Suizidforschung

In der Suizidforschung wird einerseits der Versuch unternommen, das Phänomen anhand von Zahlen und Statistiken zu erklären. Diese bilden dann die Basis für Massnahmen in der Suizidprä- und -postvention. Andererseits erfolgt die Erforschung von Suiziden und von deren Auslösern auch über die Praxis, d.h. über individuelle Berichte von Survivorn (Hinterbliebenen nach Suizid). Letztere stellen die Präventionsmassnahmen, die in der Theorie vorgeschlagen werden, häufig auf die Probe.

Ed Shneidman, ein wichtiger Wissenschaftler im Bereich der Suizidologie und der Begründer des Begriffes Postvention, verwendete den Baum als Metapher für den Suizid. Die Wurzeln sind die biochemischen Veränderungen, die zum Suizid führen, der Stamm repräsentiert die psychologischen Komponenten, die den Entscheid beeinflussen, und die Krone steht für alle Konsequenzen, welche die Survivors nach dem Suizid zu tragen haben. Diese Konsequenzen sind zahlreich, unerwartet, einmalig, überwältigend und überschattend – wie es eine Baumkrone normalerweise auch ist. Einige Teile des Baums sind augenscheinlich, bekannt und einfach zu erkennen, während andere rätselhaft bleiben, verschiedene Interpretationen zulassen oder sogar verborgen sind. Auch ein Suizid hinterlässt Raum für Interpretationen und viele offene Fragen.

 

Ungeklärte Fragen zum Thema Hinterbliebene nach einem Suizid

Warum wurden die Auswirkungen eines Suizides und die Trauer der Hinterbliebenen erst kürzlich erkannt, beobachtet und besser verstanden, während in der ganzen Menschheitsgeschichte über das Phänomen hinweggesehen wurde? Der Suizid selber war immer ein Thema der Forschung oder in der Kunst, während die Auswirkungen des Aktes nicht behandelt wurden. Das Interesse der Öffentlichkeit wie auch der Wissenschaft an den Auswirkungen eines Suizides ist erst seit ein paar Jahrzehnten vorhanden. Für diese erstaunliche Erkenntnis gibt es einige mögliche Gründe:

  • In den meisten Kulturen gab (oder gibt es) zu viel Stigmatisierung, Verneinung und Mangel an Verständnis für den Tod durch Suizid.
  • Die Survivors erkannten nicht, dass sie Hilfe brauchen, gaben es nicht zu oder akzeptierten diese nicht, wenn sie ihnen angeboten wurde.
  • Wird ein Problem in der Öffentlichkeit nicht thematisiert, ist es, als wenn es nicht existieren würde.
  • Postventions-Programme waren schlichtweg nicht vorhanden: Vor 10 Jahren gab es in Europa nur 17 Länder, in welchen Programme für Survivors existierten – und Europa gilt in diesem Bereich als eines der am besten entwickelten Gebiete. Wie sieht es in Afrika, Asien und Südamerika aus, wo der Suizid in der Öffentlichkeit kein Thema ist und ein Engagement im Bereich der Postvention noch viel weniger? Ist es nicht interessant, dass die meisten der Programme für Survivors (und auch ein grosser Teil der nationalen Programme zur Reduktion von Suiziden) in entwickelten Ländern existieren, wo die Suizidraten vergleichsweise tief sind, und nicht in Ländern, in welchen die Raten höher sind und in denen daher mehr Survivors leben? Auch hier wird deutlich, wie sich die Stigmatisierung, Tabuisierung und die Verneinung auf allen Ebenen auswirkt, insbesondere auf derjenigen der Entscheidungsträger (Politiker, Personen, die den Lehrplan für die Schulen festlegen etc.).
  • Die Angst vor dem Suizid und vor dem Schmerz, der damit verbunden ist: So schien es in der Vergangenheit eine geeignete Prävention zu sein, die Survivors zu ignorieren oder sogar zu strafen.
  • Schuldgefühle im Zusammenhang mit den Todesfällen durch Suizid sind auf allen Ebenen vorhanden – auf der persönlichen, der professionellen und der politischen.

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