Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche

Nach einem Suizid müssen Survivors (Hinterbliebene) hart daran arbeiten, ihr Leben neu zu organisieren. Sie sind gezwungen, ihren Lebensstil, ihre Gewohnheiten und auch ihre Prioritäten zu ändern. Aus diesem Prozess kann auch ein persönliches Wachstum resultieren. Hinterbliebene lassen sich mehr auf ihre Gefühle ein, sind dankbarer für ihr Leben und aufmerksamer für kleine Dinge. Wie erwachsene sagen auch junge Hinterbliebene, sie lebten nun mehr im Hier und Jetzt und hätten ein besseres Selbstvertrauen. Sie fühlen sich stärker, reifer und unabhängiger. Manchen wird sogar deutlicher, dass ihre eigene Lebenserfahrung und was sie damit tun von ihnen allein abhängt. Die Betroffenen werden verständnisvoller, indem sie andere besser akzeptieren und ihnen gegenüber mehr Mitgefühl zeigen können.

Nach einem unerwarteten Tod können neue Probleme auftreten. Auf individueller Ebene werden bei jungen Betroffenen häufig Energiemangel, Schlaf- oder Essstörungen, Ruhelosigkeit, Reizbarkeit, Schuldgefühle, sozialer Rückzug, Konzentrations- oder schulische Probleme beobachtet. Manche Kinder wirken wütend oder frustriert, andere haben suizidale Gedanken oder sind depressiv und ängstlich. Manche erleiden eine Identitätskrise, insbesondere, wenn es sich beim Tod des Familienmitgliedes um einen Suizid handelte. Ähnlich wie Erwachsene kämpfen viele junge Menschen mit Trauerreaktionen wie eindringlichen Bildern oder Ängsten, die in Verbindung mit dem Todesfall stehen. Andere fühlen sich dazu gezwungen, unverhältnismässig viel Energie aufzuwenden, um zu vermeiden, dass sie an den Todesfall denken oder daran erinnert werden. Manche junge Menschen verspüren auch einen Energiemangel, welcher die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass die Person körperlich erkrankt. Dieser Energiemangel kann auch dazu führen, dass die Person sich nicht mehr in der Lage fühlt, Freunde zu treffen und/oder sozialen Verpflichtungen nachzukommen. Das Verlustgefühl ist oft schwer zu ertragen und für manche Betroffene ist dies so schwierig, dass sie nach dem Todesfall nicht zu ihren Alltags-Aktivitäten oder in die Schule zurückkehren können.

Frustration, Wut und Labilität sind verbreitete Reaktionen bei jungen Menschen. Viele berichten, dass sie häufiger wütend oder gestresst sind. Jedes Detail kann eine spezielle Bedeutung erhalten und wegen des Verlustes falsch oder unberechtigt erscheinen und auch unwichtige Banalitäten können Wut oder Frustration hervorrufen. Sogar Bemerkungen von Freunden können zu einer Leidensquelle werden – insbesondere Freunde, die der betroffenen Person nicht so nahe stehen, können Bemerkungen machen, die potenziell schädlich sind, ohne sich dessen bewusst zu sein. In der Jugendsprache gibt es zudem Redewendungen wie «Geh zur Hölle», die einen grossen Einfluss auf junge Survivors haben können. Insbesondere kleine Kinder zeigen sich manchmal wenig sensibel gegenüber dem kürzlich erfolgten tragischen Ereignis. In Streitereien äussern sie möglicherweise Bemerkungen wie «Es ist gut, dass deine Mutter gestorben ist». Solche Bemerkungen können zu heftigen Reaktionen führen.

 

Die Eltern-Kind-Beziehung nach Todesfällen in der Familie

Verfügen Eltern und Kinder über unterschiedliche Informationen über den Tod und dessen Umstände, kann dies zu schwerwiegenden Beziehungsproblemen führen. Wenn der Todesfall im Laufe der Zeit zum wichtigsten Thema der Familie wird, ist es schwierig, Gedanken und Gefühle zusammen zu teilen. Nach und nach kann dadurch die ganze Kommunikation der Familie kompliziert werden. Dadurch wird nicht nur der Austausch von Sichtweisen und Informationen erschwert, sondern es werden auch die Möglichkeiten für die gegenseitige Unterstützung reduziert.

 

Download der Broschüre «Den Kindern helfen» (741 KB)

 

Wenn Eltern ein Kind verlieren oder wenn ein Elternteil plötzlich und unerwartet stirbt, werden die Eltern-Kind-Rollen häufig radikal verändert. Manchmal geraten Eltern so stark unter Druck, dass sie sich für eine gewisse Zeit nicht einmal mehr um sich selbst kümmern können. So werden die Kinder zu Betreuungspersonen, da sonst niemand diese Rolle übernehmen kann. Es kommt vor, dass ältere Geschwister für jüngere Verantwortung übernehmen, für sie kochen oder andere Pflichten übernehmen, denen die erwachsene Betreuungsperson nicht mehr nachkommen kann. Manchmal kehren auch junge Menschen, die bereits ausgezogen sind, ins Elternhaus zurück, um sich um ihre Eltern und die jüngeren Geschwister zu kümmern.

Manche junge Menschen befürchten auch, dass ihren Eltern etwas zustossen könnte. Viele sprechen nicht mit ihren Eltern über diese Angst, da sie der Meinung sind, diese hätten schon genug zu tragen. Gewöhnlich erhalten diese jungen Menschen auch keine Unterstützung von ihren Eltern und im Allgemeinen wird Verständnis dafür aufgebracht, dass Eltern, die ein Kind verloren haben nicht fähig sind, ihren Kindern in derselben Weise wie vor dem Todesfall Hilfe anzubieten. Sie fühlen sich daher im Trauerprozess allein gelassen und entsprechend wichtig ist es, dass eine Person, die der Familie nahe steht, sich um junge Menschen kümmert, die eine Betreuungsperson oder ein Geschwister verloren haben. Sie kann diese unterstützen, indem sie einfach bei ihnen ist, ihnen Zeit widmet, ohne eine Gegenleistung zu erwarten und bei der jungen Person ist, um mir ihr den Schmerz auszuhalten, den diese erleidet.

 

Schulische Probleme

Nach dem unerwarteten Tod eines Familienmitglieds haben junge Betroffene oft Mühe, über längere Zeit aufmerksam zu sein. Die Konzentrationsprobleme in der Schule führen bei vielen dazu, dass sie länger brauchen, um etwas zu lernen und dabei auch grössere Schwierigkeiten haben. Sie fallen manchmal durch Prüfungen oder schreiben schlechtere Noten, was das Leiden vergrössert. Neben ihrer Trauer, die sie sogar in der Schule quält, sind viele junge Menschen von aussen unter Druck gesetzt, was Leistung und Bewältigungsstrategien angeht. Dazu kommt der starke innere Druck, der durch die Trauer entsteht. Die Betroffenen haben allmählich das Gefühl, Versager zu sein und sind nicht mehr fähig, dasselbe Leistungsniveau wie vor dem Todesfall zu erreichen oder den Erwartungen der Lehrpersonen zu entsprechen. Lehrpersonen, die dieses Verhalten beobachten, sich aber nicht bewusst sind, dass nach einem traumatisierenden Verlust Konzentrations- und Gedächtnisprobleme auftreten, vermuten möglicherweise, dass der Schüler die Situation zu seinem Vorteil nutzt, um Hausaufgaben zu vermeiden.

Allerdings können Kinder häufig bedrohliche Gedanken und schmerzhafte Erinnerungen von sich fernhalten, wenn sie etwas tun, was ihnen Freude macht.

Trotz der häufig auftretenden schulischen Probleme während einem Trauerprozess werden Kinder mit ihrer Trauer häufig allein gelassen. Die Schulen müssen weitere Anstrengungen unternehmen, um Schüler, die unter einem traumatisierenden Verlust leiden, besser zu unterstützen.

 

Download der Broschüre Suizid und Schule (1.3 MB)

 

Junge Menschen und ihre Freunde

Aus verschiedenen Gründen erhalten nicht alle Hinterbliebenen von ihren Freunden die stabile und angemessene Unterstützung, die sie brauchen würden. Manchmal liegt es daran, dass sie sich freiwillig von ihrem bisherigen sozialen Netzwerk abgewandt haben. Es kann aber auch daran liegen, dass junge Hinterbliebene sich reifer fühlen als ihre gleichaltrigen Freunde. Nach dem schweren Verlust können sie das Zusammensein mit ihren Freunden nicht mehr so sorglos geniessen wie zuvor. Sie müssen damit zurechtkommen, dass sie nach dem Verlust denken wie Erwachsene und sich gleichzeitig noch wie ein Kind oder ein Jugendlicher fühlen. Zudem erhalten sie mit ihren «erwachsenen» Gedanken keine Anerkennung und kein Verständnis von ihren Freunden. Da sie nicht mehr denken wie vorher, haben sie das Gefühl, Monate oder sogar Jahre ihres Lebens und sogar einen Teil ihrer Jugend verloren zu haben.

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