundenen Schuld ist eine Sache, die scharf getrennt werden sollte von den Werturteilen des Menschen, der sich das Leben genommen hat. Angehörige sollten sich gestatten, diesen Werturteilen zu widersprechen. Die Aufgabe für Hinterbliebene besteht darin, die Meinungsverschiedenheit zwischen sich und der Person, die sich getötet hat, auszuhalten und dadurch beiden Seiten die Würde und den Wert zu lassen.

5.4.6 Pause

5.4.7 Bearbeitung von Themen, die zu Anfang beim Kerzenritual angesprochen worden sind

Besprechen wichtiger Anliegen und Fragen der Teilnehmenden (eventuell mit Punkt 5.2.2 tauschen)

5.4.8 Ausklang

Geschichte «Traurigkeit und Wut»

In einem zauberhaften Königreich, das der Mensch niemals betreten wird, oder das er womöglich ständig durchquert, ohne sich dessen jemals bewusst zu sein …

In einem Zauberkönigreich, wo die unsichtbaren Dinge wieder Gestalt annehmen …

war einmal ein …

… wunderbarer kleiner See.

Es war eine Lagune von glasklarem Wasser, in dem sich tausenderlei Grüntöne spiegelten, und Fische schwammen darin in allen Farben dieser Welt.

In diesem klaren Zaubersee wollten die Traurigkeit und die Wut in stiller Eintracht ein Bad nehmen.

Die beiden legten ihre Anzüge ab und stiegen nackt ins Wasser.

Die Wut, die es – wie immer – grundlos eilig hatte, nahm ein schnelles Bad, und genauso schnell war sie dem Wasser auch schon wieder entstiegen.

Doch die Wut ist blind, zumindest weiss sie sich in der Realität nicht so gut zurechtzufinden, also zog sie, splitternackt und in Eile, beim Herauskommen den erstbesten Anzug an, den sie zu fassen bekam.

So geschah es, dass sie nicht in ihren eigenen, sondern in den Anzug der Traurigkeit geschlüpft war.

Und als Traurigkeit verkleidet, ging die Wut davon.

In aller Ruhe und Bedächtigkeit, bereit, wo sie sich gerade aufhielt, auch ein wenig zu verweilen, beendete die Traurigkeit ihr Bad, und ohne auch nur einen Gedanken an die vergangene Zeit zu verschwenden, stieg sie langsam und behäbig aus dem Wasser.

Am Ufer bemerkte sie, dass ihre Kleider nicht mehr da waren.

Wie wir alle wissen, gibt es kaum etwas, das der Traurigkeit unangenehmer wäre als ihre Blösse. Also zog sie die einzigen Kleider an, die sie finden konnte: den Anzug der Wut.

Man erzählt sich, dass man seitdem manchmal auf eine blinde, grausame, furchtbare und hemmungslose Wut stösst. Aber nimmt man sich die Zeit und schaut etwas genauer hin, so wird man bemerken, dass diese Wut nur eine Verkleidung ist und dass sich hinter dieser Verkleidung in Wahrheit die Traurigkeit verbirgt.

(Jorge Bucay: Geschichten zum Nachdenken)

5.4.9 Abschied mit guten Wünschen

5.5 Regression

In der Regression werden die Trauernden vom Aufbruch heftigster Gefühlsregungen geradezu überschwemmt. Die chaotische Gefühlslawine kann auch zu einem Zusammenbruch führen, der eine ärztliche Behandlung und anschliessende psychologische oder psychiatrische Beratung und Begleitung notwendig macht. Im Allgemeinen ist die Regression aber ein Verteidigungsmechanismus, der es den vom Verlust Betroffenen erlaubt, das traumatische Ereignis zu bewältigen. Die Regression steht dann im Dienste des Ichs.

Die Zeitspanne, in der die Trauernden die Regression durchleben, ist für das Gelingen der Trauer entscheidend. Es ist deshalb von grösster Wichtigkeit, dass den regressiven Tendenzen intellektuell und emotional genügend Raum gewährt wird. Denn hier entscheidet sich, ob all die unerkannt schweren Gefühlsausbrüche eingeordnet und durchgestanden werden können. Hier entscheidet sich, ob im Sinne einer Aufarbeitung aller Emotionen durch die Trauer hindurchgegangen werden kann, oder ob die betroffene trauernde Peson im Gefühlschaos versinkt.

Jede Trauer führt durch dieses «finstere Tal» mit «Schlangen, Raubtieren, Treibsand, Feuersbrünsten und reissenden Strömen», wie die Bibel es in eindrücklichen Bildern zu schildern versteht. Erst das Bestehen all dieser Gefahren und Anfechtungen lässt den Aufbruch zu neuen Ufern zu.

Vom Weinen

Im biblischen Buch Kohelet (3,1.4) wird darauf aufmerksam gemacht, dass «alles [ … ] seine von Gott bestimmte Zeit [hat]: [ … ] weinen und lachen, wehklagen und tanzen». Wenn ein geliebter Mensch stirbt, ist es an der Zeit zu weinen. Es ist sicher, dass Tränen den emotionalen Stress zu mindern vermögen. Ein Mensch, der lange Zeit unfähig war zu weinen, kann regelrecht spüren, wie der «Dammbruch» der Tränen Druck von seiner Seele ablässt. Oft kommt der eigentliche Trauerprozess erst in Gang, wenn Tränen fliessen können. Es ist deshalb nicht unbedenklich, wenn die scheinbare «Tapferkeit» der Hinterbliebenen mit Psychopharmaka gestützt wird.

Stellt ein Trauerbegleiter fest, dass die nächsten Betroffenen nicht weinen können, so gehört es zu seinen Aufgaben, ihnen gegebenenfalls das Weinen zu ermöglichen. Dies widerspricht ganz dem landläufigen Bild vom «Tröster», der eher als eine Person gesehen wird, die die Tränen trocknet. Aber nur zu leicht kommen angesichts eines überschwänglichen Tränenflusses «Trostformeln», wie «weine, nicht – es kommt schon wieder gut» oder Ähnliches. Viel zutreffender ist die Erkenntnis Shakespeares «To weep is to make less the depth of grief».

Dass Weinen in Anbetracht des Todes eines Nächsten weder eine Schande noch unmännlich ist, belegte schon David, der sowohl seinen ermordeten Sohn Amnon als auch den Tod seines Sohnes Absalom, der Amnon getötet hatte, beweinte (2. Samuel 13,36; 19, 1 f). Jesus schämte sich am Grab seines Freundes Lazarus (Johannes 11,35) seiner Tränen nicht. Aber auch ein Mann wie Goethe ermahnte seine Freunde: «Lasst mich weinen, das ist keine Schande! Weinende Männer sind gut!»

Allerdings ist es möglich, dass in der ersten Zeit nach dem plötzlichen Verlust der Schock so tief sitzt, dass nicht geweint werden kann. Der Gefühlsschock liess die Tränen «einfrieren», «erstarren». Da es aber wichtig ist zu weinen, braucht es auch hier ein verstehendes Begleiten. Herzenswärme ist gefragt, welche die «eingefrorenen Tränen» der/des Trauernden zum «Schmelzen» bringen kann. Es mag hilfreich sein, wenn die Helfer ihren Gefühlen keinen Zwang antun und weinen, wenn es ihnen ums Weinen ist.

Von der Integration des Geschehenen

Zum Prozess der Trauer gehört es oft, dass wir von einer alten Identität Abschied nehmen und nach einer ganz neuen Basis für unsere Identität suchen müssen.

Mit der Aufarbeitung der verschiedenartigen existentiellen Anfechtungen ist die Trauer noch nicht zu Ende. Jetzt wird weniger nach der Verantwortlichkeit für die gerissene Wunde gesucht als nach der Möglichkeit, mit dieser bleibenden Verwundung zu leben. Das ganze bisherige Leben und der Rest des Lebens werden von der einschneidenden Zäsur gekennzeichnet. Alles Erlebte wird in ein «Vorher» und ein «Nachher» eingeteilt. Die Zeit «nachher» ist geprägt von der Bemühung, trotz der Amputation der geliebten Person ein gelingendes Leben zu gestalten.

Auf Schritt und Tritt werden sich die Hinterbliebenen klar, dass ein Leben wie «vorher», wie «früher» nie mehr möglich sein wird. Aber in dem Masse, wie sie den Verlust in ihr neues Leben zu integrieren vermögen, werden auch wieder Aktivitäten möglich, die unmittelbar und noch einige Zeit nach dem Verlust einfach undenkbar gewesen wären. Frischbetroffene meinen, nicht nur nie mehr lachen zu können, sondern empfinden Lachen in ihrer Gegenwart angesichts dessen, was ihnen widerfuhr, als unerträglich. Dasselbe gilt für Feste, Feiern, kulturelle Anlässe, Singen, Musizieren, Spielen usw.

Zu den deutlichen Zeichen einer erfolgreich durchlebten Trauer gehört nicht zuletzt auch das Wiedererwachen sexuellen Verlangens. Genauso wie Thanatos das Feld räumt, kommt Eros wieder zur Geltung. Das erste sexuelle Erleben «nachher» kann eine befreiende Wirkung sondergleichen haben. Es besteht aber auch die Gefahr, dass diese Regungen als «Verrat» am Verstorbenen empfunden werden und erneut in eine Krise führen. Deshalb ist vom Sexualpartner besonderes Einfühlungsvermögen angezeigt.

Im Rahmen der Integration können auch wieder Orte «früheren» gemeinsamen Erlebens besucht, persönliche Gegenstände des Verstorbenen gesichtet, geordnet, weggegeben oder gar vernichtet werden. Das Verhältnis zum Verstorbenen wird neu überdacht. Sein Status eines oder einer Heiligen macht einer realistischeren Sicht Platz, bei der auch die übrigen Familienmitglieder im neu geordneten «Mobile» wieder ihr Gleichgewicht erlangen. Der Name der verstorbenen Person kann wieder von allen ohne Scheu erwähnt werden. Gemeinsame «frühere» Erlebnisse sind als Gesprächsthema nicht mehr länger tabu.

Auf dem weiteren Lebensweg lauern aber immer wieder Gefahren, die zu einer erneuten Krise führen können. Besonders schwierige Klippen sind Fest- und Gedenktage wie Geburtstage (sowohl der eigene als auch der der anderen Familienmitglieder und insbesondere der Geburtstag der verstorbenen Person), Firmung, Konfirmation oder Bar-/Bat-Mizwa, Hochzeitstage, Todestag, Totensonntag. Hier können unvermittelt wieder regressive Impulse aufbrechen. Das geflügelte Wort «Zeit heilt Wunden» müsste für Angehörige von Suizidenten eher lauten: «Zeit lehrt, mit der Verwundung zu leben.» Denn «geheilt» wird die tiefe Verwundung nie, sowenig wie ein amputiertes Bein wieder nachwächst. Nur die Narbe schmerzt im Verlaufe der Zeit immer weniger und wird immer weniger sichtbar. Diese Zeit der Vernarbung ist individuell. Beständiges «Kratzen» an der Narbe kann ein gutes Vernarben verhindern.

5.6 Tabu

Der Begriff «Tabu» laut Duden:

Tabu = unverletzlich, unantastbar; das ist tabu: davon darf nicht gesprochen werden, das Totschweigen, das Zu-einem-Tabu-Erklären eines Bereichs od. eines Problems.

Eine Selbsttötung ist nicht nur ein plötzlicher Tod, sie ist auch die am stärksten tabuisierte Todesursache in unserer Gesellschaft. Geheimnisse und Vorurteile ranken sich um jeden einzelnen Suizid. Das Sterben durch eine Selbsttötung wird zum Inhalt von Angstfantasien, der Tod und die Todesart selbst werden häufig verschwiegen. Selbsttötungen sind von einer Atmosphäre der Unwirklichkeit umgeben, sie bleiben rätselhaft und unfassbar. Ein Sterben, das nicht als Sterben begriffen wird, kann jedoch kaum ausreichend betrauert werden.

DasSuizid-Tabu

Menschen, in deren näherem Umfeld ein Suizid «passierte», werden in doppelter Hinsicht tabuisiert: Sie werden wegen des Todesfalls und der Art des Todes gemieden, sie werden in einer gewissen Weise zu «Unberührbaren».

Die Tabuisierung hat nicht zuletzt damit zu tun, dass das fünfte (bzw. sechste) Gebot «Du sollst nicht töten» falsch übersetzt wurde, das heisst, die Selbsttötung in dieses Gebot hineininterpretiert wurde. Noch heute wissen die wenigsten, dass dieses Gebot eigentlich «Du sollst nicht morden!» lautet. Und bekanntlich kann man sich ja nicht selbst ermorden (Mord ist das hinterlistige Töten eines anderen aus niederen Motiven zum eigenen Nutzen im Hier und Jetzt).

Darüber sprechen lernen

Ein Tabu kann nur dadurch überwunden werden, dass man es aus dem Bereich der Tabuisierbarkeit herauslöst. Wir müssen lernen, über den Tod und insbesondere den Suizid zu reden und uns mit unserer eigenen Suizidalität auseinanderzusetzen. «Statt Tabuisieren Thematisieren» oder «Rede und lebe!». Wenn die anderen nicht auf uns zugehen können, müssen wir versuchen, auf sie zuzugehen.

Die immer grösser werdende Entfremdung von natürlichen Lebensprozessen (zu denen auch das Sterben gehört), die Entfremdung von der Natur sowie der Wertezerfall und das Gefühl mangelnder Zusammengehörigkeit schaffen Angst und Hilflosigkeit in Bezug auf Sterben und Tod. Neben diesen Umständen gibt es Ansätze, die nach einem neuen, beziehungsgeladeneren Umgang mit dem Tod suchen. Die herkömmlichen Bräuche und Traditionen greifen für viele zu kurz, werden als Pflichtübungen und ohne bleibenden Wert empfunden. Die Suche nach einem persönlicheren Handeln und nach individuellen Formen stösst aber bei vielen auf Skepsis oder gar Ablehnung. Dabei geht es um Letztes, um Unwiederholbares, um das Einbringen persönlichster Anliegen und Gefühle, die nur durch Gesten ausgedrückt werden können. Dies könnte ein guter Umgang mit dem Verlust zur Folge haben. Aber solchem Handeln steht oft eine persönliche Scheu im Wege, auch dies quasi ein Tabu. Es ginge also um das Zurücknehmen solchen im Innersten fantasierten Handelns in die Kraft der eigenen Gestaltung, was ein Gefühl tiefer Befriedigung erzeugen kann.

Es ist hilfreich, neu betroffene Survivors zu ermutigen, ihre intimen Anliegen öffentlich zu zeigen und unkonventionelle Schritte zu tun (z.B. anlässlich der Bestattungsfeier, am Todes- oder Geburtstag etc.). Wir können ihnen dabei zur Seite stehen und im Handeln mit ihnen gewissermassen stellvertretend unsere eigenen Frustrationen verarbeiten. Für uns ungewöhnliche Formen des Umgangs mit dem Tod und den Toten können wir entweder durch Zurückgreifen auf vergessen geratene Sitten und Bräuche wiederbeleben oder mitunter von anderen Kulturkreisen entlehnen.

An sich «profane» Handlungen gewinnen durch ein bewusstes Ausgerichtet-Sein auf das Spirituelle (das Göttliche) eine neue Bedeutung, setzen uns in rational nicht erklärbarer Art mit den Verstorbenen in Verbindung und bringen zum Ausdruck, dass die Verstorbenen uns nur vorausgegangen sind und wir hier im Leben eine Brücke zu ihnen zu schlagen versuchen. Voraussetzung für das Gelingen solcher Handlungen muss allerdings die konzentrierte Hingabe an das Geschehen sein, begleitet von der Reinheit der Motive und der Ausführung.

5.7 Familiengeheimnisse

Überblick

Geheimnisse und Mythen sind in jeder Familie zu finden. Sie können ein Schutz der Integrität von einzelnen Familienmitgliedern oder der gesamten Gruppe sein. Beide können schädliche Folgen haben, indem z. B. die Integrität anderer Familienmitglieder verletzt wird. Während Geheimnisse Einzelpersonen, Untergruppen oder die ganze Familie betreffen und auf diesen Ebenen gehütet werden können, sind Familienmythen eher kollektive Produkte. Mythen können den Zusammenhalt von Familien stärken und den Familienmitgliedern ein Gefühl von Eingebundensein in eine historische Kontinuität geben. Sie können aber, wie Geheimnisse auch, zu Realitätsverfälschungen, Überbürdungen mit Loyalitätsforderungen und zu Loyalitätsspaltungen führen. Ob Geheimnisse oder Mythen aufgedeckt werden sollten, hängt davon ab, ob und inwieweit von ihnen eine schädliche Wirkung ausgeht.

Individuelle Geheimnisse

Jeder Mensch hat Geheimnisse. Wir alle haben unsere versteckten inneren Räume, Kammern, Schubladen, die «eigenen verborgensten Dunkelgänge», die wir niemandem mitteilen, die selbst vor den engsten Vertrauten gehütet werden.

Doch nicht nur Unangenehmes, Dunkles, Abgründiges wird geheim gehalten. Auch Freudiges, Schönes, Wunschträume, Lustvolles, Bewundertes, Idealisiertes kann von Menschen vor anderen verborgen werden. Auch hier kann die Enthüllung mit der Angst vor Beschämung, vor Verletzung und vor Zurückweisung verbunden sein. Deshalb wird sie vermieden.

Geheimnisse machen einen Teil unserer Existenz aus. Ohne unsere Geheimnisse wären wir nicht wir selbst. Unsere Identität wäre bedroht oder gar zerstört. Nicht umsonst fürchten wir den «gläsernen Menschen». Geheimnisse machen einen Teil unserer Intimität, unserer Privatheit, unserer Person aus. Wer einen Menschen beherrschen will, muss seine Geheimnisse kennen.

Das Durchdringen von Geheimnissen hilft, Herrschaft auszuüben. Es hilft auch, Herrschaft zu zerbrechen, Macht zu zerstören; denn Geheimnisse sichern Macht. Das ist in der Politik so, wie wir es z. B. an den Enthüllungen über unsere Parteien und deren Finanzierung verfolgen können. Das kann auch im Privaten so sein. Ein persönliches Geheimnis sichert die Macht über die eigene Person. Eine Enthüllung zerbricht diese Macht, liefert aus, zerstört.

Familiengeheimnisse

Nicht nur Einzelpersonen oder politische Parteien haben ihre «geheimen Konten». Auch in Familien gibt es bekanntlich Geheimnisse. Auch bei diesen Geheimnissen wird bestimmte Information bestimmten Menschen vorenthalten oder in besonderer Weise zwischen Menschen geteilt. Bei Familiengeheimnissen handelt es sich in der Regel nicht um Gefühle und Gedanken, sondern um Ereignisse, etwa einen Gefängnisaufenthalt eines Mitgliedes, Todesfälle, Aborte, Alkoholabusus, Inzest, Erkrankungen, aussereheliche Beziehungen, hieraus entstandene Kinder usw.

Diese Fakten berühren die ethisch-existenzielle Dimension des Familienlebens. Diese Dimension betrifft die Fakten des menschlichen Lebens und ihre Bedeutung für die Beteiligten und Betroffenen. Sie betrifft die Handlungen zwischen Personen. Sie betrifft insbesondere gegenseitige Schuld, Ansprüche und Vertrauenswürdigkeit. Wie in anderen sozialen Beziehungen kann es auch in Familien ein Netzwerk von Personen geben, die ein Geheimnis teilen. Hieraus kann ein sogenanntes Geheimnis-Milieu entstehen.

Bei der Betrachtung von Familiengeheimnissen müssen drei Ebenen unterschieden werden:

  • individuelle Geheimnisse,
  • interne Familiengeheimnisse und
  • geteilte Familiengeheimnisse.

Bei individuellen Geheimnissen ist eine Person Geheimnisträger gegenüber allen anderen Familienmitgliedern. So kann z. B. eine aussereheliche Affäre verheimlicht werden. Eine Mutter kann verheimlichen, dass der Ehemann nicht der Vater eines der Kinder ist. Ein Sohn kann verheimlichen, dass er durch das Examen gefallen ist. Eine Tochter kann verheimlichen, dass sie eine Abtreibung hatte.

Bei internen Familiengeheimnissen verheimlichen mindestens zwei Familienmitglieder einen Sachverhalt vor mindestens einem anderen. Z. B. können Eltern dem Kind oder den Kindern verheimlichen, dass eines der Kinder adoptiert ist. Eine Mutter kann ihren Kindern anvertrauen, dass sie sich scheiden lassen will, es dem Mann aber nicht sagen.

Hierdurch werden zwei familiäre Subsysteme geschaffen: die «Wissenden» und die «Nichtwissenden». Dabei kann eine weitere Komplikation hinzutreten: Die «Wissenden» können wiederum untereinander von ihrer Kenntnis des Geheimnisses nichts wissen. So kann ein neues Geheimnis entstehen.

Bei geteilten Familiengeheimnissen wissen alle Familienmitglieder um einen Sachverhalt, von dem die Aussenwelt nichts erfahren darf. So kann z. B. der Alkoholismus, die Drogenabhängigkeit oder die schwere Erkrankung eines Familienmitglieds gegenüber der Aussenwelt verschwiegen werden.

Familiengeheimnisse auf allen angesprochenen Ebenen sind häufig um die Themen Sexualität, Gewalt, Impulshandlungen, Sucht und Geld zentriert, manchmal auch um Erkrankungen. Diese Themen sind mit Gefühlen von Schuld oder Scham verbunden, oft mit beidem. Die Ehefrau verschweigt ihren Seitensprung, weil sie sich schuldig fühlt. Die Wutausbrüche des Vaters sollen nicht nach aussen dringen, weil die Familienmitglieder sich hierfür vor den Nachbarn, Kollegen, Mitschülerinnen und Mitschülern schämen.

Wie andere Geheimnisse können und sollen auch Familiengeheimnisse schützen. Wie andere Geheimnisse auch können sie schädlich sein, Unheil anrichten. Sie können eine schützende Festung sein oder ein Gefängnis werden, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint.

Solche Geheimnisse können das emotionale Klima von Familien tiefgehend beeinflussen, ohne dass die Quelle dieses Einflusses bemerkt wird. So kann das Gefühl des «Unheimlichen» entstehen. Familienmitglieder können spüren, dass es «etwas gibt». Sie können es aber nicht genau benennen. Die anderen verraten es nicht.

Durch Geheimnisse kann eine doppelte Wirklichkeit geschaffen werden. Die Wirklichkeit, in der das Geheimnis anerkannt wird, und die Wirklichkeit, in der die Existenz des Geheimnisses verneint wird. Die für die menschliche Existenz lebensnotwendige Antithese von Schein und Sein kann so bis zur Unerträglichkeit verstärkt werden.

Das Geheimnis kann die Wahrnehmung von Personen soweit beeinträchtigen, dass sie dieser nicht mehr trauen. Die Betreffenden können dann das Gefühl entwickeln, mit ihnen stimme etwas nicht, sie seien «ver–rückt».

5.8 Trauer

5.8.1 Begrüssung, Teilnehmende bitten, ihre Kerzen und Karten mit Namen (und evtl. Foto) der verstorbenen Person aufzustellen.

5.8.2 Einstieg in den Abend mit Gedicht, Text oder Musik

Nachbesinnung

Nie erfahren wir

unser Leben stärker

als in grosser Liebe

und in tiefer Trauer

Rainer Maria Rilke

Erklären des Abendprogramms (anhand Flipchart)
  1. Kerzenritual
  2. Thema «Trauer»

5.8.3 Einleiten mit Text

Zwei Bäume im Park

Zwei grosse Bäume stehen dicht beieinander in einem Park. Sie kennen sich schon seit frühester Jugend. Die Äste des einen Baumes ragen in die Krone des anderen. Beide haben sich gegenseitig hervorragend einander angepasst. Im Frühjahr entfalten sich zur gleichen Zeit die ersten Blätter. Da, wo die einen Äste sich weiter ausdehnen, hält sich der andere Baum zurück. Beide nehmen Rücksicht aufeinander. Im Herbst machen sich beide für den Winter bereit.

Sie schützen sich gegenseitig vor starkem Wind. Der eine Baum gewährt dem anderen Schatten. Sie holen sich aus dem Boden ihr Wasser und teilen es sorgfältig. So haben sich beide gemeinsam entwickelt, sind alt geworden und haben schon viele Jahresringe gemeinsam aufgebaut.

Eines Tages schlägt der Blitz in einen der Bäume ein und fällt diesen. Er wird wortlos von Waldarbeitern abtransportiert. Der andere Baum bleibt alleine zurück. Er kann einfach nicht glauben, dass sein geliebter treuer Nachbar nicht mehr da sein soll. Wo sie sich doch für den nächsten Winter schon so viel vorgenommen hatten. Er wünscht, einfach nur einen bösen Traum geträumt zu haben, und morgen nach dem Aufwachen sei alles wieder in Ordnung. Doch am nächsten Morgen ist er immer noch allein. Er schaut suchend umher, doch er kann seinen Nachbarn nirgendwo entdecken. Er fühlt sich nackt und hilflos. Jetzt erst wird ihm bewusst, dass er all die Jahre vom anderen Baum Schutz geboten bekommen hatte. Er bemerkt, dass er auf der Seite, die dem anderen Baum zugewandt war, schwächer entwickelt ist. Die Äste sind kürzer und weniger dicht mit Blättern übersät. Ja, er muss sogar aufpassen, sich nicht nach der anderen Seite zu neigen und umzufallen. Der Wind fährt ihm garstig in die schwache Seite.

Wie schön wäre es doch, wenn sein Nachbar noch da wäre. Er beginnt zu hadern, warum der Blitz ausgerechnet in seinen Nachbarn einschlagen musste. Es gibt doch noch mehr Bäume im Park. Er hat Angst vor dem langen, harten Winter, den er jetzt alleine durchstehen muss. Er seufzt, fühlt sich sehr einsam.

Warum konnte der Blitz denn nicht sie beide treffen? Nie mehr würde er so einen Nachbarn finden, mit dem er alles teilen könnte. Nie mehr könnten er und sein Nachbar über gemeinsame schöne Stunden sprechen, die sie beide erlebt hatten. Hätte er am Ende seine Äste weiter zu seinem Nachbarn hinstrecken sollen, dass der Blitz auch ihn hätte treffen können? So quält er sich mit Schuldgefühlen, Ängsten und Verzweiflung. Die Sonne scheint wie immer und sendet ihre wärmenden Strahlen, doch er verspürt sie nicht. Es wird Winter und er verbringt die Zeit alleine. Er überlegt, ob dies wohl der Sinn des Lebens sei.

Eines Nachts, als er wieder einmal grübelte, kam ihm die Idee, dass er sich im nächsten Frühjahr sehr anstrengen könnte, besonders die Äste seiner schwachen Seite wachsen zu lassen. Er könnte versuchen, die leeren Stellen, die der Nachbar mit seinen Ästen ausgefüllt hatte, zu füllen. Er hatte ja jetzt mehr Platz, sich auszubreiten. Er musste keine Rücksicht mehr nehmen und hatte Nahrung für zwei.

So begann er, all seine Energie darauf zu verwenden, die Lücke, die sein Nachbar hinterlassen hatte, allmählich auszufüllen. Ganz vorsichtig liess er neue Äste wachsen. Es dauerte, aber er hatte ja Zeit. Und manches Mal war er sogar ein klein bisschen stolz darauf, alleine gegen die Kälte und die Winde anzukämpfen. Er wusste, dass es nie mehr so sein würde wie früher – aber wenn der Nachbar jetzt noch einmal kommen würde oder gar ein neuer Nachbar, hätte er nicht mehr so viel Platz zur Verfügung wie früher.

Eines wusste er genau. Er würde den alten Nachbarn nie vergessen, denn er hatte ja die ersten 50 Jahresringe mit ihm gemeinsam verbracht. Zu jedem Jahresring konnte er gemeinsam erlebte Geschichten erzählen. Zu den letzten drei Jahresringen hatte er zu erzählen, wie er gelernt hat, allein zu leben, seinen Ästen eine neue Richtung zu geben und seinen Platz im Park neu zu gestalten.

Aus dem Buch: Einen geliebten Menschen verlieren von Dr. Doris Wolf

Diskussionsrunde mit folgenden möglichen Fragestellungen durch die Gruppenleitung:

  • Gibt es etwas an dieser Geschichte, das ihr selber kennt? Was?
  • Gibt es etwas, das ihr in eurer Trauer ganz anders erlebt?
  • Die Geschichte beschreibt verschiedene Phasen im Trauerprozess. Wenn ihr diese mit eurem eigenen Trauerprozess vergleicht: Wo glaubt ihr, im Moment zu stehen?
  • Was ist für euch im eigenen Trauerprozess ganz schwierig?
  • Was wünscht ihr euch, damit es besser geht?
  • Gibt es eine Möglichkeit, eurer Trauer Ausdruck zu geben (musizieren, malen, schreiben, mit einem Freund sprechen, weinen)? Welche?
  • Was hat euch bisher am meisten geholfen?

5.8.4 Theoretischer Teil zum Thema

Das erste Jahr

Das erste Trauerjahr ist ein besonderes. Entgegen der landläufigen Meinung ist es aber nicht das einzige, sondern tatsächlich nur das erste in einer Reihe von Trauerjahren, die einer Selbsttötung folgen. Zerrissenheit und extreme Widersprüche prägen dieses erste Jahr. Die Hinterbliebenen befinden sich in einem seltsamen Schwebezustand zwischen Leben und Tod, Abschied und Neubeginn, und auch zwischen gesellschaftlichen Anforderungen und eigenen Bedürfnissen.

Aufgabe I: Die Wirklichkeit des Todes begreifen

Viele Trauernde werden durch die Selbsttötung eines vertrauten Menschen zum ersten Mal direkt mit dem Phänomen Tod konfrontiert. Da die direkte sinnliche Erfahrung mit dem Sterben und dem Leichnam bei der Todesart Suizid so gut wie unmöglich ist, versuchen Hinterbliebene durch theoretische Beschäftigung etwas über den Tod zu verstehen. Religiöse und philosophische Fragen nach dem Sinn des Lebens und nach Möglichkeiten eines Weiterlebens nach dem Tod werden plötzlich wichtig. «Übersinnliche» Wahrnehmungen von der Anwesenheit der oder des Toten und intensive Träume sind Erfahrungen, die von den meisten Menschen als beängstigend empfunden werden, solange sie nicht in irgendeiner Form erklärbar sind.

Der Kontakt mit dem eigenen Unbewussten und mit Wahrnehmungen, die über die bekannten fünf Sinne hinausgehen, gilt in unserer Gesellschaft als unvernünftig und anstössig. Die christlichen Kirchen bieten keine Erklärungen für solche Erfahrungen. Trauernde, die Fragen nach der Bedeutung des Todes und dem Sinn von Leben stellen, müssen oft ausserhalb ihrer gewohnten Umgebung nach Antworten suchen. Die sehr abstrakte Beschäftigung mit Leben und Tod kann zu etwas werden, was Trauernde zusätzlich von ihren Familien und Freundeskreisen trennt, gleichzeitig kann sie neue und wichtige Kontakte schaffen.

Die theoretische Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Todes allgemein ersetzt jedoch nicht die Beschäftigung mit dem konkreten Todesfall, der die eigene Trauer ausgelöst hat. Die äusseren Umstände einer Selbsttötung machen in den ersten Stunden und Tagen eine sinnliche Erfahrung mit dem Tod nahezu unmöglich – diese Erfahrungen lassen sich nicht nachholen. Das erste Trauerjahr fordert in der Regel die Konzentration der Hinterbliebenen bei der Neuregelung ihres inneren und äusseren Lebens, die Bewusstwerdung des Todes und Sterbens gerät dabei in den Hintergrund. Ob im ersten Trauerjahr schon genug innere und äussere Sicherheit vorhanden sind, um die Wirklichkeit des betrauerten Todes weiter Realität werden zu lassen, können die einzelnen Trauernden nur selbst entscheiden.

Aufgabe II: Die Vielfalt der Gefühle durchleben

Das erste Trauerjahr ist geprägt von extremen Empfindungen. Der Verlustschmerz, Wut und Verzweiflung dringen wie scharfe Messer in das Bewusstsein, dann wieder ist das gesamte Erleben geprägt von Dumpfheit und abgestumpfter Müdigkeit. Die körperlichen Reaktionen umfassen unter anderem: Schlafschwierigkeiten, Appetitlosigkeit mit Gewichtsverlust, häufiges Weinen, starkes Frieren, Schmerzen ohne erkennbare organische Ursache, Schwächegefühle und Angstzustände. Akute und chronische Krankheiten können auftreten oder sich verschlimmern.

Gesellschaftliche Normen schreiben Selbstbeherrschung und Optimismus für alle Trauernden vor. Wer nach den ersten Wochen noch erkennbar unglücklich und körperlich geschwächt ist, wird schnell für schwach, labil und depressiv erklärt. Die Unmöglichkeit, ihre Gefühle in der empfundenen Heftigkeit zu zeigen, verstärkt bei Hinterbliebenen nach einer Selbsttötung die Zweifel an der Angemessenheit und Richtigkeit der eigenen Reaktionen auch vor dem Suizid. Selbstzweifel, Schuldbewusstsein und ein ständig sinkendes Selbstwertgefühl können die Folgen sein.

Da in den ersten Stunden und Wochen die sinnliche Begegnung mit der/dem Toten so gut wie unmöglich ist, bleibt der Tod nach einer Selbsttötung oft dauerhaft unwirklich. Die Hinterbliebenen leiden an etwas, das nicht als wirklich begriffen werden konnte. Schnell glauben sie selbst, unangemessen heftig zu reagieren und sich in etwas hineinzusteigern, das ja gar nicht so schlimm war. Die meisten Trauernden teilen die abwertenden Urteile anderer Menschen über Gefühle und Veränderungen des Trauerns; die wenigsten haben eine positive Einstellung zu dem Trauerprozess, den sie durchlaufen. Trauern ist aber keine Krankheit, und die Schmerzen des Trauerns sind weder beginnender Wahnsinn noch eine Charakterschwäche. Trauern ist ein sinnvoller und zielgerichteter Vorgang, und alle damit verbundenen heftigen Gefühle haben einen Sinn. Sie machen die Entfernungen zwischen dem Vergangenen und dem Gegenwärtigen klar. Die Gesamtheit der Gefühle von Schmerz über Wut, Sehnsucht und Schuld bis zu Gelassenheit und Dankbarkeit für die Vergangenheit dient dazu, den Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen spürbar zu machen und die Schritte in ein neues Leben voranzutreiben.

Aufgabe III: Veränderungen in der Umwelt wahrnehmen und gestalten

Besonders beim Verlust einer Partnerin bzw. eines Partners tritt eine Vielzahl von praktischen Problemen auf, wie Neuregelung des Haushalts, der Wohnsituation, eventuell der Kinderbetreuung, der finanziellen Absicherung, der Berufstätigkeit und der Freizeitgestaltung.

Bei der Bewältigung dieser Anpassung an ihre völlig veränderte Umwelt können Trauernde sich als aktiv, umsichtig, entscheidungsfähig und erfolgreich erleben. Angesichts all der Verwirrung, Demütigung und Ohnmacht, die durch die Selbsttötung ausgelöst werden, ist es für Hinterbliebene eine wohltuende Erfahrung, «etwas richtig zu machen».

Auch Aussenstehende reagieren positiv auf diese Anpassungsleistungen. Die Herstellung eines ordentlichen und vernünftigen Alltags, in dem der Tod keine Spuren hinterlassen hat, wird so zum Hauptziel der Bemühungen von Trauernden. Es besteht die Gefahr, eine gut funktionierende Fassade zu errichten, die über die dahinterliegende Zerrissenheit und die unkontrollierbar heftigen Gefühle der Trauernden hinwegtäuscht. Das erste Trauerjahr fordert einen schwierigen Balance-Akt zwischen der Sicherung des Bestehenden und der vorläufigen Bewusstwerdung des Verlorenen. Das, was nach dem plötzlichen Tod an materiellen Besitztümern, an gefühlsmässigen Bindungen, Überzeugungen und Aufgaben geblieben ist, bildet ein wichtiges Gegengewicht zu dem ständig grösser werdenden Bewusstsein von Lebensbedingungen und Hoffnungen, die durch den Tod verloren sind. Das Festhalten und Ausbauen der verbliebenen Lebens-Sicherheiten ist genauso Bestandteil der veränderten Lebensbedingungen wie die überwältigenden Erfahrungen von Verlust und Verzweiflung. Eine Anpassung an diese veränderte Umwelt muss beiden Komponenten Raum und Ausdruck geben. Es ist schön, wenn im Alltag spürbar wird, dass die Bedürfnisse nach Sicherheit und Beständigkeit genauso Platz haben wie extreme Gefühle und neue Fragen angesichts des Fehlens eines vertrauten Menschen. Eine Herausforderung ist es dabei, wie die neue Rolle als Trauernde/r nach einem Suizid gegenüber der Umwelt gestaltet werden kann.

Aufgabe IV: Der oder dem Toten einen neuen Platz zuweisen

Diese Aufgabe kann im ersten Trauerjahr nur provisorisch gelöst werden. Eine endgültige und dauerhafte Positionsbestimmung zwischen dem Menschen, der nicht mehr lebt, und denen, die weiterleben und trauern, kann erst im Laufe der Jahre geschehen, denn sie erfordert einen gründlichen und ehrlichen Rückblick auf die vergangene Beziehung. Im ersten Trauerjahr bekommt die verstorbene Person meist eine Wichtigkeit, die sie vorher vielleicht gar nicht hatte. Die Heftigkeit der Trauer-Schmerzen tritt in den Mittelpunkt des Lebens und Erlebens der Hinterbliebenen. Der Tod und die Todesursache schaffen eine neue, intensive Beziehung zwischen dem Menschen, der sich das Leben genommen hat, und denen, die um ihn trauern. Gleichzeitig entsteht eine neue Qualität von Widerspruch und Getrenntsein zwischen dem Entschluss der Angehörigen, weiterzuleben und dem Todeswunsch des Menschen, der jetzt tot ist.

Im ersten Trauerjahr gibt es viele neue Plätze im Gefühlsleben der Hinterbliebenen, die der toten Person zugewiesen werden – von grosser Distanz und Nebensächlichkeit bis zum alles ausfüllenden Platz im Mittelpunkt werden verschiedene Extreme «ausprobiert». Das Experimentieren mit verschiedenen Positionen ist wichtig und normal. Im weiteren Trauerprozess wird sich langsam ein dauerhafter neuer Platz für den verstorbenen Menschen im Gefühlsleben der Trauernden finden.

5.8.5 Pause

5.8.6 Bearbeitung von Themen, die am Anfang beim Kerzenritual angesprochen worden sind

Besprechen wichtiger Anliegen und Fragen der Teilnehmenden (eventuell mit Punkt 5.2.2 tauschen)

5.8.7 Ausklang und Abschied mit guten Wünschen

5.9 Kindertrauer

  • Wie können sie mit dem Verlust umgehen?
  • Was soll ich ihnen sagen?
  • Wo erhalte ich Unterstützung?

5.9.1 Begrüssung, Teilnehmende bitten, ihre Kerzen und Karten mit Namen (und evtl. Foto) der verstorbenen Person aufzustellen

5.9.2 Einstieg in den Abend mit Gedicht, Text oder Musik

Zugehörig

Jemand, der zuhört.
Der da ist.
Und mich in den Arm nimmt.
Das wär schön.
Von Kindsbeinen an.
Nicht «nur» meinen Vater,
auch meine Mutter
hätte ich gebraucht.
Eine Frau, die mir zeigt,
was Frausein sein kann,
was Liebe.
Eine Frau, eine Mutter,
zu der ich gehöre.
Aber ich gehörte ja nie zu ihr
Sie war für mich kein wirkliches «Du».
Abwesend. Nicht da.
Schon als Baby.
Manchmal möchte ich das alles vergessen.
Wünschte, alles wäre anders,
und ich hätte eine normale schöne Familie.
Aber die gibt’s ja auch nicht.
Und doch kann ich nicht vergessen.
Meine Geschichte, meine Mutter
gehört zu mir und ich nehme sie an.
Ich schreibe und lebe sie weiter.
Ich schweige nicht.
Ich erinnere mich.

Stefan Wenger

Aus: Weisshaupt, Jörg (Hrsg.), «Darüber reden» (2013), S. 110

Erklären des Abendprogramms (anhand Flipchart)

  1. Kerzenritual
  2. Thema «Kindertrauer»

5.9.3 Einleiten mit Text

Eines Tages einige Monate nach dem Tod seines Papas sassen wir mit Freunden gemeinsam am Frühstückstisch, als plötzlich mein Sohn aufsprang und schrie: «Hier fehlt einer! Ich will, dass mein Papa wieder zurückkommt und mit uns frühstückt!» Weinend stürzte er aus dem Zimmer.

Ich ging ihm nach in sein Kinderzimmer, setzte mich auf sein Bett und nahm ihn in den Arm. Auch mir liefen die Tränen herunter, und so kam es, dass wir beide, von unserer Trauer und Sehnsucht überwältigt, einander ganz festhielten und weinten. Nach einiger Zeit erzählte ich ihm, dass es mir genauso geht. Dass ich mir nichts sehnlicher wünsche, als dass er zurückkommen möge.

«Kommt er denn wirklich nie wieder zu uns zurück?», fragte mein Sohn. Ich schüttelte den Kopf und sagte: «Nein, aber sei nicht so traurig, denn immer, wenn du an ihn denkst, ist er bei dir.» «Sieht er uns dann auch?», fragte er weiter. «Ich glaube nicht», antwortete ich ihm, «aber du siehst ihn in deiner Erinnerung. Er lebt in unseren Herzen weiter! Da kannst du deinen Papa nie verlieren», antworte ich ihm. Er nickte und rannte ins Wohnzimmer zurück. Dort stellte er ganz selbstverständlich ein weiteres Gedeck auf den Tisch und öffnete das Fenster. Fragend schaute ich ihn an.

«Na ja», meinte er, «ich denke jetzt ganz toll an meinen Papi, und damit er jetzt auch bei uns sein kann, habe ich das Fenster zum Himmel geöffnet.»

So kam es, dass wir dann wochenlang, auch im Winter, bei geöffnetem Fenster gegessen haben.

Carola Häussler

Aus: Thomas, Johannes (2004), S. 33

5.9.4 Diskussion

Diskussion mit folgenden möglichen Fragestellungen:

  • Geht es denen, die Kinder haben, ähnlich wie in der gerade gelesenen Geschichte von Carola Häussler?
  • Welche Fragen, Probleme bestehen?
  • Welche Hilfe wurde schon in Anspruch genommen?
  • Sprechen die Kinder über den Suizid, resp. wird mit ihnen offen darüber gesprochen?
  • Gibt es gemeinsame Rituale, um den Verlust als ganze Familie zu bewältigen und miteinander zu teilen?

Über Angebote informieren wie:

  • Selbsthilfegruppe Nebelmeer
  • Selbsthilfegruppe «Life with»
  • Verein Aurora
  • Trauerbegleitung für Kinder und Jugendliche
  • Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst
  • je nach Kanton evtl. weitere verschiedene Angebote
  • Spezielle Kinderbücher

Den theoretischen Teil zum Thema den Teilnehmenden mit nach Hause geben oder miteinander lesen, wenn genügend Zeit vorhanden ist. Gewisse Schwerpunkte daraus sollten von der Gruppenleitung in die Diskussion einbezogen werden.

5.9.5 Kinder und Jugendliche als Trauernde nach einem Suizid

Grundlagen

Viele Erwachsene versuchen, Kinder vor einer Begegnung mit dem Tod zu bewahren. Ganz besonders gilt dies bei der Todesursache Suizid. Wenn «so etwas» schon passiert, sollen die Kinder weitestgehend geschont werden, denken viele. Das führt dazu, dass Kinder nicht mit zur Beerdigung genommen werden, keinen Abschied vom toten Körper nehmen können, dass sie über die Art und Umstände des Todes belogen werden oder dass die verstorbene Person nicht mehr erwähnt wird. Diese wohl gemeinten Verhaltensweisen sind jedoch für die betroffenen Kinder eine Katastrophe. Ein Kind, dessen Vater oder grosse Schwester sich getötet hat, kann vor dieser Tatsache nicht bewahrt werden; das Geschehene ist ein wichtiger Bestandteil der Lebensgeschichte dieses Kindes. Die Aufgabe der erwachsenen Bezugspersonen ist nicht, diese Geschichte ungeschehen zu machen, sondern vielmehr dem Kind dabei zu helfen, mit dieser Geschichte umzugehen.

Der Verlust von nahen Familienangehörigen, also Eltern, Geschwistern und im Haushalt lebenden Grosseltern, ist für Kinder jeden Alters ein einschneidendes Erlebnis, das viele Ängste und Unsicherheiten auslöst. Erst ab der Pubertät sind Heranwachsende in der Lage, das volle Ausmass des Begriffs «tot» zu erfassen, also zu verstehen, dass eine Trennung durch Tod einen anderen Charakter hat als eine Trennung durch Scheidung oder Umzug, dass «Sterben» endgültig und nicht umkehrbar ist. Für kleine Kinder ist dieser Unterschied noch nicht begreiflich. Ihr Verständnis von räumlichen und zeitlichen Zusammenhängen ist je nach Alter und persönlicher Entwicklung unterschiedlich stark ausgeprägt. Doch unabhängig davon, ob ein junger Mensch den Begriff «Tod» konzeptionell erfassen kann, vermisst er den toten Vater oder die Mutter und spürt Kummer, Entsetzen und Ratlosigkeit seiner Familie ebenso wie die veränderten Lebensumstände nach dem Suizid eines Familienmitglieds. Trauernde Mütter haben berichtet, dass selbst Säuglinge auf ihr verändertes Verhalten reagiert haben! In der Beratung von heute erwachsenen Menschen, die als Kind einen Elternteil durch Suizid verloren haben, erzählen viele, das Schlimmste für sie sei das Schweigen der Erwachsenen, das Ausgeschlossensein und das Belogenwerden gewesen. Dem Verlust eines Elternteils durch Tod sei unmittelbar der Verlust aller anderen Erwachsenen gefolgt, die nicht mehr als zuverlässig, ehrlich und vertrauenswürdig erlebt wurden. Diese Form des Vertrauensverlusts in die ganze Welt und das Gefühl, vollständig alleingelassen zu werden ist das Schlimmste, was wir einem Kind oder Jugendlichen antun können.

Abschied nehmen

Da Kinder noch nicht in der Lage sind, das Sterben an sich gedanklich zu erfassen, sind sie besonders stark auf sinnliche und direkte Begegnungen mit diesen Themenfeldern angewiesen. Wenn irgend möglich, sollte Kindern und Jugendlichen ein Abschied beim Leichnam oder zumindest am Sarg zugänglich gemacht werden. Sie sollten bei der Beerdigung dabei sein können, wenn sie möchten und gefragt werden, ob sie Wünsche für die Zeremonie haben.

Einige Beispiele für Aktivitäten, an denen Kinder und Jugendliche sich beteiligen können:

  • Erinnerungsstücke in den Sarg oder ins Grab legen
  • den Sarg bemalen
  • für die Beerdigung Musik oder Lieder auswählen, die einen Bezug zur verstorbenen Person haben.

Wichtig sind dabei drei Grundvoraussetzungen:

  • Kinder und Jugendliche dürfen selbst entscheiden, was sie tun und was nicht.
  • Es gibt ausreichend Begleitung und Unterstützung durch Erwachsene (idealerweise nicht nur die betroffenen Eltern, sondern z.B. eine gute Freundin der Familie oder den Patenonkel). Jugendliche können auch durch Freunde unterstütz werden. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen müssen also nichts allein machen – sie können es aber, wenn sie möchten.
  • Es gibt ausreichend Raum und Zeit. Die Umgebung (z.B. das Abschiedszimmer eines Bestattungsunternehmens oder das Grab) drückt Respekt vor der Menschenwürde des Verstorbenen aus und ermöglicht gleichzeitig einen Umgang, der für Kinder und Jugendliche angemessen ist.

Eine Person, die sich tötet, stirbt. Dann ist sie tot. Für ein Kind besteht da zunächst kein Unterschied zu anderen Todesursachen. Von Kindern können wir tatsächlich lernen, die Dinge in dieser Einfachheit und Wahrheit zu sehen.

Da Kinder die Welt sehr gegenständlich wahrnehmen, ist die Frage nach dem, «wie», «wann» und «wo» eines Sterbens für sie häufig sehr wichtig. An dieser Stelle fürchten sich die meisten Erwachsenen nach einem Suizid ihrem Kind die Wahrheit zu sagen.

Darüber sprechen oder nicht

Der Plan, einem Kind oder Jugendlichen die Todesursache Suizid zu verschweigen, hat Folgen für das gesamte Verhalten dem Kind gegenüber und für die Beziehung zu dem Kind. Das Verschweigen oder Belügen erfordern Selbstbeherrschung und taktisches Umgehen von schwierigen Themen. Es führt zu der dauerhaften Angst, irgendjemand im Umfeld könne sich «verplappern» oder sogar böswillig «ausplaudern», was mit einiger Mühe geheim gehalten werden soll.

Viele Kinder oder Jugendliche wissen trotzdem, dass etwas vor ihnen verheimlicht wird.Sie reimen sich aus Andeutungen und zufällig mitgehörten Bemerkungen zusammen, worum es geht. Was dann bei ihnen zurückbleibt, ist ein Grundgefühl von Belogenwerden und Nichtvertrauenkönnen. In Bezug auf die Todesursache Suizid lernen Kinder durch ein solches Verhalten der Erwachsenen, dass Suizid etwas Unaussprechliches ist, das geheim gehalten werden muss. Das Tabu rund um einen Suizid wird so an Kinder oder Jugendliche weitergegeben, Gefühle von Scham, Angst und Ohnmacht dem Suizid eines Familienmitglieds oder Freundes gegenüber sind die Folge.

Darüber sprechen, aber wie?

Manche Erwachsene nehmen sich vor, ihren Kindern «die Wahrheit» zu sagen, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben. Andere entscheiden sich, auf konkrete Nachfragen der Kinder zu warten und somit ein Kind selbst entscheiden zu lassen, wann es bereit ist, sich mit neuen und vielleicht belastenden Informationen über den Tod eines Elternteils oder Geschwisterkindes zu konfrontieren. Wieder andere wählen von Anfang an den Weg, offen über die Todesursache Suizid zu sprechen und bemühen sich, dies in einer kindgerechten Art und Weise zu tun. Jede dieser Entscheidungen hat Vorteile und Nachteile, jede Familie muss für sich abwägen, was für sie möglich ist, was die Erwachsenen und die Kinder brauchen.

Unabhängig davon, wann Sie mit Ihren Kindern sprechen, diese Voraussetzungen sollten da sein:

  • Sie selbst sollten sich in der Lage fühlen, mit Ihren Kindern zu sprechen, ohne zusammenzubrechen. Ein Kind kann verstehen, wenn Sie erklären, dass Sie Zeit brauchen, um über etwas nachzudenken oder in diesem Moment noch nicht sprechen können. Machen Sie dann am besten ein klares Angebot (z.B. «nach dem Abendessen»; «wenn die Oma gekommen ist»), wann Sie mit Ihrem Kind sprechen möchten. So fühlt es sich nicht abgeschoben und es weiss, dass es sich auf Sie verlassen kann. Sie können Informationen auch in kleinen Schritten geben, wenn das für Sie oder Ihr Kind besser auszuhalten ist. Vereinbaren Sie dann bitte immer, wie das Gespräch wieder aufgenommen werden soll. Z.B. «Ich warte auf deine Frage, dann erzähle ich dir noch mehr.» oder «Nächsten Sonntag bin ich bestimmt nicht mehr so müde, da können wir weiter reden.».
  • Wählen Sie Begriffe und Bilder, die dem Alter Ihrer Kinder entsprechen und von ihnen verstanden werden. Denken Sie daran, dass kleine Kinder alles wörtlich nehmen, Umschreibungen wie «weggegangen» oder «eingeschlafen» verwirren Kinder, sprechen sie eindeutig von «tot».
  • Denken Sie daran, dass Worte immer auch Deutungen und Wertungen tragen. Wenn Sie von «Selbstmord» sprechen, schwingt darin eine andere Wertung mit als im Begriff «Freitod». Entscheiden Sie sich, welchen Begriff Sie verwenden wollen (Selbsttötung, Suizid, sich umbringen, sich das Leben nehmen, freiwillig aus dem Leben scheiden, sich für den Tod entscheiden, aus dem Leben gehen … Es gibt viele Begriffe. Überlegen Sie, welche Ihnen stimmig erscheinen und welche Sie von Ihren Kindern ausgesprochen hören möchten).
  • Denken Sie daran, dass Ihre Kinder erst noch lernen, über einen Suizid zu sprechen und darüber nachzudenken; ihre Einstellung und die Begriffe sind noch nicht fertig ausgeformt. Entweder lernen sie es von Ihnen oder von jemand anderem. Wenn Sie mit Ihren Kindern sprechen, haben Sie die Möglichkeit, die Grundstimmung und Einstellung Ihrer Kinder zu dem verstorbenen Menschen und seiner Todesart zu beeinflussen. Wenn Sie nicht mit Ihren Kindern sprechen, wird die Einstellung Ihrer Kinder zum Suizid und damit auch zu dem toten Familienmitglied ausschliesslich durch andere, z.B. Fernsehsendungen, Nachrichten, Zeitungsmeldungen und die Äusserungen von Bekannten geprägt.
  • Denken Sie daran, dass das, was Sie sagen, für Ihre Kinder gleichzeitig ein Erklärungs- und Deutungsangebot für das Geschehene ist. Günstiger als einzelne Informationsbruchstücke sind zusammenhängende Erzählungen, z.B. «Papa war sehr krank, du hast ja in den letzten Monaten gemerkt, dass er oft im Bett lag und gar nicht mehr mit uns gelacht hat wie früher. Die Krankheit war nicht in seinem Körper, wie damals bei Opa, sondern in seinem Kopf. Er konnte nicht mehr so denken und fühlen wie früher. Deshalb war er manchmal auch so unfreundlich zu dir, dann war die Krankheit stärker als das, was er in Wirklichkeit zu dir sagen wollte. Zum Schluss war die Krankheit in ihm so stark, dass Papa in den Wald gelaufen ist und da an seiner Krankheit gestorben ist.» Auf Nachfragen ergänzen Sie die genaueren Todesumstände, z.B. «Da hat Papa sich an einem Baum aufgehängt und ist daran gestorben».
  • Einzelheiten, die erschreckend oder verletzend sind (für die Erwachsenen oder für die Kinder, meist für beide), können Sie zu umschreiben versuchen. Z.B. müssen Sie nicht alle Verletzungen aufzählen, die ein Mensch nach einem Sturz oder beim Überfahrenwerden erlitten hat. Falls Ihr Kind auf ausführlichen und detailgetreuen Informationen besteht, bemühen Sie sich um eine sachliche Sprache. Behalten Sie in Erinnerung, dass Kinder nicht blutrünstig sind, sondern versuchen, die erste Aufgabe des Trauerns unter anderem durch diese Fragen zu bewältigen.A
  • Versichern Sie ihren Kindern, dass sie in keiner Form schuldig sind am Suizid von Familienangehörigen! Kinder fühlen sich schnell verantwortlich für alles, was in ihrer Umgebung passiert. Wenn ein naher Mensch stirbt, geben sie sich häufig die Schuld «Weil ich so frech war, wollte Papa nicht mehr leben», «Manchmal war ich so sauer auf meine Schwester, dass ich gedacht habe – wäre sie doch tot, damit habe ich sie tot gezaubert», «Wenn ich meinem Bruder mehr geholfen hätte, würde er noch leben». Geben Sie Kindern und Jugendlichen die Gewissheit «Du bist ein Kind und trägst keine Verantwortung für das, was Erwachsene tun!» Vermeiden Sie Formulierungen wie «Papa hat das für uns getan, damit wir glücklich leben können». Das legt nahe, ein glückliches Leben der Familie sei nur um den Preis eines Todes zu erreichen, damit wird ein Kind nur sehr schwer ein glückliches Leben aufbauen können.
Wie Kinder trauern

Jeder Mensch trauert auf seine eigene Weise und in einem bestimmten Tempo. Aber das Lebensalter bestimmt die Grundformen der Reaktion auf einen Verlust. Ein anschauliches Bild für die Unterschiede zwischen trauernden Erwachsenen und trauernden Kindern sagt: Erwachsene springen in ein Meer aus Trauer, schwimmen und tauchen darin unter. Kinder springen in Pfützen aus Trauer und dann wieder hinaus, hinaus, hinaus.

Kinder erleben Trauergefühle und die vielen Fragen, die mit einem Trauerprozess verbunden sind, ganz intensiv in einzelnen Momenten – und dann ist genauso intensiv ihr gelebter Alltag wieder da. So können trauernde Kinder weinend dasitzen mit Fragen und Gedanken an das tote Familienmitglied, und einige Minuten später nur noch das Fussballspiel auf dem Sportplatz gegenüber im Kopf haben.

Diese sprunghafte Art ist für Erwachsene oft anstrengend, weil sie sich so stark unterscheidet von den eigenen Stimmungen, die oft Stunden oder sogar Tage anhalten. Sie kann auch dazu führen, dass Erwachsene die Trauer von Kindern nicht ernst nehmen und glauben – wer so schnell immer wieder zum Alltag übergehen kann, ist gar nicht richtig betroffen. Das ist jedoch ein Irrtum.

Kinder haben noch keine Worte um ihre Gefühle differenziert auszudrücken. Sie zeigen ihre Empfindungen stärker über ihr Verhalten. Statt zu sagen «Ich habe Angst, dass noch jemand stirbt», klammern sie sich buchstäblich an die überlebenden Erwachsenen, wollen nicht allein sein, können nicht mehr allein oder im Dunkeln einschlafen. An die Stelle der Worte «Ich bin so wütend» setzen sie Schläge und Zerstörung gegen Dinge oder sogar Menschen. Viele Gefühle und Überlegungen drücken Kinder im Malen und Spielen aus. Geben Sie Ihren Kindern genug Möglichkeiten und Material, sich auf diese Art zu entlasten und dabei sich selbst und das Geschehene zu begreifen.

Auch Erwachsene kennen Konzentrationsstörungen und Gedächtnisschwierigkeiten als Teil ihres Trauerprozesses. Für Kinder und Jugendliche, die viele Stunden des Tages mit Lernen in der und für die Schule verbringen, wird das zum Problem – die schulischen Leistungen können abnehmen, das führt zu Veränderungen im Freundeskreis und im Selbstbewusstsein.

Der Suizid eines Familienmitglieds erschüttert für uns Erwachsene die Welt in ihren Grundfesten, umso mehr ist das Vertrauen eines Kindes in die Welt um sich herum dadurch in Frage gestellt.

Stärker als viele Erwachsene brauchen Kinder und Jugendliche ein Fortbestehen des regulären Alltags, manche wollen sofort wieder in die Schule, zum Sport, sich mit ihren Freunden treffen. Sie bestehen darauf, dass die gewohnten Zeiten für Aufstehen, Mahlzeiten, Familienaktivitäten eingehalten und die damit verbundenen Alltagsrituale weiterhin durchgeführt werden Das ist keineswegs eine Missachtung des massiven Einschnitts, den der Suizid eines Familienmitglieds für sie bedeutet. Vielmehr schaffen sich Kinder und Jugendliche durch die Aufrechterhaltung der gewohnten Strukturen das nötige Gegengewicht zu der extremen und als bedrohlich empfundenen Verunsicherung, die der Tod ausgelöst hat. Sie brauchen – genau wie viele Erwachsene, die sich an ihren Routinen z.B. auf der Arbeit festhalten – einen Bereich, der stabil und vertraut ist, um an den vielen Veränderungen, die der Tod eines Familienmitglieds auslöst, nicht zu zerbrechen.

Manche Kinder wollen nicht mehr zur Schule oder in den Kindergarten gehen. Das kann ein Bedürfnis nach Sicherheit und Vergewisserung der Anwesenheit aller noch lebenden Familienmitglieder ausdrücken oder tiefe Trennungsängste, die durch den Tod ausgelöst wurden. Dann ist es wichtig, Kinder nicht zu zwingen, ihnen vielmehr genug Geborgenheit zu vermitteln, bis sie den Mut finden, sich der beängstigenden kleinen Trennung wieder auszusetzen. Es kann aber auch Ausdruck von Scham und Unsicherheit sein, mit dem Tod und der Todesarzt Suizid umzugehen. Es ist hilfreich, das Gespräch mit den Kindergärtner/innen und Lehrer/innen Ihrer Kinder zu suchen, sie zu informieren und darauf hinzuweisen, dass Ihr Kind in den kommenden Wochen und Monaten vielleicht Schwierigkeiten mit dem Lernen haben wird.

Manchmal zeigen Kinder ihre Verstörung, indem sie in ein Verhalten zurückfallen, das sie eigentlich in jüngerem Alter gezeigt haben, z.B. einnässen oder nur bei Licht schlafen können. Wenn diese Verhaltensweisen sich nicht innerhalb einiger Monate wieder zurückentwickelt haben, sollten Sie sich über die Möglichkeiten einer Trauerbegleitung oder Therapie für Ihr Kind informieren.

Körperliche Beschwerden wie Magenprobleme, Schlafstörungen, Kopfschmerzen zeigen Kinder genau wie Erwachsene im Trauerprozess. Wenn diese Symptome über längere Zeit anhalten, sollten die trauernden Kinder eine therapeutische Unterstützung bekommen. Das gilt auch, falls Aggressivität, Konzentrationsschwierigkeiten oder ein Rückzug von allen früheren Freunden und Aktivitäten über längere Zeit anhalten. Das sind Zeichen dafür, dass ein Kind zusätzlich zu der Unterstützung seiner Familie und Freunde Hilfe braucht, um das Geschehene zu verkraften und wieder Vertrauen in sich selbst und in die Welt zu fassen.

Wie lange trauern Kinder und Jugendliche?

Kinder, die ein Elternteil, ein Geschwisterkind, andere nahe Verwandte oder Freunde durch einen Suizid verlieren, reagieren genauso individuell wie Erwachsene. Manche drücken unmittelbar nach dem Tod intensive Gefühle aus, andere reissen sich monate- oder jahrelang zusammen, verdrängen das Geschehene und zeigen erst viel später ihre Gefühle und Reaktionen.

Für alle Kinder und Jugendlichen gilt, dass sie sich im Lauf des Heranwachsens immer wieder neu mit der verstorbenen Person und ihrem Tod auseinandersetzen. Mit jeder Altersstufe gewinnen sie ein neues Verständnis von der Bedeutung des «Totseins», der Todesart Suizid und davon, wer der verstorbene Mensch für sie war und welche Bedeutung dieser Mensch für sie hatte und hat. Insbesondere eine Mutter oder ein Vater, die sterben, spielen in der inneren Welt des überlebenden Kindes bis ins Erwachsenenalter hinein eine wichtige Rolle. Untersuchungen haben gezeigt, dass verwaiste Kinder sich in ihrer Vorstellung mit den toten Eltern auseinandersetzen und dabei je nach Altersstufe dieselben Fragen, Gefühle und Loslösungsprozesse zeigen, wie sie in Bezug auf lebende Eltern vorkommen. Diese immer wieder stattfindende Auseinandersetzung kann von heftigen Gefühlen und Reaktionen begleitet sein, das ist normal und natürlich. Wenn Heranwachsende sich in Abständen immer wieder mit den Verstorbenen beschäftigen, heisst das nicht, dass sie bis dahin nicht richtig getrauert haben! Es heisst viel mehr, dass sie in gutem Kontakt zu sich selbst sind und genug Vertrauen zu ihrer Umwelt haben, um zu zeigen, was sie beschäftigt.

Erwachsene sollten auch nach Jahren bereit sein, die Fragen ihrer heranwachsenden Kinder zu beantworten – auch wenn es kritische sind. Erinnerungsstücke sollten aufbewahrt werden Fotos, besondere Gegenstände, Schmuck, vielleicht ein Pullover oder ein Kleid, manchmal ist die Trauerpost eine Quelle von Anekdoten und besonderen Erinnerungen, die dem Heranwachsenden etwas darüber sagt, wie der oder die Verstobene auf andere gewirkt hat. Manche Familien schreiben im Lauf der Zeit Erinnerungsbücher mit Geschichten, Begebenheiten, Typischem, so dass auch zukünftige Generationen einen Eindruck von der Lebendigkeit eines Gestorbenen erhalten und ihn oder sie nicht nur auf den Suizid reduzieren.

Kinder versuchen, Erwachsenen zu helfen

Erwachsenen ist meist nicht bewusst, dass Kinder und Jugendliche sich stark verantwortlich fühlen für das, was in einer Familie geschieht und versuchen, positiven Einfluss darauf zu nehmen. Ihr Augenmerk ist dabei stärker auf das Wohlergehen der anderen gerichtet als auf das eigene. Die ältesten Geschwister rutschen nach dem Suizid des Vaters oder der Mutter oft wie von selbst in die Rolle des «Ersatz-Partners», stehen für Gespräche zur Verfügung, kümmern sich um jüngere Geschwister und trösten den überlebenden Elternteil. Das tun sie unabhängig davon, ob sie acht oder achtzehn sind.

Um ihre Eltern und Geschwister nicht noch mehr zu belasten, als es durch den Suizid bereits geschehen ist, zeigen manche Kinder ein besonders angepasstes Verhalten, sind gut in der Schule, helfen zu Hause, streiten nie und zeigen auch keine Gefühle, die die übrige Familie belasten könnten. Sie stellen ihre eigenen Trauerprozesse nach hinten, bis andere in der Familie sich so weit stabilisiert haben, dass diese Kinder ihre Trauer zeigen können. Das kann Monate oder Jahre nach dem Suizid sein, wenn niemand mehr damit rechnet, dass ausgerechnet dieses Kind «Schwierigkeiten machen» könnte.

Eltern sollten – sobald es ihnen möglich ist – ihre Kinder wieder als Kinder behandeln und sie aus der Rolle als Ersatzpartner, Unterstützer, Tröster, Kindermädchen für die jüngeren Geschwister etc. wieder entlassen.

Trauer und Pubertät

Jugendliche sind keine Kinder mehr und noch keine Erwachsenen, sie befinden sich in einem Lebensabschnitt, der auch ohne den Suizid von Angehörigen oder Freunden durch viele Abschiede und Neuanfänge gekennzeichnet ist. Sie müssen sich selbst neu kennen lernen, sie müssen sich von ihrer Familie lösen und sich einen eigenen Platz in der Welt suchen mit eigenen Freunden, Geliebten, Aufgaben, Glaubenssätzen und Zielen. Ihre Energie ist darauf gerichtet, sich zu entwickeln und ein eigenes Leben aufzubauen. Die wichtigsten Menschen in ihrem Leben sind nicht mehr Eltern und Geschwister, sondern Freunde, die Clique, erste Partner, manchmal eine Lehrerin oder ein Jugendclubleiter. Wenn ein Familienmitglied oder ein Freund sich in der Lebenszeit eines jungen Menschen tötet, ist verständlicherweise weiterhin der Freundeskreis das Wichtigste: Gespräche über Trauer, über den Verstorbenen und über das Thema Suizid werden dort geführt, Gefühle werden dort gezeigt, Rituale mit diesen Menschen durchgeführt. Für Eltern und Geschwister von Heranwachsenden ist es oft unverständlich und verletzend, dass die jungen Leute nicht sofort in den «Schoss der Familie» zurückkehren und sich ihrer Familie anvertrauen oder als Unterstützung für die anderen bereitstehen. Doch es ist wichtig und lebensklug, wenn sie sich weiterhin wie «normale Jugendliche» benehmen.

Von Eltern ist viel Geduld gefordert (wie im gesamten Umgehen mit Heranwachsenden), ihren Teenagerkindern immer wieder Angebote zu machen und sie einzubeziehen, sie ernst zu nehmen mit ihren besonderen Bedürfnissen im Trauerprozess und ihnen dabei Geborgenheit und Freiraum zugleich anzubieten.

Die Pubertät ist ein instabiles Lebensalter, der Weg in ein eigenes Leben ist schwer zu finden und Eltern fürchten zu Recht die Gefahren, die z.B. in Drogen, Alkohol und auch Suiziden liegen. Tatsächlich ist Suizid die häufigste Todesursache für junge Menschen – da die Medizin so grosse Fortschritte gemacht hat und junge Menschen nur noch in Ausnahmefällen an einer körperlichen Erkrankung sterben. Die Gefahr eines Nachfolgesuizids ist also real und muss berücksichtigt werden. Aber wie?

  • Geben Sie Ihrem Kind viel Liebe, Geborgenheit und Vertrauen, damit er oder sie die Welt als einen lebenswerten Ort erlebt und sich von dem Todeswunsch eines Familienmitglieds oder Freundes abgrenzen kann.
  • Achten Sie darauf, wie Sie selbst den Suizid des Familienmitglieds oder Freundes werten, vermeiden Sie Extreme. Weder eine Idealisierung (z.B. «Sie war so begabt und sensibel, für so einen Engel ist kein Platz auf dieser Welt») noch Verteufelung (z.B. «Um den ist es nicht schade, der hatte immer nur Ärger und kriminell war er auch») entsprechen der Wahrheit. Jeder Mensch hat gute und schlechte Seiten, und wenn Ihr Kind um diesen Menschen trauert, dann sind es vor allem die von ihm als gut und bereichernd empfundenen Seiten, die vermisst werden. Gehen Sie respektvoll mit dem Andenken an den oder die Tote um, erlauben Sie Sehnsucht und positive Erinnerungen ebenso wie Zweifel, Wut und Enttäuschung.
  • Vermeiden Sie Abwertungen der Unterstützung, die Ihr Sohn oder Ihre Tochter im Freundeskreis findet. Vielleicht können Sie es als Erleichterung wahrnehmen, dass Ihr Kind in der Lage ist, sich altersgemäss zu verhalten und nicht sein ganzes eigenes Leben verändert, indem es die bisherigen Freunde verlässt.
  • Wenn es sich um den Suizid eines Familienmitglieds handelt, um das Sie selbst trauern, suchen Sie für sich selbst Unterstützung, ermutigen Sie Ihr Kind, bei Bedarf eine Trauergruppe für Jugendliche oder eine Gesprächsreihe bei einer Trauerbegleiterin oder einem Psychologen in Anspruch zu nehmen. Viele trauernde Jugendliche tauschen sich im Internet mit anderen Betroffenen aus, das ist für sie eine altersgemässe und gute Form.
  • Achten Sie darauf, dass die Erinnerung Ihres Kindes sich nicht auf den Suizid konzentriert, regen Sie Erinnerungen an den lebenden Menschen an. Jugendliche (und nicht nur sie!) haben meist ein grosses Bedürfnis, etwas von den Verstorbenen in ihr Leben zu integrieren, die Toten sollen in irgendeiner Form weiterleben, etwas hinterlassen, nicht umsonst gelebt haben. Regen Sie an, dass diese «Hinterlassenschaften» aus den angenehmen Erlebnissen mit den Verstorbenen und ihren positiven Eigenschaften gewählt werden. Grenzen Sie den Suizid und die psychiatrische Erkrankung davon ab. Z.B. «Papa konnte wirklich gut Fussball spielen und dein Trainer hat gesagt, du spielst schon mindestens genauso gut wie der Papa damals in der Jugendmannschaft. Er wäre bestimmt stolz auf dich. Als er krank wurde, konnte er dir das nicht mehr sagen, aber ich weiss, dass er dich sehr lieb hatte.»
  • Achten Sie auf Zeichen der akuten Suizidgefährdung, sprechen Sie offen mit Ihrem Kind und suchen Sie fachliche Hilfe für sich und für Ihren Sohn bzw. Ihre Tochter bei einem örtlichen Krisendienst.
  • Gefahr besteht:
    • Wenn Ihr Kind offen von Suizidplänen spricht
    • Wenn Ihr Kind seine Hobbys und Freunde aufgibt und sich völlig zurückzieht
    • Wenn Ihr Kind anfängt, Dinge zu verschenken, die ihm oder ihr bisher sehr wichtig waren (das sind «Abschiedsgeschenke», die in Vorbereitung auf den eigenen Tod gemacht werden)

Unterstützung finden Sie bei verschiedenen Stellen, z.B. einem Kriseninterventionsdienst der psychosozialen Beratung oder bei einem psychiatrischen Landeskrankenhaus.

5.9.6 Pause

5.9.7 Bearbeitung von Themen, die am Anfang beim Kerzenritual angesprochen worden sind

Besprechen wichtiger Anliegen und Fragen der Teilnehmenden (eventuell mit Punkt 2 tauschen)

5.9.8 Ausklang

Auszüge aus «Hallo Papi, wie geht es dir?»

«Hallo Papi, wie geht es dir?»

Er redet mit mir im Plauderton. «Alles OK hier am neuen Ort. Wie geht es den anderen? Sagst du einen Gruss von mir, wenn du sie wieder mal siehst?»

Er fährt fort und erzählt mir seine Neuigkeiten.

Dann wache ich auf und merke, dass dies nur ein Traum war. Ich hoffe wirklich, es geht ihm gut, dort wo er jetzt ist. Es war ein schönes Gefühl, wieder mal mit ihm ein Gespräch zu führen. Denn das hatte mir gefehlt.

Nadja L.

Aus: Weisshaupt, Jörg (Hrsg.), «Darüber reden» (2013), S. 116

5.9.9 Abschied mit guten Wünschen

5.10 Kontakte mit Verstorbenen/Medium

Mein Sohn ist tot – soll ich jetzt zu einem Medium?

FRAGE. Mein Sohn ist letztes Jahr ganz plötzlich an einem Herzversagen gestorben. Er war erst vierzig. Nun hat mir eine Freundin von einem Medium erzählt, das vielleicht Kontakt mit Marco aufnehmen könnte. Es wäre so schön zu wissen, dass er noch existiert und dass es ihm gut geht. Soll ich den Versuch wagen?

ANTWORT. Es tut mir sehr leid, dass Ihr Sohn gestorben ist, ohne dass Sie Abschied nehmen konnten. Ich kann nur ahnen, wie viel ungesagt und vielleicht unerledigt bleiben musste. Der Wunsch, von Marco zu hören, ihm noch zu sagen, was wichtig ist, ist sehr verständlich.

Ich weiss nicht, ob es Menschen gibt, die die Grenze zwischen Toten und Lebenden durchbrechen können. Meine Skepsis warnt vor Scharlatanen und Geldmacherinnen. Aber wer weiss.

Ich denke und glaube jedoch, dass diese Grenze, so schmerzhaft sie ist, sinnvoll ist. Wir Lebenden sollen uns dem Leben zuwenden und nicht erstarren im Blick auf Vergangenes. Es ist wichtig für Sie zu anerkennen: «Ja, mein Sohn ist tot. Er ist nicht mehr bei uns. Unser gemeinsames Leben ist zu Ende.» Erst das Spüren dieses unerbittlichen Schmerzes macht Trauer möglich, die letztlich heilende Kraft hat, wie Jörg Zink schrieb. Ich fürchte, dass der Versuch, doch noch Kontakt mit Marco herzustellen, diese Trauer – und damit Ihre eigene Lebendigkeit – blockieren könnte.

Ich bin überzeugt, dass es Marco gut geht. Für die Verstorbenen ist gesorgt, sie sind bei Gott. Wie auch immer sein Leben war: Jetzt ist Marco geborgen bei dem, der Leben schuf und Liebe ist, der unser Leben kennt und versteht.

Mein Rat wäre, dass sie Marco einen Brief schreiben oder an sein Grab gehen. Sie können ihm sagen, was sie ihm nicht mehr sagen konnten, und die Liebe ausdrücken, die sie ihm nicht mehr schenken können. Dies auszusprechen ist ganz anders, als es nur zu denken! Sie können die Gedanken und Gefühle auch in einem Gebet formulieren. Ich habe mehr Vertrauen, dass Gott uns hört und unsere Liebe «weiterleitet», auch verbliebene Knörze löst, als in ein Medium. Am Schmerz führt leider kein Weg vorbei. Bis die Trauer heilende Kraft zeigt.

Anne-Marie Müller ist Pfarrerin in der reformierten Kirchgemeinde Zürich-Höngg

Aus der Zeitschrift reformiert 11.1/2015

5.11 Bilder in meinem Kopf/Suizidmethode

5.11.1 Teilnehmende bitten, ihre Kerzen und Karten mit Namen (und evtl. Foto) der verstorbenen Person aufzustellen

5.11.2 Einstieg in den Abend mit Gedicht, Text oder Musik

Dich noch in meinen Armen zu halten

1. Teil

dich im Arm zu halten
noch eine Weile
bei dir zu sein
bevor du stirbst
das hätte ich mir
gewünscht
dir zu sagen
zeigen
ich liebe dich
halte dich
bin bei dir
vor deiner letzten Reise
wie hätte ich mir
das gewünscht
dich nicht alleine
sterben zu lassen
verwundet
vielleicht mit starken Schmerzen
vielleicht verzweifelt
dich in all dem
zu begleiten
ich hätte es mir so gewünscht
dich zu finden
auf meiner Fahrt
meiner Suche nach dir
an diesem letzten Abend
dieser kalten Dezembernacht
dich zu sehen
eingeklemmt im Wagen
blutend
vielleicht bewusstlos
habe ich es mir
wirklich gewünscht?

Erklären des Abendprogramms (anhand Flipchart)
  1. Kerzenritual
  2. Thema «Bilder in meinem Kopf/Suizidmethode»

5.11.3 Thema

Einleiten mit Text

Wir können niemanden im Augenblick der Selbsttötung begleiten – eine Erfahrung mit dem Sterben gibt es bei dieser Todesart nicht (mit Ausnahme von Menschen, die nicht sofort sterben, sondern noch eine Zeit lang im Krankenhaus überleben). Hinterbliebene versuchen immer wieder, in ihrer Fantasie die letzten Minuten zu rekonstruieren, sich vorzustellen, was die suizidale Person gedacht und gefühlt hat.

Es würde helfen, über all diese Fantasien, Gefühle und Gedanken sprechen zu können, aber viele Angehörige nach einem Suizid wollen andere nicht damit belasten. Manche erleben Unverständnis und Ablehnung, wenn sie es wagen, über ihre Fantasie und die bleibende Unwirklichkeit des Todes zu sprechen. Manche Fantasiebilder oder Erlebnisse, vor allem beim Finden eines Menschen, der sich getötet hat, werden als so belastend empfunden, dass die Erinnerung und das Aussprechen möglichst vermieden werden. Dadurch werden sie allerdings noch bedrängender.

Aufgabe für die Gruppe:

Jeder Teilnehmer soll sich 10-15 Minuten Zeit nehmen, um Bilder, die ihn beschäftigen, auf Karten zu schreiben oder zu zeichnen.

  • Das können schöne Bilder, aber auch Schreckensbilder sein.
  • Es können Bilder sein, die einen schon lange begleiten und nicht loslassen.
  • Es können Bilder sein, die einem spontan in den Sinn kommen.

Anschliessend werden diese Karten für alle sichtbar hingelegt.

5.11.4 Diskussion

Die Diskussion kann mit folgenden Fragen angeregt und strukturiert werden:

  • Ist es das erste Mal, dass ich über diese Bilder spreche?
  • Überfallen mich diese Bilder immer wieder? Wann?
  • Empfinde ich die Suizidmethode als grausam und erschreckend?
  • Haben sich die Bilder im Verlauf der Trauerzeit verändert? Wenn ja, wie haben sie sich verändert?
  • Konnte ich vom Verstorbenen Abschied nehmen, ihn noch einmal sehen, anfassen? Wie erging es mir dabei?
  • Konnte ich genauere Auskünfte (z.B. bei der Polizei) über die genaue Todesursache, den Todeszeitpunkt, die Verletzungen des Verstorbenen einholen?
  • Welche Informationen fehlen mir, um mehr Klarheit über die Todesumstände zu erhalten? Wo könnte ich diese einholen?
  • Könnte ich mir auch vorstellen, dass es für den Verstorbenen ein ruhiger, schmerzarmer und erlösender Tod war? Wäre es möglich, dass dieser Mensch sein Ende herbeisehnte und zutiefst entschlossen war zu sterben?
  • Hinweis auf «Übung» und Literatur von Chris Paul

5.11.5 Gemeinsames Ritual

Anschliessend an die Diskussion kann mit der Gruppe besprochen werden, ob das Bedürfnis besteht, die Schreckensbilder mit einem gemeinsamen Ritual loszulassen. Hier einige Möglichkeiten:

  • An einem Bach oder Fluss werden Natursymbole für die eigenen Bilder gesucht und dann dem Wasser übergeben.
  • Mit der Bitte um Umwandlung werden die Karten mit Text oder Zeichnungen dem Feuer übergeben.
  • Auf einem Tuch in warmer Farbe (zum Beispiel dunkelrot) steht eine Kerze. Die Karten mit Text oder Zeichnung werden um die Kerze gelegt. Dazu könnte ein gemeinsames Gebet gesprochen oder ein Musikstück abgespielt werden.

Das gemeinsame Besprechen und Gestalten eines Rituals kann helfen, aus der «Ohnmacht» der Bilder herauszutreten und miteinander in eine «aktive Handlung» zu gehen, die von jedem «mitgestaltet» werden kann.

Den theoretischen Teil zum Thema den Teilnehmenden mit nach Hause geben oder miteinander lesen, wenn genügend Zeit vorhanden ist. Gewisse Schwerpunkte daraus sollten von der Gruppenleitung in die Diskussion einbezogen werden.

5.11.6 Theoretischer Teil

Es ist für jeden Trauerprozess eine langwierige Aufgabe, einen Tod als wirklich und endgültig zu begreifen. Zwei Dinge helfen dabei: zum einen das sinnliche und direkte «be-Greifen», zum anderen das Darübersprechen. Beides ist für Angehörige nach einem Suizid nur eingeschränkt möglich.

Nach einer Selbsttötung ist die Konfrontation mit dem körperlichen Tod entweder nahezu unmöglich oder sehr brutal, dies vor allem für diejenigen, die die Leiche finden oder identifizieren. Die Umstände sind hierbei (bis auf wenige Ausnahmen) so schrecklich, dass die beteiligten Angehörigen in erster Linie Gewalt wahrnehmen und den Tod immer mit Gewalttätigkeit gegen sich selbst, Überwältigung und äusserstem Schrecken verbinden. Für alle anderen Angehörigen und Bekannten hat die Nachricht vom Tod keine körperliche Wirklichkeit, es bleiben Worte, die irgendjemand gesagt oder geschrieben hat. Der Tod ist buchstäblich nicht zu begreifen. Fantasiebilder treten an die Stelle der Erfahrungen, die nicht gemacht werden konnten. Auch diese Bilder sind in der Regel voller Gewalt. Die Vorstellungen von den körperlichen Verletzungen sind oft grausam und quälend. Aussprüche wie «Ersparen Sie sich den Anblick», «Behalten Sie den Menschen so in Erinnerung, wie Sie ihn kannten» verstärken die Angstfantasien.

Die Atmosphäre um einen Suizid ist von Panik, Abwehr und Schuldzuweisungen geprägt. Der Suizid wird als potenzielles Verbrechen, als Ruhestörung und als Katastrophe behandelt. Dass jeder sterbende und tote Mensch Würde hat und geachtet werden muss, gerät dabei völlig aus dem Blick.

Vorstellungen – Bilder – Wahrnehmungen

Wir empfinden es als ungehörig, einen Tod durch Suizid als sanft und erlösend anzusehen, weil wir uns verpflichtet fühlen, diese Todesart zu verurteilen. Trotzdem haben manche Menschen intensive Wahrnehmungen von Friedlichkeit und Erlösung rund um eine Selbsttötung. Die Ruhe und Würde des Todes, auch eines Suizids ist manchmal spürbar, für andere ist sie nach einer Weile immerhin denkbar. Da Selbsttötung eine einsame Art des Sterbens ist, wissen Hinterbliebene niemals genau, was in den letzten Minuten geschehen ist, und was einen Menschen letztendlich bewegt hat. Diese Unwissenheit ist äusserst quälend. Vorstellungen darüber, wie es gewesen sein könnte, versuchen eine Verbindung zwischen der als lebendig erfahrenen Person und ihrem nicht erfahrbaren Tod herzustellen. Ohne eine Vorstellung vom Sterben eines Menschen bleibt sein Tod unwirklich. Deshalb sind die Fantasien von Hinterbliebenen sehr wichtig. Solange diese Fantasien von Schreckensbildern erfüllt sind, verstärken sie die Un-Wirklichkeit des Todes noch. Angst, Zerrissenheit und verzweifeltes Warten auf ein rettendes Eingreifen sind nach Ansicht der meisten Hinterbliebenen die letzten Gefühle eines Menschen, der sich das Leben nimmt. Dazu kommen bildhafte Vorstellungen von hässlichen Räumlichkeiten, in denen dann ein qualvolles Sterben grässliche Entstellungen hinterlässt.

Entstellungen der Leiche können tatsächlich je nach gewählter Methode, z.B. bei Erschiessungen und Sprüngen aus grosser Höhe zu Stande kommen, oder wenn eine Leiche erst nach Wochen gefunden wird. Aber in der Regel sehen Menschen, die sich getötet haben, friedlich aus. Menschen, die einen Suizidversuch überlebt haben, erzählen von Ruhe und Entschlossenheit im Augenblick ihres Suizidversuches und in der Zeit davor. Wir können davon ausgehen, dass der Moment des Sterbens für Menschen, die diesen Weg gewählt haben, tatsächlich eine Erlösung darstellt.

Es kann keine endgültige Sicherheit über die letzten Augenblicke geben, aber alles, was wir wissen, weist darauf hin, dass eine Selbsttötung in der Regel mit grosser Entschlossenheit und Ruhe durchgeführt wird. Hinterbliebene müssen ihren eigenen Widerstand gegen diesen Tod trennen von dem anzunehmenden Einverständnis des sterbenden Menschen mit seinem Tod. Es geht nicht darum, dass die Hinterbliebenen mit diesem Tod einverstanden sind. Wichtig ist, ob sie es ertragen können, dass ein vertrauter Mensch mit dem eigenen Tod einverstanden war und ihn dem Weiterleben vorgezogen hat.

Die Begegnung mit dem Tod nach einem Suizid ist oft geprägt von Schrecken, Ohnmacht, Sachzwängen, wenig einfühlsamem Verhalten von Polizei und anderen Dienststellen. Wichtig ist, dass alle, die nach einem Suizid den Wunsch haben den Verstorbenen zu sehen, dies auch tun können. Die Hinterbliebenen sollten dabei begleitet werden von Careteam/Notfallseelsorge, Bestatter, Polizei etc.

Aufgabe:
  • Schreibe auf, wie du dir bisher die letzten Stunden vor dem Tod des Menschen, der sich das Leben genommen hat, vorgestellt hast.
  • Wie fühlst du dich beim Aufschreiben, bist du erschüttert, ratlos oder voller Angst?
  • Unterstreiche die Dinge, die du genau weisst. Wenn du alles, was nur deinen Fantasiebildern entspricht, wegstreichst, was bleibt dann übrig?
  • Versuche, die entstandenen Lücken mit neuen Bildern zu füllen. Verändern sich deine Gefühle hinsichtlich des Sterbens des Menschen, um den du trauerst, mit neuen Bildern?

Diese Übung kann das zwanghafte Wiederholen der immer gleichen Schreckensbilder beenden. Das Erfinden unterschiedlicher Varianten, dieser letztendlich ungewissen Situation, hilft zu begreifen, dass es kein tatsächliches Wissen über die letzten Minuten des Lebens der verstorbenen Person gibt. Was sich durch ständige Wiederholung wie eine unumstössliche Wirklichkeit angefühlt hat, wird nun als Spekulation wahrgenommen. Andere, erleichterndere Vorstellungen werden daneben gestellt. Die eigene Fantasie wird nicht mehr als belastend erlebt, sondern als eine Bereicherung. Eine friedliche Vorstellung vom Sterben des Menschen, um den du trauerst, erleichtert es, die Tatsache dieses Sterbens anzunehmen. Gleichzeitig verringert sich die Notwendigkeit, Schuldige an diesem Tod zu finden.

5.11.7 Pause

5.11.8 Bearbeitung von Themen, die zu Anfang beim Kerzenritual angesprochen worden sind

Besprechen wichtiger Anliegen und Fragen der Teilnehmenden (eventuell tauschen mit Thema «Bilder in meinem Kopf/Suizidmethode»)

5.11.9 Ausklang

Dich noch in meinen Armen zu halten

2. Teil

dich zu finden
auf meiner Fahrt
meiner Suche nach dir
habe ich es mir
wirklich gewünscht?
Was bleibt
jetzt und für alle Zeit
ist der Wunsch
es möge dir gut gehen
du mögest nach Hause
gefunden haben
und die Bitte
dass wir uns
durch unsere Liebe im Herzen
verbunden bleiben.

Anita Bättig, Tagebuch an Roberto, 2002

5.11.10 Abschied mit guten Wünschen

5.12 Loslassen – Was gibt mir Hoffnung?

Themen:

  • «Was vermisse ich am meisten?»
  • «Wie gehe ich mit der abrupt abgebrochenen Beziehung um?»
  • «Was gibt mir wieder Hoffnung?»

5.12.1 Begrüssung,Teilnehmende bitten, ihre Kerzen und Karten mit Namen (und evtl. Foto) der verstorbenen Person aufzustellen.

5.12.2 Einstieg in den Abend mit Gedicht, Text oder Musik

Ich treffe dich dort

wo du nicht bist
Wo es dunkelt
ohne Nacht
Wo mein Herz schwer trägt
an deiner Leichtigkeit
Wo ich dich fassen möchte
ohne Grund
Wo du bleibst
nach jedem Abschied
Wo dein Name fällt
aus dem Mund eines Fremden
Ich treffe dich dort
wo du fehlst

Ida Elisabeth Lorbach

Aus dem Buch: Sehnsucht nach meiner Schwester

EOS Verlag

Erklären des Abendprogramms (anhand Flipchart)
  1. Kerzenritual
  2. Thema «Muss ich mich immer wieder damit auseinandersetzen? Wie lange?»

5.12.3 Einleiten mit erstem Teil des Gedichts

Hoffnung

Aus: Carola Häussler, Die Zeit heilt keine Wunden, sie lindert nur den Schmerz.

Leid und Freude sind die Pole,
zwischen denen mein Leben abläuft.
Getrennt durch den Tod,
verbunden durch das Gefühl,
werden wir gezwungen,
zwei verschiedene Wege zu geh’n.
Leben – ist mehr als nur zu überleben,
und doch komme ich mir vor,
wie ein alter, morscher Baum, halb amputiert,
der keine Blätter mehr tragen kann.
Nur die Sehnsucht und Angst leben in mir,
durch das Meer der ungeweinten Tränen,
die in mir fliessen.
All die Jahre – wie im Wind verlor’n
Vorbei – verweht.

Aufgabe an die Teilnehmer:

«Nur die Sehnsucht und Angst leben in mir.» «All die Jahre – wie im Wind verlor’n, vorbei – verweht», sagt Carola Häussler in ihrem Gedicht.

Jeder soll sich 5-10 Minuten Zeit für folgende zwei Fragen nehmen (still für sich notieren):

  • Wie ergeht es mir mit der Sehnsucht?/Was vermisse ich am meisten?
  • Wie gehe ich mit der abrupt abgebrochenen Beziehung um?

Anschliessend Austausch in der Gruppe.

5.12.4 Pause

5.12.5 Thema «Was gibt mir Hoffnung?»

Einleiten mit dem zweiten Teil des Gedichts aus: Carola Häussler, Die Zeit heilt keine Wunden, sie lindert nur den Schmerz.

Hoffnung

2. Teil

… Es gibt so viele Farben,
ich sehe oft nur schwarz.
Aber auch die Dunkelheit
lässt mir das Licht als solches erscheinen.
Licht – das Leben heisst,
Licht – das die Blätter in Schmetterlinge verwandelt.
Hoffnung ist es,
die mir immer wieder Kraft gibt,
die Trauer und Verzweiflung des Lebens zu ertragen.
glauben ist es,
dass nichts auf dieser Welt verloren geht
und irgendwann Frieden einkehrt.

Aufgabe an die Gruppenmitglieder:

Jedes Gruppenmitglied nimmt mehrere farbige Karten. Darauf notiert es einen Wunsch, eine Hoffnung, den/die es für sich und vielleicht auch für die anderen in der Gruppe hat.

Diese Karten werden nachher für alle ersichtlich aufgehängt.

Anschliessend Austausch in der Gruppe darüber, was jeder für sich selbst tun kann, um der Erfüllung dieser Hoffnungen und Wünsche näher zu kommen und sich selbst möglichst viel Gutes zu tun:

Gruppenleitende schreiben alle Ideen auf und ergänzen sie

Beispiele zum Ergänzen, falls von Teilnehmenden nicht eingebracht:

  • Tagebuch/Brief an den Verstorbenen schreiben, um den abgebrochenen Dialog aufrecht zu erhalten
  • einen Tanzkurs belegen, wenn Sehnsucht nach Lebensfreude und körperlicher Nähe gross ist
  • neues (oder altes) kreatives Hobby: Musik machen, Töpfern, Malen, Singen, Sport treiben, Wandern, Fotografieren …
  • ein schönes Buch lesen, um auf neue Gedanken zu kommen
  • gemeinsames Essen mit Freunden, um nicht allein zu sein
  • weinen, um der Trauer Ausdruck zu geben und Verhärtungen zu lösen
  • Teil- oder Ganzkörper-Massage, ein schönes Bad nehmen zur Entspannung und besserem Spüren des Körpers
  • Ferienreise planen, um neue Erfahrungen zu machen
  • Feiertage und Gedenktage bewusst gestalten, um immer wieder stückweise Abschied nehmen zu können
  • Kurse besuchen, um Neues zu lernen
  • Kino/Theater, um sich abzulenken
  • Mitmenschen um konkrete Hilfe bitten, um Unterstützung zu erhalten
  • sich ehrenamtlich engagieren, um dem eigenen Leben Sinn und Inhalt zu geben
  • Erfahrungen aufschreiben (ein Buch schreiben), um dem Erlebten einen Platz zu geben
  • Meditation, um zur Ruhe und zu sich selbst zu kommen
  • Museum besuchen und sich mit schönen Kunstwerken «trösten»
  • Nachbarn oder Freunde einladen, um soziale Kontakte zu pflegen
  • Kinder beschenken, mit Kindern zusammen sein, Patenamt für fremdsprachige Kinder übernehmen
  • Pflanzen züchten, um Neues wachsen zu sehen
  • Puzzle machen, um sich abzulenken
  • Kochen, neue Rezepte ausprobieren
  • Spaziergänge aus der Vergangenheit wieder begehen, um Erinnerung an schönes Vergangenes zu pflegen
  • Spieleabend organisieren, um vergnügte und unbeschwerte Zeit zu verbringen
  • Trauerplatz einrichten und zu bestimmten, begrenzten Zeiten aufsuchen, um der Trauer Platz zu geben
  • Im Internet auf Partnersuche-Portalen einloggen, um einen neuen Partner kennen zu lernen
  • mit Gleichbetroffenen etwas unternehmen, um auszutauschen und Verständnis zu finden
  • Shopping, um so richtig unvernünftig zu sein
  • usw.

5.12.6 Bearbeitung von Themen, die zu Anfang beim Kerzenritual angesprochen worden sind (eventuell mit 5.12.5 Thema «Was gibt mir Hoffnung?» tauschen)

5.12.7 Ausklang

Das Märchen von der traurigen Traurigkeit

Es war einmal eine kleine Frau, die einen staubigen Feldweg entlanglief. Sie war offenbar schon sehr alt, doch ihr Gang war leicht und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens.

Bei einer zusammengekauerten Gestalt, die am Wegesrand sass, blieb sie stehen und sah hinunter.

Das Wesen, das da im Staub des Weges sass, schien fast körperlos. Es erinnerte an eine graue Decke mit menschlichen Konturen.

Die kleine Frau beugte sich zu der Gestalt hinunter und fragte: «Wer bist du?»

Zwei fast leblose Augen blickten müde auf. «Ich? Ich bin die Traurigkeit», flüsterte die Stimme stockend und so leise, dass sie kaum zu hören war.

«Ach, die Traurigkeit!» rief die kleine Frau erfreut aus, als würde sie eine alte Bekannte begrüssen.

«Du kennst mich?» fragte die Traurigkeit misstrauisch.

«Natürlich kenne ich dich! Immer wieder einmal hast du mich ein Stück des Weges begleitet.»

«Ja aber …», argwöhnte die Traurigkeit, «warum flüchtest du dann nicht vor mir? Hast du denn keine Angst?»

«Warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weisst doch selbst nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst. Aber, was ich dich fragen will: Warum siehst du so mutlos aus?»

«Ich …, ich bin traurig», sagte die graue Gestalt.

Die kleine alte Frau setzte sich zu ihr. «Traurig bist du also», sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. «Erzähl mir doch, was dich so bedrückt.»

Die Traurigkeit seufzte tief.

«Ach, weisst du», begann sie zögernd und auch verwundert darüber, dass ihr tatsächlich jemand zuhören wollte, «es ist so, dass mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest.»

Die Traurigkeit schluckte schwer.

«Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen. Sie sagen: «Papperlapapp, das Leben ist heiter», und ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot. Sie sagen: «Gelobt sei, was hart macht», und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie sagen: «Man muss sich nur zusammenreissen», und sie spüren das Reissen in den Schultern und im Rücken. Sie sagen: «Nur Schwächlinge weinen», und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe. Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen.»

«Oh ja», bestätigte die alte Frau, «solche Menschen sind mir auch schon oft begegnet …»

Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen. «Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist hat eine besonders dünne Haut. Manches Leid bricht wieder auf wie eine schlecht verheilte Wunde und das tut sehr weh. Aber nur, wer die Trauer zulässt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich ihnen dabei helfe. Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu.»

Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schliesslich ganz verzweifelt. Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre Arme. Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel.

«Weine nur, Traurigkeit», flüsterte sie liebevoll, «ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern. Ich werde dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr Macht gewinnt.»

Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtet sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin:

«Aber …, aber – wer bist eigentlich du?»

«Ich?» sagte die kleine, alte Frau schmunzelnd. «Ich bin die Hoffnung.»

Autor unbekannt.

5.12.8 Abschied mit guten Wünschen

5.13 Loslassen, Sinn finden, Resilienz

5.13.1 Begrüssung, Teilnehmende bitten, ihre Kerzen und Karten mit Namen (und evtl. Foto) der verstorbenen Person aufzustellen

5.13.2 Einstieg in den Abend mit Gedicht, Text oder Musik

Andere Zeichen der Liebe

Ich musste lernen,
dass die Zeichen der Liebe
andere geworden waren.
Keine Umarmung mehr,
keinen Liebesblick, keinen Kuss.
Deine Stimme verstummt,
deine Wärme ausgelöscht.
Der irdischen Hülle entledigt,
ist unsere Liebe reiner geworden,
frei von Nutzen und Misstönen.
Einer klingenden Harfe gleich
füllt sie meine Räume aus:
die Sehnsucht nach dem Göttlichen in dir,
nach dem, was uns geblieben ist.

Charlotte Knöpfli-Widmer
Aus: Schmeisser, Martin (2004)

Erklären des Abendprogramms (anhand Flipchart)

  1. Kerzenritual
  2. Thema «Loslassen»

Einleiten mit Text

Lösen, Gehenlassen und Abschiednehmen

Das Abschiednehmen ist ein schrittweiser Prozess, ein langsames Sichlösen von alten Bildern, Hoffnungen und Träumen. Loslassen ist eine Bewegung und bringt Veränderung, denn das, was losgelassen wird, hinterlässt eine Lücke. Trauernde haben eine Vielzahl von Bedürfnissen, mit denen sie den Menschen, der nicht mehr lebt, festhalten und bei sich behalten wollen. Viele von diesen Bedürfnissen können im Laufe des Trauerns von anderen Menschen oder Lebensumständen erfüllt werden und dadurch brauchen die Hinterbliebenen die verstorbene Person nicht mehr festzuhalten.

Loslassen geschieht schrittweise, z.B. beim Reden, Weinen, Wüten, Erinnern und Fantasieren über die verstorbene Person, aber es lässt sich nicht erzwingen. Die vier Aufgaben des Trauerns versuchen eine Struktur in dieses vielfältige Ablösen zu bringen. Jede der Aufgaben und jede Phase innerhalb dieser Aufgaben bringt einzelne Ablösungsprozesse auf andere Art und Weise zum Ausdruck. Das Durchführen von Abschiedsritualen machen am meisten Sinn, wenn diese Rituale eingebettet sind in den alltäglichen Ausdruck von Traurigkeit, Wut, Schmerz, Neubeginn, Hoffnung und Lebensmut. Zu besonderen Anlässen können dann einzelne Rituale Ausdruck für den Teil der Ablösung sein, der in letzter Zeit vorrangig war.

Ein völliges Lösen ist in dieser Trauerphilosophie nicht nötig, gelöst werden nur die Verbindungen, die durch das Sterben des Menschen und seinen Wunsch zu sterben unmöglich geworden sind. Vieles kann bleiben – Erinnerungen, Liebe, Dankbarkeit, das Bewusstsein von Unterschiedlichkeit, auch Wut und Traurigkeit. Trauernde entscheiden selbst und im Laufe der Trauerjahre immer wieder neu, was bleiben kann, und was sie loslassen wollen.

Aufgabe für dieTeilnehmenden:

10-15 Minuten Zeit geben, um folgende Fragen still für sich zu beantworten und auf je eine Karte (oder eine symbolische Träne aus Papier, die von den Gruppenleitenden vorbereitet wurde) zu schreiben:

  • Was an Liebgewonnenem, Gewohntem, Wünschen, Vorstellungen, Perspektiven etc. musste ich durch den Verlust loslassen?
  • Was war besonders schmerzhaft?
  • Wovon glaube ich noch Abschied nehmen zu müssen? Was muss ich noch loslassen?
  • Wer oder was könnte mir dabei helfen?

AlleTeilnehmenden werden nun eingeladen, die Antwortkarte oder Träne laut vorzulesen und anschliessend auf den Tisch zu legen.

Die Gruppenleitung kann den Teilnehmenden vorsichtige Hinweise und Unterstützung geben, wie weiteres Abschiednehmen möglich sein kann. Keinesfalls hat sie Aufgabe, ihre eigene Vorstellung von «Loslassen» und «Loslassen müssen» den Teilnehmenden aufzudrängen.

5.13.3 Pause

5.13.4 Thema «Sinn» und «Resilienz»

(Resilienz = Fähigkeit, sich dank der persönlichen Ressourcen wieder aufzurichten, statt zu zerbrechen)

Aufgabe für die Teilnehmer:

Einleiten durch die Gruppenleitung:

Wir haben vor der Pause beim Hinlegen eurer Karten (Tränen) gesehen, von wie Vielem jedes von euch Abschied nehmen musste. Dieser Prozess dauert an. So schwer und sinnlos dies scheinen mag, hat jedes Loslassen und Abschiednehmen immer auch wieder die Chance, Neues zu entdecken, Neues zu gewinnen. Dies geschieht, genauso wie das Loslassen, oft unbemerkt und bruchstückhaft.

Gerne möchte ich euch mit ein paar Fragen ins nächste Thema einstimmen:

Still für sich folgende Fragen auf einem Arbeitsblatt beantworten:

Gibt es trotz Trauer und Schmerz hin und wieder kleine und grosse Freuden? Welche?

 

Habe ich durch den Verlust neue Stärken an mir entdeckt, von denen ich bisher noch nicht wusste? Welche?

 

Hat mich das Hindurchgehen durch so viel Schweres stärker gemacht?

 

Habe ich auf meinem Trauer- und Lebensweg Neues entdeckt, das mir gut tut? Was?

 

Gibt es Wünsche, die ich mir erfüllen möchte? Welche?

 

Finde ich in meinem Leben Sinn? Wo?

 

Antworten miteinander betrachten und kurze persönliche Feedbacks geben.

5.13.5 Ausklang

Perlen in meiner Hand

Ich wandere weiter,

gebückter,

mit deinem Tod auf dem Rücken.

Am Wegrand die Erfrischungen

dieser Welt.

Den Menschen zugewandt,

tausche ich fast alles ein

gegen Augenblicke der Liebe.

Perlen in meiner Hand

gebe ich dem Meer nicht mehr zurück.

Charlotte Knöpfli-Widmer
Aus: Schmeisser, Martin (2004)

5.13.6 Abschied mit guten Wünschen

5.14 Thema «Ist der Trauerprozess jemals zu Ende?»

5.14.1 Begrüssung, Teilnehmende bitten, ihre Kerzen und Karten mit Namen (und evtl. Foto) der verstorbenen Person aufzustellen

5.14.2 Einstieg in den Abend mit Gedicht, Text oder Musik

Gefühlsknäuel

Es ist jetzt bereits zwei Jahre her, seit Du für immer gegangen bist, aber es tut manchmal immer noch sehr weh.

Ich habe vieles gelernt durch Deinen Tod, vieles über mich. Ich habe nach einiger Zeit gelernt, dass da Trauer, Wut, Liebe, Verzweiflung, Enttäuschung, Angst und noch viele andere Gefühle ineinander verstrickt sind, welche für mich alle nicht greifbar waren.

Das Gewirr war nicht auszuhalten – ich bin ein eher strukturierter Mensch. Als ich dann die Wut auf Dich begriff, war das so befreiend. Es hat mir aber auch Angst gemacht.

Ich habe Dich doch geliebt – aber meine Liebe war wohl nicht stark genug, um Dir helfen zu können.

Das macht auch wahnsinnig traurig. Es ist aber gut, all die vorhandenen Gefühle zu kennen, zu wissen, zu begreifen.

Wenn ich mir das so überlege, kann ich Dir auch dankbar sein für das, was Du getan hast. Du hast mir auf grausame Art und Weise gezeigt, dass ich auf meine Gefühle hören muss, dass es mir gut tut, wenn ich sie rauslasse, die Gefühle.

Nein, dankbar ist der falsche Begriff. Dankbar wäre ich wohl, wenn Du mich das gelehrt hättest, während Du am Leben warst – aber Du hast es leider erst durch Deinen Tod getan. Es ist vielleicht eine wütende und traurige Dankbarkeit, dass ich durch Deinen Tod noch etwas lerne – lernen musste.

Ich musste und muss lernen, mit meinen Gefühlen umzugehen und ihnen auch zu vertrauen. Die Wut auf Dich, die eine Zeit lang so übermächtig war, ist stiller geworden. Das ist gut, denn Du kommst nicht zurück, sosehr ich mir das auch wünsche.

Ich kann nicht mein Leben lang wütend sein, das frisst meine Kraft auf. Ich lasse sie aber zu, wenn sie kommen will – wenn ich an Dich denke, ist es in der Zwischenzeit, nach etwas mehr als zwei Jahren, traurige Wut. Ich denke heute vor allem an Dich, wenn ich etwas Schönes erlebe oder plane, das Du leider nicht mehr erlebst.

Du warst für mich nicht nur meine Mutter, sondern auch eine tolle Freundin! Ich hab Dich lieb, Mam! Hoffentlich geht es Dir gut …

Josephine G.

Aus: Weisshaupt, Jörg (Hrsg.), «Darüber reden» (2013), S. 135/136

5.14.3 Einstimmen in ein Ritual, das von der Gruppenleitung mit den Worten eingeleitet wird:

Jeder Mensch ist individuell, jeder Trauerweg anders. Trauer nach Suizid ist Schwerstarbeit und bedeutet einen langen Weg des Abschiednehmens. Manchmal kommt es uns vor, als liefen wir im Kreise. Hin und wieder bemerken wir aber vielleicht auch, dass der Weg da und dort lichter wird, indem wir uns wieder über etwas freuen, wieder lachen können.

Wenn wir versuchen, Bilder zu finden, die den Weg der Trauer beschreiben könnten, bietet sich die Spirale mit der ihr eigenen offenen und vielschichtigen Form an. Ich kann sie von innen nach aussen oder umgekehrt durchschreiten. Ich kann in ihrem Inneren innehalten, verweilen und zurückgehen oder mich für die dreidimensionale Form entscheiden und damit für eine neue Stufe und Entwicklung. Auch wenn die Grundform der Spirale der Kreis ist, so ist sie nicht wie der Kreis selbst geschlossen, sondern bleibt offen.

Eine besondere Bedeutung gewinnt die Spirale durch ihren zyklischen Charakter. Es sind der Todestag und der Geburtstag des Verstorbenen und die besonderen Tage der Erinnerung, die dem Trauerweg ein Gerüst geben. Diese wiederkehrenden Daten lassen den Trauerweg als einen Spiralweg erscheinen.

In ihm haben sowohl Stillstand als auch Wandlung Platz, sowohl Fortschritt als auch Rückschritt, sowohl Auf als auch Ab.

Abbildung Spirale (Grafik: JörgWeisshaupt)

Aufgabe für die Teilnehmenden:

Nehmt euch 10-15 Minuten Zeit, um eurem bisherigen Trauer- und Lebensweg nachzuspüren. Versucht für euren Weg eine Spirale zu zeichnen. Schreibt in diese Spirale die wichtigsten Stationen hinein. Solche Stationen können sein: Todes- und Geburtstage; besondere Gefühlswelten, durch die ihr hindurchgegangen seid; besonders traurige oder auch schöne Momente; Menschen, die auf dem Weg wichtig waren und euch unterstützt haben usw.

Anschliessend Austausch in der Gruppe mit folgenden Fragestellungen, die von der Gruppenleitung für alle sichtbar an die Pinnwand geschrieben werden:

  • Wie ist es mir beim Aufzeichnen meines Trauer- und Lebensweges gegangen?
  • Welche Stationen darin sind für mich wichtig?
  • Was habe ich auf diesem Weg gelernt?
  • Habe ich dabei etwas Neues entdeckt, das mir noch nicht bewusst war?
  • Wo stehe ich jetzt?
  • Welche Aufgaben warten noch auf mich? Wohin möchte ich gelangen, damit es mir besser geht? Welche Unterstützung brauche ich dafür?

Den theoretischen Teil zum Thema den Teilnehmenden mit nach Hause geben oder miteinander lesen, wenn genügend Zeit vorhanden ist. Gewisse Schwerpunkte daraus sollten von der Gruppenleitung in die Diskussion einbezogen werden.

5.14.4 Ist der Trauerprozess jemals zu Ende?

Integration des Geschehens bedeutet danach suchen, wie mit der Verwundung gelebt werden kann. Meist wird das Leben in ein «Vorher» und «Nachher» aufgeteilt. Wenn der Trauerprozess ein Aufarbeiten möglich machte, ist das Nachher geprägt davon, dass Aktivitäten wieder möglich sind, die unmittelbar nach dem Suizid undenkbar gewesen wären (Feste, kulturelle Anlässe). Es können wieder Orte besucht werden, an denen man mit dem Verstorbenen Gemeinsames erlebt hat; persönliche Gegenstände des toten Menschen können weggegeben werden; der Name des Angehörigen kann wieder ohne Scheu erwähnt werden.

Allerdings sind «Gefahren» im weiteren Leben da: an Fest- und Gedenktagen können Gefühle wieder ganz impulsiv aufbrechen. «Zeit heilt Wunden», müsste für Suizid-Angehörige eher lauten: «Zeit lehrt, mit der Verwundung zu leben». So wie ein amputiertes Glied nie wieder anwächst, ist die Verwundung bei Verlust durch Suizid nie «geheilt», sondern die Narbe schmerzt mit der Zeit etwas weniger und ist weniger sichtbar. Die Zeitdauer für die Vernarbung ist individuell.

5.14.5 Trauerjahre/Lebensjahre

Die meisten Trauernden erwarten, nach dem ersten Trauerjahr endlich wieder «normal» leben zu können. Es ist eine seltsame Vorstellung, Bindungen, die oft jahrzehntelang bestanden haben, könnten innerhalb eines Jahres gelöst und vergessen werden. Der Verlust eines vertrauten Menschen hinterlässt dauernde Spuren im Leben von Hinterbliebenen. Die Erwartung, alles solle wieder so werden wie vorher, kann nicht erfüllt werden. Das erste Trauerjahr dient vielen Trauernden nach einem Suizid vor allem der Sicherung des eigenen Überlebens. Erst wenn ein halbwegs stabiler, neuer Lebensrahmen hergestellt ist, und wenn sich der eigene Lebensmut als kräftig genug erwiesen hat, um das erste Trauerjahr zu überstehen, kann ein vorsichtiges Zurückblicken und Sortieren der verlorenen Beziehung beginnen.

Selbst das Ausräumen von Zimmern, das Ordnen einer Hinterlassenschaft kann oft noch nicht im ersten Trauerjahr geschehen. Es kann unerträglich sein, sich so konkret mit dem Fehlen der verstorbenen Person auseinander zu setzen. Die Ablösung vom Vergangenen und das Hineinwachsen in einen neuen Lebenszusammenhang sind die zwei Gesichter eines Trauerprozesses. Wie eine Schaukel pendeln die Gedanken und Gefühle von Trauernden zwischen diesen beiden Polen und kommen im Lauf der Jahre immer öfter und dauerhafter zur Ruhe. Die gedankliche und gefühlsmässige Beschäftigung mit der Vergangenheit ist für Hinterbliebene nach einer Selbsttötung notwendig. Sie enthält viele schmerzhafte und unbequeme Einsichten, aber auch erleichternde und beglückende Erinnerungen. Jede Trauer hat ihren eigenen Rhythmus und ihre eigene Dauer. Jede und jeder Trauernde entscheidet selbst, wann die richtige Zeit für einzelne Aufgaben und Themen der eigenen Trauer gekommen ist.

Der Faktor Zeit

Das Anhalten der Uhren gehörte bis vor wenigen Jahrzehnten zu den Bräuchen im Haus von Verstorbenen. Auch wenn es heute nicht mehr praktiziert wird, hat dieses Anhalten der weitertickenden Uhr eine tiefe symbolische Bedeutung für jede Trauer. Die Zeit bleibt tatsächlich stehen, wenn jemand stirbt. Für diesen Menschen kommt das Atmen, Herzschlagen, Blutfliessen zum Erliegen.

Nicht zufällig gibt es immer wieder neue Definitionen des Begriffs «tot» und manche, die bei einem Sterben dabei waren, berichten von Veränderungen am Körper eines Menschen und in der Stimmung um ihn herum in den Stunden nach Eintritt des klinischen Todes.

Für Hinterbliebene ist es deshalb oft schwierig, dass nach einem Suizid die Angehörigen keinerlei Gelegenheit haben, in Ruhe und Frieden vom Verstorbenen Abschied zu nehmen. Durch das abrupte Eingreifen von Justiz und Medizin werden die Uhren für Trauernde nach einem Suizid besonders drastisch angehalten. Es gibt keinen sanften Übergang zum Begreifen des Todes. Es gibt nur ein Vorher und ein Nachher, ein Vor der grauenhaften Nachricht und ein Danach.

Trauer verändert sich mit dem Leben der Trauernden ständig: sie ist mal stärker, mal schwächer; sie hat unterschiedliche Schwerpunkte zu unterschiedlichen Zeiten; sie wandert langsam vom Mittelpunkt des eigenen Lebens an den Rand des Bewusstseins. Jede Trauer findet ihren eigenen Rhythmus. Dies macht es Menschen, die eng zusammenleben und sich lieben, oft schwer , einander zu begleiten oder auch nur zu verstehen.

«Zeit heilt Wunden» – für die einen mag das zutreffen, und es wird ihnen zur Hilfe. Für andere stimmt diese volkstümliche Aussage nur bedingt, da die Erinnerung an die nahestehende, verstorbene Person auch nach Jahren nicht verblasst, sondern lebendig bleibt.

Jahrestage

Jahrestage des Todes sind für die meisten Trauernden auch nach einigen Jahren noch besonders schwierige und aufwühlende Momente. Die Erinnerungen an die Zeit kurz vor dem Suizid drängen sich scheinbar ohne Grund auf, selbst wenn wir das Datum schon vergessen haben. Mit den Erinnerungen kommen die Gefühle und vieles, was im Lauf eines Jahres überwunden schien, ist plötzlich mit der alten Heftigkeit wieder präsent. Wer versucht, dieses Datum völlig zu ignorieren, wird von den eigenen körperlichen und emotionalen Reaktionen überwältigt und erlebt ein weiteres Mal Ohnmacht und Scham angesichts der Unfähigkeit, sich zu «beherrschen». Es ist hilfreich, sich bewusst auf diese Tage vorzubereiten und im Vorfeld zu entscheiden, wie sie verbracht werden können. Das kann mit anderen zusammen oder allein geschehen, mit einer Gedenkfeier, einem Ritual oder einfach einem Tag der Zurückgezogenheit. Auch andere jährlich wiederkehrende Ereignisse sind mit Erinnerungen verbunden, wie Geburtstage, Weihnachten und Silvester, Jahrestage von Eheschliessungen oder anderen wichtigen Erlebnissen mit der/dem Toten. Geburtstage der Verstorbenen können von vielen Trauernden nach einiger Zeit sogar als Anlass für schöne Erinnerungen und Dankbarkeit angesichts der gemeinsam verbrachten Zeit genommen werden. Alle Gedenktage sind wesentlich leichter zu ertragen, wenn sie nicht unvorbereitet durchlitten werden, sondern bewusst zum Anlass genommen werden, den eigenen Gefühlen und Gedanken Ausdruck zu verleihen.

5.14.6 Pause

5.14.7 Bearbeitung von Themen, die am Anfang beim Kerzenritual angesprochen worden sind (anstelle des Themas unter 5.14.4 und 15.14.5)

5.14.8 Ausklang

Vom bleibenden Lebenswert der Trauer

Der steile Weg durch die Trauer nach einem Suizid ist ein Weg des Auf und Ab. Alle Gedanken an Leistung und Erfolg, die unser Berufsleben so prägen, müssen fernbleiben von ihm! Gegen Überforderung hilft nicht noch mehr Leistung. Der Trauerweg lässt sich nicht unbeschadet abkürzen. «Warum gibt es keine Methode, sich schneller von der Trauer zu erholen?», fragen Betroffene, wenn eine Beratung, eine Therapie, das Lesen eines Trauerbuches, ein Trauerseminar nur kleine, unsichere Fortschritte gebracht hat. Wer wollte nicht, dass es eine schnellere Methode gäbe?! Der Körper hat sein Zeitmass, wenn er nach schwerer Krankheit wieder zu Kräften kommen soll. Und die Seele hat ihr Zeitmass, wenn sie tief verwundet ist. Und wenn die körperliche Heilung in Tagen und Wochen beschrieben werden kann, rechnen wir bei seelischem Leid eher mit Monaten und Jahren.

Zum ABC der «Trauerarbeit» gehört es, sich das Recht auf die eigenen Grenzen zu wahren. Energie und Erfahrung, Ausgeglichenheit und Selbstbeherrschung haben ihr Mass. Unversehens sind sie erschöpft und brauchen Zeit, sich zu erneuern …

Aus: Thomas, Johannes (2004), S. 112

5.14.9 Abschied mit guten Wünschen

5.15 Vergeben

5.15.1 Begrüssung, Teilnehmende bitten, ihre Kerzen und Karten mit Namen (und evtl. Foto) der verstorbenen Person aufzustellen

5.15.2 Einstieg in den Abend mit Gedicht, Text oder Musik

Nichts mehr nachholen

Was ich zu deinen Lebzeiten
als kleine Unzulänglichkeiten empfand,
blähte sich im Angesicht des Unauf-
holbaren zu einem Ungeheuer auf.
Keine Möglichkeit mehr,
dir etwas zulieb zutun,
dich nicht mehr zu ärgern,
aus meiner Versteifung herauszutreten,
auf dich zuzugehen.
Nur noch einen einzigen Wunsch
wollte ich dir erfüllen, nur noch einen,
und alles wäre aufgehoben gewesen.
Alle meine vergangenen und zukünftigen
Verfehlungen hingen wie Pech an meinen
Händen.
Unmöglich die Frage,
was in deinen toten Händen
an Ungetanem erstarrt war …

Charlotte Knöpfli-Widmer

Aus: Schmeisser, Martin (2004)

Erklären des Abendprogramms (anhand Flipchart)

  1. Kerzenritual
  2. Thema«Vergeben»

5.15.3 Einleiten mit Text

Vergebung

Vergebung oder Verzeihen, das sind grosse Worte. Trotzdem tun manche Menschen so, als sei es ganz leicht, zu vergeben. Andere sagen, es sei gar nicht an uns, das zu tun, das sei allein Gottes Aufgabe.

Da, wo ich Vergebung erlebt habe, hatte sie einen langen Weg hinter sich. Dieser Weg war nicht still und rührselig, sondern eher laut und voll von Wut und Verwünschungen. Vergeben ist ein tiefer innerer Prozess, der sich nicht zwingen lässt und viel Zeit braucht. Vergebung kann in viele Richtungen geschehen. Ein Mensch kann einem anderen vergeben, sogar einem Verstorbenen. Ein Mensch kann sich selbst verzeihen – der schwerste aber auch der wichtigste Weg. Ein Mensch kann einen anderen um Verzeihung bitten und die Vergebung eines anderen annehmen – sogar die eines Verstorbenen. Und letztendlich spielt es für viele Menschen eine grosse Rolle, ob Gott einer ist, der verzeihen kann, oder einer, der auf Rache aus ist.

Gleichgültig, in welche Richtung das «Verzeihen» geht, es bedeutet nicht «Vergessen». Es bedeutet, das Schuldprinzip aufzugeben und Schuld nicht mehr als Erklärung oder als Machtfaktor zu benutzen. Vor allem bedeutet es, dass zwischen zwei Menschen das, was an Schuld da war, nicht mehr die Hauptrolle spielt. Die enge Verbindung, die durch Schuld zwischen ihnen entstanden ist, lösen sie von beiden Seiten auf. Damit ist Platz für andere Verbindungen, z.B. durch Wertschätzung oder durch Liebe. Wenn zwischen zwei Menschen nur Verbindungen durch Schuld bestanden haben, löst die Vergebung die Verbindung zwischen ihnen auf und befreit sie voneinander. Für Angehörige nach einem Suizid bedeutet Vergebung – egal in welche Richtung – dass sie eine andere Form von Verbindung zu den Verstorbenen, zu anderen Menschen und sogar zu sich selbst herstellen können. Diese neue Verbindung ist wertschätzend, liebevoll und wohltuend. Vergebung ist ein Geschenk, das sich vorbereiten, aber nicht erzwingen lässt.

Den Teilnehmenden Arbeitsblatt Vergebung abgeben mit der Bitte, sich für folgende Fragen 10-15 Minuten Zeit zu nehmen:

Arbeitsblatt Vergebung

Was bedeutet Vergebung für mich ganz persönlich in meiner Beziehung zum Verstorbenen?

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Wo glaube ich, dass bereits Vergebung geschehen ist?

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Wo konnte Vergebung (noch) nicht geschehen? Warum?

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Was könnte mir helfen bzw. was brauche ich, damit noch mehr Vergebung geschehen kann?

(z.B. vertieftere Auseinandersetzung mit dem Verstorbenen; Aufarbeitung mit einem Therapeuten, Seelsorger etc.; noch mehr Zeit, Distanz?)

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5.15.4 Diskussion zum Thema

Diskussion mit Einbezug der Fragen auf dem Arbeitsblatt

5.15.5 Pause

5.15.6 Bearbeitung von Themen, die zu Anfang beim Kerzenritual angesprochen worden sind.

Besprechen wichtiger Anliegen und Fragen der Teilnehmenden.

5.15.7 Ausklang

Vergebung

Wenn wir in Sternstunden

ineinanderfielen,

lösten wir unsere Vergangenheit auf

und unsere Schuld,

und dann wüssten wir

einen Augenblick lang,

was Gott mit Vergebung gemeint hat.

Charlotte Knöpfli-Widmer

Aus: Schmeisser, Martin (2004)

5.15.8 Abschied mit guten Wünschen

5.16 Abschiedsbriefe

Abschiedsbriefe und letzte Notizen werden häufig kurz vor dem Suizid verfasst und stellen daher authentische letzte Botschaften der Suizidenten dar.

Austausch mit folgenden Fragen:

  • Wer von den Anwesenden hat einen Abschiedsbrief oder einen letzten Gruss erhalten?
  • Was darin tröstet? Was darin ist schwierig?
  • Wie gehe ich/kann ich damit umgehen?
  • Wer keinen Brief oder letzten Gruss erhalten hat: Wie ist das? Schwierig? Tröstlich?
  • Welche letzten Worte hätte ich mir gewünscht?
  • Wie gehe ich/kann ich damit umgehen?

Es können auch Auszüge aus Abschiedsbriefen gelesen werden, wenn Teilnehmer das gerne möchten.

Mögliche Hausaufgabe für jene, die keinen Abschiedsbrief erhalten haben:

Ich schreibe mir selber einen Abschiedsbrief.

Mögliche Hausaufgabe für jene, die einen Abschiedsbrief erhalten haben:

Ich beantworte den Abschiedsbrief.

Beides kann helfen, aus der Ohnmacht in eine aktive Handlung zu gehen.

Hinweis: Im Internet lassen sich Abschiedsbriefe von Menschen unterschiedlichen Alters finden (google: abschiedsbriefe suizid). Diese können allenfalls als Material dienen, falls das Thema von den Teilnehmenden zur Sprache gebracht werden will.

5.17 Eigene Suizidalität

5.17.1 Begrüssung, Teilnehmende bitten, ihre Kerzen und Karten mit Namen (und evtl. Foto) der verstorbenen Person aufzustellen

5.17.2 Einstieg in den Abend mit Gedicht, Text oder Musik

Gefährliche Gedanken

Was war mein Leben noch ohne dich?
Ich wollte dir in den Tod folgen.
Aber wie?
Mich krank machen? Das kann man!
Aber das Leiden der Krankheit
wollte ich nicht auf mich nehmen.
Oder den Tod durch eigene Hand?
Gefährliches Gedankenspiel.
Was bewahrte mich davor?
Die Verantwortung anderen gegenüber?
Die Angst, meine Seele zu verletzen?
Die Angst vor dem Jenseits,
das noch ungewisser ist
als meine verdeckte irdische Zukunft?
Ich weiss es nicht!
Ich wurde begnadigt.
Ganz einfach begnadigt
durch eine Kraft in mir,
die im Verborgenen drängte
und mich ins Leben zurückstiess.

Charlotte Knöpfli-Widmer

Aus: Schmeisser, Martin (2004)

Erklären des Abendprogramms (anhand Flipchart)

  1. Kerzenritual
  2. Thema «Eigene Suizidalität»

5.17.3 Einstieg ins Thema durch Gruppenleitende:

«Das Thema eigene Suizidalität ist deshalb wichtig, weil in Fachkreisen davon ausgegangen wird, dass Hinterbliebene nach Suizid ein erhöhtes Risiko haben, selbst durch Suizid aus dem Leben zu gehen. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass wir uns nicht nur mit dem Suizid unseres Angehörigen, sondern auch mit unserer eigenen Suizidalität auseinandersetzen.

Margareth Reisinger, Mitautorin des Buches «Darüber reden – Perspektiven nach Suizid» hat ihren Lebenspartner durch Bahnsuizid verloren. In ihrem Text «Leben ohne Dich» beschreibt sie ihre eigenen Todeswünsche folgendermassen:

Leben ohne Dich

Das Leben ist so anstrengend. Es ist so anstrengend, aufrecht zu laufen, den Körper aufrecht zu halten. Meine Schritte erfolgen in Zeitlupentempo. Es ist mir egal, wenn mir der Bus vor der Nase wegfährt. Ich habe es plötzlich nicht mehr eilig. Denn ich werde nicht mehr erwartet. Du bist nicht mehr da.

Dein Tod riss mich aus allen Fugen. Wofür soll ich noch leben? Ohne Dich habe ich doch nichts. Niemand braucht mich. Ich bin überflüssig. Mein Leben hat ohne Dich keinen Sinn. Ich möchte sterben.

So oft überlege ich mir, den gleichen Schritt wie Du zu wagen. Vor den Zug zu springen, von dem hohen Gebäude meines Arbeitsortes zu springen, in die Medikamentenschublade zu greifen, um so meinem Leben ein Ende zu setzen.

Aber ich schaffe es nicht. Meine Familie, meine Freunde, welche mich so sehr unterstützen, ich kann sie nicht derartig vor den Kopf stossen.

Jedes Mal, wenn ich aus dem Bus steige, denke ich, kann da nicht ein Verrückter hinter dem Gebüsch lauern, der mir einfach eine Kugel in den Kopf jagt oder ein Messer ins Herz rammt. Warum ist gerade jetzt und hier keiner von diesen Psychopathen unterwegs?

Ich höre von Erdbeben und Schlammlawinen am anderen Ende der Welt, welche hunderte Menschen unter sich begruben. Warum dort und nicht hier? Ich möchte sterben und nicht die unschuldigen Menschen auf der anderen Seite der Welt. So zu sterben wäre viel einfacher und vor allem: Es passiert nicht durch meine eigene Hand. Ich könnte nichts dafür, es wäre Schicksal und ein Weg zu Dir.

Meine Gedanken in meinem Kopf rasen herum wie tausend Züge. Es ist nicht zum Aushalten. Ich habe das Gefühl, mein Kopf platzt jeden Moment.

Margarete Reisinger

Aus: Weisshaupt, Jörg (Hrsg.), «Darüber reden» (2013), S. 94/95

5.17.4 Aufgabe für die Teilnehmenden:

Die Gruppenleitung teilt den Teilnehmenden ein Blatt mit Fragen zur eigenen Suizidalität aus. Alle nehmen sich 10-15 Minuten Zeit, um den Fragebogen still für sich ausfüllen.

Fragebogen zur eigenen Suizidalität

Denkst du manchmal daran, dir das Leben zu nehmen?

Wenn ja: in welchen Situationen geschieht das?

 

Hast du bereits konkrete Suizidpläne, wie und wo du dir das Leben nehmen würdest?

 

Hast du schon einmal einen Suizidversuch unternommen? Aus welchem Grund?

Was hat dir damals wieder aus der Suizidalität herausgeholfen?

 

Wenn du dich an frühere Lebenskrisen erinnerst: Wie hast du jeweils wieder aus diesen Krisen herausgefunden? Wer oder was hat dir geholfen?

 

Wer oder was könnte dir in einer suizidalen Krise helfen?

Anschliessend ans Ausfüllen des Fragebogens Austausch darüber in der Gruppe.

  • Gruppenleitung soll zuerst Fokus auf die ersten Fragen nach der eigenen Suizidalität richten.
  • Im zweiten Teil der Diskussion Fokus auf mögliche Hilfsangebote in einer Krise richten, wie zum Beispiel:
  • Gespräch mit vertrauter Person suchen
  • bei drängender Suizidalität: Hausarzt, Notfallpraxis/Permanence, Notfallarzt/Dargebotene Hand
  • bei anhaltender Suizidalität psychotherapeutische Behandlung zur Aufarbeitung
  • Aufenthalt in Psychiatrischer Klinik (stationär oder Tagesklinik)
  • Aufgabe für Zuhause: Jeder Teilnehmende soll eine Liste mit allen wichtigen Telefonnummern für «suizidale Notfälle» erstellen und gut ersichtlich in der Wohnung platzieren (neben dem Telefon, an der Eingangstüre, Küche, Bad …)

Ganz wichtig: Suizidgedanken äussern und sich eher einmal zu viel als einmal zu wenig Hilfe suchen.

Den theoretischen Teil zum Thema den Teilnehmenden mit nach Hause geben oder miteinander lesen, wenn genügend Zeit vorhanden ist. Gewisse Schwerpunkte daraus sollten von der Gruppenleitung in die Diskussion einbezogen werden.

5.17.5 Eigene Selbsttötungs-Gedanken

Das Leben der Hinterbliebenen ist mit dem Todesfall aus seinem Rahmen gefallen, nichts passt mehr an die Stelle, an die es vorher gehörte; nichts hat die gleiche Bedeutung wie zuvor. Viele Hinterbliebene fühlen sich, als seien sie selbst gestorben oder möchten sich ebenfalls das Leben nehmen. Wenn der Schock nachlässt und die notwendigen Schritte in der Aussenwelt getan sind, droht der Kontakt zum eigenen Leben abzureissen. Das Sterben und der vertraute Mensch, der aus eigenem Entschluss gestorben ist, werden viel näher und verständlicher als die lebendige Geschäftigkeit anderer Menschen. Alles wird unwichtig oder sinnlos, gleichzeitig ist das Bewusstsein von Schuld an diesem Tod, von Versagen und eigener Schlechtigkeit, von Demütigung, Ehrverlust und Scham so unerträglich, dass der eigene Tod als einziger und letzter Ausweg erscheint. Der eigene Lebenswille ist geschwächt – welchen Grund kann es nach der Selbsttötung einer Partnerin bzw. eines Partners oder eines Kindes, eines Geschwisterkindes, einer besten Freundin, eines guten Freundes noch zum Weiterleben geben?

Der Wunsch, die Trennung zwischen der eigenen Lebendigkeit und dem Totsein des vertrauten Menschen aufzuheben, kann Todessehnsucht hervorrufen. Die Entschlossenheit, mit der ein Mensch, auf dessen Rat gehört wurde, dessen Meinung etwas galt, sich getötet hat, erschüttert die eigene Entscheidung, weiterzuleben.

Die grosse Frage: «Warum hat dieser Mensch sich getötet?» heisst dann eigentlich: «Warum lebe ich weiter?»

Die meisten Trauernden kommen an einen Punkt, an dem sie auf diese Frage keine Antwort mehr wissen. Wenn der eigene Lebensmut nicht mehr ausreicht, ist es wichtig, sofort Hilfe zu suchen. Die Telefonseelsorge und lokale Kriseninterventionsdienste helfen zu jeder Tages- und Nachtzeit mit Gesprächen, auf Wunsch auch anonym. Angehörige können sich bei diesen Stellen auch darüber informieren, welche Hilfen sie selbst anbieten können. Auf jeden Fall sollte offen und ohne Druck und Vorurteile über die Suizid-Gefährdung gesprochen werden können. Hilfsangebote wie z.B. die Möglichkeit, jederzeit anrufen zu können, wenn der Lebenswille versagt; bei anderen übernachten zu können sind eine Unterstützung. «Verträge», in denen sich die gefährdete trauernde Person verpflichtet, vor einem endgültigen Schritt mit mindestens zwei vertrauten Menschen zu sprechen, können die gefährlichste Zeit überbrücken, sie können aber auch zusätzlichen Druck auf die suizidale Person ausüben. Die Selbsttötungs-Gefahr für Trauernde ist im ersten Jahr in der Regel auf eine relativ kurze Zeit beschränkt. Allerdings kann sie in späteren Jahren wiederkehren und muss dann besonders ernst genommen werden.

Im ersten Trauerjahr ist es wichtig, sich mit aller Kraft auf das eigene Leben konzentrieren zu können. Zuerst muss ein stabiler neuer Lebensrhythmus gefunden werden, und der eigene Lebenswille muss sich gefestigt haben. Erst danach kann eine vorsichtige Annäherung an ein Verstehen des Suizids der verstorbenen Person geschehen.

Hilfe und Unterstützung

Freundinnen, Freunde, Verwandte und Bekannte helfen am besten, indem sie zuverlässig und beständig sind. Das regelmässige, aber unaufdringliche Signalisieren von Hilfsbereitschaft und vor allem von ungebrochener Sympathie ist wichtiger als ein Vortrag über «richtiges Trauern». Jeder Versuch, auf Trauernde Druck auszuüben, damit sie fröhlicher oder gefasster auftreten als sie sich tatsächlich fühlen, wirkt kontraproduktiv. Das Angebot, zusammen ganz alltägliche Dinge zu tun, ist wichtig. Dies muss aber wie alles als ein Angebot verstanden werden, über dessen Wirksamkeit nur die trauernde Person entscheiden kann.

Die Bereitschaft, über den Menschen, der sich das Leben genommen hat, zu sprechen ist genauso hilfreich wie die Fähigkeit, einfach nur zuzuhören. Wer Trauernde dabei unterstützen möchte, sich in ihrem veränderten Leben zurechtzufinden, vermeidet die Rolle als «guter Samariter». Trauernde sind nicht nur bedürftig und «arm», sondern bringen auch ihrerseits in ihrer schwierigen Lebenssituation Wesentliches in Beziehungen und Freundschaften ein. Respekt und gegenseitige Wertschätzung sind neben Sympathie wichtige Voraussetzungen für eine unterstützende Beziehung zu Trauernden.

Unterstützung bedeutet, Trauernden Zeit zu lassen, sich immer wieder von neuem in ihrer neuen Lebenssituation zurechtzufinden und das Tempo ihres Abschiedsnehmens selbst zu bestimmen.

Therapeutische und beratende Angebote sollten klar definiert sein. Unterstützung im Trauerprozess bieten am ehesten Gruppen mit anderen Trauernden und Beraterinnen oder Therapeuten, die sich auf Trauerprozesse spezialisiert haben. Allgemeine Therapie- und Selbsterfahrungsangebote können Hinterbliebenen helfen. Sie können aber auch eine Konfrontation mit zusätzlichen schmerzhaften Selbsterfahrungsprozessen darstellen oder sehr enttäuschend sein, wenn die Trauerprozesse nicht die nötige Beachtung finden.

Nahe Familienangehörige, Partner in engen Freundschaften und Liebesbeziehungen erleben in ihrer Trauer oft gegenseitige Hilflosigkeit. Dies führt im ersten Trauerjahr häufig zu einer Entfremdung zwischen den Personen, die ihr Leben eigentlich zusammen verbringen möchten. Damit zwei Menschen, die sehr stark in ihrem eigenen Trauerprozess gefangen sind, trotzdem füreinander dasein, sich helfen und unterstützen können, ist auf beiden Seiten viel Geduld, Gesprächsbereitschaft und Verständnis notwendig. Falls andere Wege des Trauerns oder die einseitige Unterstützung von einem Partner durch das Umfeld Unverständnis und Eifersucht auslösen, ist es wichtig, auch darüber zu reden. Ebenso sollten unterschwellige Schuldzuweisungen und die Angst vor einem erneuten Verlust angesprochen werden, damit keine zusätzlichen Schmerzen und Ängste entstehen. Beziehungen und Freundschaften verändern sich unter dem Eindruck eines Todesfalls; sie müssen jedoch nicht zerbrechen, sie können daran auch wachsen und tiefer werden.

5.17.6 Pause

5.17.7 Bearbeitung von Themen, die zu Anfang beim Kerzenritual angesprochen worden sind

Besprechen wichtiger Anliegen und Fragen der Teilnehmenden (eventuell mit Thema unter 5.17.5 tauschen)

5.17.8 Ausklang

Viele Fragen nach den Gründen des Suizids sind geblieben

Meine Fragen haben sich heute allerdings dahingehend verändert, dass ich sie anders stelle: Statt der Frage, was einen Menschen zum Suizid treibt, frage ich heute vielmehr: «Was hält einen Menschen am Leben? Was hält mich am Leben? Was brauche ich, damit ich gern in meinem Leben bleibe?» Diese Fragen zwingen mich dazu, Antworten und Möglichkeiten zu suchen, die mir helfen, gern hier auf Erden zu bleiben.

Anita Bättig

Aus: Weisshaupt, Jörg (Hrsg.), «Darüber reden» (2013), S. 161

5.17.9 Abschied mit guten Wünschen

5.18 Beziehungen/Partnerschaft/Sexualität

5.18.1 Begrüssung, Teilnehmende bitten, ihre Kerzen und Karten mit Namen (und evtl. Foto) der verstorbenen Person aufzustellen

5.18.2 Einstieg in den Abend mit Gedicht, Text oder Musik

Einsamkeit

Viele Menschen zogen sich aus Scheu
vor falschen Worten zurück.
Andern war ich ein Warnsignal.
Die Strassen schienen leer,
wenn ich kam.
Vor den Trosteifrigen zog ich mich zurück.
Am schlimmsten waren die versteckt
Überlegenen, die Besserwisser.
Nur die einfachen, die ganz einfachen
Menschen mit dem Vertrauen eines unver-
sehrten Kindes hätten mir wohlgetan.
Eigentlich war ich einsam.
Ich gab niemandem Gelegenheit,
mit mir meine Trauer zu teilen.

Charlotte Knöpfli-Widmer
Aus: Schmeisser, Martin (2004)

Erklären des Abendprogramms (anhand Flipchart)

  1. Kerzenritual
  2. Thema «Beziehungen»

5.18.3 Einleiten mit Text

Nach dem Tod werden Freunde zu Fremden – Fremde zu Freunden

Die Leute fragen mich manchmal …

Die Leute fragen mich manchmal, ob ich Deinen Tod überwunden hätte. Die vorsichtigen Leute fragen mich, ob ich es «ein wenig» überwunden hätte. Die uneinfühlsamen Menschen fragen mich, ob ich bereits wieder einen neuen Lebenspartner hätte.

Aber die meisten Leute fragen nichts. Und die Menschen, die Dich kannten, schweigen Dich tot. So tot kannst Du gar nicht sein, wie sie Dich jetzt totschweigen.

Anita Bättig

Aus: Weisshaupt, Jörg (Hrsg.), «Darüber reden» (2013), S. 46

5.18.4 Beziehungsnetz

Austeilen folgender Arbeitsblätter:

  • Beziehungsnetz vor dem Suizid = Blatt mit drei ineinander gezeichneten Kreisen verschiedener Grösse
  • Beziehungsnetz nach dem Suizid (aktuell) = Blatt mit 3 ineinander gezeichneten Kreisen verschiedener Grösse
  • Fragen zur Selbstbeobachtung

Teilnehmer bitten, sich 20 Minuten Zeit zu nehmen, um die Blätter mit den Kreisen und den Fragebogen zur Selbstbeobachtung auszufüllen.

Blätter mit drei verschieden grossen Kreisen (von innen nach aussen, innen kleinster Kreis, um diesen Kreis herum mittelgrosser Kreis, um mittelgrossen Kreis herum grösster Kreis)

  • kleiner Kreis in der Mitte = Beziehungen, die mir nahe sind
  • mittelgrosser Kreis = gute, aber weniger enge Beziehungen
  • grosser Kreis = eher entfernte Beziehungen
  • ausserhalb des grossen Kreises = gar keine Beziehung mehr

Aufgabe für Gruppenteilnehmer

Sich 15 Minuten Zeit nehmen für das Ausfüllen aller drei Blätter:

1. Beziehungsnetz vor dem Suizid

Wer war mir damals nah, wer entfernt?

Bitte diese Personen in die entsprechenden Kreise zeichnen

2. Beziehungsnetz seit dem Suizid beschreibt die aktuellen Beziehungen

Wer ist mir jetzt nah, wer entfernt?

Bitte diese Personen je nach Nähe und Distanz in die Kreise schreiben

  1. Arbeitsblatt «Welche Beziehungen nähren mich?» (Selbstbeobachtung)

Bitte notiere alle Personen, von denen du in irgendeiner Weise unterstützt wirst.

Schreibe auch die Art der Unterstützung auf.

Wer unterstützt mich? Wie werde ich konkret unterstützt?

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Was unternehmen wir in der Familie und im Freundeskreis, um uns gegenseitig zu helfen in dieser schwierigen Zeit?

Wer? Wie?

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Bei wem könnte ich noch zusätzlich Hilfe bekommen? Wie könnte diese Hilfe aussehen?

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Wer tut mir nicht so gut?

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Was stört mich konkret?

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Wie kann ich das ändern?

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Anschliessend Austausch in der Gruppe mit folgenden Fragestellungen (Fragestellung erfolgt durch die Gruppenleitenden):

  • Haben sich die Beziehungen zu einigen Menschen durch den Suizid verändert? Wenn ja, warum?
  • Welche Beziehungen haben sich verbessert?
  • Welche Beziehungen haben sich verschlechtert?
  • Welche Beziehungen nähren mich, sind mir ganz wichtig?
  • Gibt es Menschen, die ich wieder «näher» haben möchte? Wenn ja: welche Möglichkeiten gibt es?
  • Gibt es Beziehungen, die ich (vielleicht auch momentan) nicht möchte, weil sie mir nicht gut tun? Wenn ja: wie mache ich das?

Den theoretischen Teil zum Thema den Teilnehmenden mit nach Hause geben oder miteinander lesen, wenn genügend Zeit vorhanden ist. Gewisse Schwerpunkte daraus sollten von der Gruppenleitung in die Diskussion einbezogen werden.

5.18.5 Soziale Ausgrenzung

Die Unfähigkeit der Gesamtgesellschaft, mit dem Phänomen Tod umzugehen, äussert sich immer im Verhalten einzelner Menschen. Unabhängig von der Todesursache des Menschen, der gestorben ist, erleben fast alle Trauernden, wie andere die Strassenseite wechseln, um einer Begegnung mit ihnen aus dem Weg zu gehen, dass Freundinnen und Freunde sich nicht mehr bei ihnen melden, dass Familienangehörige und selbst der Partner oder die Partnerin sich weigern, ihnen zuzuhören oder sie so zu trösten, wie sie es bräuchten. Die Hilflosigkeit und Abwehr anderer Menschen gegen den Kontakt mit den schwierigen Themen Tod und Trauer verdoppeln sich noch, wenn das Thema Selbsttötung dazukommt. Der Verlust eines Menschen durch Suizid zieht so oft den Verlust von weiteren Bindungen nach sich.

Menschen, die schon vor der Selbsttötung durch Herkunft, Hautfarbe, Religion oder Lebensstil von gutbürgerlichen Normen abgewichen sind, erleben nach dem Suizid eines nahen Menschen eine weitere Ausgrenzung. Sie sind bereits von der Gesamtgesellschaft isoliert und auf die Unterstützung einer zahlenmässig kleinen Gruppe angewiesen. Diese Gruppen sind in der Regel genauso überfordert mit einer Selbsttötung wie der Rest der Gesellschaft und bieten nicht den Trost und die Unterstützung, die Trauernde brauchen. Das Bewusstsein, ausgegrenzt und isoliert zu sein, von «allen» abgelehnt zu werden und es niemandem recht machen zu können, kann für Trauernde, die sich ohnehin als «Aussenseiter» empfinden, lebensbedrohliche Ausmasse annehmen.

Für Trauernde, die vorher in einer relativ stabilen und gesellschaftlich angepassten Situation gelebt haben, ist soziale Ausgrenzung eine schockierende Erfahrung. Es gehören viel Lebensmut und Geduld dazu, angesichts solcher Erfahrungen das Vertrauen in andere Menschen nicht zu verlieren. In einer Trauersituation zeigt sich aber auch, welche Freundschaften und familiären Bindungen tatsächlich wichtig und tragfähig sind. Gleichzeitig können dadurch neue Begegnungen zu Stande kommen mit Menschen, die ebenfalls aus unterschiedlichen Gründen nicht ganz «normal» leben. Begegnungen, in denen heftige Gefühle und Fragen nach dem Sinn von Leben und Sterben ganz selbstverständlich sind. Die Erfahrung, mit der eigenen Trauer ausgegrenzt und allein gelassen zu werden, kann eine Chance sein, auf eigene Vorurteile und Ausgrenzungen aufmerksam zu werden. Den meisten Trauernden gibt die Erfahrung mit der Selbsttötung eines vertrauten Menschen die Kraft, normalerweise geltende gesellschaftliche und ideologische Grenzen aufzuheben und ungewöhnlichen Begegnungen Raum zu geben.

5.18.6 Pause

5.18.7 Bearbeitung von Themen, die zu Anfang beim Kerzenritual angesprochen worden sind.

Besprechen wichtiger Anliegen und Fragen der Teilnehmenden (eventuell mit Punkt 5.18.5 tauschen)

5.18.8 Ausklang

Am Anfang hat man noch Kraft
zu widersprechen,
zu erklären,
zu kämpfen.
In der Mitte
kommen Zweifel,
kommen Ängste,
kommt die Einsamkeit.
Das Leben empfindet man nur noch als Last.
Am Ende
erkennt man die wahren Freunde,
die einem Mut machen und helfen,
wieder den ersten Schritt ins Leben zu wagen.

Carola Häussler

Aus: Thomas, Johannes (2004)

5.18.9 Abschied mit guten Wünschen

5.19 Spiritualität

5.19.1 Begrüssung, Teilnehmende bitten, ihre Kerzen und Karten mit Namen (und evtl. Foto) der verstorbenen Person aufzustellen

5.19.2 Einstieg in den Abend mit Gedicht, Text oder Musik

Was ist Sterben?

Ein Schiff segelt hinaus und ich beobachte
Wie es am Horizont verschwindet.
Jemand an meiner Seite sagt: «Es ist verschwunden.»
Verschwunden wohin?
Verschwunden aus meinem Blickfeld – das ist alles.
Das Schiff ist nach wie vor so gross, wie es war,
Als ich es gesehen habe.
Dass es immer kleiner wird und es dann völlig aus
meinen Augen verschwindet, ist in mir,
es hat mit dem Schiff nichts zu tun.
Und gerade in dem Moment, wenn jemand neben
mir sagt, es ist verschwunden, gibt es andere,
die es kommen sehen, und andere Stimmen
die freudig aufschreien: «Da kommt es!»
Das ist Sterben.

Charles Henry Brent

Aus: Von Stülpnagel, Freya (2014)

Erklären des Abendprogramms (anhand Flipchart)

  1. Kerzenritual
  2. Thema «Beziehungen»

5.19.3 Einleiten mit Text

Was kommt nach dem Tod?

Nach dem Tod kommt die Suche nach Dir.
Nach dem Tod häufen sich Fragen über Fragen:
Fragen, die nach Antworten suchen.
Fragen, auf die ich mir selber mögliche Antworten gebe.
Fragen, die nie mehr von Dir beantwortet werden.
Erinnerungen zaubern ein Lächeln auf mein Gesicht.
Erinnerungen bringen Tränen in meine Augen und lassen mein Herz vor Schmerz schrumpfen.
Es geht auf und ab.
Nach dem Tod kommt ein neues Leben für Dich und
ein neues Leben für mich.
Du dort, ich hier.
Nach dem Tod bist Du mir nah, aber nicht mehr so,
wie ich es gerne hätte.
Nach dem Tod lerne ich.
Ich lerne, mein Leben neu zu ordnen.
Ich lerne, mit Dir und ohne Dich zu leben.
Nach dem Tod lernst auch Du, nicht wahr?
Nach dem Tod ist unser gemeinsames Leben ein goldener Schatz.
Ein Schatz, der von mir behütet wird.
Ein Schatz, der immer bei mir bleibt – tief in meinem
Herzen.
Nach dem Tod wärmt die Dankbarkeit für unsere gemeinsamen Jahre mein Herz.
Wir werden uns wiedersehen und in einer Umarmung
voll Liebe und Glückseligkeit sein.

Margarete Reisinger

Aus: Weisshaupt, Jörg (Hrsg.), «Darüber reden» (2013)

Aufgabe für die Teilnehmer:

Gruppenleitende hängen folgende Fragen gut sichtbar für alle an eine Wand und bitten die Teilnehmenden, sich 10 Minuten Zeit für diese Fragen zu nehmen:

  • Geht es mir wie Margarete Reisinger, die an ein Wiedersehen und ein Weiterleben nach dem Tod glaubt?
  • Was ist mein Glaube? Wie lebe ich ihn?
  • Hat sich mein Glaube seit dem Suizid verändert? Wie?
  • Gibt es eine Vorstellung, einen Glauben, der mich tröstet und mir Halt gibt?
  • Was macht es mir schwierig, an «etwas» zu glauben?
  • Gibt es Bücher im Bereich der Spiritualität, die mir helfen und die ich weiterempfehlen möchte?

Anschliessend Diskussion, auch mit Einbezug des Gedichts zu Beginn und des Textes von Margarete Reisinger. In dieser Diskussion soll von den Gruppenleitenden vorsichtig mit eigenen «Glaubensgrundsätzen» umgegangen werden und diese sollten nicht den Teilnehmenden «übergestülpt» werden.

5.19.4 Bearbeitung von Themen, die zu Anfang beim Kerzenritual angesprochen worden sind

Besprechen wichtiger Anliegen und Fragen der Teilnehmenden (eventuell mit Punkt 5.19.3 tauschen)

5.19.5 Ausklang

Die Auferstandenen

Wo sind
die Auferstandenen
die ihren Tod
überwunden haben
das Leben liebkosen
sich anvertrauen
dem Wind
kein Engel
verrät
ihre Spur

Rose Ausländer
Aus: Von Stülpnagel, Freya (2014)

5.19.6 Abschied mit guten Wünschen

Kapitel 6

Ergänzende Materialien zu den Themen für Gruppentreffen

Das Handbuch wird an dieser Stelle ab November 2020 steig mit Texten und Materialien ergänzt.

Ihre Ideen, Erfahrungen oder Texte können Sie einfliessen lassen. Senden Sie uns Ihren Vorschlag. Ausgewählte Beiträge werden wir gerne übernehmen. Senden Sie sie an info@trauernetz.ch.

Herzlichen Dank!

Jörg Weisshaupt

Geschäftsführer Verein trauernetz

 

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