Umgang mit Trauernden

Wann ist Hilfe notwendig?

Die Gesellschaft hat die Erwartung, dass Trauernde schon relativ kurze Zeit nach dem Verlust wieder sozial funktionieren und leistungsfähig sind. Auch die Trauernden selbst haben diesen Anspruch oft und suchen eine Psychotherapie oder einen Arzt auf, um die schmerzhaften Trauersymptome «wegtherapieren» zu lassen. Auch wenn der Wunsch dieser Menschen sehr gut nachvollziehbar ist, ist eine zu früh begonnene Psychotherapie für Trauernde nicht zielführend.

Ausnahmen stellen Personen dar, die keine sozial unterstützenden Kontakte vor Ort haben. Auch in diesen Fällen ist jedoch zu beachten, dass es sich um nicht-psychotherapeutische Hilfeleistungen handeln sollte. Die Gespräche sollen der psychischen Entlastung dienen und ein Schwerpunkt sollte darauf gelegt werden, inwiefern sich das aussertherapeutische Unterstützernetzwerk ausbauen lässt.

Aufgaben der Trauerbegleitung

T od begreifen helfen (Realisation)
R eaktionen Raum geben (Initiation)
A nerkennung des Verlusts äussern (Validation)
U ebergänge unterstützen (Progression)
E rinnern und Erzählen ermutigen (Rekonstruktion)
R isiken und Ressourcen einschätzen (Evaluation)

Der Trauerprozess verläuft nicht zwingend linear und bei allen Betroffenen gleich. Im Gegensatz zu Phasenmodellen, die häufig zur Beschreibung von Trauerreaktionen verwendet werden, zeigt das Spiralmodell auf, dass man in der Verarbeitung der Trauer unter Umständen die einzelnen Phasen mehrmals durchlebt.

Spiralmodell

Das Spiralmodell ist insofern treffend und tröstlich, als es verdeutlicht, dass bei allem Hin und Her, Vor und Zurück, bei allen Schwankungen, denen Trauerprozesse charakteristischerweise unterworfen sind, und trotz scheinbarer Rückfälle und Wiederholungsrunden doch zugleich Entwicklung und Fortschritt möglich sind: In der Spiralbewegung wird der Verlust wieder und wieder in allen möglichen Dimensionen umkreist, und doch öffnet sich der Prozess nach aussen hin.

 

Aufgabe 1: Den Tod begreifen helfen (Realisation)

Den Tod zu begreifen, d.h. die kaum zu fassende Tatsache des Todes überhaupt zu realisieren, ist die erste Aufgabe Trauernder und Voraussetzung für alle weiteren Schritte der Verlustbewältigung. Sie kann am besten ganz körperlich angegangen werden: Am Totenbett, wo die Veränderungen am leblosen Körper so «sinnfällig» werden, dass man den Tod sieht, hört, riecht, fühlt und im Wortsinn «begreift».

 

Aufgabe 2: Reaktionen Raum geben (Initiation)

Oft genügt es schon, für Zeit, Ort und Gelegenheit zu sorgen, also im konkreten und im übertragenen Sinne für einen Raum, in dem Trauernde ungestört das Ihre erleben können. Was das im Einzelnen ist, kann individuell ganz verschieden sein.

Wichtig ist, dass TrauerbegIeiter sich von eigenen Erwartungen, wie «man» trauert, möglichst frei machen und ihre Wahrnehmung für das schärfen, was die Hinterbliebenen selbst als ihr Bedürfnis erkennen lassen.

 

Aufgabe 3: Anerkennung des Verlusts äussern (Validation)

Es ist nicht nur eine Frage der Würdigung der Verstorbenen. Es geht auch um die Würdigung der Hinterbliebenen. Ihre Krise, ihr Schmerz, ihre Wut und andere Gefühle, die radikale Veränderung ihres sozialen Gefüges, ihres Alltags, ihres Status, kurz: ihr Verlust verlangt nach Wahrnehmung und Anerkennung – umso stärker, je mehr eine allgemeine soziale Anerkennung fehlt.

 

Aufgabe 4: Übergänge unterstützen (Initiation)

Paradebeispiele für die Gestaltung des Übergangs sind Abschiedsrituale aus der kirchlichen Tradition wie die Aussegnung der Toten auf dem Totenbett oder die Trauerfeier mit anschliessender Grablegung auf dem Friedhof. Hier wird symbolisch vorgebildet, was Hinterbliebene in ihren Trauerprozessen immer wieder auf verschiedenste Art und Weise bewältigen müssen: sich den Verstorbenen bzw. dem Tod und dann wieder dem Leben bzw. einem neuen Leben ohne die Verstorbenen anzunähern.

Die Übergänge sind jeweils in beide Richtungen schwierig: nicht nur das Herantreten ans Totenbett oder ans offene Grab; nicht nur, dem Toten bzw. dem Tod ins Gesicht zu sehen; nicht nur alles, was man dem Verstorbenen nun noch ein letztes, vielleicht einziges Mal und dann nie wieder sagen kann, sondern auch das Umgekehrte: sich umdrehen und abwenden von den Toten, sie endgültig zurücklassen und weggehen, aus dem Sterbezimmer heraus, aus dem vertrauten Flur heraus, aus dem Kranken- oder Trauerhaus, aus der Friedhofkapelle, vom Friedhofweg auf die Strasse – jede Tür eine Schwelle, jeder Schritt ein Schritt in die Öffentlichkeit, ein Eintreten in die Welt der Lebenden und in ein Leben, das stillzustehen scheint und doch schon weitergeht, ehe man dazu bereit ist.

Diese zweite Bewegung findet oft weniger Beachtung als die erste. Aber: Nicht nur die letzten Wege zu und mit den Toten, auch die ersten Wege weg von ihnen und ohne sie sind besonders schwer. Unterstützung kann z.B. durch Rituale gegeben werden: Kerzen anzünden und löschen; die Uhr anhalten und später wieder in Gang setzen; Spiegel verhängen und später wieder enthüllen; Trauerkleidung anziehen und später wieder ablegen. Man kann sich traditioneller Rituale bedienen, neue erfinden oder alte aus der Situation heraus neu gestalten.

 

Aufgabe 5: Zum Erinnern und Erzählen ermutigen (Rekonstruktion)

«Das hast du mir schon tausendmal erzählt», sagen Dritte manchmal angesichts der immer wiederkehrenden Erinnerungen Trauernder an ihre Toten. Dieses wiederholte Erinnern steht jedoch im Dienst der Trauerarbeit. Es geht dabei nicht nur um ein «Abreagieren» der Präokkupation (ständige Beschäftigung mit vereinnahmenden Gedanken), sondern letztlich um das, was die Fachleute «Biografiearbeit» oder «Rekonstruktion von Lebensgeschichte» nennen.

Durchgearbeitet wird dabei sowohl die Lebensgeschichte der Verstorbenen als auch die der Hinterbliebenen. Die Verflechtung beider kommt in den Blick, und es wird deutlich, wo die Verbundenheit über den Tod hinaus fortgesetzt werden kann und wo eine Entflechtung ansteht. Die Rückschau auf die Lebens- und Beziehungsgeschichte gewinnt zusätzliche Dimensionen, wenn sie vor einen religiös-weltanschaulichen Horizont gestellt wird.

 

Aufgabe 6: Risiken und Ressourcen einschätzen (Evaluation)

Im Erstgespräch sollten Trauerbegleiter abklären, welche Risikofaktoren im jeweiligen Fall vorliegen.

Die Ressourcen können bei der Verlustbewältigung helfen – vorausgesetzt, dass die Betroffenen sie aktivieren. Dazu sollten Trauerbegleiter Hinterbliebene anregen, z.B. mit Fragen wie:
«Wenn Sie nachher hier hinausgehen und nach Hause kommen, wer oder was erwartet Sie da? Was davon ist für Sie belastend, was stärkend?»

In den folgenden Tagen: «Wovor graut Ihnen?»
«Woran und an wen können Sie sich halten, wer oder was könnte für Sie hilfreich sein?»
«Wer oder was hat Ihnen früher schon geholfen?»
«Welche Menschen, Orte, Aktivitäten, Ideen oder Gedanken sind angenehm für Sie, welche davon könnten Sie jetzt aktivieren?»
«Wobei können Sie sich selbst gut helfen, und wie?»
«Was werden Sie nach dem Verlust Ihres Verstorbenen besonders vermissen?»
«Was werden Ihre nächsten Schritte sein, was Ihre nächsten Erholungsoasen?»
«Woran werden Sie trotz Ihres Verlustes weiterhin Freude haben?»

Hilfe zur Selbsthilfe ist oft sinnvoller als Hilfe.

 

Do’s und Don'ts: Umgang mit Trauernden

  • Den Tod beim Namen nennen: Immer «tot» oder «gestorben» sagen – dies hilft, den Tod zu begreifen (Realisierung), und es signalisiert Gesprächspartnern, dass man nicht ausweicht, sondern bereit ist, mit ihnen über Tod und Trauer zu sprechen.
  • Trauerreaktionen fördern, nicht fordern. Raum, Zeit, Gelegenheit zum Trauern geben, der Trauer einen Erlebnis- und Erlaubnisraum öffnen, aber nicht dazu drängen, sie jetzt, hier und vor mir auszuleben.
  • Lindern heisst behindern. Gefühle nicht beschwichtigen, nicht schmälern, nicht beschönigen, nur weil man so gern trösten möchte. Den Verlust nicht verharmlosen, sondern würdigen.
  • Ich- statt Du-Botschaften. Eigene Gefühle und Mitgefühl äussern, aber (auch wenn man Ähnliches erlebt zu haben glaubt) niemals meinen oder sagen «Ich weiss genau, wie du dich fühlst!» Das hängt eng mit dem nächsten Punkt zusammen.
  • Deine Trauer ist nicht (wie) meine. Nicht erwarten, dass jemand so reagiert, wie ich in derselben Situation reagieren würde, sondern die Reaktion meines Gegenübers sorgfältig wahrnehmen. Nicht «wissen», sondern fragen, wie es ihm geht. Jeder Mensch trauert anders!
  • Zuhören und erzählen lassen, auch zum 1001. Mal. Durch Erinnern und Widerholen ihrer Geschichte(n) mit den Verstorbenen verarbeiten Trauernde ihren Verlust. Geschichten, die immer wieder erzählt werden, haben dabei eine Schlüsselfunktion. Deshalb auch beim 1001. Mal zuhören, auf Unterschiede zum letzten Erzählen achten und sie spiegeln! (Leitfrage: bleibende Bedeutung/Neuverortung des/der Verstorbenen?)
  • Hilfe entgegenbringen, nicht nur anbieten. Rückzug liegt in der Natur der Trauer, deshalb nicht warten, dass Trauernde sich melden, sondern selber hingehen. Anrufen, nicht sagen: «Ruf mich an, wenn du mich brauchst.» Sich nicht bitten lassen, sondern da sein.
  • Einmal ist keinmal. Bei Hilfsangeboten und Versuchen, mit den Trauernden in Kontakt zu treten, mit Ablehnung rechnen und sie trotzdem (ohne gekränkt zu sein) mehrmals wiederholen. Die ausgestreckte Hand, die ihnen zeigt, dass sie nicht vergessen und verlassen sind, tut Trauerenden vielleicht gut, auch wenn sie nicht einschlagen. Und: Was vorgestern noch abgelehnt wurde, wird morgen vielleicht gern angenommen. Trauer ist ein Prozess.
  • Beim ersten Mal tut's weh. An Fest-, Jahres-, Geburts- und Todestagen an die Trauernden denken und sie dann nicht allein lassen – alles, was sie zum ersten Mal ohne die Verstorbenen erleben müssen, ist besonders schwer.
  • Den Verlassenen verlässlich sein: Trauernde sind Verlassene, daher klare Verabredungen treffen, statt neue Ungewissheiten und Enttäuschungen zu produzieren. Keine vagen Zusagen machen, sondern sagen, was und wann ich nicht kann und genau so deutlich ankündigen, wann ich kommen oder was ich tun werde – und das dann zuverlässig einhalten.

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