Die Bedeutung von Selbsthilfegruppen

Die Teilnehmenden einer Selbsthilfegruppe sind «Experten in eigener Sache»

Selbsthilfegruppen mit dem Ziel der Bewältigung aller erdenklichen Gebrechen, Süchte und Verluste gibt es seit längerer Zeit. Die Grundidee der Selbsthilfegruppen ist einfach: In mehr oder weniger regelmässigen Abständen finden Menschen zusammen, die entweder an einer bestimmten Erkrankung leiden oder von einem anderen Schicksal betroffen sind. Infolge persönlichen Leidens oder eigener Betroffenheit sind die Teilnehmenden «Experten» für das Thema, das sie verbindet.

 

Zwei Arten von Selbsthilfegruppen

In offenen Selbsthilfegruppen treffen sich Interessierte aus eigenem Antrieb zu festgelegten Zeiten an einem bestimmten Ort. Das Angebot ist zeitlich nicht begrenzt und immer offen für neue Mitglieder.

Zu geschlossenen Gruppen kann, nachdem sich eine Gruppe von sechs bis zehn Gleichbetroffenen gebildet hat, niemand Neues mehr dazustossen. Die Gruppe besteht für eine bestimmte Zeit, in der die Teilnahme an den Treffen verbindlich ist. Bei geschlossenen Gruppen hat es sich bewährt, dass sie von einer Person geleitet werden, die nicht selbst betroffen ist. Nach der Auflösung der Gruppe können sich die Teilnehmenden nach eigenem Bedarf wieder treffen oder sich einer offenen Gruppe anschliessen.

 

Geführte Selbsthilfegruppen: Anforderungsprofil der Leitenden

In Trauergruppen ist der Zusammenhalt unter den Teilnehmenden schwieriger zu erreichen als bei anderen Selbsthilfegruppen. Untersuchungen empfehlen daher zumindest eine Supervision bzw. Begleitung der Gruppe durch nichtbetroffene Sachverständige. Dabei müssen sich die Leitenden Fragen stellen, die das Zögern, die Scheu und die Unsicherheit der Teilnehmenden berücksichtigen: «Was rege ich als beruflicher Helfer in den Selbsthilfegruppen eigentlich an? Kann ich das verantworten? Wie viel Unterstützung soll, darf, kann, muss, will ich geben? Kann ich die Gruppe unterstützen, ohne ihre Mitglieder zu vereinnahmen?». Wichtig ist, dass vonseiten der Helfenden wie auch vonseiten der Betroffenen darauf geachtet wird, dass es zu keinem hierarchischen Gefälle kommt.

Da es bisher keine Ausbildung gibt, die auf solche Fragen direkt eingeht und so Sicherheit vermittelt, müssen Selbsthilfegruppen-Begleiter ihre fachliche Kompetenz zu einem grossen Teil in der Arbeit mit den Betroffenen entwickeln. Die beste Möglichkeit, sich auf diese Aufgabe vorzubereiten, bietet sich durch das Hospitieren bei einer erfahrenen Leitungsperson über die Dauer von mindestens einem Gruppenprozess. Eine erfolgreiche Begleitung ergibt sich aber schliesslich aus dem persönlichen Stil der Gruppeleitung. Es gibt keine Methode der Sozialarbeit, der Psychologie oder eines anderen Fachgebietes, die festlegen kann, wie Selbsthilfegruppen-Begleitung aussehen muss oder soll. Die Methode hängt von den Persönlichkeiten und den Wünschen der Teilnehmenden ab und nicht zuletzt auch von den persönlichen Möglichkeiten der Begleitenden.

Die Begleitung von Selbsthilfegruppen muss durch methodische und inhaltliche Offenheit, durch eher reaktives, zurücknehmendes Handeln, durch ein regelmässiges Hinterfragen der eigenen Haltung («Fördere und ermutige ich selbstbestimmtes Handeln?») gekennzeichnet sein. Wichtig ist für die Teilnehmenden, dass eine aussenstehende Person anwesend ist, die ihnen «den Rücken stärkt» und einfach da ist.

Die Begleitung von Selbsthilfegruppen bedeutet eine Gratwanderung zwischen der Förderung von Autonomie und der Erzeugung von Abhängigkeiten. Da Letzteres oft unbewusst geschieht, ist eine wechselseitige Intervision mit Kollegen notwendig.

Der ideale Selbsthilfe-Unterstützer sollte ein Allroundgenie sein, eine Mischung aus Seelsorger, Psychologe, Psychotherapeut, Soziologe, Gruppendynamiker, Sozialarbeiter, Marketing-Fachmann und Kommunalpolitiker. Bei all dem ist in den Gruppen jedoch das «Sich-überflüssig-Machen» zentraler Bestandteil einer gelingenden Unterstützung durch die professionell Helfenden.

Auch in «offenen» Gruppen kann es sinnvoll sein, wenn jemand die Rolle der Begleitung übernimmt, was nicht selten durch nicht Betroffene (denen aber keine leitende Funktion zukommt) geschieht, indem sie für die Gruppe «Reflexionspartner» sind. Nicht mehr ist nämlich nötig, aber auch nicht weniger. Sonst besteht die Gefahr, dass zu hohe Erwartungen an sofortige und konkrete Hilfestellungen durch die Begleitung zum Scheitern einer Gruppe führen können.

 

Die Arbeit in einer geführten, geschlossenen Selbsthilfegruppe

Die Dauer der Zusammenkünfte umfasst ein Jahr. Dadurch kann gewährleistet werden, dass alle Geburtstage (sowohl die der Teilnehmenden als auch die der verstorbenen Personen) , alle Todes- und alle Festtage des Jahreskreises einmal miteinander begangen werden können. Die Treffen haben einen stark strukturierten Ablauf, der ritualisiert gestaltet ist. Dies soll den Teilnehmenden Orientierung und Halt geben. Bei Beginn der Treffen unterhält man sich in der Gruppe über gemeinsame Regeln wie Verbindlichkeit und Verschwiegenheit.

Es ist von Vorteil, wenn die Treffen an einem Ort stattfinden, der zentral und in der Nähe öffentlicher Verkehrsmittel gelegen ist. Da Hinterbliebene oft in finanzielle Schwierigkeiten geraten, ist die Teilnahme an den Zusammenkünften kostenlos.

Die Person, die eine künftige Gruppe leiten wird, muss im Vorfeld aktiv auf Betroffene zugehen.  Bei einem ersten Treffen soll durch aktives Zuhören die Möglichkeit gegeben werden, dass die Betroffenen über den Verlust berichten können. Schliesslich wird der Wert der Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe dargelegt und aufgezeigt, wann voraussichtlich eine nächste Gruppe zustande kommt. Da das vielleicht mehrere Monate dauert, wird das Angebot gemacht, durch Korrespondenz (wenn möglich per E-Mail) oder offene monatliche Treffen in einem Restaurant schon einen beschränkten Beistand zu leisten.

 

Zusammenfassung

Über die Bedeutung von Selbsthilfegruppen braucht heute nicht mehr spekuliert zu werden. Das unentgeltliche Angebot der Selbsthilfegruppen entspricht allein in der Schweiz gleichwertigen professionellen Leistungen von schätzungsweise 96 Mio. Franken pro Jahr. Dabei stellen diese eine heilsame Ergänzung zu anderen Angeboten dar und stehen in keiner Weise in Konkurrenz zu diesen. Betroffene haben ein tieferes Verständnis für das Leiden Gleichbetroffener als Aussenstehende. Dieses Gefühl, wirklich verstanden zu werden, stellt für die Besserung der eigenen Situation ein zentrales Element dar. Selbsthilfegruppen fördern die Solidarität unter den Betroffenen, regen Selbstheilungskräfte an, reaktivieren persönliche Ressourcen und ermuntern zur Eigeninitiative.

Persönliche schmerzliche Erfahrungen werden in der Gruppe zur Erfahrungskompetenz, die für andere tröstlich und hilfreich ist. Die ablehnende Haltung von Betroffenen gegenüber einem Hilfsangebot verbirgt in der Regel erst recht ein grosses Bedürfnis nach Unterstützung. Die Kontaktnahme muss daher aktiv sein.

Die Abbruchquote in nicht geleiteten Selbsthilfegruppen beträgt rund 40%. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Selbsthilfegruppen ohne Leitung insbesondere für Verwitwete kein geeignetes Hilfsangebot darstellen. In der Trauer «erfahrene» Personen, die ihre eigene Trauer erfolgreich bewältigen konnten, verkörpern hingegen für soeben Verwitwete die Hoffnung auf Besserung ihres Zustandes.

Eine Selbsthilfegruppe an sich bewirkt keineswegs automatisch eine positive Veränderung der Situation Trauernder. Über das Aussprechen der eigenen Leiden, Ängste und Unsicherheiten hinaus besteht ein «erfolgreicher» Trauerprozess aus einer aktiven psychischen Handlung der Trauernden selbst. Eine positive Veränderung kann in der Regel nur dann festgestellt werden, wenn die Betroffenen aktiv am gruppendynamischen Prozess teilhaben und zeitweise selber eine (informelle) Leitungsfunktion ausüben. Die Selbsthilfegruppe sollte nicht die einzige Form der Unterstützung sein. Nach Möglichkeit sollte auch von einer individuellen Therapie oder Beratung Gebrauch gemacht werden.

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