Quälende Fragen nach einem Suizid

Auf die Fragen, die sich die Hinterbliebenen im Trauerprozess stellen, gibt es oft keine Antwort. Die meisten dieser Fragen beziehen sich auf die Verletzung und Erniedrigung, welche die Hinterbliebenen durch den Suizid erleben (z.B. «Wie kann er/sie mir so etwas antun?»). Unter dem Strich zeigen die Antworten auf solche schwer bzw. nicht zu beantwortenden Fragen nur Defizite auf: Bei sich selbst, in der Beziehung zur verstorbenen Person, in der Beziehung zum sozialen Umfeld usw.

Dadurch, dass Hinterbliebene einen Suizid in der Regel zu verheimlichen und vertuschen versuchen, ist oft auch kein Gespräch mit anderen über die Warum-Fragen möglich. Die Scham und eigene defizitäre Gefühle, versagt und nicht geholfen zu haben, nichts gemerkt zu haben, Suizidankündigungen nicht ernst genommen zu haben oder Depressionen bagatellisiert zu haben, treibt Hinterbliebene oft in die Isolation.

Kann der Suizid nicht vertuscht werden, weil z.B. Nachbarn, Familienmitglieder und/oder Freunde die polizeilichen Ermittlungen beobachtet haben oder man doch gewagt hat, die wahre Todesursache auszusprechen, dann brechen auch noch die «Warum-Fragen» oder Schuldzuweisungen Dritter über die Hinterbliebenen herein. Hinterbliebene sehen sich dann mit ihren eigenen Schuldgefühlen und auch den Schuldzuweisungen durch Dritte konfrontiert. Oft wird ihnen nicht kondoliert, Nachbarn meiden übliche Kontakte, wechseln Strassenseiten, kommen nicht zur Beerdigung usw. Auch diese unsensiblen Verhaltensweisen treiben Hinterbliebene in einen Teufelskreis von Schuldzuweisung und Isolation. Viele fühlen sich stigmatisiert, diskriminiert und zutiefst in ihrer Würde verletzt.

Untersuchungen mit Personen, die einen Suizidversuch überlebt haben, zeigen, dass Suizidenten eine andere Wahrnehmung haben. Beim Suizid geht es nur um sie selbst. Denken sie überhaupt daran, wie es den anderen nach dem Suizid gehen könnte, so stellen sie sich vor, dass es diesen besser geht, wenn sie nicht mehr leben.

Neben der Schuldproblematik, die Hinterbliebene lange (oft ein Leben lang) beschäftigt und an der sie auch menschlich zerbrechen können, erlebt man in der Beratungspraxis auch häufig die Angst der Hinterbliebenen davor, selbst nichts wert zu sein, da sie verlassen wurden und es nicht wert waren, dass die Verstorbenen für sie am Leben blieben.

Als weitere und in unserem Kulturkreis schwierige Emotionen erleben Hinterbliebene oft Wut und Hass gegenüber der verstorbenen Person, da diese sie verlassen, verraten, verletzt hat oder ihnen misstraut hat. Es gibt wenig Möglichkeiten, Wut und Hass in einer Form, die gesellschaftlich geduldet ist, auszudrücken. Am Toten kann man diese Gefühle nicht mehr auslassen. Also wohin damit?

Manchmal sind Survivors auch erleichtert darüber, dass jemand «es» jetzt «endlich» (nach so vielen Versuchen) geschafft hat. Ein Suizid kann das Leben der Hinterbliebenen auch entlasten. Über dieses Gefühl wird noch seltener gesprochen als über Angst, Schuld und Wut.

Diese Phase lässt sich ganz allgemein als Überlebensphase charakterisieren, in welcher die Krise mittels Überlebensstrategien bewältigt wird. In der Trauerbegleitung, die von Hinterbliebenen in dieser Akutphase selten in Anspruch genommen wird, sollte man Raum lassen für alle Gefühle, die in dieser chaotischen Situation auftauchen. Auch wenn zum 1000. Mal die gleichen Fragen von den gleichen Menschen kommen, sollte man diese nicht unterdrücken und/oder bagatellisieren. Sie sind wichtig für Hinterbliebene, damit sie sich die Gewissheit verschaffen können, dass sie selbst noch am Leben sind und Gefühle haben. Die Quantität und Qualität dieser Fragen macht einen Unterschied deutlich zwischen Trauernden nach einem Suizid und anderen Trauernden. Durch aktives Zuhören kommen die meisten Hinterbliebenen auch unbeschadet aus der Fragenspirale heraus. In dieser Phase wird die Basis für ein Weiterleben nach einem Suizid und die Qualität dieses Weiterlebens gelegt.

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